«Du liebe Güte«, sagte er.
Ich lachte innerlich, aber wahrscheinlich war» du liebe Güte «ein genauso passender Kommentar wie jeder andere.
«Würde es Ihnen also etwas ausmachen, wenn Sie alle noch einmal abklappern und fragen, was sie vorgestern zwischen 15
Uhr und Mitternacht getan haben?«
Er schwieg längere Zeit. Dann sagte er:»Ich weiß nicht, ob das etwas bringt, verstehen Sie? Ihre Familie war schon beim ersten Anlauf ungefällig. Beim zweiten wäre sie doppelt so abweisend. Diesmal stellt die Polizei doch sicher genaueste Nachforschungen an? Ich glaube, das muß ich ihr überlassen.«
Ich war bestürzter als erwartet.»Bitte überlegen Sie sich das noch mal«, sagte ich.»Zugegeben, wenn die Polizei sich bei der Familie nach ihren Bewegungen erkundigt und Sie dann nachstoßen, wird ihr das nicht gefallen. Aber wenn ich dann auch noch komme und frage, bringt sie das vielleicht derart aus der Fassung oder auf die Palme, daß sie etwas rauslassen, was uns Aufschluß gibt… in der einen oder der anderen Richtung. «Ich schwieg.»Wahrscheinlich klingt das nicht sehr einleuchtend.«
«Erinnern Sie sich, was Sie mir von der Klapperschlange gesagt haben, auf die ich nicht treten soll?«sagte er.
«Ja, schon.«
«Sie schlagen vor, eine mit dem Stock aufzuscheuchen.«
«Wir müssen unbedingt wissen, wer die Klapperschlange ist.«
Ich hörte ihn seufzen und konnte seine Unlust spüren.
«Passen Sie auf«, sagte ich,»können wir uns denn einfach mal irgendwo treffen? Sie haben meinem Vater und mir knapp berichtet, was die Familie an den beiden fraglichen Tagen getan hat, aber Sie wüßten darüber bestimmt noch viel mehr zu erzählen. Wenn Sie sie nicht mehr aufsuchen wollen, können Sie mir dann einfach. behilflich sein?«
«Dagegen habe ich nichts«, sagte er.»Wann?«
«Heute abend? Morgen?«
Heute abend arbeitete er schon. Morgen wollte er mit seiner Frau den ganzen Tag zu den Enkelkindern, da es Sonntag war, aber am Abend ging es. Er kannte den Gasthof, in dem ich war, und sagte, er komme dorthin; um sieben werde er mich im Schankraum treffen.
Ich dankte ihm dafür und rief als nächstes zwei Ställe in den Downs an, um die Trainer zu fragen, ob ich vorübergehend morgens ihre Pferde bewegen könne. Der erste sagte nein, der zweite sagte ja; ihm fehlten ein paar Pfleger, und er sei froh über die kostenlose Aushilfe. Ab Montag mit dem ersten Lot, Aufbruch halb acht; konnte ich um Viertel nach sieben da sein?
«Ja«, sagte ich bereitwillig.
«Bleiben Sie zum Frühstück.«
Rennställe waren gut für die Seele, dachte ich und dankte ihm. Ihr besonderer Wahn förderte meine Gesundheit. Ich konnte ihnen nicht lange fernbleiben. Ich fühlte mich außer Form, wenn ich nicht ritt.
Ich verbrachte den Abend im Schankraum des Gasthofs und hörte die meiste Zeit einem einsamen Mann zu, der Schuldgefühle hatte, weil seiner Frau im Krankenhaus die Eingeweide gerichtet wurden. Den Grund für das Schuldbewußtsein fand ich zwar nicht heraus, aber während er sich langsam betrank, erfuhr ich eine Menge über ihre Geldsorgen und seine Ängste wegen ihrer Krankheit. Kein umwerfend amüsanter Abend für mich, doch er meinte, ihm sei viel wohler, nachdem er einem Unbekannten einmal alles habe erzählen können, was er in sich aufgestaut hatte. Gab es eigentlich irgend jemand, fragte ich mich beim Schlafengehen, der glücklich durchs Leben ging?
Den Sonntag vertrödelte ich ganz angenehm, und Norman West erschien wie versprochen um sieben.
Sein Alter trat von den grauweißen Haaren abwärts wieder deutlich zutage, und als ich bemerkte, er sehe müde aus, sagte er, er sei fast die ganze letzte Nacht aufgewesen, aber keine Sorge, das sei er gewohnt. Hatte er seine Enkel besucht? Ja: eine lebhafte Meute. Er ließ sich einen doppelten Scotch mit Wasser ausgeben, öffnete davon gestärkt den großen Umschlag, den er bei sich hatte, und zog einige Bogen Papier hervor.
