»Er ist ein Schüler von Ilja Michailowitsch Dalf«, sagte Ljolja stolz. »Haben Sie von dem schon gehört? Alik schreibt seine Dissertation bei ihm. In unsere Abteilung werden sogar Patienten aus Spezialkliniken zur Operation gebracht.«
Da mischte sich Ljoljas Mutter ins Gespräch und erklärte gereizt, wenn Alik auch ein Schüler von Dalf sei, so sei es doch keine Art, jeden Abend entweder Dienst zu haben oder zu Freunden zu laufen, um beinahe bis zwei Uhr nachts Preference zu spielen, als habe man keine Familie.
Petja wunderte sich unsäglich, daß dieser ihm unbekannte Alik seine hübsche lustige Frau einer Preference zuliebe vernachlässigte. Bald darauf verabschiedete er sich von beiden Frauen, um sich zu einer dritten zu begeben, zu Igors Schwester Alexandra Jewgenjewna, deren Adresse, ebenso wie die Telefonnummer ihrer Dienststelle, er von Beleschow hatte. Aus dessen Wohnung hatte er Alexandra Jewgenjewna auf ihrer Arbeitsstelle angerufen und ein Treffen vereinbart. Dieses Telefongespräch hatte Petja unangenehm berührt. Alexandra Jewgenjewna sprach barsch, abgehackt, mit feindselig schnarrender Stimme und gab zu verstehen, daß ihr das bevorstehende Treffen lästig sei und sie am liebsten überhaupt ablehnen würde. Aber wenn nötig, solle er eben kommen. Allerdings sei ihre Zeit knapp, und sie könne höchstens eine halbe Stunde für ihn erübrigen. Petja mußte alle Bedingungen akzeptieren und auch noch für die Liebenswürdigkeit danken. Und obwohl er von Natur aus gutmütig war, fuhr er verärgert zu Alexandra Jewgenjewna, und er dachte sich unterwegs allerlei giftige Wendungen aus, die er im Gespräch mit diesem Dämchen einflechten wollte.
Das große alte Haus in einer der Arbatgassen empfing ihn mit einem riesigen halbdunklen Flur. Hoch oben leuchtete geheimnisvoll eine einzige Glühlampe, weiter hinten war die breite, aufwärtsführende Treppe neben dem Eisengitter des vorsintflutlichen Aufzugs kaum zu erkennen.
Auf den Treppenstufen saßen junge Burschen. Ihr Grölen, ihr trunkenes Gelächter und Fluchen hallte in dem leeren Treppenhaus wider. Als der eine Bursche den eintretenden Petja bemerkte, rief er keck: »Onkelchen, komm mal her, gib mir Feuer!«
Petja verfinsterte sich noch mehr. Als er an der Treppe war, fragte er halblaut: »Wer hat mich gerufen? Du? Los, laß dich mal anschauen, damit ich mir dein Gesicht merke.«
Er nahm den erstbesten Burschen beim Kragen, zerrte ihn hoch und schleuderte ihn wie eine kleine Katze beiseite. »Rotzbengel, verdammter! Oder warst du's?« Er schnappte sich den nächsten.
Die anderen sprangen auf und wichen zur Haustür zurück. Der Bursche, den Petja immer noch am Schlafittchen hielt, wollte sich losreißen und ihnen folgen.
»Du wartest«, sagte Petja drohend. »Kommst schon noch zurecht. Richte ihnen aus, daß ich jetzt öfter hier aufkreuzen werde. Und wenn ich einen von euch erwische, zieh ich ihm die Hammelbeine lang. Klar? Eure Visagen merke ich mir. Und nun - hau ab!« Er schubste den Burschen zur Haustür.
Seine Laune war endgültig verdorben.
Der geräumige knarrende Aufzug trug ihn in die fünfte Etage. Auf dem halbdunklen Treppenabsatz entzifferte er mühsam die Wohnungsnummern an den geschnitzten, mit Briefkästen behängten Türen. Schließlich entnahm er der kurzen Liste an einer von ihnen, daß er, wenn er zu Alexandra Jewgenjewna wolle, zweimal kurz, einmal lang klingeln müsse.
Die Tür wurde von einer stattlichen Dame mit großer Hornbrille geöffnet. Üppiges graues Haar schmückte das stolz erhobene Haupt.
»Treten Sie ein«, sagte Alexandra Jewgenjewna erhaben, nachdem Petja sich vorgestellt hatte.
Sie führte ihn durch einen langen, dämmrigen Korridor an mehreren geschlossenen Türen vorbei. Das große Zimmer, das sie betraten, war mit altertümlichen Möbeln vollgestellt, an den Wänden hingen dicht an dicht Bilder unterschiedlicher Größe, vor allem Porträts. An dem verschnörkelten Lüster brannten von den sechs Glühlampen nur drei.
