Ich war in seinem Büro und habe dem Abteilungsleiter erklärt, Mr. Pembroke senior sei daran gelegen, nachzuweisen, daß seine Kinder in den Überfall auf ihn nicht verwickelt sein können. Mr. Ferdinands Chef war hilfsbereit, konnte mich letztlich aber nicht zufriedenstellen.
Mr. F. war weder an dem Freitag nachmittag noch am darauffolgenden Dienstag in seinem Büro. Den Freitag nachmittag hatte er zu Hause gearbeitet, Dienstag war er auf dem Lehrgang.
Nachfrage bei der Kursleitung am Bingham Business Institute in London. Mr. F. hat sich am ersten Tag, Montag, eingeschrieben, aber genaue Anwesenheitslisten werden nicht geführt. Mr. F. wußte niemand, der ihn gut genug kennt, um zu beschwören, daß er am Dienstag dort war. Meine Frage, ob er die Vorlesungen mitgeschrieben habe, verneinte er. An dem Dienstag sei es um statistische Wahrscheinlichkeiten und deren Berechnung gegangen; Grundwissen, mit dem er vertraut sei. Ich überprüfte das anhand des Lehrplans. Die Dienstagsvorlesungen entsprachen seinen Angaben.
Mr. Ferdinand fährt einen cremefarben grauen Audi. Der war sauber, als ich ihn sah. Mr. F. sagt, er wäscht ihn selber mit Bürste und Schlauch (beides zeigte er mir) und wäscht ihn oft. Er sagt, er legt Wert auf Sauberkeit.
Obwohl er den Freitag nachmittag zu Hause gearbeitet hat, war er nicht dort, als Mrs. Debs von London wiederkam. Er sagt, er habe sein Pensum erledigt gehabt und beschlossen, nach Henley zu fahren, um die Enten auf der Themse zu füttern. Das finde er beruhigend. Er sei gern an der frischen Luft. Er tue das oft, habe es sein Leben lang getan, sagte er. Er habe nicht gewußt, daß Mrs. Debs an dem Tag schon um halb vier fertig war, aber das würde ihn von seinem Ausflug nicht abgehalten haben. Sie seien unabhängige Menschen und einander nicht über jede Minute Rechenschaft schuldig.
Ich hörte auf zu lesen und hob den Kopf. Ferdinand hatte sich wirklich schon immer zu den Enten hingezogen gefühlt. Ich konnte gar nicht zählen, wie oft wir in Henley über den Leinpfad gegangen waren, Brot verstreut und uns das derbe Gelächter der Stockenten angehört hatten. Malcolm fuhr uns immer hin, wenn Alicia anfing, Geschirr zu werfen. Sie quakte fast so wie die Enten, hatte ich damals gedacht, es aber klugerweise nicht ausgesprochen.
Ich las weiter:
Mr. Ferdinand ist fleißig und erfolgreich, seine Chancen steigen. (Meine Meinung und die seines Chefs.) Er hat Organisationstalent und Energie. Körperlich ist er wie sein Vater untersetzt und kräftig. (Ich entsinne mich an Mr. Pembroke vor 28 Jahren. Er drohte, mich hochkant über sein Auto zu werfen, als er merkte, daß ich ihn verfolgt hatte, und ich traute es ihm zu. Mr. Ferdinand würde ich es auch zutrauen.)
Mr. F. kann sehr lustig und unterhaltsam sein, doch seine Laune trübt sich beunruhigend schnell. Das Verhältnis zu seiner Frau ist locker, nicht besitzergreifend. Seine Schwester Serena beschützt er. Seiner Mutter Alicia gegenüber ist er aufmerksam. Seine Empfindungen für Mr. Pembroke und Mr. Ian sind offenbar zwiespältig; wenn ich seine ambivalente Haltung recht verstehe, mochte er die beiden früher, traut ihnen aber nicht mehr. Mr. F. ist, glaube ich, fähig zu hassen.
Ende der Ermittlung.
Ich schob Debs und Ferdinand nach hinten in den Stapel, hatte aber keine Ausdauer mehr für die Fortsetzung über Ursula und Gervase. Statt dessen aß ich in der Kneipe ein Steak und beschloß, die Familie in der altersverkehrten Reihenfolge aufzusuchen, in der Norman West sie mir übergeben hatte, angefangen mit den Einfachen. Wo war die Verwegenheit, die mich veranlaßt hatte, Malcolm in Cambridge zu sagen, ich würde bei ihm bleiben, weil es gefährlich sei?
Ja, wo?
Irgendwo unter den Trümmern von Quantum.
