Sie sog verärgert die Luft ein. »Ich kann nicht glauben, dass du darum gebeten hast. Wirst du jetzt zum Nordwaldstamm gehen?«
Er nickte. »Ja. Natürlich. Ich werde meine Sachen packen – und ich sollte Tyve Bescheid geben.« Er griff nach einer Pfeife, die an einer Schnur um seinen Hals hing, setzte sie an die Lippen und blies hinein. Auraya unterdrückte ein Lächeln. Tyve schien es zufrieden zu sein, auf solche Weise gerufen zu werden, aber sie fragte sich, wie lange das so bleiben würde.
»Wilar!«
Sie drehte sich um und sah Tyve auf die Plattform zufliegen.
»Pack deine Sachen«, trug Leiard dem Jungen lächelnd auf. »Wir machen uns auf den Weg zu einem anderen Stamm, der unsere Hilfe braucht.« Tyves Augen weiteten sich, als er begriff, was das bedeutete. »Auraya muss ins Offene Dorf zurückkehren und sich dort um die Kranken kümmern.«
Leiard sah ihr in die Augen, und ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen. Sie dachte an die Kälte, die sie in seinem Blick gesehen hatte, als sie das erste Mal im Dorf erschienen war.
Ich bin froh, dass sich das geändert hat, ging es ihr durch den Kopf. Es ist besser, wenn wir uns als Freunde trennen.
»Ich werde Sprecher Veece von unseren Plänen berichten«, erbot sie sich. »Passt auf euch auf.«
Leiard nickte. »Das werden wir tun. Viel Glück.«
»Danke.«
Sie trat an den Rand der Plattform und schwang sich in die Luft.
33
Die Türme und Mauern Glymmas waren, nicht lange nachdem das Schiff Segel gesetzt hatte, in einem Nebel aus Staub verschwunden. Zu ihrer Linken zog die niedrige, blasse Linie der avvenschen Küste vorüber, während auf der Rechten undeutlich der Horizont zu erkennen war. Reivan lehnte an der Schiffsreling und dachte über das nach, was vor ihr lag.
Die niedrigen Berge des südlichen Sennon, überlegte sie. Dann Wüste, anschließend Berge und schließlich die üppigen grünen Länder der Zirkler.
Nicht dass ganz Nordithania jenseits der Berge fruchtbares Land gewesen wäre. In der Mitte gab es trockenes Ödland, und die Berge von Si waren fast unpassierbar. Die Zirkler hatten jedoch weit besseres Land als die Pentadrianer. Mur lag eingezwängt zwischen einem langgestreckten Steilhang und dem Meer, Avven litt an regelmäßigen Dürreperioden, und die Reichtümer Dekkars stammten aus dem gerodeten Dschungel, aber binnen weniger Jahre verwandelte sich der Boden dort in nutzlosen Staub.
Wie Imis Heimat wohl sein mag?
Reivan hatte einige Informationen von Imenja erhalten. »Borra besteht aus einem Ring von Inseln«, hatte sie gesagt. »Aber die Elai wagen sich nicht oft so weit vor, weil sie stets auf der Hut vor Angriffen von Plünderern sind. Stattdessen leben sie in einer Stadt, die man durch einen Unterwassertunnel erreicht.«
Wie werden wir dann dorthin gelangen?, fragte sich Reivan.
»Es gibt noch einen Eingang, über der Erde.«
Reivan zuckte zusammen und drehte sich um. Imenja stand neben ihr.
»Ich verstehe«, erwiderte sie. »Das ist gut zu hören.«
»Oh, wir werden diesen Eingang wahrscheinlich nicht benutzen. Die Elai trauen den Landgehern nicht, daher bezweifle ich, dass wir in der Stadt überhaupt willkommen sein werden.«
»Wie werden wir dann den König treffen?«
»Vielleicht auf den Inseln.« Imenja zuckte die Achseln. »Das werden wir sehen, wenn wir dort sind.«
»Hat Imi sich inzwischen eingelebt?«
Imenja lächelte. »Ja, sie ist im Pavillon und zieht sich etwas Bequemeres an. Ich vermute, dass sie bald zu uns stoßen wird. Anscheinend leiden sogar die Elai an Seekrankheit. Wie fühlst du dich?«
Reivan verzog das Gesicht. Sie versuchte, das Unbehagen im Magen zu ignorieren. »Es könnte schlimmer sein.«
»In einigen Tagen wird es dir wieder gutgehen.« Imenja wandte sich dem Meer zu. »Ich habe einen Auftrag für dich.«
Reivan sah ihre Herrin überrascht an. Was konnte Imenja von ihr wollen? Sie würden für die nächsten Monate auf diesem Schiff festsitzen.
