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»Mairae!«, protestierte Juran. »Das führt doch nirgendwohin.«

Sie blickte zu ihm auf, dann lächelte sie entschuldigend, denn sie wusste, dass sie wohl kaum Mitgefühl für Auraya gewinnen konnte, indem sie mit Dyara stritt. Juran neigte ohnehin stets dazu, Dyaras Meinung wichtiger zu nehmen als ihre.

»Was werden wir tun?«, fragte Rian.

Juran wandte sich zu ihm um. »Wir müssen bereit sein für den Fall, dass Auraya sich abermals dem Befehl der Götter widersetzt oder unsere Hilfe braucht, um Mirar zu finden und zu töten. Du und Dyara, ihr werdet nach Süden segeln. Wir wissen, dass Mirar die Absicht hat, Nordithania zu verlassen, daher wird er wahrscheinlich zur Küste reisen.«

Rian richtete sich auf seinem Stuhl auf. »Ich werde nicht zögern. Es wird mir ein Vergnügen sein, den Göttern zu dienen.«

Mairae unterdrückte einen Seufzer. Ich hoffe, du findest die Kraft, dies zu tun, Auraya, dachte sie. Rian wird noch unerträglicher sein, falls er die Gelegenheit bekommt, eine so berühmte Persönlichkeit wie den großen Mirar zu töten.

40

Das Morgenlicht enthüllte unheilverkündende Wolken, die die Berge um das Dorf vom Blauen See herum verdeckten. Die Luft war eisig, und die Pflanzen um die Lauben waren weiß von Frost. Auraya zog Magie in sich hinein und trocknete einen herabgestürzten Baumstamm mit heißer Luft. Als sie sich niederließ, wurde ihr bewusst, dass sie erst vor wenigen Tagen mit Mirar hier gesessen hatte. Sie hatte das Gefühl, als müsse sehr viel mehr Zeit vergangen sein.

Wahrscheinlich sind all die Stunden, die ich wachgelegen und nachgedacht habe, statt zu schlafen, der Grund, warum mir die Zeit länger erscheint. In der vergangenen Nacht hatte sie nur etwa eine Stunde schlafen können, bevor Mirar sich mit ihr vernetzt hatte. Danach war sie hellwach gewesen. Etwas hatte an ihr genagt. Als schließlich das erste Licht der Morgendämmerung durch die Membran der Laube gefallen war, hatte sie begriffen, was es war.

Bei dem Blick in Mirars Geist hatte sie das Gefühl gehabt, als sehe sie jemanden, der ihr gleichzeitig vertraut und vollkommen fremd war. Als sei sie mit jemandem wieder vereint worden, den sie als Kind gekannt hatte und der zu einem fremden Erwachsenen herangereift war. Auf der Suche nach einer Spur von Leiard hatte sie lediglich gesehen, dass er nicht länger der Mensch war, den sie gekannt hatte. Leiard war in ihm, aber nur als Teil einer Person, die sie nicht kannte – oder liebte.

Du irrst, Chaia, dachte sie. Du siehst die Überreste der Liebe, die ich für Leiard empfunden habe. Du hattest keine Chance zu erkennen, dass ich mich nicht auf dieselbe Weise zu Mirar hingezogen fühle – oder zu dem, wozu Mirar geworden ist.

Wenn Chaia das nicht erkannt hatte, hatte er vielleicht auch nicht begriffen, dass Mirar nicht mehr der war, der er hundert Jahre zuvor gewesen war. Was er getan hatte, um zu überleben, hatte ihn verändert, hatte ihn zu einem neuen Menschen gemacht. Als ein neuer Mensch verdiente er es, nach seinen eigenen Vorzügen und seinem Charakter beurteilt zu werden.

Huan hat gesagt, dass die Vergangenheit vergessen werden solle. Das gilt für Mirar noch mehr als für die Götter. Die Götter haben sich nicht verändert, Mirar schon. Es ist unrecht, ihn für die früheren Verbrechen eines anderen zu bestrafen.

Aber Mirar war kein gänzlich neuer Mensch, daher konnte sie nachvollziehen, dass ein Teil von ihm schuldig und ihres Vertrauens nicht würdig war. Wenn sie jedoch in die Waagschale warf, was sie über seine Verbrechen gehört hatte, konnte sie nicht erkennen, warum er den Tod verdient haben sollte. Mirar hatte gegen die Götter und die Bildung der zirklischen Priesterschaft gearbeitet, indem er Zweifel gesät hatte, was das Schicksal der Seelen in den Händen der Götter betraf. Außerdem hatte er Geschichten über schreckliche Grausamkeiten verbreitet, deren die Götter angeblich schuldig waren. Eine Möglichkeit, mit diesen Menschen Kontakt aufzunehmen, waren Träume.

