»Zeit«, verordnete sie. »Ich muss nachdenken. Und du ebenfalls.« Sie stand auf. »Kann ich mich darauf verlassen, dass du bleiben wirst, wo du bist?«
»Du kannst dich auf mich verlassen«, antwortete er. »Ich werde ihm nicht noch einmal freiwillig die Zügel überlassen.«
»Gut«, erwiderte sie. »Denn ich kann nicht hierbleiben, um auf dich aufzupassen. Wir müssen essen und schlafen. Es wird ziemlich unerfreulich hier drin, wenn ich diese Eimer nicht leeren kann.«
Er blickte zu seinem eigenen Eimer und zuckte entschuldigend die Achseln. »Es ist mir grässlich, von einem unangenehmen Thema zum nächsten überzugehen, aber ich fürchte, ich habe meinen Eimer benutzt, während du draußen warst.«
Sie hob die Hände. Dann ging sie zu dem Eimer hinüber und nahm ihn vom Boden auf. »Ich kümmere mich jetzt gleich darum – und stelle bei der Gelegenheit fest, ob ich etwas Interessanteres zum Frühstück finden kann.«
»Danke«, erwiderte er und fügte dann ein wenig verlegen hinzu: »Wir brauchen auch frisches Wasser.«
Sie seufzte, griff nach dem Wassereimer und verließ die Höhle. Ihre Schritte hallten im Tunnel wider, aber das Geräusch wurde schon bald vom Tosen des Wasserfalls überlagert. Am Ende des Tunnels angekommen, blieb sie stehen, um das herabfallende Wasser zu betrachten.
Ebenso gut hätte er ein Kind zeugen können, um es anschließend zu ermorden.
Leiards Reaktion hatte sie erschüttert, und bei seinen Worten waren ihr kalte Schauer über den Rücken gelaufen. Ihm war offensichtlich klar, welches sein Schicksal sein würde – und es gefiel ihm nicht. Er würde für seine Existenz kämpfen.
Das ist nicht gut, dachte sie. Es kann nicht gesund sein, wenn im selben Körper zwei Menschen um die Vorherrschaft kämpfen.
Ganz gleich, wie grausam es schien, Leiard war eine Erfindung. Mirar war die reale Person. Sie konnten nicht beide weiterexistieren.
Sie seufzte und trat aus der Höhle. Es hatte aufgehört zu regnen, und die Sonne war aus den Wolken aufgetaucht und spiegelte sich überall in den Wassertropfen wider. Sie hielt inne, um die Wirkung zu bewundern. Es war hübsch. Sogar romantisch. Sie dachte an Leiards Bemerkungen über Auraya. Es war interessant, dass eine Erfindung Mirars zu romantischer Liebe fähig war. Gewiss bedeutete das, dass auch er dazu fähig war.
Wenn ihre Vermutung der Wahrheit entsprach, dann konnte Mirar ebenfalls all das sein, was Leiard war. Mirar mochte diese Seite seines Wesens vielleicht nicht, aber Leiard war der Beweis dafür, dass es sie gab.
Dies ist kein Kampf zwischen Leiard und Mirar, dachte sie plötzlich. Es ist Mirar, der gegen die Teile seines Selbst kämpft, die ihm nicht gefallen oder die er nicht akzeptieren kann.
In diesem Fall, überlegte sie weiter, muss er…
Ein flüchtiges Gefühl von einem unvertrauten Geist berührte ihre Sinne. Sie erstarrte, dann zwang sie sich, sich zu entspannen und ihre Umgebung abzusuchen. Irgendwo zu ihrer Linken beobachtete sie ein Mann. Aus seiner Sorge und seiner Furcht schloss sie, dass ihre Anwesenheit hier in Si ihn erschreckte. War er allein?
Mit hämmerndem Herzen setzte sie ihre Suche fort und fand einen weiteren Geist. Nein, drei. Vier!
So viel zu meinem genialen Versteck, ging es ihr durch den Kopf. Wenn man uns so leicht entdecken kann… Aber wer sonst würde sich so weit nach Si hineinwagen?
Die Siyee natürlich.
Ihre Furcht ebbte ein wenig ab. Es bestand immer die Möglichkeit, dass die Götter sie durch die Siyee beobachteten, aber das Risiko war eher gering. Sie spürte Neugier ebenso wie Vorsicht und vermutete, dass es auch für ihre Beobachter eine Überraschung gewesen war, sie hier vorzufinden.
Sie hatten jedoch größere Angst, als sie erwartet hätte. Warum sie eine einzelne Landgeherin fürchteten, konnte sie nicht sagen. Vielleicht machten sie sich Sorgen, dass sie nicht allein war.
