«Kaum«, sagte ich.
«Darf ich Ihnen einen Rat geben?«
«Bitte.«
«Legen Sie sich eine Waffe zu.«
«Mr. West!«
«Selbst wenn es nur ein Topf Pfeffer ist«, sagte er,»oder eine Dose Sprühlack. In Ihrer Familie herrscht eine ziemliche Feindseligkeit gegen Sie, weil Sie in Mr. Pembrokes Gunst stehen. Ich könnte mir vorstellen, daß Sie mit ihm in dem Haus sterben sollten. Lassen Sie es also nicht darauf ankommen.«
Ich schluckte und dankte ihm. Er nickte und zog nüchtern ein kleineres Kuvert aus der Jackentasche, das seine Rechnung enthielt. Ich schrieb ihm den Scheck dafür. Er nahm ihn, warf einen Blick darauf und steckte ihn ein.
Müde stand er auf und gab mir die Hand.»Rufen Sie mich an«, sagte er,»wann immer Sie wollen. Ich habe nichts gegen ein Gespräch, wenn es weiterhilft.«
Ich dankte ihm nochmals, und er ging altersgrau hinaus, während ich mit seinen Notizen zurückblieb und mir nackt vorkam.
Ich begann die Notizen zu lesen. Es ergab sich, daß er sein ursprüngliches Arbeitsschema umgekehrt hatte, oder vielleicht war die Reihenfolge auch beim Kopieren durcheinandergeraten, jedenfalls war die Staffelung vom Ältesten zum Jüngsten auf den Kopf gestellt, und Serenas Dossier kam als erstes.
Norman West hatte seine Notizen und Randbemerkungen durchweg mit der Hand geschrieben, und seine Rundfunksprecherstimme klang mir beinah in den Ohren, als ich las:
Miß Serena Pembroke (26), ledig, lebt in 14 Mossborough Court, Bracknell, einem Wohnblock direkt hinter Easthampstead Road, an der Kneipe links. Block ist entstanden beim Ausbau der Neustadt, mittlere Einkommensgruppe, Mieter Geschäftsleute, bleiben für sich. Hübsches Mädchen, sagte eine Nachbarin (Nr. 12), aber weiß nicht, wie sie heißt. Miß S. wohnt dort seit drei Monaten. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Bad, alles klein.
Miß S. arbeitet in Deannas Tanz- und Aerobicstudio, High Street, Bracknell, als Aerobiclehrerin. Privatunternehmen, lasch geführt (meine Meinung), Inhaberin Mrs. Deanna Richmond (45?), deren ganze Aufmerksamkeit einem jüngeren Stenz mit haariger Brust und prangender Goldkette gilt; Schrott.
Miß S. gibt montags bis freitags von 8-13.30 h Unterricht, erst für Büroangestellte, dann für Hausfrauen. Miß S. und ein anderes Mädchen (Sammy Higgs) arbeiten abwechselnd in halbstündlichem Turnus. Die Zeiten von Miß S. sind meistens 88.30, 9–9.30, 10–10.30, 11–11.30, 12–12.30, 13–13.30.
Miß S. und Sammy H. sind beides gute Arbeiterinnen. Die Kunden, die ich sprach, fanden die Kurse ausgezeichnet. Durchgehend, daher beliebt. Eine Frau kann auf dem Weg zum Büro vorbeischauen oder wenn sie die Kinder zur Schule gebracht hat usw. Anmelden, teilnehmen, bezahlen. Zulauf aus der ganzen Stadt — große Kundschaft.
Abendkurse Montag bis Freitag, nur von 19–20.30 h. Die hält Miß S. allein ab. (S. Higgs gibt nachmittags von 13.30–16 h.) Die Abende sind recht zwanglos — Erfrischungspausen für die Kunden usw. Gut besucht.
Miß S. hat jeden Monat starke Menstruationskrämpfe. Kann dann nicht tanzen oder unterrichten. Immer zwei Tage frei. Der Dienstag der Auktion in Newmarket war so ein Tag — der zweite. Am Montag war Miß S. erschienen, aber wegen Schmerzen ausgefallen. Dienstag erwartete sie niemand, Mittwoch kam sie wieder. Mrs. Deanna Richmonds Tochter springt bei diesen Gelegenheiten ein und auch sonst, wenn eins der Mädchen sich mal freinimmt. Über diese Freistunden gibt es keine Unterlagen.
Miß S. führt ein schlichtes, fleißiges, geregeltes Leben.
Mag hübsche Kleider, etwas unreif (meine Meinung), hat wenig Freunde. Geht an Wochenenden oft zu ihrem Bruder (Mr. Ferdinand) oder zu ihrer Mutter (Mrs. Alicia).
Kein feststellbares Liebesleben.
