»Wo arbeitet dieser Onkel, was meinen Sie, Artemi Wassiljewitsch?« fragte Petja hoffnungsvoll.
»Was für ein Onkel? Entschuldigen Sie.« Beleschow schaute Petja durch die Brille erstaunt an, er hörte sogar auf, die Daumen auf dem Bauch zu drehen.
»Dieser Logiergast bei Igor«, erklärte Petja lächelnd. »Der Einfachheit halber nenne ich ihn Onkel.«
»Wo er arbeitet? Er hat etwas angedeutet. Mit Versorgung hat er zu tun, glaube ich. Offen gestanden, ich kenne mich da nicht so aus. Es ist sozusagen nicht meine Sphäre. Ja!« rief er plötzlich lebhaft. »Wir hatten da ein Gespräch. Ich sagte im Scherz zu ihm: >Versorgen Sie mich mit Blasinstrumenten. Ich bezahle Sie großzügig. Das Orchester ist am Zusammenbrechen, der Dirigent verliert die Nerven. Können Sie sich das vorstellen?< Ja! Und dann fällt mir noch folgendes ein: Er hat ein Schnurrbärtchen, ein ganz schmales, schwarzes, wie ein Strich. Und auf der rechten Wange ein Muttermal. So groß.« Er legte zwei Finger ringförmig zusammen. »Wie ein Zwanzigkopekenstück. Wenn Sie ihn treffen, dann erkennen Sie ihn sofort an dem Muttermal, dafür verbürge ich mich.«
»Bestimmt«, sagte Petja. »Aber was hat er Ihnen geantwortet, als Sie das von dem Orchester sagten?«
»Er lächelte fein und antwortete: >Das ist nicht mein Gebiet. Wenn Sie Textilwaren brauchen, Massenbedarfsartikel, dann können wir uns unterhalten.< Nun, ich entgegnete ihm mit seinen Worten, natürlich ebenfalls im Scherz: >Das ist nicht mein Gebiet, sonst gern, das erkläre ich Ihnen als Direktor.< Da lachte er. >Hauptsache, erst einmal Direktor sein. Dann ist es nebensächlich, ob es sich um ein Kulturhaus handelt oder ein Textilkaufhaus. Ein Kaufhaus ist da sogar vorteilhaftere Taktgefühl, sage ich Ihnen, fehlt ihm völlig. Was heißt vorteilhafter? Ich bin doch kein Kaufmann, sondern immerhin Kulturarbeiter«, schloß Beleschow ärgerlich.
»Haben Sie vielen Dank«, sagte Petja und stand auf. »Ich möchte Sie nicht länger stören. Ich wünsche Ihnen gute Besserung.«
»Danke«, antwortete Beleschow würdevoll. »Wenn Sie mich brauchen, ich stehe Ihnen immer zur Verfügung.«
Als Petja auf dem Treppenabsatz war, hatte er es nicht eilig, den Lift zu holen. Von diesem Absatz gingen noch die Türen von zwei anderen Wohnungen ab. Bevor er heraufgefahren war, hatte er sich in der Hausverwaltung das Hausbuch zeigen lassen und festgestellt, welche Nachbarn Igor Jewgenjewitsch Kontschewski hatte, der Mitglied des Künstlerverbandes war, alleinstehend, 1946 geboren. Deshalb wußte Petja Bescheid. In der einen Wohnung traf er eine junge Frau mit Säugling und deren Mutter an. In der zweiten eine gehbehinderte alte Rentnerin, die Petja keine nützlichen Hinweise geben konnte, weil sie fast taub war und schlecht sah.
Dagegen wußte die junge Mutti mit dem Namen Ljolja alles, was ringsum geschah. Sie erklärte, daß Gwimar Iwanowitsch - Ljolja wiederholte den sonderbaren Namen zweimal mit gewissem Stolz - in einem Ministerium arbeite, daß er aus Kiew dienstlich nach Moskau komme und jedesmal in Igors Wohnung logiere, ihr Mann sei mit Igor gut befreundet. Bei Gwimar Iwanowitsch sei - freilich schon während seines vorigen Aufenthalts - ein mittelgroßer Mann gewesen, ungefähr fünfundvierzig Jahre alt, lustig, interessant, leichtsinnig sogar. Er habe sie ins Theater eingeladen. An sein Gesicht könne sie sich nicht erinnern, aber wenn sie ihn sähe, würde sie ihn sofort erkennen.
»Hat Gwimar Iwanowitsch Sie mit ihm bekannt gemacht?« fragte Petja fröhlich.
