Nun hatten sie gar keine Wahl mehr.
Kim richtete sich hinter der ohnehin nur kniehohen Brüstung auf und hob den Bogen und Twix und die Spinne reagierten, ohne dass er auch nur ein einziges Wort zu sagen brauchte. Noch während er den Bogen spannte, schoss die Spinne einen Faden ab, der sich zielsicher um Twix' Hüften wickelte. Die Elfe jagte wie ein Funken sprühendes Geschöpf aus Licht los und Kim feuerte seinen ersten Pfeil ab und bückte sich hastig nach dem anderen. Er musste dem Geschoss nicht mit Blicken folgen um sicher zu sein, dass es sein Ziel traf.
Unter ihnen erhob sich ein vielstimmiges, wütendes Gebrüll und auch die beiden Zwerge rechts von ihnen schrien auf und begannen zu rennen. Kim sah aus den Augenwinkeln, wie der Pack hinter ihm aus der Tür gestürmt kam und sich ihnen entgegenwarf.
Er achtete auf nichts von alledem, sondern spannte seinen Bogen. Unter ihm hämmerte der erste Pfeil zielsicher in den Flaschenzug, und spätestens in diesem Moment wurde klar, dass es sich wahrhaftig um eine Zauberwaffe handelte. Der Pfeil blockierte die Maschine nicht einfach, wie Kim gehofft hatte, sondern zertrümmerte sie regelrecht.
Jetzt hatte die Elfe das eiserne Netz erreicht und begann den Faden daran festzubinden und die Spinne flitzte mit affenartiger Geschwindigkeit los. Kim schoss seinen zweiten Pfeil ab und der Pack erreichte die Zwerge, packte einen von ihnen an den Füßen und begann mit ihm auf seinen Kameraden einzudreschen.
Die gewaltige Konstruktion unter ihnen setzte sich in Bewegung. Ein Teil der Holzgestelle und Segel zerbarst und stürzte in die Tiefe, als der Gegendruck, den sie auslösen sollten, plötzlich nicht mehr da war, aber gut die Hälfte tat noch immer seinen Dienst. Sturm begann vor Schmerz und Todesangst zu brüllen, als sich die Ketten und Stahlseile spannten und seine Arme und Beine mit erbarmungsloser Kraft in verschiedene Richtungen gezerrt wurden.
Dann traf der zweite Pfeil sein Ziel. Zahnräder, Flaschenzüge und Ketten zerbarsten in einem Hagel von Metalltrümmern und Holzsplittern und Sturm hörte auf zu schreien.
Für ungefähr eine halbe Sekunde. Dann brüllte er umso lauter, als sich das gesamte geflochtene Netz von seinem Platz zu lösen begann und in die Tiefe stürzte. Die Spinne sprang ihm mit einem gewaltigen Satz hinterher, bekam ihn buchstäblich im allerletzten Moment zu fassen und hielt ihn mit drei oder vier Beinen fest.
Mittlerweile waren weitere Zwergenkrieger auf sie aufmerksam geworden. Der Pack schwang seine lebende Keule tapfer und hielt die Angreifer auf seiner Seite damit wirkungsvoll auf Distanz, aber auch aus der anderen Richtung stürmten nun Zwerge heran, die Speere, Keulen und Schwerter schwangen. Unter ihnen kreischte die Spinne. Kim beugte sich hastig vor und sah, dass sie immer mehr Mühe hatte Sturm zu halten. Es war nicht nur sein Gewicht, das an ihren Beinen zerrte, sondern vor allem das der Ketten und Stahltrossen, die ja noch immer an Sturms Armen und Beinen befestigt waren.
»Zieh mich rauf!«, kreischte sie.
»Pack!«, brüllte Kim.
Er warf sich vor, griff nach dem Spinnfaden und begann mit aller Kraft daran zu ziehen. Es gelang ihm nur, ihn zentimeterweise nach oben zu ziehen, und der dünne Seidenfaden schnitt dabei so tief in seine Hände ein, dass sie zu bluten begannen.
Erst als der Pack heran war und ebenfalls mit zupackte, wurde es ein wenig besser. Der haarige Kobold konnte ihm jedoch nicht lange helfen, denn schon waren die Zwerge heran, sodass er sich herumdrehen musste um sie abzuwehren. Trotzdem bekam Kim etliche derbe Schläge in Rücken und Kniekehlen, ehe es dem Pack gelang, die Zwerge wieder ein wenig zurückzutreiben.
Er ignorierte sie, stemmte die Füße gegen den Boden und zog und zerrte mit aller Kraft. Zentimeter für Zentimeter, wie es ihm schien, hievte er Sturm und die Spinne zu sich in die Höhe, und als er glaubte, sein Rücken und seine Arme müssten bei der nächsten Anstrengung einfach in Stücke brechen, erschienen die dünnen Beine der Spinne endlich über der Brüstung. Mit einer letzten, verzweifelten Anstrengung zog er sie vollends zu sich herauf, fiel auf die Knie und überließ es der Spinne, auch Sturm auf die Galerie in Sicherheit zu bringen.