Als sie in seinen Geist geblickt hatte, hatte sie gesehen, dass er die Verantwortung für diese Dinge auf sich genommen hatte. Außerdem war ihr klar geworden, dass er aus Sorge um die Sterblichen gehandelt hatte; er hatte befürchtet, dass sie von Wesen beherrscht werden würden, die er schrecklicher Taten für fähig hielt. Traumvernetzungen waren damals nicht verboten gewesen; er hatte kein Gesetz gebrochen. Die Zirkler hatten Lügen über die Traumweber ausgestreut, und Mirar hatte, wie er es immer tat, Träume benutzt, um Sterbliche von den guten Absichten der Traumweber zu überzeugen.

Er hatte niemanden dazu ermutigt, Priester und Priesterinnen zu töten, dennoch wusste sie, dass einige Zirkler einen Hass auf die Traumweber gepredigt hatten, der den Tod tausender Traumweber nach sich gezogen hatte.

Andererseits verstörte sie seine Überzeugung, dass die Götter in der Vergangenheit furchtbare Verbrechen begangen haben sollten. Er hatte jedoch nicht enthüllt, was genau sie getan hatten. Seine Furcht, dass die Götter durch die Bildung der zirklischen Priesterschaft Sterblichen schaden würden, hat sich als unbegründet erwiesen, sagte sie sich. Sie haben viel Gutes bewirkt. Vielleicht waren die Untaten, deren er sie bezichtigt, lediglich andere Methoden, mit denen die Götter Sterbliche dazu ermutigt haben, ihnen zu huldigen – ein Ziel, das er für falsch zu halten scheint.

Sie seufzte. Es war falsch, jemanden davon abzubringen, den Göttern zu huldigen, weil dies ihn um eine unsterbliche Seele nach seinem Tod brachte. Mirar hatte niemanden gezwungen, sich von den Göttern abzuwenden. Er hatte den Menschen lediglich eine Alternative gegeben. Dies war kein Verbrechen, das den Tod rechtfertigte. Wenn es das wäre, würden jeden Tag tausende von Menschen sterben. Die Menschen widersetzten sich in vielen kleinen Dingen dem Willen der Götter.

Wie viel leichter ist es zu glauben, dass Ungehorsam gegen den Willen der Götter kein Verbrechen ist, wenn man sich dieses Verbrechens selbst schuldig gemacht hat?, ging es ihr plötzlich durch den Kopf.

Die Priesterschaft war dazu da, Sterbliche zu einem gesetzesfürchtigen und frommen Leben zu führen. Die Weißen waren die höchsten Priester und Priesterinnen.

Damit ist mein Verbrechen schlimmer als seines. Mirar hat niemals geschworen, den Göttern zu dienen. Wenn ich es nicht verdiene zu sterben, hat er es auch nicht verdient. Vielleicht ist das der Grund, warum er glaubte, die Götter würden mich vielleicht hinrichten lassen. Vielleicht hatte er recht mit seiner Sorge

Sie schauderte. Noch bin ich nicht tot. Sie haben mir eine zweite Chance angeboten. Ich kann ihn suchen und

Ihr Magen krampfte sich zusammen, und sie fror mit einem Mal bis aufs Mark. Widerwille und Ärger stiegen in ihr auf. Warum kann ich das nicht tun? Warum widerstrebt mir auch nur der Gedanke, Mirar zu töten?

Sie biss sich auf die Unterlippe. Wie würde sie zu sich selbst und den Göttern stehen, wenn sie Mirar tatsächlich tötete? Wann immer sie über diese Frage nachsann, überfiel sie ein Frösteln böser Vorahnung.

Ich würde mich so fühlen, als hätte ich jemanden ermordet. Ganz gleich, was die Götter sagen würden. Ich würde auch zu den Göttern anders stehen als bisher. Ich würde Angst vor dem haben, was sie als Nächstes von mir verlangen könnten. Ich würde sie nicht länger als wohlwollende und gerechte Wesen ansehen. Wenn ich mich dazu zwingen ließe, einen Mord zu begehen, hätte ich nicht länger das Gefühl, würdig zu sein, über andere zu herrschen.

Sie runzelte die Stirn. Und welche Wirkung würde das alles auf die Zirkler haben, wenn sie davon wüssten? Ich bin nicht dumm genug zu glauben, dass irgendjemand die Götter offen hinterfragen oder ihr Urteil anzweifeln würde, aber es würde sich dennoch vieles verändern. Einigen Menschen würde klar sein, dass es unrecht war, Mirar ohne eine öffentliche Verhandlung und einen klaren Schuldspruch zu töten. Außerdem würde es ihren Glauben an die Gerechtigkeit der Götter erschüttern. Jene, die glauben, dass die Götter immer recht haben, würden daraus den Schluss ziehen, dass ungerechtfertigte Hinrichtungen annehmbar sind. Sie könnten auf den Gedanken kommen, dass auch sie das Recht hätten, andere ohne Beweis ihrer Schuld hinzurichten.