»Was soll ich tun?«
»Ich möchte, dass du Imis Sprache lernst. Es wäre besser für uns alle, wenn ich nicht die Einzige wäre, die sich mit den Elai verständigen kann.«
Reivan lächelte erleichtert. »Das kann ich tun, aber wie gut ich die Sprache erlerne, wird davon abhängen, wie viel Zeit ich habe. Ist Imi bereit, mich zu unterrichten?«
Imenja nickte. »Ja. Wir haben darüber gesprochen. Auf diese Weise werdet ihr beide während der Reise etwas zu tun haben.«
»Und ich habe all diese Bücher mitgenommen, weil ich glaubte, ich würde reichlich Zeit zum Lesen haben«, sagte Reivan seufzend.
Die Stimme lächelte. »Auch dazu wird dir reichlich Zeit bleiben. Und darüber hinaus musst du dafür sorgen, dass ich nicht vor Langeweile den Verstand verliere.«
»Das kann ich eindeutig nicht zulassen.« Reivan sah Imenja von der Seite an. »Es klingt ganz und gar nicht verlockend, mit einer wahnsinnig gewordenen Stimme auf einem Schiff festzusitzen.«
Imenja kicherte. Sie blickte wieder aufs Meer hinaus, dann trommelte sie mit den Fingern auf die Reling. »Imi hat noch nicht erkannt, dass ich ihre Gedanken lesen kann. Sie ist verwirrt, dass ich ihren Namen kannte und ihre Sprache spreche, aber sie ist noch nicht dahintergekommen, wie diese Dinge zusammenhängen.«
»Wirst du es ihr erzählen?«
»Noch nicht. Die Elai werden mir wahrscheinlich noch weniger trauen als gewöhnlichen Landgehern, wenn sie erfahren, dass ich Gedanken lesen kann.«
»Das könnte sein. Obwohl Imi es sich vielleicht irgendwann zusammenreimen wird. Sie könnte denken, dass du es ihr bewusst verheimlicht hast, um sie zu täuschen.«
»Ja.« Imenja runzelte die Stirn. »Es müsste schon eine Menge passieren, um ihr Vertrauen zu erschüttern. Ich muss mir eine plausible Erklärung zurechtlegen.«
Das Schiff stieg plötzlich unter einer Welle an. Reivans Magen schlingerte auf eine höchst unangenehme Weise.
»Ich glaube, ich muss mich übergeben«, stieß sie leise hervor.
Imenja legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Halte den Blick auf den Horizont gerichtet. Das hilft.«
»Was soll ich nachts tun, wenn ich ihn nicht sehen kann?«
»Versuch zu schlafen.«
»Versuchen?« Reivan lachte, dann umklammerte sie die Reling, als das Schiff auf der anderen Seite der Welle wieder hinunterplatschte.
»Noch etwas«, sagte Imenja. »Beug dich nicht zu weit vor. Du könntest deinen Anhänger verlieren. Oder hinunterstürzen.«
Reivan blickte auf den silbernen Stern, der an einer Kette um ihren Hals hing. »Du würdest mir einfach einen neuen Anhänger machen, nicht wahr?«
»Das kann ich nicht«, erwiderte Imenja. »In jedem Anhänger befindet sich ein winziges Stück von einer Koralle, die sorgfältig und nach geheimen Methoden gezüchtet wurde. Einzig die Stimmen und einige wenige auserwählte Götterdiener kennen diese Methoden. Der Koralle wohnt auf natürliche Weise die Möglichkeit inne, anderen Korallen ein telepathisches Signal zu schicken. Das geschieht in einer bestimmten Nacht in jedem Jahr und löst einen Massenauswurf von Korallensamen aus. Wir haben einen speziellen Typus von Koralle gezüchtet, der es uns ermöglicht, an jedem Tag des Jahres unsere eigenen Signale – oder Gedanken – auszusenden. Deshalb können wir uns über die Anhänger miteinander verständigen.« Imenja lachte leise. »Ich habe keine Ersatzkorallen bei mir, also solltest du den Anhänger nicht verlieren.«
Reivan griff nach dem Stern und drehte ihn um. Die Rückseite war glatt, bis auf eine kleine Vertiefung in der Mitte, die mit einer harten, schwarzen Substanz gefüllt war. Sie hatte sich oft gefragt, was das war, aber ihre alte Angewohnheit als Denkerin, den Dingen auf den Grund zu gehen, hatte sich in der Furcht verloren, sich in Angelegenheiten einzumischen, die den Göttern heilig waren.