Eine neue Aufgabe - aufstehen. Ich will nicht. Ich will liegen, sonst nichts. Aber ich muß aufstehen. Unverzüglich. Wenigstens knien. Nachher kannst du dich wieder hinlegen, verspreche ich mir listig. Wie mir die Hände zittern. So. Ich krieche zur Tür, halte mich an der Wand fest und stehe langsam auf. Jetzt zittern mir die Beine. So. Gut. Ich stehe schon, an die Wand gelehnt. Mir wird übel. Krampfhaft schlucke ich Speichel. Wieder und wieder. Die Übelkeit vergeht. Ich fahre mit der Hand an der Wand entlang und finde den Schalter neben der Tür. Ich drücke, und mit dem Klicken flammt Licht auf. Unwillkürlich kneife ich die Augen zusammen. So. Jetzt sieht die Sache anders aus. Nur der Kopf tut mir fürchterlich weh. Kein Wunder. Ljocha hätte ihn mir ja um ein Haar gespalten! War er zu aufgeregt, der Schuft? Danke, daß du mich am Leben gelassen hast. Danke, Ljocha.
Und nun gehen wir in den Vorraum. Nicht so hastig, mein Lieber. Halt dich an der Wand fest, wenn dir schwindlig ist. Ja, so. Oh, wieder diese Übelkeit. Ich bleibe stehen, schlucke krampfhaft. So, jetzt ist mir leichter. Ich kann weitergehen. So. Wie spät mag es sein? Ich bleibe stehen, hebe den Arm und starre lange auf die Uhr. Endlich begreife ich, daß sie geht und es halb elf ist. Wieviel Stunden habe ich in dieser verfluchten Küche gelegen? Wann sind wir hergekommen? Um vier haben wir uns mit Musa getroffen. Ungefähr um fünf sind wir hier angekommen. Mindestens eine Stunde haben wir gewartet. Also ist Pest gegen sechs erschienen. Und eine weitere Stunde später haben sie mich. Demnach habe ich rund vier Stunden hier gelegen.
Zweifellos werde ich schon gesucht. Und da unsere Leute noch nicht da sind, bedeutet das, daß sie diese Adresse nicht kennen. Ich hab doch Musa gebeten, anzurufen. Hat sie meine Bitte nicht erfüllt? Halt, halt! Wer hat gesagt: »Wäre Musa nicht gewesen.«? Pest. Also hat sie mich verraten. Überlistet hat sie mich, das ist alles. Ich habe mich wohl noch nie so geirrt. Ob sie meinen Plan durchschaut hat? Nein. Durchschaut hat ihn Pest. Sie hat ihm bloß meine Bitte und die Telefonnummer mitgeteilt. Wie konnte ich ihr trauen? So ein Früchtchen! Sie ist kein naives, getäuschtes Mädchen. Sie hat es fertiggebracht, mich zu täuschen. Und ich habe meinen Fehler teuer bezahlt. Nur gut, daß Ljocha die Hand gezittert hat.
Ich hab den Vorraum erreicht und lasse mich erschöpft auf einen Stuhl sinken. So. Jetzt kann ich weiter überlegen.
Da ich also verschollen bin und Ljocha verschwunden ist, werden sich meine Leute an das einzige ihnen bekannte Glied halten - an Musa. Wird sie sagen, wo ich mich befinde? Doch wenn ich berücksichtige, daß seit meinem Verschwinden sechs Stunden vergangen und die Jungs noch nicht hier sind, dann bedeutet dies, daß Musa nichts gesagt hat. Welche Schlußfolgerung ergibt sich daraus?
Mein armer Kopf fühlt sich nach der verstärkten Arbeit etwas besser. Schmerz empfinde ich nur dann, wenn ich ihn, wo auch immer, berühre. Ein mächtiger Schlag.
Somit ist anzunehmen, daß unsere Jungs hier überhaupt nicht aufkreuzen werden. Ich muß mich also mit eigenen Kräften herausrappeln.
Ich sitze im Vorraum auf dem unbequemen Stuhl und komme allmählich zu mir. Nach einer Weile stehe ich ohne große Mühe auf und gehe zur Tür. Sie hat ein einfaches Schloß, doch öffnen läßt es sich nicht. Ich plage mich mit ihm ungefähr zwanzig Minuten ab, verausgabe mich völlig und überzeuge mich schließlich, daß meine Bemühungen sinnlos sind. Wurde das Schloß beschädigt? Ach, ist das eine Situation! Es bleibt nur ein wenig angenehmer Ausweg.
Ich kehre in die Küche zurück, schaue mich um und packe einen Schemel. Ich bin inzwischen wieder bei Kräften und donnere ihn dermaßen an die Wand zur Nachbarwohnung, daß sicherlich das ganze Haus wackelt. Wenig später klopft jemand hartnäckig an meine Wohnungstür.
