Smith zuckte die Achseln.»Wir werden mikroskopische Untersuchungen machen. Das würden wir ohnehin tun. Aber mir sieht es aus, als wäre Kordit sehr gut möglich.«
«Kann man Kordit kaufen?«fragte ich vage.»Bekommt das jeder?«
«Nein, auf keinen Fall«, sagte Smith bestimmt.»Vor zwanzig Jahren vielleicht, aber jetzt nicht mehr. Seit der Terrorismus zum Alltag gehört, unterliegen die meisten Sprengstoffe einer strengen Kontrolle. Normalverbraucher kommen da nicht ran. Einige Explosivstoffe sind zwar frei erhältlich, aber die Zünder dafür nicht.«
Ich merkte, daß ich bei Kordit an die geringen Mengen dachte, die in Schußwaffen verwendet wurden; um allerdings ein halbes Haus umzupusten.
«Wieviel Kordit hätte man hierfür gebraucht?«fragte ich, auf das Ergebnis deutend.
«Das habe ich noch nicht berechnet. Ziemlich viel.«
«Wie wäre es verpackt gewesen?«
«Beliebig.«
«Wie sieht es denn aus? Wie Gelee?«
«Nein, da denken Sie an hochexplosives TNT. Das wird flüssig in die Sprengkörper gefüllt und geliert dann. Fliegerbomben sind von der Art. Kordit besteht aus losen Körnern, wie Schießpulver. Man muß es auf engstem Raum zusammenpressen, wenn es seinen Zweck erfüllen soll. Und man braucht Hitze, um die chemische Reaktion auszulösen, die dann in einem solchen Tempo abläuft, daß der Stoff zu explodieren scheint.«
«Scheint!«sagte ich und setzte schnell hinzu:»Okay, ich glaube es Ihnen, erklären Sie’s nicht.«
Er warf mir einen etwas mitleidigen Blick zu, hörte aber mit seinem Vortrag auf und widmete sich wieder dem Durchforsten der Trümmer. Kommissar Yale fragte, ob irgendein Pembroke jemals mit einem Steinbruch zu tun gehabt habe. Nicht, daß ich wüßte, sagte ich. Es sei äußerst unwahrscheinlich.
«Oder hatte jemand Freunde, die Steinbrüche besaßen oder im Steinbruch gearbeitet haben?«
Ich wußte es nicht. Ich hatte nie davon gehört. Mein Blick schweifte von Smith und seinen Mitfahndern nach der Wahrheit ab, und ich wurde mehr auf die Zuschauer hinter dem Seil im Garten aufmerksam. Es waren nicht annähernd so viele wie am Vortag, aber die laufende Arbeit stellte offensichtlich auch eine Attraktion dar.
Arthur Bellbrook war wieder da und redete drauflos. Bestimmt genoß er den Ruhm, dachte ich. Er war derjenige gewesen, der Moira gefunden hatte, und jetzt kam das Haus dazu… Arthur redete, als gehöre ihm die Neuigkeit, wippte auf den Hacken und streckte den Bauch vor. Die angeleinten Hunde warteten geduldig. Ihnen machte es wohl nichts aus, daß Arthur sich zum vielleicht zwanzigsten Mal über Leben und Tod bei den
Pembrokes ausließ.
Unwillkürlich brachte ich Arthur mit Korditgeruch in Verbindung und ahnte nicht, warum, bis mir einfiel, wie er an dem Tag, als er dachte, ich sei ein Einbrecher, mit der Schrotflinte ins Haus gekommen war.
Ich verbannte den vorwitzigen Gedanken, aber er stellte sich bald wieder ein und erklärte, er hätte nichts mit Arthur und Schrotflinten zu tun.
Sondern?
Stirnrunzelnd suchte ich mich zu erinnern.
«Was ist los?«fragte Yale, der mich beobachtete.
«Nichts weiter.«
«Ihnen ist was eingefallen. Einer aus Ihrer Familie hat doch mit Steinbrüchen zu tun, ja?«
«Ach wo«, lachte ich halb.»Das nicht. Der Korditgeruch.«
Der Geruch von Kordit an einem nebligen Morgen, und der Gärtner… nicht Arthur, sondern sein Vorgänger, der alte Fred… wie er uns Kindern sagte, wir sollten uns fernhalten, ganz von der Wiese verschwinden; er wollte nicht, daß uns die Köpfe wegflögen.
Ich erinnerte mich schlagartig, als flimmere die ganze Szene über eine Leinwand. Ich ging zu dem buddelnden Smith mit seinem blauen Helm hinüber und sagte ohne Umschweife:»Hat Kordit noch einen anderen Namen?«
Er richtete sich auf, einen Brocken Stein und Mörtel in der Hand.
«Schon«, sagte er.»Im Volksmund heißt es Schwarzpulver.«
Schwarzpulver.
«Warum?«sagte er.