Miß S. mag Shopping und Schaufensterbummel. An dem Freitag des Überfalls auf Mr. Pembroke, sagt sie, habe sie wohl Eßsachen und eine weiße Rüschenbluse bei Marks & Spencers gekauft. (Weiß den Tag nicht sicher.) Sie kauft wahrscheinlich viermal die Woche was zum Anziehen — Strumpfhosen, Turnanzüge, Pullis usw.»Muß für die Kunden gut aussehen.«
Miß S. hat einen 2 Jahre alten grau-silbernen Ford Escort, joggt meistens aber die anderthalb km zur Arbeit, um sich aufzuwärmen. Fährt nur bei Kälte oder Regen. Wagen sauber von Waschanlage: Miß S. läßt ihn ca. alle vierzehn Tage durch dieselbe Waschstraße laufen. Die Leute von der Waschanlage bestätigten das, können sich aber nicht an genaue Daten erinnern.
Miß S. sagt, Mr. Ian müsse Mrs. Moira umgebracht haben, weil sie (Mrs. Moira) sowohl Mr. Pembroke als auch sein (Mr. Ians) Erbe vereinnahmt und er sie dafür gehaßt habe. Sie sagt, Mr. Ian müsse des Geldes wegen versucht haben, Mr. Pembroke umzubringen. Die Polizei ist blöd, daß sie ihn nicht verhaftet, meint sie. Ich sagte ihr, daß Mr. Ian weder Moira umgebracht noch seinen Vater überfallen haben kann, da er sich beide Male etwa 70 km entfernt um einen Rennstall gekümmert hat, vor dreißig Zeugen und mehr. Ich sagte, er habe ganz offensichtlich auch nicht den Wagen gesteuert, der ihn beinah über den Haufen fuhr. Sie sagte, das könne er arrangiert haben. Meiner Ansicht nach will Miß S. sich nicht von Mr. Ians Unschuld überzeugen lassen. Sie will, daß Mr. Ian der Mörder ist, weil sie niemand sonst in ihrer Familie als Schuldigen sehen möchte. Wenn’s Mr. Ian ist, kann sie’s ertragen, sagt sie, denn ihm geschähe es recht, da er Papas Liebling sei. (Wirres Denken!)
Ende der Ermittlung.
Die drei Seiten Notizen über Serena wurden von einer Heftklammer zusammengehalten. Ich packte Serena zuunterst in den Stoß und kam zur nächsten Heftklammer, die Aufzeichnungen über Debs und Ferdinand zusammenhielt. Norman West benutzte graue Heftklammern, keine silbernen. Sehr passend, fand ich.
Auf der ersten Seite stand:
Mrs. Deborah Pembroke (27), die zweite Frau von Mr. Ferdinand, lebt mit ihm in Gables Cottage, Reading Road, Wokingham, Berkshire.
Mrs. Deborah arbeitet als Fotomodell, hauptsächlich für Versandhauskataloge, und führte an dem Dienstag der Newmarketer Auktion in London eine Reihe von Badeanzügen vor. Zwei andere Mannequins waren dabei, außerdem ein Fotograf mit zwei Assistenten, eine Friseuse, ein Vertreter des Versandhauses und ein Protokollant. Die Vorführung der Badeanzüge ging bis 18 h. Mrs. D. war bis zum Ende dort. Das ist zweifelsfrei verbürgt. Für den vorhergehenden Freitagabend hat Mrs. Debs kein festes Alibi. Sie arbeitete nur bis 15.30 h in
London (vom Versandhaus bestätigt) und fuhr heim. Keine Zeugen für Ankunft. (Mr. Ferdinand war außer Haus.)
Wegen ihres Dienstagtermins kann Mrs. Debs nicht in Newmarket gewesen sein. Der Freitag ist offen.
Mrs. Debs fährt ihren eigenen Wagen, einen scharlachroten Lancia. Als ich ihn inspizierte, war er völlig verstaubt, ohne Anzeichen einer Berührung mit Mr. Ian.
Mrs. Debs nahm meine Fragen weitgehend gelassen hin und antwortete wie folgt: Ihr Mann sei der einzig Gute in der Familie Pembroke, der einzige, der Humor besitze. Er höre zu sehr auf seine Mutter, das werde sie aber mit der Zeit schon ändern. Eines Tages würden sie zu Wohlstand kommen, sofern Mr. Ian ihnen keinen Strich durch die Rechnung mache. Sie sei ganz glücklich und habe es nicht eilig, Kinder zu bekommen. Nur diese letzte Frage war ihr zu persönlich.
Ende der Ermittlung.
Ich blätterte zur nächsten Seite um und las:
Mr. Ferdinand Pembroke (32), verheiratet mit Deborah (2. Frau), lebt in Gables Cottage, Reading Road, Wokingham, Berkshire.
Mr. Ferdinand ist Versicherungsstatistiker bei der Merchant General Insurance Company, Hauptsitz in Reading, Berkshire. Er arbeitet etwa ein Drittel seiner Zeit zu Hause, wo er einen Computer hat, der mit dem Rechenzentrum in der Versicherungsfirma verbunden ist. Er schätzt diese Regelung ebenso wie seine Firma, da sie es ihm erlaubt, ohne dauernde Unterbrechung anspruchsvolle Arbeit zu leisten. Außerdem läßt die Firma ihn an einem Lehrgang zur Abwehr von Versicherungsbetrug teilnehmen, da sie von seinen Fähigkeiten überzeugt ist.