»Ich bitte Sie! Sie sind doch von der Miliz, nicht wahr?«
»Nun, in diesem Falle haben Sie tatsächlich recht.«
»Sehen Sie, in solchen Fällen irre ich mich nie«, erklärte der Dicke fröhlich und trat in den Korridor zurück. »Bitte.«
Petja ging in die Wohnung. Der Dicke schloß die Tür, reichte ihm die Hand und stellte sich vor. »Artemi Wassiljewitsch Beleschow. Ich bin zur Zeit krank geschrieben«, fügte er in entschuldigendem Ton hinzu.
Schuchmin nannte ebenfalls seinen Namen. Aber Beleschow fragte streng: »Und welchen Dienstgrad haben Sie?«
»Oberleutnant«, sagte Petja.
Beleschow führte ihn ins Zimmer, ließ ihn auf dem Sofa hinter dem niedrigen Klubtischchen Platz nehmen, setzte sich in den tiefen Sessel gegenüber, faltete die rundlichen rosa Hände auf dem Bauch und sagte ärgerlich: »Immerzu muß ich an den gestrigen Vorfall denken. Das erschüttert doch die Grundfesten! Da muß doch durchgegriffen werden! Wir sind zu liberal, verstehen Sie? Der Boden muß denen unter den Füßen brennen, so wär's richtig!« Er drohte mit der Faust. »Nicht genug, daß sie auf der Straße. sie müssen auch noch in fremde Wohnungen. Warum konnte Ihr Kollege die Tür nicht öffnen?«
»Der Schlüssel war von außen ins Schloß gesteckt und der Bart abgebrochen worden.«
»Schau an. Worauf die so kommen. Köpfchen muß man haben! Ich gehöre ebenfalls zur Intelligenz, wissen Sie. Zur Arbeiterintelligenz selbstredend. Die verfaulte, die steht mir bis hier.« Er fuhr sich über den Hals.
»Und wo arbeiten Sie?« fragte Petja.
»Ich bin Direktor«, antwortete Beleschow mit bescheidenem Stolz. »Habe ein Kulturhaus. Mit einem Saal für tausendeinhundert Personen. Schon allein künstlerische Intelligenz gibt's in Hülle und Fülle. Dirigenten, Regisseure, Schauspieler, Solisten. Ich bin zweiundzwanzig Jahre dabei. Und habe folgende Schlußfolgerung über sie gezogen: In der dritten Generation ist's mit denen aus und vorbei. Da muß von vorn angefangen werden. Angenommen, bei einem verläuft alles normal. Er strengt sich an, trinkt nicht, schafft, erntet Beifall, Ehrungen und alles übrige. Der Sohn, sage ich Ihnen, ist schon nicht mehr das. Der versetzt mehr, als er schafft. Na, und dem Enkel ist bloß noch das Gefängnis sicher, wahrhaftig. Das sind die, die in fremden Wohnungen stöbern. Wie gestern. Stimmt's?«
»Kennen Sie den Inhaber der Wohnung?« fragte Petja entschlossen. Ihm war klargeworden, daß sein Gesprächspartner immer weiter solche globalen Probleme erörtern würde und von selbst nie auf diese Frage zu sprechen käme.
»Auch über ihn sage ich Ihnen meine Meinung«, antwortete Beleschow energisch. »Das ist kein Maler, sondern ich weiß nicht was. Sein Vater war ein richtiger Meister, ein verdienter Mann. Diesen hier bitte ich: >Igor, mal mir ein Wandbild im oberen Foyer, kriegst es gut bezahlt.< - >Nein<, antwortet er, >ich fahre jetzt an den Busen der Natur.<«
»Also ist er Maler?« fragte Petja verwundert. »In seiner Wohnung hängt doch bloß ein Bild. Und überhaupt.«
»Ach!« Beleschow winkte ärgerlich ab. »Ein Jahr hat er die Wohnung schon, aber drin gewohnt hat er höchstens einen Monat. Fast ein halbes Jahr hat er auf Kamtschatka verbracht. Und jetzt ist er schon ungefähr zwei Monate weg. Wenn da ein Rohrbruch ist oder sonst was, kannst du so nett sein und seine Schwester anrufen! Und in der Wohnung geht ein und aus, wer will. Ich meine es buchstäblich so: Wer will.«
»Und woher haben die Leute den Schlüssel?«
»Was weiß ich.«
»Vielleicht von der Schwester?«
»Bestimmt nicht. Die gibt den Schlüssel nicht irgend jemand. Ich kenne sie, sie ist hier gewesen. So eine Strenge, Unabhängige, Grauhaarige. Sie ist bestimmt älter als ich.«
»Und die, die gestern hier waren, haben Sie nicht zufällig gesehen?«
»Ich habe nicht mal gehört, wie sie gekommen sind, merkwürdig. Ich muß wohl gerade ferngesehen haben.«
»Haben Sie überhaupt mal jemand in die Wohnung gehen sehen?«
»Selbstverständlich.«
»Wie lange sind Sie schon krank? Entschuldigen Sie die Frage.«
»Zwei Wochen. Sie dürfen aber nicht denken.«
»Nein, nein, ich denke gar nichts«, unterbrach ihn Petja. »Ist in diesen zwei Wochen jemand in der Wohnung gewesen? Können Sie den Betreffenden beschreiben?«
»Gewiß.« Beleschow nahm eine würdevolle Haltung ein und rückte die Brille zurecht. »Da war zum Beispiel ein junger Mann. Er fummelte und fummelte mit dem Schlüssel, da ging ich natürlich hinaus. Nun, was soll ich über ihn sagen? Er war groß, rotblond, sehr höflich. So und so, Igor hat mich gebeten, etwas zu holen. Darauf ich: >Na, dann hol es.<«
»Ist das schon lange her?«
»Ich glaube, es war vorgestern.«
Das könnte Pest gewesen sein, dachte Petja. Schon nach dem Mord.
