Durch Untersuchungen der inneren Organe sowohl fruchtbarer wie auch unfruchtbarer Männer und Frauen war man zu dem Schluss gekommen, dass im Körper der Frau Samen wuchsen und dass der Mann lediglich die Nährstoffe dafür lieferte. Diese Idee erfreute sich keiner großen Beliebtheit, und nur einige wenige Denker akzeptierten sie – nicht einmal, wenn das bedeutete, dass das Kind umso stärker und robuster wurde, je mehr Nährstoffe ein Mann liefern konnte.
Nekaun richtete noch immer das Wort an die Menge und sprach von Entdeckungen und vom Lernen, von Herausforderungen und Belohnungen. Ihre Aufmerksamkeit ließ nach.
Von mir als Götterdienerin wird man erwarten, dass ich die Vorstellung von Flamme und Wasser unterstütze, obwohl ich aufgrund von Büchern und Vorträgen jener, die Experimente und Sektionen durchgeführt haben, eher zu der Theorie von dem Samen und den Nährstoffen neige. Aber… die Götter würden doch gewiss nicht zulassen, dass ihre Diener falsche Lehren verbreiten?
Nekaun war inzwischen zum Ende gekommen. Er klatschte abermals in die Hände, und aus einem Nebeneingang ergoss sich ein Strom von Domestiken, die entweder Krüge oder Tabletts mit kleinen Keramikkelchen trugen. Zwei von ihnen traten vor das Podest und schenkten den Stimmen, den Gefährten, Reivan und schließlich auch Nekaun ein Getränk ein. Die Übrigen boten den Götterdienern, die im Garten verteilt saßen, Erfrischungen an.
Jeder der Götterdiener nahm drei Kelche, füllte sie und ging damit über den Rasen, um sich ein Paar auszuwählen. Reivan bemerkte, dass die älteren Götterdiener dazu neigten, sich die Paare auszusuchen, von denen einer ebenfalls älter war. Als sich alle Anwesenden zu Dreiergruppen zusammengefunden hatten, hob Nekaun seinen Kelch.
»Lasst uns auf Hrun trinken, Schenker des Lebens.«
»Auf Hrun«, riefen alle.
Als Nekaun den Kelch an die Lippen führte, taten die Stimmen, die Gefährten und die Teilnehmer der Zeremonie dasselbe. Bei dem Getränk handelte es sich um ein überraschend starkes alkoholisches Gebräu, das die Aromen von Früchten, Nüssen und Gewürzen in sich trug.
»Lasst uns auf Sheyr trinken, den König der Götter.«
»Auf Sheyr.«
Dies war nicht das einzige Ritual, bei dem der Erste der Götter nach einem geringeren Gott erwähnt wurde. In den vielen Riten der Dienerkrieger wurde Alor stets als Erster genannt. In diesem Fall kam er an dritter Stelle.
»Lasst uns auf Alor trinken, den Krieger«, rief Nekaun.
»Auf Alor.«
Die ersten drei Schlucke hatten Reivans Magen gewärmt. Das Getränk war köstlich. Ein Jammer, dass der Kelch so klein ist.
»Lasst uns auf Ranah trinken, die Göttin des Mondes.«
»Auf Ranah.«
Jetzt spürte sie, wie der Alkohol langsam seine Wirkung tat. Mit einem Anflug von Entsetzen betrachtete sie den letzten Rest in ihrem Kelch.
»Lasst uns auf Sraal trinken, den Seelenhändler.«
»Auf Sraal.«
Reivan nahm den letzten Schluck und betrachtete wehmütig ihren leeren Kelch. Sie fragte sich, wie dieses Getränk genannt wurde und ob es allein im Tempel Hruns zu bekommen oder auch anderswo zu kaufen war.
»Das ist kein Teil des Ritus«, murmelte Vervel.
Reivan blickte auf und sah, dass Nekaun jetzt zwischen den Paaren umherging und sie persönlich willkommen hieß.
»Nein«, pflichtete Imenja ihm bei. »Die Ersten Diener des Tempels von Hrun hatten schon immer das Recht, die Zeremonie nach ihrem Gutdünken auszuschmücken.«
»Mir gefällt, was er tut«, bemerkte Genza, die Nekaun nicht aus den Augen ließ. »Es beruhigt sie.« Dann wandte sie sich zu Imenja um. »Was hältst du davon?«
Imenja lächelte schief. »Wovon? Dass man ihn zur Ersten Stimme macht? Ich denke, er würde in diese Rolle hineinwachsen.«
Shar lachte leise. »Ziemlich schnell, könnte ich mir vorstellen.«
»Er ist sehr beliebt«, sagte Genza und wandte sich ab, um abermals Nekaun zu beobachten.