Ljolja war etwas mollig, sie hatte lebhafte braune Augen und Grübchen in den roten Wangen. Es war einfach unmöglich, ernst mit ihr zu reden, man wollte unbedingt scherzen und Süßholz raspeln. Und es erschien Petja durchaus natürlich, daß Gwimar Iwanowitschs Freund sich leichtsinnig ihr gegenüber verhalten hatte.
»Selbstverständlich hat Gwimar Iwanowitsch uns bekannt gemacht. In dieser Hinsicht ist er sehr rührig.« Ljolja lachte so ansteckend, daß Petja schmunzeln mußte. »Als er Anlauf nahm«, fuhr Ljolja fort, »dachte ich mir gleich, daß er mich einlädt. Aber er lud mich ausgerechnet ins Theater ein. Und da sagte Gwimar Iwanowitsch zu ihm: >Vergiß nicht: Sie darf nicht länger als eine Stunde das Haus verlassen. Sonst weint das Baby.< Na, da ließ er gleich die Flügel hängen.«
»Und wie heißt dieser Bekannte?«
»Viktor.«
»Haben Sie ihn wiedergesehen?«
»Nein. Als ich Gwimar Iwanowitsch in der Woche traf, sagte er: >Mein Freund wartet, bis Ihr Andrej größer ist und Sie mehr freie Zeit haben.< Und ich antwortete: >Wenn ich Andrej verheiratet habe, werde ich mich Ihrem Freund widmen.<« Ljolja lachte wieder hell auf. Aber schlagartig, als sei ihr etwas eingefallen, wurde sie ernst und fragte: »Sie sind also von der Miliz?«
»Genau«, bestätigte Petja nicht sehr ernst.
»Oh, so erklären Sie mir doch endlich vernünftig, was dort bei Igor eigentlich vorgefallen ist!« Sie deutete auf die Nachbarwohnung. »Im Haus wird ja wer weiß was getratscht.«
Indessen kam eine korpulente Frau mit einem Kind auf den Armen ins Zimmer.
»Das ist meine Mutter«, sagte Ljolja.
Die Frau nickte Petja zu. Sie hatte, obwohl sie höchstens fünfundvierzig Jahre alt war, ein gedunsenes, krankhaft blasses Gesicht.
»Also, was ist vorgefallen? Sprechen Sie«, sagte Ljolja.
»Genaues ist noch nicht bekannt«, antwortete Petja. »Offenbar haben irgendwelche Rowdys einen Mann in die Wohnung gelockt, verprügelt und eingesperrt.«
»Und ausgeraubt natürlich?«
»Ja. Und dann sind sie geflohen. Und der Mann hat Lärm geschlagen.«
»Ich hoffe doch, daß nicht Gwimar Iwanowitsch ihn hineingelockt hat? Der verlockt eher eine Frau, aus Zärtlichkeit«, sagte Ljolja kichernd.
»Er war es nicht, soviel steht fest«, stimmte Petja ihr zu. »Aber den, der es war, müssen wir finden.«
»Wo ist denn Gwimar Iwanowitsch?«
»Offenbar schon abgereist.«
»Ach!« Ljolja winkte mit dem rundlichen Händchen ärgerlich ab. »Sie finden ja sowieso keinen. Nie wird einer gefunden. Das steht nur immer in den Zeitungen, daß einer gefunden wurde.«
»Trotzdem kommt es vor, daß wir einen finden«, erwiderte Petja lächelnd. »Und wie ist Gwimar Iwanowitsch zu Igor in die Wohnung gekommen, hat er Ihnen das erzählt?«
»Natürlich hat er mir das erzählt«, antwortete Ljolja bereitwillig. »Zuerst hat er seine Schwester kennengelernt. Sie war ohne Urlaubsplatz in den Süden gefahren, und Gwimar Iwanowitsch vermietete ihr in seinem Haus ein Zimmer.«
»Ich denke, er wohnt in Kiew?«
»Er hat ein Haus im Süden, am Schwarzen Meer, oder seine Verwandten haben eins, das habe ich nicht so genau verstanden. Nun, und durch die Schwester wurde er auch mit Igor bekannt.«
»Kennen Sie noch irgendwelche Freunde von Igor?« fragte Petja für alle Fälle.
»Lauter Maler.« Ljolja lachte. »Und dann noch mein Alik, ein verhinderter Maler.«
Aus der weiteren Unterhaltung ging hervor, daß Ljolja als Oberschwester in der chirurgischen Abteilung einer städtischen Klinik arbeitete, wo ihr Mann Alik als Arzt tätig war.