»Nein«, Musa schüttelt den Kopf. »Da ist kein Telefon.«
»Dann, Musa. Würden Sie das für mich erledigen?«
»Selbstverständlich. Wo soll ich anrufen?«
»Ich notiere es Ihnen.« Auf ein Stück Papier schreibe ich Ilja Sacharowitschs Nummer und gebe es ihr.
»Das ist ein Bekannter von mir«, erkläre ich. »Bestellen Sie ihm, er möchte uns in einer Stunde hier abholen. Ljocha übernachtet bei ihm. Macht Ihnen das keine Mühe?«
Trotz allem fühle ich mich unbehaglich, genauer, unsicher, obwohl Musa keinerlei Befürchtungen und schon gar nicht Feindseligkeit in mir hervorruft. Im Gegenteil, zwischen uns ist ein gewisser freundschaftlicher Kontakt entstanden, eine gewisse Sympathie füreinander. Und meine Bitte dürfte ihr nicht verdächtig erscheinen. Die beiden Kerle, besonders Pest, würden bei einem solchen Ersuchen sofort aufhorchen. Dieses Mädchen aber ahnt nichts von den Machenschaften der beiden. Das hat Valja gesagt.
»Klar, mach ich«, antwortet Musa ruhig, während sie den Zettel mit der Telefonnummer in die Handtasche steckt. »Ach!«
Sie stürzt zum Taxi, läuft um den Wagen herum, öffnet die Vordertür und sagt zum Fahrer: »Bitte, junger Mann, warten Sie fünf Minuten. Ich bin furchtbar spät dran. Es soll Ihr Schade nicht sein.« Sie lächelt bezaubernd. Und dieses Lächeln tut im Verein mit dem zu erwartenden Trinkgeld seine Wirkung.
Mit dem Lift fahren wir alle drei in die neunte Etage hinauf, und Musa öffnet uns die Wohnungstür.
»So, meine Lieben, machen Sie es sich bequem«, sagt sie. »Den Tisch müssen Sie sich selber decken. Schauen Sie«, sie geht in die Küche, und wir folgen ihr gehorsam. »Hier steht das Geschirr. Ljocha, legen Sie das Paket dorthin. Kolja kommt wahrscheinlich in einer halben Stunde.«
Ljocha legt das Paket auf den Tisch, und wir kehren in den engen Vorraum zurück. Dort verabschiedet sich Musa von uns. Die Tür klappt zu, und Ljocha und ich sind allein.
»Na, sehen wir uns mal um«, sage ich. »Warst du schon mal hier?«
»Nein.« Ljocha zündet sich eine Zigarette an.
Wir sind in einer Einzimmerwohnung, die mit ein paar altersschwachen Möbeln ausgestattet ist. Im Zimmer stehen zwei Regale mit verstaubten, offenbar zufällig hierher geratenen Büchern. Die Liege in der Ecke ist mit einem abgeschabten Teppich bedeckt, in der anderen Ecke lagert ein Haufen Spannrahmen. An den Wänden hängen Fotos und ein großes Ölgemälde. Eine Stadtlandschaft - stille Gasse im Winter. Das Bild ist der einzige lebendige frische Fleck in diesem vernachlässigten unwohnlichen Zimmer.
»Na schön«, sagt Ljocha. »Gehn wir in die Küche.«
Dort nehme ich ein paar armselige Teller und Gläser aus dem Schrank und billige, krumme Gabeln, während Ljocha Brot, Wurst, Käse, irgendwelche Konservenbüchsen und natürlich Wodka auspackt.
Die von Musa erwähnte halbe Stunde vergeht, aber Pest-Kolja erscheint nicht. Eine Stunde vergeht. Auch Ilja Sacharowitsch läßt sich nicht blicken. Er soll ja auch nicht herkommen. Selbstverständlich hat er begriffen, daß er die von Musa mitgeteilte Adresse an unsere Jungs weitergeben soll. Wahrscheinlich warten sie schon auf der Straße.
»Vielleicht kommt er nicht?« frage ich schließlich.
»Der kommt, wo soll er sonst hin?« sagt Ljocha mit Baßstimme und tritt an den Tisch. »Stärken wir uns erst mal.«
Wir trinken, essen einen Happen, und Ljocha, der sich eine Zigarette angezündet hat, gerät in heitere, beinahe träumerische Stimmung. »Ach«, seufzt er, »die Leute mit dem großen Geld, die führn ein Leben...«
»Wo nehmen sie das Geld her?« frage ich mit vollem Mund.