»Bei den Götterdienern. Aber was ist mit dem Volk?«, fragte Vervel.
»Sie haben keinen Grund, ihn nicht zu mögen«, erwiderte Shar. »Es ist schwer, jemanden vor den Kopf zu stoßen, wenn man der Erste Diener des Tempels von Hrun ist.«
»Eine Rolle, die er aufs Beste ausgefüllt hat«, ergänzte Imenja und musterte Nekaun mit schmalen Augen. »Er ist einer meiner Lieblingskandidaten. Die anderen mögen erfahrener sein, aber sie sind weniger…«
Sie beendete ihren Satz nicht. Nekaun kehrte zu seinem Platz am Rand des Gartens zurück und richtete von neuem das Wort an die Paare. Reivan hörte nicht, was er sagte, sondern fing ein geflüstertes Wort hinter ihr auf.
»… charmant?«
Als sie sich umdrehte, sah sie, dass Genza Imenja mit vielsagend hochgezogenen Augenbrauen musterte.
Imenja prustete leise. »Charismatisch.«
Dann richteten beide Frauen ihre Aufmerksamkeit wieder auf Nekaun, der gerade etwas über beginnende Lektionen sagte. Die Götterdiener begannen von neuem zu singen, während sie ihre jeweiligen Paare aus dem Garten führten. Sie steuerten eine der geöffneten Türen der inneren Mauer an, und als sie dahinter verschwunden waren, endete auch das Lied. Plötzlich war der Garten still und verlassen.
Imenja erhob sich, und die anderen Stimmen folgten ihrem Beispiel. Als Reivan ebenfalls aufstand, war ihr ein wenig schwindlig. Ein Domestik kam herbei, um ihnen die leeren Kelche abzunehmen. Nekaun gesellte sich mit einem Lächeln offenkundiger Befriedigung zu ihnen.
»Es war eine wunderschöne Zeremonie, Ergebener Nekaun«, sagte Imenja.
Er neigte den Kopf. »Vielen Dank, Zweite Stimme. Und ich möchte auch euch anderen dafür danken, dass ihr teilgenommen habt.«
Imenjas Miene wurde ernst. »Das haben wir immer getan. In diesem Jahr ist es umso wichtiger, sich an der Erschaffung neuen Lebens zu erfreuen, da wir gleichzeitig um unsere Toten trauern müssen. Das gibt uns Hoffnung.«
Nekaun nickte. »Das tut es allerdings. Werdet ihr jetzt ins Sanktuarium zurückkehren, oder wollt ihr noch zum Festmahl bleiben?«
»Wir werden jetzt zurückkehren«, antwortete sie. »Wie immer haben wir viel zu tun.«
»Dann erlaubt mir, euch zum Tor zu begleiten.«
Reivan beobachtete ihn genau. Sie versuchte, sich den freundlichen, entgegenkommenden Ergebenen Diener als einen Mann vorzustellen, der so stolz und mächtig war wie Kuar, und begriff, dass sie das nicht konnte.
Eines steht fest, überlegte sie. Wenn er Erste Stimme wird, wird er ganz anders sein als sein Vorgänger. Ob das besser oder schlechter ist, vermag ich nicht zu beurteilen.
Als der Plattan in die Straße einbog, bemerkte Auraya zu ihrer Erleichterung, dass sich vor dem Hospital keine Menschenmenge angesammelt hatte. Vier Wachen standen an der Tür, aufmerksam und darauf vorbereitet, die Soldaten im Innern zu Hilfe zu rufen, falls es Probleme geben sollte, mit denen sie allein nicht fertig wurden.
Sie hatten zusätzliche Wachen eingestellt, nachdem Straßenräuber vor einigen Tagen zwei Wachen in der Nacht überwältigt hatten, so dass eine Bande in das Hospital hatte einbrechen können. Die Eindringlinge hatten einige der Möbel zerschlagen und Vorräte gestohlen, aber sie hatten nichts zerstört oder mitgenommen, das unersetzbar gewesen wäre. Niemand hatte die Plünderer gesehen, aber man hatte die Räuber gefunden, die den Auftrag gehabt hatten, die Wachen anzugreifen. Sie behaupteten, ihre Auftraggeber seien reiche junge Männer aus dem besseren Viertel der Stadt gewesen.
Ein Arbeiter war damit beschäftigt, die Farbe an den Wänden aufzufrischen, und seine Bewegungen wirkten seltsam hastig. Auraya las in seinen Gedanken, dass irgendjemand die Wachen in der vergangenen Nacht abgelenkt und einige verächtliche Worte über die Traumweber an die Wand gemalt hatte. Sie unterdrückte ein Seufzen.