»Wo arbeitet er denn?«
Sie droht mir wieder mit dem Finger. »Weshalb wollen Sie das wissen?«
»Um meinen Gesichtskreis zu erweitern.«
»Erweitern Sie ihn in eine andere Richtung.«
»Vielleicht in Ihre?«
Musa droht mir wieder lachend mit dem Finger. Sie fühlt sich wohl, sie ist, kann man sagen, in ihrem Element.
Mir wird allmählich kalt. Musa hat es natürlich schön warm in ihrem prachtvollen Lammfellmantel und den Pelzstiefelchen. Mein alter Mantel dagegen, den ich speziell für solche Treffs habe, schützt wenig. Die Füße erstarren mir.
»Wo wollen wir denn hin?« frage ich.
»In die Wohnung von Koljas Freund. Er ist im Ausland und hat Kolja die Schlüssel dagelassen.«
»Donnerwetter, hat der Freunde!«
»Na und? Kolja sagt, daß er selbst auch bald ins Ausland fährt.«
»Sehr bald?« frage ich lächelnd.
»Vielleicht in einem Jahr. Inzwischen kann noch viel passieren.«
»Ohne Zweifel«, sage ich überzeugt, und da ich allmählich die Geduld verliere, schaue ich in Richtung Taxi-Halteplatz.
Endlich rollt ein Taxi heran. Ich helfe Musa beim Einsteigen und setze mich neben sie auf den Rücksitz. Musa nennt die Adresse, und ich präge sie mir ein.
Der Wagen flitzt durch die bereits von winterlicher Dämmerung erfüllten Straßen des Zentrums. Durch alle Ritzen zieht es eiskalt herein. Nanu, am Morgen waren es doch noch null Grad? Ganz schöne Schwankungen!
Musa sieht auf die Uhr, runzelt die Brauen, als überlege sie angestrengt, dann beugt sie sich zum
Fahrer vor. »Bitte halten Sie an einer Telefonzelle. Ich muß telefonieren.«
Der Fahrer nickt.
Musa denkt nicht daran, uns etwas zu erklären.
Wenig später hält der Wagen vor einem großen Lebensmittelgeschäft. Am Eingang stehen Telefonzellen. Ich helfe Musa beim Aussteigen, wage aber nicht, sie zu begleiten.
Bevor sie telefonieren geht, sagt sie zu dem vorn sitzenden Ljocha, wobei sie auf das Geschäft zeigt: »Ljocha, Sie gehn inzwischen einkaufen.« Das klingt beinahe wie ein Befehl.
Ljocha knurrt etwas und steigt unlustig aus. Ich aber setze mich wieder vergnügt auf meinen Platz, auf dem ich mich schon ein wenig erwärmen konnte.
Musa telefoniert lange, wahrscheinlich führt sie nicht nur ein Gespräch. Ljocha kommt auch nicht zurück. Ich habe Zeit zum Nachdenken. Wem gehört die Wohnung, zu der wir fahren? Das läßt sich leicht feststellen. Doch jetzt muß ich entscheiden, wie ich mich weiter verhalten werde. Also ich lerne Pest kennen. Ihn gleich festzunehmen wäre ebenso nutzlos, wie es bei Ljocha der Fall wäre. Es liegen weder Anschuldigungen noch Beweise vor. Nicht einmal der Fakt des Verbrechens ist bisher festgestellt worden: Die Leiche wurde noch nicht entdeckt. Kein Staatsanwalt würde einen Haftbefehl ausstellen. Also bleibt mir nur, Pest kennenzulernen und alle Umstände zu klären, die mit dem Mord in Zusammenhang stehen. Kurz und gut, Ermittlung. Doch nein! Wenn Pest eine Pistole hat, kann ich ihn festnehmen. Muß ich ihn festnehmen. Ich werde ihn mit den Patronen ködern.
Pflichtbewußt sind die Jungs unserem Taxi gefolgt. Eben habe ich sie bemerkt. Selbstverständlich werden sie warten, bis ich jenes Haus verlasse. Sie werden wahrscheinlich sogar feststellen, in welche Wohnung wir gehen. Das ist für sie kein Problem. Und sie werden in der Nähe sein. Beide Kerle sind keine Grünschnäbel, und wer weiß, was ihnen plötzlich einfällt. Besonders diesem Pest. Und was Musa betrifft... Sie ist zwar nicht übermäßig schlau, aber bei all ihrem Leichtsinn scheint sie ein tapferes und energisches Mädchen zu sein. Sie ist einfach getäuscht worden. Pest-Kolja hat sie geschickt getäuscht. Zugleich weiß sie eine Menge und könnte eine wertvolle Verbündete werden. Doch einstweilen ist es nicht ratsam, die Karten vor ihr aufzudecken.
Musa kommt zum Wagen gelaufen, und ich bin ihr beim Einsteigen behilflich.
