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Die Kälte verschwindet nicht aus den blauen Augen, die gespannte Aufmerksamkeit auch nicht. »Damit hätten wir uns also kennengelernt«, sagt Pest zurückhaltend und setzt sich an den Tisch. »Gieß ein«, befiehlt er Ljocha, ohne den Kopf nach ihm zu wenden. »Trinken wir zunächst auf die Bekanntschaft.«

Ljocha gießt willig Wodka in die Gläser. Pest sagt spöttisch zu mir: »Na dann erzähl mal, Vitjok, wie's einem ehrlichen Dieb bei euch so geht. Wie kämpft die große Moskauer Kriminalmiliz? Zittert ihr?«

»Leicht haben wir's nicht«, sage ich grinsend.

»Ihr dreht nette Dingerchen, wie man hört?«

»Für den einen sind sie nett, für den anderen weniger«, erwidere ich unbestimmt. »Je nachdem, worauf einer aus ist.«

»Hast du was vorzuschlagen?«

»Du hast in Moskau wohl nichts zu tun?« frage ich geringschätzig.

»Langsam, Vitjok«, sagt Pest drohend, »kämm nicht gegen den Strich. Du bist zu mir gekommen, nicht ich zu dir. Vergiß das nicht. Und spuck aus, was dich herführt.«

»Dein Kumpel hat beschlossen, sich für dich zu bemühen«, ich deute auf Ljocha, der, mürrisch wie immer, zuhört.

Ljocha nickt, klemmt sich eine Zigarette zwischen die Zähne und greift nach den Streichhölzern.

»So. Bisher ist klar, daß nichts klar ist«, stellt Pest fest, ohne mich aus den Augen zu lassen. »Weiter, Vitjok.«

Sein Betragen, seine Sprechweise, sogar sein Blick gefallen mir nicht. Und ich spüre, daß auch ich ihm nicht gefalle. Aber ich verhalte mich doch völlig normal, anfangs hab ich mich sogar freundschaftlich gezeigt! Woher dieses Mißtrauen, diese Feindseligkeit?

»Er meint, du brauchst blaue Bohnen«, fahre ich fort. »Ist's an dem?«

»Nehmen wir mal an«, sagt Pest vorsichtig.

»Gut. Aber was für 'ne Kanone du hast, das ist ihm schleierhaft.« Ich grinse verächtlich.

»Braucht ihn auch nicht zu kümmern«, antwortet Pest. »Was für Bohnen hast du?«

»Welche werden gebraucht?«

Es ist besser, ihm nicht das ganze Sortiment vorzuweisen. Eine so reichliche Auswahl kann Verdacht hervorrufen. Den scheint er ohnehin schon zu haben. Ja, Pest ist nicht der Simpel Ljocha. Wo mag er den Spitznamen herhaben? Pest? Er sieht doch aus wie das blühende Leben! Die leeren, kalten Augen allerdings... Fast unheimlich. Wie ist es möglich, daß Musa das nicht gemerkt hat?

»Ich brauche welche für eine >Walther<, Modell 1«, sagt Pest exakt. »Ist so was aufzutreiben?«

»Hast du die Kanone bei dir?« frage ich sachlich und hole drei Patronen aus der Tasche. »Wir müßten mal probieren. Diese beiden sind für >Walther<, die Nummer weiß ich nicht.«

»Du hast aber gesagt, du weißt es«, ruft Ljocha.

»Ja?« Pest wirft ihm einen Blick zu. »Also hast du's verschwitzt, Professor.«

»Ich weiß bloß, daß die für eine >Walther< sind«, sage ich ärgerlich. »Und die da paßt für einen Nagant. Auch für TT hab ich welche.« Ich winke geringschätzig ab. »Es sind nicht meine. Kumpels haben sie mir gegeben. Und du mach nicht die Pferde scheu«, sage ich zu Ljocha und zwinkere ihm freundschaftlich zu.

Pest scharrt, ohne mir zu antworten, die Patronen zu sich heran und betrachtet sie.

»Na gut«, sagt er schließlich und schiebt sie beiseite. »Trinken wir erst mal. Los, Ljocha.«

Und Ljocha gießt so bereitwillig wie zuvor Wodka in die großen grünen Gläser.

»Trinken wir auf die Weiber«, schlägt Pest vor. »Auf die klugen und schönen. Die uns ewig gehören. Solche wie Musa. Och, dieses Schokoladchen, ich kann dir flüstern.« Er leckt sich die Lippen. »Zum erstenmal hab ich so was Süßes, bei Gott. Von der kommst du nicht mehr los. Kannst einen Tag mit ihr sitzen, zehn Tage. Und gerissen ist das Aas, wenn du wüßtest.«

Wir stoßen an, trinken, essen einen Happen.

»Hast du Musa früher schon mal getroffen?« fängt Pest wieder an und wendet den leeren, aber klammernden Blick nicht von mir ab.

