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«Wenn der Fahrer vom Bahnhof wiederkommt«, sagte er zu mir, als er aufgelegt hatte,»kann er Sie noch zu Ihrem Wagen zurückbringen.«

«Vielen Dank.«

«Ich muß sagen, ich verlasse mich darauf, daß Sie die Verbindung zwischen mir und Ihrem Vater aufrechterhalten.«

«Wenn Sie wollen, rufe ich hier jeden Morgen an.«

«Mir wäre viel lieber, ich wüßte, wo er ist.«

Ich schüttelte den Kopf.»Je weniger Leute das wissen, desto besser.«

Er konnte mir nicht gerade übertriebene Sicherheitsmaßnahmen vorwerfen, also beließ er es dabei und fragte statt dessen:»Womit hat Ihr Stiefbruder Sie denn verbrannt?«

«Mit einer Zigarette. Halb so wild.«

«Und was wollte er herausbringen?«

«Wo ich meinen neuen Kricketschläger versteckt hatte«, gab ich zur Antwort; aber an sich war es nicht um Kricketschläger, sondern um Illegitimität gegangen, nur hatte ich das damals im Gegensatz zu heute nicht gewußt.

«Wie alt waren Sie da?«

«Ich war elf. Gervase demnach dreizehn.«

«Weshalb haben Sie ihm den Schläger nicht gegeben?«

«Es war nicht der Schläger, den ich ihm mißgönnt habe. Es war die Genugtuung. Gehört das auch zu Ihren Ermittlungen?«

«Alles«, erklärte Yale lakonisch.

Der Leihwagen stand frei, als ich wieder hinkam, und da seine Schnauze in die Richtung wies, fuhr ich ihn erst einmal nach

Quantum. Dort waren immer noch erstaunlich viele Leute, und ich konnte die inzwischen verstärkte Schranke vor der Einfahrt erst passieren, nachdem die wachhabenden Polizisten sich über Funk mit Kommissar Yale verständigt hatten.

«Entschuldigen Sie, Sir«, sagte einer von ihnen, als sie mich schließlich durchließen.»Anordnung des Kommissars.«

Ich nickte, fuhr weiter und parkte vor dem Haus zwischen zwei Streifenwagen, die vermutlich zurückgekommen waren, nachdem sie die zahlreichen Familienmitglieder zu ihren fahrbaren Untersätzen gebracht hatten.

Ich hatte mich bereits an den Anblick des Hauses gewöhnt; es sah nach wie vor schrecklich aus, konnte mich aber nicht mehr erschüttern. Ein weiterer Polizist kam zielstrebig auf mich zu, als ich ausstieg, und fragte mich, was ich wollte. Im Erdgeschoß durch die Fenster sehen, sagte ich.

Er fragte über Funk nach. Der Kommissar erwiderte, ich könne durch die Fenster sehen, wenn der Beamte an meiner Seite bliebe und ich ihn auf alles hinwiese, was mir merkwürdig vorkam. Dazu war ich gern bereit. In Begleitung des Beamten ging ich zu dem noch erkennbaren Hausflur hinter der massiven Eingangstür, die mitsamt Rahmen hinausgesprengt worden war, als das Mauerwerk zu beiden Seiten nachgegeben hatte.

QUANTUM IN ME FUIT lag mit dem Gesicht nach unten im Kies:»Ich habe mein Bestes getan. «Und dennoch: Das Beste, dachte ich bei mir, froh, noch am Leben zu sein, hatte nicht ganz genügt.

«Gehen Sie nicht rein, Sir«, warnte der junge Polizeibeamte.»Da kann noch mehr runterkommen.«

Ich versuchte nicht, hineinzugehen. Die Diele war angefüllt mit Decken, Fußböden und Wänden aus dem oberen Stock, ein einziger großer Haufen, spärlich erhellt durch das Licht aus dem Hintergarten. Irgendwo in dem Haufen lagen Malcolms sämtliche Kleider bis auf die, die er in Cheltenham getragen hatte, all seine Vikunjamäntel und handgearbeiteten Schuhe, die goldenen und silbernen Bürsten, die er bei seiner Flucht nach Cambridge eingepackt hatte, und irgendwo auch das Porträt von Moira.

Pfeilförmige Möbelsplitter ragten aus der Verwüstung hervor wie die Arme Ertrinkender, und staubige, unkenntliche Stoffetzen flatterten verloren, wenn sie ein Windstoß erfaßte. Auch alles, was ich aus meiner Wohnung mitgebracht hatte, lag hier begraben, mit Ausnahme meiner Rennsachen — Sattel, Helm und Sporttasche —, die neben Malcolms Aktenmappe noch im Kofferraum des Autos waren. Wahrscheinlich ließ sich alles ersetzen; und ich war unglaublich froh, daß ich das silbergerahmte Foto von Coochie und den Jungs daheimgelassen hatte.