«Ihre Familienfotos sind hier drin«, sagte er, auf den Umschlag tippend,»und ich habe Kopien von meinen sämtlichen Notizen mitgebracht. «Er legte die Blätter auf den kleinen Tisch zwischen uns.»Sie können sie behalten. Die Originale sind in meinen Akten. Komisch«- er lächelte flüchtig —,»ich dachte immer, eines Tages würde ich ein Buch über meine ganzen Fälle schreiben, über meine Arbeit all die Jahre, aber sie sind in den Akten, und da bleiben sie.«
«Warum schreiben Sie es nicht?«fragte ich.
«Ich kann besser Leute beschatten.«
Ich überlegte, daß er schon gut Leute beschatten konnte, als Joyce ihn seinerzeit engagierte, und daß wir mit der Aufklärung von Mordversuchen vielleicht zuviel von ihm erwartet hatten.
Er sagte:»Sie werden feststellen, daß die Bewegungen Ihrer Familie einem klaren Muster folgen und daß es gleichzeitig an einem Muster fehlt. Der Mord an Mrs. Moira und der Versuch, Mr. Pembroke zu vergasen, fanden beide gegen fünf Uhr nachmittags statt, und gegen fünf ist fast Ihre gesamte Familie gewohnheitsmäßig unterwegs. Wohlgemerkt, das gilt für die Mehrheit der Berufstätigen. Zu dieser Tageszeit geht leicht mal eine Stunde verloren, ohne daß es jemand auffällt. Verkehrsstaus, später Feierabend, Fernsehen in der Fußgängerzone… das alles habe ich von untreuen Ehemännern schon gehört. Die Liste der Ausreden, die die Leute für unzeitiges Heimkommen erfinden, ist endlos. Bei einer Familie wie der Ihren, wo praktisch niemand zu einer festen Zeit Feierabend hat, geht das noch leichter. Deshalb war es fast unmöglich, stichhaltige Alibis zu bekommen, und ich bin sicher, im Fall von Mrs. Moira hat die Polizei das gleiche festgestellt. Wenn jemand nicht zu einer gewohnten Zeit erwartet wird, sieht man nicht auf die Uhr.«
«Ich verstehe schon«, sagte ich nachdenklich.
«Bei Newmarket lag die Sache etwas anders«, sagte er,»denn dafür mußte jemand den ganzen Tag seiner normalen Umgebung ferngeblieben sein — vorausgesetzt, Mr. Pembroke wurde von seinem Hotel aus verfolgt, als er mittags nach Newmarket losfuhr. Und man muß annehmen, daß der Verfolger schon lange vorher zur Stelle war, da er nicht wissen konnte, wann Mr. Pembroke losfährt oder wohin. «Er räusperte sich und trank einen Schluck Whisky.»Von daher hielt ich es für einfach, herauszufinden, welches Familienmitglied den ganzen Dienstag fort war, aber das erwies sich als Irrtum, wie Sie in dem Bericht sehen werden. Wenn nun der Sprengkörper in Quantum zwischen dem üblichen Dienstschluß des Gärtners und Ihrer möglichen Rückkehr vom Rennplatz um sechs abgelegt wurde, dann sind wir auch wieder bei der, ehm…«
«Fünf-Uhr-Grauzone«, sagte ich.
Er sah mich etwas indigniert an. Das war doch nicht komisch.»Ich habe keinen Zweifel, daß sich das gleiche Muster zeigt«, sagte er.»Niemand wird genau angeben können oder wollen, wo er oder sie oder sonst jemand um diese Zeit war.«
«Vielleicht haben wir Glück«, sagte ich.
«Möglich«, meinte er und sah skeptisch drein.
«Könnten Sie mir nicht bitte sagen«, fuhr ich fort,»welche Mrs. Pembroke Sie beauftragt hat, Malcolm zu finden? Ich weiß über Ihre ethischen Grundsätze Bescheid, aber nach dieser Bombe… geht es da nicht? Wessen Name stand auf dem Scheck?«
Er überlegte, in sein Glas versunken, als wollte er Weisheit in der Tiefe finden. Er seufzte schwer und hob die Achseln.
«Ich bin nicht bezahlt worden«, sagte er.»Der Scheck kam nie. Ich weiß nicht genau, aber ich glaube… ich glaube, es war die Stimme von Mrs. Alicia Pembroke. «Er schüttelte den Kopf.»Ich habe sie gefragt, ob sie es sei, als ich bei ihr war. Sie hat es bestritten, aber ich glaube, zu Unrecht. Wobei Sie nicht vergessen sollten, daß zwei andere Leute Ihrem Vater von allein auf die Spur gekommen sind, indem sie genau wie ich herumtelefoniert haben.«
«Das vergesse ich nicht«, sagte ich.
Er sah mich ernst an.»Im Augenblick ist Mr. Pembroke hoffentlich nicht so leicht zu finden.«