Am Morgen galoppierte ich auf den windigen Downs, dankbar für die Einfachheit der Pferde und für das physische Vergnügen, meine Kräfte in der Art und Weise einzusetzen, für die sie trainiert waren. Wie von selbst schien Energie in meine Arme und Beine zu strömen, und ich dachte, daß es für einen Pianisten vielleicht genauso war, wenn er nach ein paar Tagen Pause wieder spielte; man brauchte nicht erst auszutüfteln, was die Finger machen sollten, es ging leicht, es war komplett in einem drin, die Musik kam ohne Überlegung.
Nach dem Frühstück dankte ich meinem Gastgeber herzlich und dachte, als ich in Richtung Quantum fuhr, an das Telefongespräch, das ich am Abend vorher mit Malcolm geführt hatte. Bei mir war es fast Mitternacht gewesen, bei ihm kurz vor sechs, noch früher Abend.
Er war gut angekommen, sagte er, und Dave und Sally Cander waren echte Kumpel. Ramsey Osborn war auch herbeigejettet. Die Canders gaben eine Party, die in fünf Minuten losging. Er hatte einige gute Pferde gesehen und war auf tolle neue Ideen zum Geldausgeben gekommen (böses kleines Lachen). Wie liefs in England?
Er klang zufriedenstellend sorglos, hatte die Niedergeschlagenheit mit den Kilometern abgeschüttelt, und ich sagte, es sei alles noch wie bei seiner Abreise, nur daß man das Haus in Planen gehüllt habe. Der Zustand des Hauses bedrückte ihn rund zehn Sekunden, dann sagte er, er und Ramsey würden vielleicht Dienstag oder Mittwoch aus Lexington abreisen; er wisse es nicht genau.
«Wohin du auch fährst«, sagte ich,»läßt du den Canders bitte eine Telefonnummer da, unter der ich dich erreichen kann?«
«Versprochen«, sagte er fröhlich.»Beeil dich mit deinem Paß, und komm rüber.«
«Bald.«
«Ich habe mich daran gewöhnt, daß du bei mir bist. Seh mich dauernd nach dir um. Eigenartig. Muß verkalkt sein.«
«Ja, so hört es sich an.«
Er lachte.»Das ist eine andere Welt hier, und sie gefällt mir.«
Er sagte tschüs und legte auf, und ich fragte mich, wie viele Pferde er wohl gekauft haben würde, bis ich bei ihm war.
Wieder zurück in dem Gasthof in Cookham, stieg ich aus den Reitsachen und rief pflichtbewußt Kommissar Yale an. Er hatte mir nichts mitzuteilen und ich ihm auch nicht; das Gespräch war kurz.
«Wo ist Ihr Vater?«fragte er im Plauderton.
«Außer Gefahr.«
Er grunzte.»Melden Sie sich«, sagte er.
Und ich sagte:»Ja.«
Mit beträchtlicher Unlust setzte ich mich erneut ins Auto und steuerte Bracknell an, parkte auf einem der großen, nichtssagenden Parkplätze und ging bis zur High Street.
Die High Street war vor langer Zeit einmal die Hauptstraße einer ländlichen Kleinstadt gewesen; jetzt war sie Fußgängerniemandsland, umgeben von den Fabriken, Büros und Ringstraßen sprießenden Fortschritts. Deannas Tanz- und Aerobicstudio sah aus wie eine breite Ladenfront, auf einer Seite flankiert von einem funkelnagelneuen Zeitschriftenladen und auf der anderen von einem Fotogeschäft, dessen Schaufensterauslage hauptsächlich aus postkartengroßen, phosphorgelben Preisschildern zu bestehen schien, meist mit dem Zusatz»20 % REDUZIERT«.
Deannas Studio bestand zunächst aus einem Vorraum mit einer nach oben gehenden Treppe auf der einen Seite. Das Mädchen am Empfang blickte auf und strahlte, als ich die gläserne Eingangstür aufstieß und den dicken grauen Teppich betrat, verlor aber das Interesse, als ich nach Serena fragte und erklärte, ich sei ihr Bruder.
«Hinten«, sagte sie.»Sie gibt gerade Unterricht.«
Hinten war jenseits einer weißgestrichenen Flügeltür. Ich ging durch und gelangte in einen fensterlosen, aber hell erleuchteten und ansprechenden Raum mit kleinen Tischen und Stühlen, in dem mehrere Frauen Getränke aus Plastikbechern zu sich nahmen. Die Luft vibrierte vom Puls einer woanders laufenden Musik, und als ich nochmals nach Serena fragte und weiterdirigiert wurde, kam ich zu ihrem Ursprung.
Das Studio selbst erstreckte sich weit nach hinten und endete an einer Fensterwand mit Blick auf einen schmalen Gartenstreifen. Der Boden war aus poliertem Holz und irgendwie gefedert, so daß er fast unter den Füßen wippte. Die Wände waren weiß bis auf die lange linke, die ganz aus Spiegelglas bestand. Die Musik, warm und drängend, lud zu rhythmischem Mitmachen ein.