Musa setzt sich auf ihren Platz und sagt aufgeregt. »Oh, hab ich geschimpft! Die reinste Leibeigenschaft! Nicht mal für 'ne Stunde darf man weg!«
»Haben Sie Ihre Arbeitsstelle angerufen?«
»Ja. Und dabei ist es um diese Zeit ruhig im Restaurant. Das Mittagessen ist vorbei, das
Abendessen fängt gerade erst an. Da könnten sie doch mal ein Auge zudrücken, schließlich bin ich Mitglied des Gewerkschaftskomitees«, fügt sie nicht ohne Stolz hinzu. »Und sie haben mich selbst gewählt.«
»Ja«, sage ich mitfühlend. »Ganz schön lange haben Sie geschimpft.«
»Ich habe noch meine Mutter angerufen.«
»Und Kolja«, ergänze ich in ihrem Ton.
Lächelnd fragt sie: »Woher wissen Sie das? Sie haben doch hier im Auto gesessen.«
»Es ist nicht schwer, das zu erraten.«
»Stimmt«, sagt sie. »Ich hab ihn angerufen.«
Wie gern würde ich sie jetzt bei der Hand nehmen, ihr in die ausdrucksvollen, lustigen Augen blicken und sie warnen. Was tust du? Worauf läßt du dich ein, du Tollkopf? Dein Kolja ist ein Bandit, verlaß ihn, solange es noch nicht zu spät ist. Aber ich darf ihr nichts sagen. Ich schaue ihr nur in die Augen, die zunächst verwundert, dann unstet blicken. Hat sie Angst bekommen? Aber doch nicht vor mir! Freundschaftlich lächle ich ihr zu. Nun schaut sie mich forschend an. Und plötzlich ist es, als gäbe es eine Brücke zwischen uns, eine Brücke der Sympathie und des Vertrauens. Ja, sie hat ausdrucksvolle Augen.
»Abgemacht?« frage ich rätselhaft.
Lächelnd nickt sie.
Da wird die Vordertür geöffnet, und Ljocha läßt sich mit einem großen Paket ins Auto plumpsen. Mit ihm dringt ein Schwall Kälte herein.
»Fahr los, Chef«, sagt Ljocha heiser.
Und wieder flitzen wir durch Moskaus Straßen. Es wird dunkel, aber die Laternen brennen noch nicht. Die Sicht ist schlecht. Die gefährlichste Zeit für die Fußgänger, und für die Fahrer auch. Zumal die Hauptverkehrszeit begonnen hat und sehr viele Fahrzeuge auf den Straßen sind. Wir bewegen uns in einem geschlossenen Autostrom ruckartig vorwärts. Während eines solchen Rucks geraten wir bei Rot auf eine Kreuzung. Obwohl nirgends eine Trillerpfeife erschallt, biegt der Fahrer scharf ab und türmt durch ein Gewirr mir unbekannter Gassen. Im Auto herrscht gespanntes Schweigen, als warte jeder von uns unruhig auf irgend etwas. Nun, ich habe Grund, unruhig zu sein, aber sie? Sie könnten ein wenig plaudern. Allerdings kennen sie sich kaum und haben nichts, worüber sie plaudern könnten, zumal in Gegenwart eines Fremden. Ljocha starrt mürrisch vor sich hin und kaut an der erloschenen Zigarette. Musa und ich lassen hin und wieder eine Bemerkung über das Wetter und die Straßen fallen.
Inzwischen fahren wir den Prospekt Mira entlang und biegen bald darauf in eine Seitenstraße ein. Eben sind die Laternen erstrahlt. Auch die Straße, in die wir eingebogen sind, ist gut beleuchtet. Der Fahrer findet mühelos die gewünschte Hausnummer. Der Wagen hält vor einem hohen Turm.
»Da wären wir«, sagt der Fahrer. Schnaufend kramt Ljocha nach dem Geld. Ich steige rasch aus und schaue mich um. Tatsächlich! Die Jungs haben uns verloren. In dieser Situation war das nicht zu vermeiden. Die verteufelten Rucks vor den Verkehrsampeln! Besonders der letzte, bei Rot! Sie werden uns nicht finden. Und das kompliziert die Lage.
Ich helfe Musa beim Aussteigen. Kokett lächelt sie mich an. Ljocha kramt immer noch nach dem Geld, das Paket stört ihn.
»Ich verlasse Sie gleich«, sagt Musa. »Ich verspäte mich sowieso schon. Ich schließe Ihnen nur die Wohnung auf. Und Sie warten dort auf Kolja.«
»Schade, daß Sie uns verlassen«, sage ich. »Eine Frau ist eine Zierde jeder Männergesellschaft.«
Mir tut es wirklich leid, daß sie weggeht. Mir ist, als würde ich es ohne sie schwerer haben. Die Situation hat sich ja auch insofern kompliziert, als die Jungs uns verloren haben. Und da habe ich eine Idee. Wenn ich nun... Ohne die Jungs entwischt mir Pest-Kolja bestimmt. Ljocha und er werden sich nach diesem Treff wieder trennen. Ja, ich muß es riskieren. Einen anderen Weg sehe ich nicht. Doch zunächst frage ich Musa: »Musa, ist ein Telefon in der Wohnung? Ich muß auch Bescheid geben, ich habe ja nicht gedacht, daß ich so lange weg bleibe. Nebenbei bemerkt, auch bei mir zu Hause warten Kunden.«