Nun, ich sollte besser versuchen, mich mit ihnen bekanntzumachen. Wenn ich es nicht tue, werden sie wahrscheinlich mit anderen zurückkommen, aber wenn ich sie davon überzeugen kann, dass ich harmlos bin und nicht die Absicht habe, lange zu bleiben, werden sie mich vielleicht in Ruhe lassen.
Sie stellte den Eimer ab und ging langsam am Wasser entlang, wobei sie so tat, als suche sie nach Nahrung. Als sie den Siyee nahe genug war, um sich über das Rauschen des Wasserfalls bemerkbar zu machen, richtete sie sich auf und blickte direkt in die Richtung der vier Fremden.
»Seid mir gegrüßt, Männer und Frauen des Himmels!«, rief sie und hoffte, dass die Sprache der Siyee sich nicht allzu sehr verändert hatte.
Es folgte eine lange, nervöse Pause, während einer ihrer Beobachter – ein Mann – darüber nachdachte, was zu tun sei. Als sie spürte, dass er eine Entscheidung traf, wandte sie sich um und bemerkte eine Bewegung in den Bäumen.
Ein grauhaariger Siyee trat vor. Er blieb stehen und stieß eine Abfolge von Lauten und Pfiffen aus. Emerahl verstand genug, um zu wissen, dass er sich ihr vorstellte.
»Sei mir gegrüßt, Veece, Sprecher des Stammes vom Nordfluss«, erwiderte sie. »Ich bin Jade Tänzer.«
»Sei mir gegrüßt, Jade Tänzer. Warum bist du hier in Si?«
Sie erwog ihre Antwort mit großer Sorgfalt. »Als ich hörte, dass es Krieg geben würde, bin ich hierhergekommen, um sein Ende abzuwarten.«
»Dann habe ich gute Neuigkeiten für dich«, erwiderte er. »Der Krieg war kurz. Er hat vor fast zwei Mondzyklen ein Ende gefunden.«
Sie tat so, als sei sie überglücklich, das zu hören. »Das sind tatsächlich gute Neuigkeiten!« Dann fügte sie hastig hinzu: »Nicht dass es mir in Si nicht gefiele, aber das Leben hier ist für eine Landgeherin ein wenig… äh… hart.«
Er kam ein Stück näher, und sie spürte einen Rest von Argwohn bei ihm. »Der Wald ist gefährlich, und die Reise hierher ist für jene ohne Flügel schwierig. Wie hast du hier gelebt? Wie kommt es, dass du unsere Sprache sprichst?«
Sie zuckte die Achseln. »Ich habe viele Jahre am Rand eurer Länder gelebt«, antwortete sie. »Ich verfüge über Wissen und Gaben – und ich habe einmal einem verletzten Siyee geholfen, der mich eure Sprache gelehrt hat. Wenn ich bei meinen eigenen Leuten bin, arbeite ich als Heilerin.«
»Du bist keine Priesterin?«
»Ich?«, fragte sie überrascht. »Nein.«
»Ich dachte, alle mit Gaben gesegneten Landgeher würden Priester oder Priesterinnen werden.«
»Nein. Einige von uns wollen das nicht.«
Er kniff die Augen zusammen. »Warum nicht?«
Dieser Bursche ist aber neugierig, dachte sie. »Ich möchte anderen nicht sagen, was sie tun sollen, und ich möchte ebenso wenig, dass man mir Befehle erteilt.«
Zum ersten Mal lächelte er. »Verzeih mir meine Fragen. Es gibt zwei Gründe für sie. Wir haben befürchtet, du könntest eine pentadrianische Zauberin sein – eine Frau, die unser Volk schon einmal angegriffen hat. Außerdem werden wir bald unsere eigenen Priester und Priesterinnen bekommen, daher war ich neugierig zu erfahren, warum jemand dieses Amt zurückweisen sollte.«
Die Siyee sollen ihre eigenen Priester und Priesterinnen bekommen? Diese Nachricht bekümmerte sie. Das Volk von Si war über so lange Zeit frei gewesen vom Einfluss der Zirkler. Aber wahrscheinlich brauchen sie Schutz, jetzt, da dem Kontinent Gefahr durch die Pentadrianer droht.
Sie betrachtete den alten Mann. Er verströmte keine Furcht mehr, obwohl sich in seine Neugier noch immer Vorsicht mischte. Sie war sich sicher, dass er und seine Gefährten ihr nichts Böses wollten. Sie glaubten, sie sei allein, und dabei sollte es auch bleiben. Sie würde keine Risiken eingehen, indem sie ihnen Mirar vorstellte. Nein, es war das Beste, diese Leute davon zu überzeugen, dass sie allein und harmlos war.