Sie sah fragend zu ihm auf. Er nahm noch einen Schluck Teepi, was ihm Zeit gab, sich langsam aus angenehmen Erinnerungen zu lösen.
»Ich bezweifle es«, antwortete er schließlich.
Sie schürzte die Lippen. Was ihn an einen anderen Tag erinnerte, an dem sie innegehalten und dieses Gesicht gemacht hatte, während sie darüber nachgrübelte, was sie als Nächstes tun könnten. Damals war sie nackt gewesen, das hatte er nicht vergessen. Er schüttelte sich, um einen klaren Kopf zu bekommen.
»Wenn wir beide, du und ich, noch leben, warum dann nicht auch sie?«, beharrte Emerahl. »Wir wissen, dass das Orakel getötet wurde, ebenso der Bauer, aber was ist mit der Möwe? Was ist mit den Zwillingen und dem Schöpfer?«
»Der Schöpfer ist tot. Er hat sich das Leben genommen, als seine Schöpfungen vernichtet wurden.«
Sie sah ihn entsetzt an. »Der arme Heri.«
Mirar zuckte die Achseln. »Er war alt. Der Älteste von uns, abgesehen von dem Orakel – und das war halb wahnsinnig.«
»Die Möwe und die Zwillinge waren jünger«, sagte sie nachdenklich. »Was ist mit dem Bibliothekar?«
Er zuckte erneut die Achseln. »Das weiß ich nicht. Ich bezweifle, dass er noch immer über die Bibliothek von Soor wacht. Sie war schon vor dem Krieg der Götter nur noch eine Ruine.«
Emerahl seufzte. Er musterte sie eindringlich. Sein Interesse an ihr war noch immer da, obwohl ihr Gespräch es gedämpft hatte. Sie war zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt. Wenn es ihm gelang, ihre Aufmerksamkeit zu erringen, was würde sie tun?
»Das ist ein zu morbides Gesprächsthema für eine Feier«, erklärte er, streckte die Hand aus, nahm ein Stück Obst und schnitt dann eine Scheibe davon ab. Sie beobachtete ihn zwar, aber ihr Blick war noch immer in die Ferne gerichtet. Schließlich beugte er sich über den Tisch und hielt ihr die Scheibe von der Frucht an die Lippen. »Das Leben ist zu lang, um Chancen auf ein wenig Vergnügen zu ignorieren«, murmelte er.
Ihre Augen weiteten sich, dann wurden sie wieder schmal. »Das hast du gesagt…«
»Vor langer Zeit. Ich hatte mich gefragt, ob du dich daran erinnern würdest.«
Sie nahm die Frucht entgegen. »So etwas konnte ich wohl kaum vergessen.«
Er blickte vielsagend auf das Stück Obst. »Wirst du es mit mir teilen?«
Langsam breitete sich ein Lächeln auf ihren Zügen aus. »Es wäre unverzeihlich gierig von mir, es nicht zu tun.« Sie stand auf und kam mit leuchtenden Augen um den Tisch herum. Dann nahm sie das Stück Obst zwischen die Lippen, beugte sich vor und bot es ihm dar.
Oh ja, dachte er. Er umfing sie mit beiden Händen, zog sie näher heran und biss in die Frucht. Ihre Lippen berührten sich, und sie schmeckten beide gleichzeitig die scharfe Süße der Frucht. Er spürte seine Zähne, die sich in das saftige Fleisch gruben, spürte ihre Finger, die über seinen Rücken wanderten, und die Festigkeit ihres Körpers unter seinen Händen.
Sein Interesse loderte auf und wurde zu Begehren. Er spürte, dass sie mit gleicher Leidenschaft auf ihn reagierte. Plötzlich wollte er zu viel gleichzeitig. Er zog sie zu sich auf sein Bett und versuchte im gleichen Moment, sie auszuziehen, brachte aber weder das eine noch das andere zuwege. Sie lachte, drückte ihn auf sein Lager und setzte sich dann rittlings auf ihn, bevor sie ihre Kleider auszog und beiseitewarf. Als ihre Brüste bloß lagen, stockte ihm der Atem. Sie war vollkommen, aber wie hätte es auch anders sein können, da sie so mühelos ihr Alter verändern konnte?
Sie schob seine Hände gerade lange genug beiseite, um ihm Wams und Tunika auszuziehen. Dann bewegte sich ihre Hand zum Bund seiner Hose hinunter. Die Bänder öffneten sich, und sie zog ihm den Taillenbund herunter, bevor sie zu ihm aufblickte und grinste. Dann ließ sie sich ohne ein Wort über ihn gleiten, und er spürte, wie ihre Wärme ihn umschlang.
Nein!