»Und noch einen hab ich gesehen«, fuhr Beleschow fort. »Dreimal haben wir uns getroffen. Ich dachte schon, er wohnt bei Igor. Einmal kam er mit Brot.«
»Und wie sah der aus?« fragte Petja.
»Der war schon älter. Bestimmt über vierzig. Er war elegant gekleidet. Ein richtiger Herr. Oder ein Dirigent. Er ist in einem Dienst-Wolga vorgefahren. Oho, dachte ich, ein großes Tier. Nun, und das dritte Mal kam er mit einer Dame, genauer gesagt, einem jungen Mädchen, einer richtigen Schönheit.«
»Können Sie sie beschreiben?«
»Nun ja. Funkelnde schwarze Augen, groß wie Untertassen. Brünett. Hübsches Näschen, hübsches Mündchen.«
»Was hatte sie an?«
»Was sie anhatte? Einen Lammfellmantel. Dazu eine Pelzmütze - so ein Ding.« Beleschow hob die Hände über den Kopf. »Stiefelchen. Umwerfend.«
Oho, dachte Petja. Das war Musa. Aber nicht mit Pest, sondern einem anderen. Er gab ihm zunächst einmal den Namen »Onkel«.
»Hatten Sie keine Gelegenheit, mit diesem Onkel zu sprechen?« fragte Petja hoffnungsvoll.
»Hatte ich. Wir fuhren zusammen im Lift hoch. Ein kultivierter Mann. >Ich kenne die Familie schon lange<, sagt er. >Zur Zeit bin ich auf Dienstreise in Moskau, da haben sie mir angeboten, hier zu logieren. Ich werde Sie keinesfalls stören.< - >Ich bitte Sie<, antworte ich, >von mir aus können Sie dort wohnen, solange Sie wollen<. Nun habe ich ihn schon seit ein paar Tagen nicht gesehen. Wahrscheinlich ist er abgereist.«
»Hat er Ihnen nicht gesagt, woher er kommt und wie er heißt?«
»Woher er kommt, hat er mir nicht gesagt. Aber wie er heißt.« Beleschow runzelte die Brauen und starrte nachdenklich zur Decke. »Es ist, wissen Sie, ein ganz seltsamer Name. Er endet auf >ar<. Bomar. Gomar. Der Vatersname aber ist normal - Iwanowitsch. Der Familienname ist auch nicht einfach. Ich habe ihn vergessen. Ich hatte ja auch keinen Grund, ihn mir zu merken.«
Im stillen hatte Petja schon folgendes Schema gebaut: Igor gibt den Wohnungsschlüssel diesem »Onkel« und fährt weg. Nein. Igor ist vor zwei Monaten weggefahren, der »Onkel« aber erst vor kurzem hergekommen. Also hat der »Onkel« den Schlüssel von der Schwester erhalten. Und nach dessen Abreise hat sie ihn Pest gegeben. Das ist wirklich merkwürdig. Ja, ich muß wohl diese Schwester besuchen, die Unabhängige und Grauhaarige, dachte Petja mißvergnügt. Der »Onkel« kennt also die ganze Familie schon lange. Und Pest, der selten in Moskau ist, kennt immerhin Igor. Woher kennt er Igor? Oder hat Pest gelogen und kennt Igor überhaupt nicht? Aber wo hat er dann den Wohnungsschlüssel her, woher kennt er den Namen des Wohnungsinhabers? Man mag es drehen und wenden, wie man will, es bleibt nur die Schwester. Sie kennt Pest und vertraut ihm den Schlüssel an? Das ist zweifelhaft. Hat der »Onkel« ihm den Schlüssel gegeben? Warum? Er hat doch Musa hergebracht, und es ist anzunehmen, daß Pest davon nichts wußte. Hat sie's mit beiden? Petja spürte, daß er sich in all diesen Fragen verhedderte. Er hatte immer Schwierigkeiten, wenn es galt, allgemeine Probleme zu lösen und die Hauptlinie festzulegen, nach der vorgegangen werden sollte. Er hatte immer den Eindruck, als lasse er dabei etwas außer acht, als vergesse er etwas Wichtiges, wie das mitunter auch geschah. Wenn aber ein anderer diese Linie für ihn festlegte, dann folgte Petja ihr sicher und findig. Woran sollte er sich jetzt halten? Worauf kam es an? Über den Wohnungsinhaber schien alles klar zu sein. Ein Maler, seit zwei Monaten abwesend. Die Schwester wohnt in Moskau. Musa und Pest kennt dieser Nachbar überhaupt nicht. Bleibt der »Onkel«. Was weiß er über den rätselhaften »Onkel«?