»Wo sie es hernehmen, da sind wir beide nicht«, antwortet Ljocha. »Das ist so 'ne Art Amerika. Da lassen sie unsereins nicht hin.«
»Die Sache ist doch so«, sage ich, »sie nehmen dort, und du nimmst von ihnen. Fertig, aus. Was willst du mehr?«
»Die scheffeln Tausende, und dir werfen sie Kopeken hin«, knurrt Ljocha. »So 'n Fahrplan haben die, kapiert?«
»Pest werfen sie auch bloß Kopeken hin?« frage ich.
»Na, für den knapsen sie auch mal 'n paar Rubelchen ab.«
»Man muß eben Grips haben.« Gewichtig klopfe ich mir mit dem Finger an die Stirn. »Dann können sie einen nicht mit Kopeken abspeisen.«
»Haha! Versuch mal, dich an die ranzumachen. Da hast du gleich 'n Messer zwischen den Rippen. So speisen sie dich nämlich auch ab. Die finden immer zwei, die sie auf dich hetzen. Und - zack! Wie Pest und ich den da. Alles in bester Form.«
»Da haben sie also auch irgendwas nicht teilen wollen?«
»Genau. Und dann heißt es: Ljocha, los, leg ihn um. Mach dich dreckig für ihre Kopeken. Spiel Versteck mit dem Knast. Oder mit der Todesstrafe. Ich weiß doch Bescheid!«
»Spuck drauf. Hast du denn Lust zu so was?«
»>Spuck drauf< näht dir kein Hemd und bringt keine Flasche zum Tröpfeln. Trotz allem hab ich was auf der hohen Kante. Ich kann einer gewissen Person sogar Geschenke machen.«
»Musas Lammfellmantel hat doch bestimmt Pest gekauft?«
»Wer sonst? Ich sag dir doch, der zieht mehr an Land als ich. Der läuft schon lange bei denen an der Leine.«
Die Unterhaltung wird immer interessanter. Zum erstenmal ist Ljocha so offenherzig. Und das liegt keineswegs daran, daß wir schon das dritte Glas intus haben. Letztens haben wir mehr getrunken. Aber jetzt sind die Situation und der Grad an Vertraulichkeit anders. Außerdem wird Ljocha mal von Wut, mal von Neid, mal von Wehmut gepeinigt. Von wölfischer, wilder, einsamer Wehmut, die ihn nie verläßt. Bald tritt sie an die Oberfläche, bald taucht sie unter, von Ausbrüchen der Wut oder der Leidenschaft verdrängt. Sie ist wie eine Vorahnung künftigen Unglücks. Im geeigneten Augenblick ist das ein starker Hebel, um solch einen Menschen umzustülpen, ihn zu zwingen, einen anderen Weg im Leben zu wählen. Wann wird dieser Augenblick zwischen Ljocha und mir eintreten? Daß er einmal kommen wird, spüre ich. Etwas an Ljocha ist noch nicht ganz verloren.
»Ja, die drehn große Dinger«, sagt Ljocha neidisch und seufzt. »Bereiten sich lange vor. Es sind eben Meister...«
Ich höre aufmerksam zu. Offenbar ist von irgendeiner Bande die Rede, in der Ljocha und Pest nur drittrangige Rollen spielen. Was sind das für Dinger, was für Verbrechen plant und verübt diese Bande? Vielleicht teilt Ljocha noch etwas mit. Aber da wird die Wohnungstür aufgeschlossen, jemand betritt die Wohnung und ruft aufgekratzt: »He, Leute!«
»He, Pest!«
Ljocha springt so ungeschickt auf, daß er mir beinahe den Tisch mit den Eßwaren in den Schoß kippt. Im letzten Moment verhindere ich es.
Aus dem Vorraum kommt ein junger Mann, der fast so groß ist wie ich, zu uns in die Küche. Die hellen Haare sind zurückgekämmt und hängen, eine modische Mähne, beinahe bis auf die Schultern, das weiche rosa Gesicht mit dem kleinen Mund gleicht dem eines Engels, die leeren blauen Augen blicken kalt und aufmerksam. Stolz die Haltung des Kopfes, der ganzen schlanken, eleganten Figur. Er trägt - Mantel und Mütze hat er im Vorraum abgelegt - einen modernen braunen Anzug und unter der Jacke einen hübschen salatgrünen Pullover.
Die blauen Augen richten sich auf mich. »Aha, das ist also der neue Bekannte«, sagt Pest langsam. »Wie heißt du?«
»Vitjok. Und du bist Pest«, antworte ich freundschaftlich und rekele mich auf dem Stuhl.