«Nun, wir hatten hier mal welches. Allerdings vor langer Zeit, als wir noch Kinder waren. Muß mindestens zwanzig Jahre hersein, wenn nicht länger. Aber ich nehme an… jemand von der Familie könnte sich daran erinnert haben… wie ich gerade.«
Yale, der mir gefolgt war, um zuzuhören, sagte:»Woran erinnert?«
«Früher standen mal vier oder fünf große Weiden unten am Bach, auf der Wiese. «Ich zeigte hin.»Die man jetzt da sieht, sind erst rund zwanzig Jahre alt. Sie wachsen sehr schnell… sie wurden nach dem Abholzen der alten Bäume gepflanzt. Das waren Prachtexemplare, riesengroß, fabelhaft.«
Yale machte eine drängende Handbewegung, als wollte er sagen, daß der Zustand längst vergangener Weiden, wie erhaben auch immer, belanglos sei.
«Sie hatten ihre Zeit gelebt«, sagte ich.»Bei Sturmwind krachten immer schwere Äste ab. Der alte Fred, der vor Arthur lange Zeit hier Gärtner war, sagte meinem Vater, sie seien gefährlich und müßten runter, also hat er ein paar Waldarbeiter bestellt und sie abholzen lassen. Es war schrecklich, sie fallen zu sehen…«Daß die halbe Familie geheult hatte, mochte ich Yale nicht erzählen. Die Bäume waren Freunde für uns gewesen, Spielplätze, Klettergerüste, dunkelrote Phantasieregenwälder — und nachher war alles viel zu hell, und die toten Riesen wurden zu Brennholz zersägt und auf Kartoffelfeuern verbrannt. Der Bach hatte verändert ausgesehen im prallen Sonnenschein; ziemlich gewöhnlich, statt durch geheimnisvollen Halbschatten zu fließen.
«Weiter«, sagte Yale mit verhaltener Ungeduld.»Was hat es mit den Bäumen auf sich?«
«Die Stümpfe«, sagte ich.»Die Holzfäller haben die Stämme dicht über dem Boden abgesägt, aber die Stümpfe stehenlassen, und niemand kriegte sie raus. Vom nächsten Bauernhof kam ein Traktor und versuchte es. «Eine große Zeit für uns damals, wir waren den ganzen Tag mitgefahren.»Jedenfalls hat es nicht geklappt. Auch mit keiner anderen Methode waren die Stümpfe wegzukriegen, und Fred wollte sie nicht einfach faulen lassen, also beschloß er, sie zu sprengen… mit Schwarzpulver.«
«Aha«, sagte Yale.
Schwarzpulver hatte sich irgendwie angehört, als wäre es etwas, das nur Piraten haben dürften. Wir waren sehr beeindruckt. Fred hatte sein Pulver geholt und ein Loch unter die hartnäckigen Wurzeln des ersten Stumpfes gegraben, das Pulver hineingetan und eine ungeheure Explosion ausgelöst. Es war ganz gut, daß er uns vorher von der Wiese geschickt hatte, denn die Detonation warf Fred selber um, obwohl er mindestens dreißig Meter weg gestanden hatte. Der erste Baumstumpf war aus dem Boden hervorgeschossen wie eine Kreuzung zwischen Elefant und Krake, aber Malcolm, der erschrocken angerannt kam, um zu sehen, was passiert war, untersagte Fred, die anderen zu sprengen.
Als ich das sinngemäß Yale und Smith erzählte, lief bereits die zweite Spule des Films vor mir ab, und ich unterbrach mich einigermaßen plötzlich, als mir aufging, an was ich mich da erinnerte.
«Fred«, sagte ich,»hat die Kiste Schwarzpulver wieder in den Geräteschuppen gebracht und uns ermahnt, sie niemals anzurühren. Wir waren zwar zu mancher Dummheit aufgelegt, aber so verrückt auch wieder nicht. Wie ließen die Finger davon. Und die Kiste blieb da, bis sie von anderem Gerümpel zugedeckt war und uns nicht mehr vor die Augen oder in den Sinn kam…«Ich schwieg und sagte dann:»Wäre nicht jeder Sprengstoff nach so langer Zeit unbrauchbar?«
«Dynamit würde sich in einem Geräteschuppen kaum länger als ein Jahr halten«, sagte Smith.»Nach einem heißen Sommer wäre es hin. Aber Schwarzpulver — Kordit — ist sehr haltbar, da sind zwanzig Jahre belanglos.«
«Worauf warten wir?«sagte Yale und ging auf den Geräteschuppen zu, der hinter der Garage auf der linken Seite
des Küchengartens lag.
In den Geräteschuppen hatte ich gestern keinen Blick geworfen, aber selbst wenn ich ihn mir angesehen hätte, wäre mir das Schwarzpulver wohl nicht eingefallen. Die Erinnerung war zu tief begraben gewesen.