Er nickte, mit dem eigenen Glas beschäftigt.
Von Ursula war nichts zu sehen, doch ich konnte die hellen Stimmen der beiden Mädchen aus der Küche hören und nahm an, sie war bei ihnen. Sie würden ihr sagen, daß ich gekommen war, und sie würde besorgt sein wegen unseres Lunchs.
«Ferdinand hat mir von Malcolms neuem Testament erzählt«, sagte Gervase ungehalten.»Die Klausel über seine Ermordung einzufügen war lächerlich. Was ist, wenn irgendein Straßenräuber ihn zufällig abknallt? Verlieren wir dann alle unsre Erbschaft?«
«Ein zufälliger Straßenräuber ist unwahrscheinlich. Ein bezahlter Killer vielleicht nicht.«
Gervase machte große Augen.»So ein Blödsinn.«
«Wer hat Moira umgebracht?«sagte ich.»Wer hat dreimal versucht, Malcolm umzubringen?«
«Woher soll ich das wissen?«
«Ich finde, du solltest mal darüber nachdenken.«
«Nein. Dafür ist die Polizei da. «Er trank.»Wo ist er jetzt?«
«Bei Freunden.«
«Ich habe ihm hier ein Bett angeboten«, sagte er ärgerlich,»aber ich bin wohl nicht gut genug.«
«Er wollte von der Familie weg«, sagte ich mit neutraler Stimme.
«Aber er ist doch bei dir.«
«Nein, jetzt nicht mehr.«
Bei dieser Neuigkeit schien er sich etwas zu entspannen.
«Habt ihr euch wieder gezankt?«sagte er hoffnungsvoll.
Wir standen noch mitten im Zimmer, da das Angebot, etwas zu trinken, sich nicht auf einen Sitzplatz erstreckt hatte. Dicke, chintzbezogene Sessel mit stilisiertem Blumenmuster nahmen den graugesprenkelten Teppich ein, schwere rote Vorhänge waren an den Fenstern, und in dem gemauerten Kamin brannte ein frisch angelegtes Feuer. Ich war etwa so selten bei ihm gewesen wie bei Ferdinand und noch nie oben.
«Wir haben uns nicht gezankt«, sagte ich.»Erinnerst du dich, wie der alte Fred den Baumstumpf gesprengt hat?«
Der Themenwechsel bereitete ihm keine Mühe.»Ferdinand sagte, daß du danach gefragt hast. Natürlich erinnere ich mich.«
«Hat Fred dir gezeigt, wie man den Sprengstoff zündet?«
«Einen Dreck hat er. Du willst doch nicht unterstellen, daß ich das Haus gesprengt habe, oder?«Sein Zorn, immer nah an der Oberfläche, kletterte ein paar Kerben höher.
«Nein«, erwiderte ich ruhig.»Ich hätte fragen sollen, ob Fred dir oder sonst jemandem gezeigt hat, wie man den Sprengstoff zündet.«
«Ich kann nur für mich sprechen«, betonte er,»und die Antwort ist nein.«
Gervase war massig, und mir schien, er hatte zugenommen. Er paßte so gerade in den Anzug. Ich hatte nie ganz seine Körpergröße erreicht. Er war der größte und stämmigste von Malcolms Söhnen und mit Abstand der energischste. Äußerlich ein starker, erfolgreicher Mann, und er war dem Zusammenbruch nahe wegen eines Stückes Papier, auf das keiner außer ihm Wert legte.
Vielleicht, dachte ich, war etwas von dieser Verranntheit in uns allen. Bei den einen war es gesund, bei den anderen zerstörerisch, aber die Gene, die für Malcolms midasähnliche Goldbesessenheit verantwortlich waren, hatten sich als Anlage durchgesetzt.
Gervase sagte:»Rückt Malcolm was raus, bevor er stirbt?«
Seine Stimme war laut und beherrschend wie üblich, doch ich sah ihn nachdenklich über mein Glas hinweg an. Ich hatte einen eigenartig verzweifelten Unterton gehört, als wäre die Sache nicht nur von theoretischem Interesse für ihn, sondern lebenswichtig. Norman Wests Notizen stellten sich wieder ein:»… den Schneid verloren und verkauft nur noch mündelsichere Papiere. Wer zu sehr auf Nummer Sicher geht, ist ein schlechter Makler. «Gervase, der so gut situiert zu sein schien, war es am Ende vielleicht doch nicht.
Ich beantwortete den Wortlaut der Frage, nicht die versteckte Botschaft.»Ich habe ihn darum gebeten. Er sagte, er wolle es sich überlegen.«
«Verdammter alter Narr!«fuhr Gervase auf.»Er führt uns an der Nase rum. Verschleudert den Kies, bloß um uns zu ärgern. Kauft Gäule dafür. Ich könnte ihm den Hals umdrehen. «Er hielt ein, als sei er erschrocken über das, was er mehr oder minder aus Überzeugung herausgebrüllt hatte.»Sagt man so«, setzte er mit hartem Blick hinzu.