Ich laufe in den Vorraum und muß durch die geschlossene Tür verhandeln. Ich erfahre, daß auf der anderen Seite der beunruhigte Nachbar steht. Er bejaht meine Frage, ob er Telefon hat. Nachdem ich ihn instruiert habe, läuft er in seine Wohnung und telefoniert. Die weiteren Ereignisse rollen mit kinematographischer Geschwindigkeit ab.
Eine Stunde später sitze ich bereits in Kusmitschs Arbeitszimmer. Valja und Petja Schuchmin sind auch da. Trotz der späten Stunde sind sie noch im Dienst. Mein Verschwinden hat alle in Aufregung versetzt. Während ich mir dauernd an den brummenden Schädel fasse, erstatte ich Bericht...
»Tja...«, sagt Kusmitsch, als ich meinen Bericht beende, und fährt sich über die Stoppelhaare im Nacken, was von äußerster Unzufriedenheit zeugt. »Einen aussichtsreichen Fall hast du uns da ausgegraben.«
»Einen gefährlichen Fall«, füge ich hinzu. »Wer weiß, was sie noch anstellen. Und sie haben eine Pistole, Fjodor Kusmitsch.«
Kusmitsch nickt. »Wir dürfen die Sache nicht auf die leichte Schulter nehmen, meine Lieben.« Und finster ergänzt er: »Musa ist auch verschwunden. So sieht's aus.«
Ein gewisser Gwimar Iwanowitsch
Am nächsten Morgen komme ich später als gewöhnlich zur Arbeit. Selbstverständlich mit Kusmitschs Erlaubnis. Als er mich in der Nacht nach Hause fuhr, riet er mir sogar, mich krank schreiben zu lassen, aber ich lehnte ab. Der Schädel brummte nicht mehr allzu arg, und ich konnte sogar die Mütze aufsetzen. Mich für eine Weile ins Bett zu legen kam mir entwürdigend vor. Zu Hause erzählte ich Swetka nichts von dem Vorfall. Wir hatten eine Versammlung, erklärte ich, deshalb wurde es so spät. Andere Männer, das nebenbei, bemänteln mitunter weit lustigere Betätigungen mit Versammlungen. Was soll's, sogar darin äußert sich eine gewisse Spezifik unserer Arbeit.
In der Nacht konnte ich lange nicht einschlafen. Der Kopf tat mir scheußlich weh, und merkwürdigerweise abwechselnd an verschiedenen Stellen. Ich lag mit geschlossenen Augen da und dachte nach. Zunächst über meinen unverzeihlichen Fehler, den ich machte, als ich Musa vertraute. Dann über Ljocha und Pest. Was war das für eine Bande, der sie angehörten, was hatte die beiden zu uns nach Moskau getrieben? Lange wälzte ich mich hin und her. Dann schlief ich endlich ein.
Und nun sagt Kusmitsch zu uns: »Also, meine Lieben, in dieser Sache müssen zunächst drei Dinge geklärt werden. Erstens: Wo haben die Banditen wen ermordet, und wo ist die Leiche? Hat es überhaupt einen Mord gegeben? Zweitens: Wem gehört die Wohnung, in die Lossew geführt wurde? Und schließlich - Musa. Wir müssen sie finden. Vielleicht führt sie uns zu Pest. Und in dessen Umkreis hält sich Ljocha auf. Nun, was sagt ihr?«
Ich schweige ein Weilchen, dann antworte ich: »Es gibt einen vierten Punkt, Fjodor Kusmitsch! Wir müssen unsere Genossen in Jushnomorsk befragen. Bestimmt kennen sie diese Typen.«
»Sehr gut.« Kusmitsch nickt. »Noch etwas?«
»Übrigens«, meldet sich Petja Schuchmin, »laut Bericht ist gestern in der Nähe der Jelochowskaja-Kirche in eine Wohnung eingebrochen worden. Erinnert ihr euch?«
»Ja«, sage ich. »Stimmt.« Verwundert schaue ich Petja an. »Und was willst du damit sagen?«
Der riesige Petja sieht neben dem schmächtigen Valja Denissow sehr effektvoll aus. Er hat Ähnlichkeit mit Ljocha, der allerdings irgendwie formlos, ungeschlacht wirkt, während Petja immerhin SamboMeister von »Dynamo Moskau« ist und deshalb einen straffen, sportlichen Eindruck macht, trotz des ausgebeutelten Anzugs und des ewig aufgeknöpften Hemdkragens. Den Schlips trägt Petja vorwiegend in der Tasche und bindet ihn nur im Ernstfall um, wenn er zu einem hohen Vorgesetzten gerufen wird oder wenn es die operative Situation erfordert.