Der Gedanke gehörte nicht ihm. Ein Gefühl, das seine Nerven blanklegte, durchzuckte ihn. Er konnte ihm keinen Namen geben. Entsetzen? Wut? Er sog verwirrt und erschrocken die Luft ein, während es ihm so vorkam, als würde sein ganzes Wesen in Elend versinken. Das Feuer in seinem Blut wurde von einer Kälte gelöscht, die er nicht abschütteln konnte, und von der Wahrnehmung eines anderen Willens, der gegen den seinen kämpfte.
Leiard.
»Nein!«, protestierte er. Er richtete sich auf, und die plötzliche Bewegung kostete Emerahl für einen Moment das Gleichgewicht. »Du Bastard!«
Emarahl richtete sich auf und starrte ihn an. »Ich gehe mal davon aus, dass du nicht mit mir redest«, bemerkte sie trocken.
Er stellte fest, dass er nicht antworten konnte. Es kostete ihn all seine Willenskraft, die Kontrolle über seinen Körper zu behalten.
Ich kann nicht zulassen, dass du das tust, sagte Leiard. Ich kann dir nicht gestatten, Auraya abermals zu betrügen.
Auraya spielt keine Rolle!, wütete Mirar. Du kannst nicht zu ihr zurückkehren. Du existierst nicht einmal!
Emerahl beobachtete ihn mit schmalen Augen. Mirar spürte, wie Leiards Wille schwächer wurde. Er holte tief Atem und versuchte, seinen Zorn zu zügeln. »Ich habe nicht dich gemeint«, erklärte er ihr. »Ich habe ihn gemeint. Er hat das getan. Er hat mich… aufgehalten. Ich kann nicht glauben… ich dachte…«
»Dass er dir keinen Ärger mehr machen würde, wenn du ihm nicht gestattest, die Kontrolle zu übernehmen?« Sie schüttelte den Kopf und stieg von seinem Bett. »Ich habe dir gesagt, dass es nicht so einfach sein würde.«
»Was soll ich denn tun?«, rief er, sprang auf und riss seine Hose hoch. Wenn es möglich wäre, vor Scham zu sterben, hätte er es vielleicht an Ort und Stelle getan. »Wird er mich von jetzt an bei jeder Frau daran hindern, sie in mein Bett zu nehmen, nur weil er treu sein will? Dieser… dieser…«
»Auraya«, beendete sie seinen Satz. Sie griff nach ihren Kleidern und begann sich anzuziehen.
Die Tatsache, dass sie seine plötzliche Impotenz klaglos akzeptierte, war irgendwie noch demütigender als die Alternative: Gelächter. Sie hätte zumindest so tun können, als sei sie überrascht gewesen.
»Du musst akzeptieren, dass Leiard ein Teil von dir ist«, sagte sie. »Er kann nichts empfinden, was nicht in dir selbst angelegt wäre.«
»Und ob er das kann. Ich liebe Auraya jedenfalls nicht.«
Sie drehte sich um und lächelte ihn an. »Nein, aber ein Teil von dir tut es. Ein Teil, den du unglücklicherweise nicht magst. Du musst diesen Teil deines Selbst annehmen, ebenso wie alles andere, das du in dir trägst, wie Leiard beweist. Wenn du es nicht tust…« Sie runzelte die Stirn und wandte den Blick ab. »Dann befürchte ich, dass du nie wieder ganz du selbst sein wirst.«
»Das weißt du nicht mit Bestimmtheit.«
»Nein, aber ich wäre bereit, darauf zu wetten.« Sie kehrte zum Tisch zurück, setzte sich und wickelte das geröstete Girri aus, um Stücke von dem Fleisch abzureißen. »Iss. Ich bin nicht gekränkt. Ein wenig enttäuscht. Vielleicht ein wenig verlegen. Aber nicht gekränkt.«
»Du bist verlegen«, murmelte er. »Ich bin zutiefst gedemütigt. Ich war noch nie außerstande…«
»Lass uns einfach essen«, unterbrach sie ihn. »Ich habe kein Verlangen nach einer weiteren deiner maßlos übertriebenen Geschichte über deine sexuellen Fähigkeiten. Nicht jetzt. Und eindeutig nicht, während ich esse.«
Er schüttelte den Kopf. Die Wut war einem flauen, düsteren Gefühl gewichen. Er setzte sich auf die Kante seines Bettes und starrte finster auf das Essen. Als er den Schlauch mit Teepi erblickte, der auf dem Tisch lag, füllte er sein Glas auf, kippte das Getränk hinunter und schenkte sich dann abermals nach.
»Es sind keine übertriebenen Geschichten«, knurrte er. »Ich weiß«, sagte Emerahl betont begütigend.
»Ich habe wirklich…«