«Ich versuche es noch mal«, meinte ich, ohne darauf einzugehen,»aber Vivien hat’s schon versucht und ihn gekränkt, so daß er auf stur geschaltet hat. Malcolm ist halsstarrig, wie wir es alle sind, und je mehr man ihn zu drängen sucht, desto stärker widersetzt er sich.«
«Du hast ihn zu den Pferdekäufen überredet. Von selbst wäre er da nie drauf gekommen. «Er funkelte mich an.
«Zwei Millionen Pfund für einen verdammten Jährling. Ist dir klar, was zwei Millionen Pfund bedeuten? Hast du die leiseste Ahnung? Zwei Millionen Pfund für ein vierbeiniges Nichts? Er ist völlig durchgeknallt. Würde er zwei Millionen Pfund in unsereins investieren, wären wir für den Rest des Lebens alle Sorgen los, und er geht hin und gibt sie für ein Pferd aus. Zurückgebliebene Kinder sind schlimm genug, eine halbe
Million für Lernbehinderte… aber das genügt ihm nicht, wie? O nein. Er kauft gleich noch diesen blöden Blue Clancy, und wieviel Millionen hat denn der ihn gekostet? Wie viele?«Er war in Fahrt, streitlustig, fordernd, aggressiv, stieß das Kinn vor.
«Er kann sich’s leisten«, sagte ich.»Ich glaube, er ist sehr reich.«
«Glaubst du!«Gervase wurde noch zorniger.»Woher willst du wissen, daß er nicht den letzten Penny vergeigt? Ich werde einen Weg finden, ihn zu stoppen. Man muß ihn stoppen.«
Er streckte plötzlich seine freie Hand aus und entriß mir mein halbvolles Glas.
«Mach, daß du rauskommst«, sagte er.»Mir reicht’s.«
Ich rührte mich nicht. Ich sagte:»Mich rauswerfen löst keine Probleme.«
«Es ist ein verdammt guter Anfang. «Er stellte beide Gläser auf den Tisch und sah aus, als wäre er bereit, den Gedanken in die Tat umzusetzen.
«Als Malcolm nach Cambridge floh«, sagte ich,»hat Alicia dir da erzählt, wo er war?«
«Bitte?«Es bremste ihn einen Moment.»Ich weiß nicht, wovon du redest. Los, raus mit dir.«
«Hast du Malcolms Hotel in Cambridge angerufen?«
Er hörte kaum zu. Er brach in eine tiefempfundene Tirade aus.»Ich habe deinen Spott und dein affektiertes Getue satt. Du hältst dich für was Besseres als mich, und du bist nicht besser. Seit jeher hast du Schleimpunkte bei Malcolm gesammelt und ihn gegen uns aufgehetzt, und er ist blind und dumm, was dich angeht… Verschwinde.«
Drohend trat er vor, die eine Hand zur Faust geballt.
«Und da soll ich mich für dich einsetzen«, sagte ich und blieb still stehen.
Sein Mund ging auf, doch er brachte keinen Ton heraus.
«Alicia erzählt dir, daß ich über dich spotte«, sagte ich,»aber das stimmt nicht. Sie lügt dir was vor, und du glaubst es. Ich habe Malcolm nie gegen dich aufgehetzt. Schlag mich jetzt, und ich könnte auf den Gedanken kommen. Wenn ich versuchen soll, Malcolm dazu zu bringen, daß er blecht, nimm die Faust runter und gib mir meinen Scotch zurück, dann trinke ich aus und gehe.«
Nach einer langen Pause, in der er mich schweigend anstarrte, kehrte er mir den Rücken. Ich faßte das als Einverständnis mit den Bedingungen auf und ergriff eines der Gläser, nicht sicher, ob es meins war oder seins.
Es war seins. Der Drink war viel stärker, kaum mit Wasser verdünnt. Ich setzte ihn ab und nahm den anderen. Da er sich nicht umdrehte, merkte er nichts davon.
«Gervase«, sagte ich nüchtern,»geh mal zum Psychiater.«
«Kümmer dich um deinen Dreck.«
Ich trank einen Schluck Scotch, aber nur symbolisch, und stellte das Glas wieder hin.
«Tschüs«, sagte ich.
Er zeigte mir noch immer seinen Rücken und schwieg. Ich zuckte hinter ihm die Achseln und ging auf den Flur hinaus. Ursula und die beiden Mädchen standen besorgt in der Küchentür. Ich lächelte sie schief an und sagte zu Ursula:»Wir packen das schon irgendwie.«