Überall vor dem Haus lag Glas, das aus den zerbrochenen Fenstern gefallen war. Mit dem Polizisten im Schlepptau ging ich knirschenden Schrittes zum Büro hinüber, vorbei an den Trümmern der Toilette im Erdgeschoß, wo eine halb zerstörte Wand die Rohrleitungen blockierte.

Die Bürowände selbst waren wie die Küchenwände unbeschädigt, doch die Tür des Büros, die ich so sorgfältig angewinkelt hatte, stand weit offen, und auch durch sie ergoß sich ein Gletscher aus Ziegeln und Putz. Die Druckwelle, die durch den Raum gegangen sein mußte, bevor sie durch die Fenster barst, hatte jedes unbeschwerte Blatt Papier erfaßt und auf dem Boden neu verteilt. Die meisten Gemälde und zahllose kleinere Gegenstände lagen auch dort unten, einschließlich des Schreibtischbechers mit dem Draht. Bis auf das antike Facettenglas eines wunderschönen kombinierten Bücherschranks, der auf einer Seite stand, sah alles Wesentliche wiederherstellbar aus, obwohl es schon ein Problem sein würde, den Staub zu beseitigen.

Ich schaute ziemlich lange durch die Öffnungen der Bürofenster, mußte mich aber schließlich geschlagen geben. Zu vieles war durcheinandergeraten, als daß ich etwas besonders Auffälliges hätte feststellen können. Mir war ja schon am Abend vorher, als ich Malcolms Aktenmappe holte, nichts darin aufgefallen, und da hatte ich mit vor Angst hellwachen Sinnen nachgesehen.

Kopfschüttelnd ging ich um das Haus herum, vorbei an der noch geschlossenen und fest verriegelten Tür, die vom Korridor auf den Garten führte. Bis zu ihr war die Explosion nicht vorgedrungen, sie hatte sich an näheren Zielen verausgabt. Ich kam zu der langen, efeubewachsenen Nordwand des alten Spielzimmers und bog um sie herum in den Hintergarten.

Die Polizei hatte Pfähle in den Rasen getrieben und Seile dazwischengespannt, um eine Grenze zu markieren, die niemand überschreiten durfte. Hinter der Absperrung harrten die Leute aus, staunten, schwätzten, zeigten mit dem Finger; wer sich satt gesehen hatte, wanderte über die Felder zurück. Mittendrin hielt Arthur Bellbrook, flankiert von den Hunden, umringt von einem Halbkreis respektvoller Zuhörer, eine kleine Audienz ab. Die Reporter und Pressefotografen waren anscheinend verschwunden, doch andere Kameras klickten noch unentwegt. Das Ganze hatte etwas von einem geregelten Ablauf, der mir völlig widersinnig vorkam.

Den Gaffern den Rücken kehrend, blickte ich durch das Spielzimmerfenster und sah es, wie das Büro, genau aus dem entgegengesetzten Blickwinkel zu gestern abend. Außer der Rumpelkammer und meinem Zimmer war es der einzige Raum, den Moira nicht verändert hatte, und es sah immer noch wie das private Reich von Kindern aus, das es vierzig Jahre lang gewesen war.

Die alten abgenutzten Sessel standen noch ebenso dort wie der große Tisch, der seinerzeit mit etwas Phantasie als Fort, Ozeandampfer, Raumschiff und Kerker gedient hatte. Die langen Regale an der Nordwand trugen immer noch Generationen von Modelleisenbahnen, Baukästen, Brettspielen und Plüschtieren. Die nagelneuen Fahrräder von Robin und Peter, die eine Woche vor dem Unfall die Freude ihres Lebens darstellten, waren noch aufgebockt. Poster von Popgruppen klebten an den Wänden, und ein Bücherbord quoll über von Geschmacksverirrungen.

Die Explosion auf der anderen Seite der dicken tragenden Wand hatte im Spielzimmer weniger Schaden angerichtet als irgendwo sonst, wo ich bisher nachgeschaut hatte; nur die zerbrochenen Fenster und der allgegenwärtige, vom Gang hereingeflutete Staub bezeugten, daß etwas passiert war. Ein paar Teddybären waren vom Regal gefallen, aber die Räder standen noch.

Irgend etwas fehl am Platz, irgend etwas Fehlendes, hatte Yale gesagt. Ich hatte gestern abend nichts Derartiges gesehen und konnte auch jetzt nichts ausfindig machen.