Alexandra Jewgenjewna wies Petja einen plumpen Sessel mit abgeschabten samtenen Armlehnen zu, warf demonstrativ einen Blick auf die Standuhr in der Ecke und sagte mit tiefer, verräucherter Stimme, wobei sie sich in den Sessel auf der anderen Seite des runden Tisches niederließ: »Also, worum handelt es sich, junger Mann?«
Petja teilte zurückhaltend mit, was in der Wohnung ihres Bruders geschehen war.
»Das ist ja unglaublich!« entrüstete sich Alexandra Jewgenjewna und fügte gehässig hinzu: »Das gereicht Ihnen nicht zur Ehre. Ihrer Behörde, wollte ich sagen«, korrigierte sie sich.
Petja reagierte nicht auf ihre sarkastische Bemerkung, sondern fragte ruhig, was Gwimar Iwanowitsch, der zeitweilige Bewohner jener Wohnung, für ein Mensch sei.
Alexandra Jewgenjewna zuckte die Schultern, zündete sich gemächlich eine lange Zigarette an, die sie in eine noch längere Zigarettenspitze gesteckt hatte, und antwortete ungnädig: »Was soll ich dazu sagen? Ein intelligenter Mann. Ist irgendwo angestellt. Er hat uns einmal geholfen, als wir ein Zimmer suchten. Er besitzt ein Haus in Jushnomorsk, nahe am Meer. Hierher kommt er dienstlich. Ich vertraue ihm völlig.«
»Wann ist er abgereist?«
»Er ist noch nicht abgereist.« Alexandra Jewgenjewna streifte die Asche elegant in der großen flachen Perlmuttmuschel ab, die auf dem Tisch stand. »Sonst hätte er mir den Schlüssel zurückgegeben.«
»Dann ist ihm wohl der Schlüssel gestohlen worden? Hat er Ihnen das nicht mitgeteilt?«
»Stellen Sie sich vor, nein!«
»Kennen Sie seine Moskauer Bekannten?« fragte Petja.
»Einen nur. Wie heißt er doch? Er brachte ihn einmal mit. Ach ja! Viktor Arsentjewitsch. Weil er Gemälde besitzt, bildet er sich ein, etwas von Malerei zu verstehen. Lachhaft!« Verächtlich verzog sie das Gesicht und streifte wieder elegant die Asche ab. »Wenn er auch manches hinzukauft.«
»Arbeitet er auf diesem Gebiet?«
»Wo denken Sie hin! Ein regelrechter Dilettant. Er arbeitet in einem Werk oder einer Fabrik. Als was, weiß ich nicht.«
»Wo hat er die Gemälde her?« erkundigte sich Petja.
»Sein verstorbener Schwiegervater hat sie gesammelt, sagt er. Seine Frau hat sie geerbt. Der Schwiegervater soll ein berühmter Arzt gewesen sein. Und verstand auch etwas von Malerei, nach der Sammlung zu urteilen. Dieser Viktor Arsentjewitsch hat mir eine Liste der Bilder gezeigt. Eine recht gute Sammlung. Italiener, Holländer, russische Realisten.« Alexandra Jewgenjewna sprach geringschätzig. Kurzsichtig blinzelnd blickte sie an Petja vorbei. Dann fiel ihr Blick auf die Uhr, und sie richtete sich, als wollte sie sich erheben, in ihrem Sessel auf. »Noch etwas?« fragte sie schroff.
»Hat Gwimar Iwanowitsch gesagt, wann er abreist?«
»Nein. Gewöhnlich bleibt er eine bis anderthalb Wochen. Aber, ich wiederhole es, wäre er abgereist, hätte er mir vorher den Schlüssel gebracht. Wie immer.«
»Vielleicht übernachtet er bei Viktor Arsentjewitsch? In dem Haus Ihres Bruders hat man ihn schon drei, vier Tage nicht gesehen.«
»Er ist ein Mann und kann sonstwo übernachten«, sagte Alexandra Jewgenjewna streng. »Fragen Sie nicht so naiv.« Kritisch musterte sie Petja und fügte hinzu: »Arbeiten Sie schon lange bei Ihrer Miliz?«
»Es ist nicht meine Miliz«, antwortete Petja brummig, »sondern Ihre.«
»So?« Alexandra Jewgenjewna machte kein Hehl aus ihrer Ironie. »Das habe ich eigentlich noch nie bemerkt.«
»Wenn etwas passiert, werden Sie es merken«, antwortete Petja.
Er hätte gern geraucht, fand es aber erniedrigend, diese arrogante Person um Erlaubnis zu bitten. Deshalb beherrschte er sich und ärgerte sich immer mehr über sie und über sich selbst.
»Wenn etwas passiert«, entgegnete Alexandra Jewgenjewna so ironisch wie zuvor, »dann merke ich, daß Sie schlecht arbeiten. Wenn Sie gut arbeiten, passiert nichts.« Sie blickte Petja an, offenbar erwartete sie eine Diskussion, doch er schwieg.