»Nein.« Ich schüttle den Kopf. »An so eine würde ich mich erinnern, da kannst du Gift drauf nehmen. Aber wieso ist sie gerissen? Hat sie dich übers Ohr gehauen?«

»Warum sie gerissen ist?« fragt er grinsend zurück. »Sie kann wahrsagen, verstehst du?«

»Ist sie 'ne Zigeunerin?«

»Besser. Zigeunerinnen lesen aus der Hand oder aus den Karten. Schokoladchen liest aus den Augen. Und es haut immer hin. Sie hat 'ne Witterung wie 'n Hund.«

»Du spinnst«, sage ich und lächle mißtrauisch.

»Ich sag's, wie's ist!« ruft er begeistert. »Es haut immer alles hin. Alles trifft ein. So was hast du noch nicht gesehn. Ach!« Er seufzt. »Wenn ich sie satt hab, mach ich sie kalt. Damit kein andrer sie kriegt. Und weißt du, auf wen wir zum Schluß trinken? Auf die lieben Mütter, ja? Ljocha!«

Diesen Ljocha kommandiert er ganz schön herum. Und der gehorcht ohne Widerrede. Ja, in der Bande spielen sie unterschiedliche Rollen. Pest ist weit klüger, energischer und böser, und deshalb auch gefährlicher. Er ahnt etwas. Und führt etwas im Schilde.

Wir trinken aus. Pest schiebt entschlossen den Stuhl zurück, steht auf, als hätte er keinen Tropfen getrunken, und sagt zu mir: »Wart hier, Vitjok. Ich geh mal und probiere, ob deine blauen Bohnen passen.«

Er nimmt die Patronen vom Tisch und geht zur Tür. Auf der Schwelle dreht er sich jedoch um und befiehlt: »Ljocha! Los, komm mit!«

Ljocha rappelt sich schwerfällig hoch.

Ich bleibe allein in der Küche.

Aus dem Zimmer, in das Pest und Ljocha gegangen sind, dringt kein Laut. Seltsam. Als hätten sie dort ihr Leben ausgehaucht. Vielleicht probieren sie die Patronen gar nicht? Eine muß passen, und dann klickt das Schloß der Pistole. Aha, jetzt. Ich höre deutlich metallisches Klicken. Aber keine Stimmen. Machen sie alles schweigend? Nein, wahrscheinlich flüstern sie. Wozu hat Pest Ljocha mitgenommen? Aha! Da sind sie.

Ich sitze nach wie vor rauchend am Tisch. Als erster betritt Pest die Küche, er lächelt zufrieden. Dann erscheint Ljocha. Er ist noch mürrischer als sonst. Pest hat die Patronen in der Hand, alle drei. Ljocha hat nichts in den Händen. »Diese paßt«, sagt Pest und legt eine Patrone vor mich hin. »Wieviel kannst du besorgen?«

»Zwanzig... Oder willst du mehr?«

»Mindestens fünfzig. Und sieh mal, hier.«

Pest beugt sich zu mir und nimmt die Patrone in die Hand. Ich beuge mich ebenfalls vor. Im gleichen Moment trifft ein furchtbarer Schlag meinen Kopf. Ich stürze mit dem Stuhl zu Boden. Vor meinen Augen dreht sich alles wie rasend und verschwindet. Unerträglicher Schmerz droht meinen Schädel zu sprengen. In der undurchdringlichen Finsternis sagt Pest wie in weiter Ferne: »Geschieht ihm recht, dem Hund! Ganz normal umgelegt. Blödmann, wem hast du vertraut? Wäre Musa nicht gewesen. Sie hätten uns beide schon am Haken. Schnell. Schnell.«

Die Stimme wird schwächer und verhallt in der Finsternis. Für eine Sekunde ist sie plötzlich wieder da: »Wäre Musa nicht gewesen. Wäre Musa.« Dann ist sie endgültig verschwunden. Ich verliere das Bewußtsein.

Als ich zu mir komme, herrscht Dunkelheit ringsum, bedrückende Dunkelheit. Ich versuche mich zu bewegen und höre mein eigenes Stöhnen. Dieses Dunkel. Ich habe die Augen geöffnet, ja, aber es wird nicht hell. Ich habe Angst. Denn ringsum ist niemand. Ich bin allein.

Allmählich kehrt die Erinnerung zurück. Zunächst die visuelle. Schatten tauchen auf. Aha, Männer. Allmählich erkenne ich sie. Der eine beugt sich zu mir, während der andere von hinten. Sie haben mich nicht erschlagen, das ist klar, ich lebe, sie hatten es zu eilig.

Das Dunkel lichtet sich kaum merklich, ich nehme einen goldenen Schimmer wahr. Erneut versuche ich, mich zu bewegen. Ich hebe die Hand an. Immer noch bin ich allein. Ich liege auf dem Fußboden, das Gesicht nach unten. Ich muß noch einmal versuchen, mich zu bewegen. Ich mag nicht. Habe keine Kraft. Ich möchte nur daliegen. Aber ich zwinge mich. So. Uff. Langsam drehe ich mich auf den Rücken. Dann auf die andere Seite. Ich erblicke ein Fenster. Nach und nach erinnere ich mich.