Falls man überhaupt noch von Sicherheit reden konnte.
Kim konnte sich nur wenige Sekunden Pause gönnen. Sämtliche Zwergenwächter, die auf der Galerie postiert gewesen waren - gute zwei Dutzend, schätzte Kim -, waren mittlerweile herangestürmt. Der Pack tat sein Möglichstes um sie zurückzuhalten, aber die Übermacht war einfach zu gewaltig. Er wurde Schritt für Schritt zurückgedrängt. Wäre er ein sterbliches Wesen gewesen, dann wäre es längst um ihn geschehen, denn die Zwerge machten rücksichtslos von ihren Waffen Gebrauch. Und sie kamen immer näher.
Kim taumelte auf die Füße, zog sein Schwert und schlug zwei der Zwerge mit der flachen Seite der Klinge nieder und auch die Spinne stand ein wenig wackelig wieder auf. Kim konnte nicht genau erkennen, was sie tat: Sie wob einen Faden, um wer weiß was daraus zu flechten. Nur Sturm blieb reglos und leise stöhnend liegen. Seine Hand- und Fußgelenke bluteten. Kim schwang seine Waffe und streckte einen weiteren Zwerg nieder, aber es war wie verhext: Die kleinen Kerle gingen leicht zu Boden, aber sie waren zäh genug um immer wieder aufzustehen. Wahrscheinlich musste man sie umbringen, damit sie endgültig liegen blieben, und das wollte Kim trotz allem nicht.
Die Zwerge hatten umgekehrt weitaus weniger Hemmungen. Kim bekam einen zwar ungefährlichen, aber reichlich schmerzhaften Stich in die Seite und ein weiterer Zwerg gab sich alle Mühe, mit einer gewaltigen Stachelkeule seinen linken Fuß zu löchern. Kim schickte sie beide ins Land der Träume und auch der Pack verpasste einem weiteren Zwerg eine Kopfnuss, die ihn stocksteif zu Boden fallen ließ. Dann schrie die Spinne: »Hinlegen!«
Kim - und zu seiner Überraschung auch der Pack - gehorchte instinktiv.
Die Zwerge nicht.
So kam es auch, dass sie allesamt von dem kunstvoll geflochtenen Netz ergriffen wurden, das die Spinne über ihren Köpfen ausbreitete. Kreischend und johlend versuchten die Zwerge sich zu befreien oder das Netz zu zerreißen, verstrickten sich auf diese Weise aber nur noch tiefer in den engen Maschen. Der Kampf war vorüber.
Wenigstens für den Moment. Kim ließ sein Schwert sinken, drehte sich erschöpft herum und erblickte genau das, was er befürchtet hatte: Eine gewaltige Armee aus Zwergen hatte sich von den Sitzen des Amphitheaters erhoben und stürmte den Ausgängen entgegen. Und bestimmt nicht um nach Hause zu gehen oder ein Mittagsschläfchen zu halten ...
Mühsam schleppte er sich zu Sturm hin, ließ sich neben ihm auf die Knie sinken und berührte ihn an der Schulter. Sturm wimmerte leise und öffnete die Augen, aber sein Blick war verschleiert. Kim erschrak, als er die tiefen, noch immer heftig blutenden Wunden sah, die die stählernen Fesseln in seine Hand- und Fußgelenke gescheuert hatten.
»Twix!«, rief er.
Die Elfe kam sofort herbeigeflogen und Kim deutete auf Sturms Hände. Während sich Twix daranmachte, seine Wunden zu versorgen, wandte sich Kim wieder direkt an Sturm.
»Ich weiß, es ist viel verlangt«, sagte er, »aber wir müssen weiter. Die Zwerge sind auf dem Weg hierher. Kannst du gehen?«
»Kein Problem«, antwortete Sturm. Um seine Behauptung unter Beweis zu stellen, richtete er sich auf, machte einen schwankenden Schritt und fiel prompt auf die Nase.
»Ja«, seufzte Kim, »genau so habe ich mir das vorgestellt. Pack! Hilf mir, bitte!«
Eine Stunde später begann sich Kim einzugestehen, dass sie sich verirrt hatten. Sie waren anfangs demselben Weg gefolgt, der sie hier herunter geführt hatte, dann aber ziemlich wahllos in einen der Seitengänge eingedrungen - keiner von ihnen hatte Lust, dem Drachen noch einmal zu begegnen, und außerdem war Kim fast sicher, dass sie das Fallgitter vor dem Ausgang ohnehin nicht aufbekommen würden. So hatten sie immer wieder die Tunnel gewechselt, bewegten sich aber nach wie vor bergauf. Irgendwann, so dachte Kim, würden sie auf diese Weise zwangsläufig auf einen Ausgang stoßen.