»Entschuldigen Sie«, sagte Valja verlegen, »ich suche Kolja, ich bin sein Kumpel.«
Die Frau schaute ihn erstaunt an. »Welchen Kolja?«
»Er ist mit Musa befreundet.«
»Ach, das hatte ich ganz vergessen, bitte, treten Sie ein. Zwischen Tür und Angel redet es sich schlecht.«
»Danke. Ich bleibe nur einen Augenblick.« In dem kleinen Korridor legte Denissow Mantel und Mütze ab und strich sich die Haare glatt. Albina Afanassjewna bat ihn ins Zimmer. Ihr war anzumerken, daß der unerwartete Gast sie interessierte.
»Hier schläft mein Enkelkind, sprechen Sie bitte leise«, bat sie.
»Vielleicht gehen wir in die Küche?« schlug Valja vor.
»Das können wir machen.«
In der sauberen hellen Küche fühlte sich Valja ungezwungener. »Ich bin eben in Moskau angekommen und suche Kolja«, erklärte er, als er sich an den Tisch setzte. »Bei Musa bin ich schon gewesen. Kolja hatte mir die Adresse aufgeschrieben. Doch die Nachbarin sagte mir, Musa sei letzte Nacht nicht zu Hause gewesen, und schickte mich zu Ihnen. Und da bin ich nun. Entschuldigen Sie.«
»Schon gut.« Albina Afanassjewna schwenkte wie abwehrend die schmale Hand. Eine kleine Falte bildete sich zwischen ihren Brauen. »Allerdings weiß auch ich nicht, wo Musa ist.«
»Und Kolja?« fragte Valja treuherzig.
Albina Afanassjewna strich sich lachend eine Strähne aus der Stirn. »Wie komme ich dazu, auf den achtzugeben? Ich kenne ihn ja gar nicht. Musa hat Freunde noch und noch. Und sie ist nicht darauf versessen, sie mir vorzustellen.« Sie seufzte.
»Und Sie haben ihn nie gesehen?« fragte Valja erstaunt.
»Doch. Einmal. Ich fuhr zu Musa, und er war gerade da.«
»Er ist ein hübscher Junge. Ein sehr hübscher sogar.«
»Ob hübsch oder nicht«, entgegnete Albina Afanassjewna bekümmert, »Musa muß ein neues Leben anfangen, und dafür ist hübsches Aussehen allein zu wenig. Da kommt es auf Solidität an, auf eine gute Position. Musa ist ja kein junges Mädchen mehr. Gwimar Iwanowitsch, ja, der könnte sie in Gold fassen.«
»Was ist er, Ihr Gwimar Iwanowitsch, ein Prinz?« fragte Valja spöttisch.
»Ein Prinz ist er nicht, aber Geld hat er offenbar mehr als ein Prinz«, antwortete Albina Afanassjewna und fügte hinzu: »Zum Beispiel hat er ihr einen Ring geschenkt. Mit drei Steinen. Der ist unbezahlbar.«
»Alles ist bezahlbar«, sagte Valja. »Wir haben nur manchmal vom Preis keine Ahnung.«
»Da braucht man sich gar nicht auf die Ahnung zu verlassen. Musa hat ihn schätzen lassen. Und sie haben ihr dreitausend geboten.«
»Oho! Hat er ihn einfach so geschenkt? Um ihrer schönen Augen willen?«
»Nein, aus Berechnung. Er möchte sie heiraten. Und er hat Musa auch Geld für einen Farbfernseher gegeben. Sie muß ihn aber auf Abzahlung kaufen. Ich habe gestern schon die Formalitäten erledigt. Was will man mehr?«
»Und Musa?«
»Musa? Die lacht, die dumme Gans. Und dabei könnte sie...«
»Kolja ist auch nicht unbemittelt.« Valja hielt es für seine Pflicht, dem angeblichen Kumpel beizustehen. »Der Lammfellmantel, den er ihr geschenkt hat.«
»Ach!« Albina Afanassjewna seufzte wieder. »Gwimar Iwanowitsch hat ihr gesagt: >Bedenke, das, was Kolja hat, sind Groschen im Vergleich zu dem, was ich habe.< Wenn er will, schenkt er ihr ein Haus, nicht bloß so 'n Mantel.«
»Woher hat er das viele Geld?«
»Woher? Je weniger wir wissen, desto ruhiger schlafen wir.«
Oho, dachte Denissow. Ein neues Motiv. Wer ist Gwimar Iwanowitsch?
»Ja«, stimmte er zu. »Man muß sehen, wo man bleibt.«
»Das meine ich auch«, sagte Albina Afanassjewna. »Sie hat ein Töchterchen. Das braucht doch einen Vater.«
»Selbstverständlich«, pflichtete er ihr bei und fügte hinzu: »Kolja hat auch eine kleine Tochter zu Hause. Sie ist jetzt in die Schule gekommen.«
»Na bitte«, brauste Albina Afanassjewna auf, und ihr Gesicht wirkte böse und zugleich müde. »Das ist doch meine Rede! Und die Frau hat er natürlich sitzenlassen, stimmt's?«
»Na ja«, sagte Valja unschlüssig.
»Dumme Gans! So eine dumme Gans!« rief Albina Afanassjewna wütend. »Aber wie ich Ihnen helfen soll, weiß ich nicht. Ich habe keine Ahnung, wo die beiden stecken. Wo sie schlafen, wo sie sich herumtreiben. Ach, richtig! Sie rief mich gestern mittag an. >Bestell Nina<, sagte sie, >wenn sie anruft<, - das ist ihre Freundin - , >daß ich bei dir übernachtet habe.< - >Und wo bist du?< hab ich gefragt. >Ich bin weit weg, Mama<, hat sie geantwortet. >Morgen komm ich zurück.< Das war alles.«
»Mußte sie denn nicht zur Arbeit?«
»Sie arbeitet jeden zweiten Tag. Heute hat sie Schicht. Himmel, das habe ich ja ganz vergessen! Rufen Sie sie im Restaurant an. Oder nein, das mach ich selbst.«
Albina Afanassjewna lief in den Korridor, wo das Telefon stand. Valja blieb sitzen, er hörte, was sie draußen sagte.
»Ich möchte Musa Lesnowa sprechen«, bat Albina Afanassjewna. »Wieso nicht?« fragte sie enttäuscht. »Hier ist die Mutter. Woher soll ich das wissen?.« Und plötzlich schrie sie: »Schließlich ist sie erwachsen, erwachsen! Ich führe sie doch nicht am Händchen!. So was nennt sich Kollektiv!. Ihr kümmert euch ja um keinen! Um keinen!«
Valja stürzte in den Korridor und versuchte ihr den Hörer aus der Hand zu nehmen. Aber Albina Afanassjewna klammerte sich zeternd daran, obwohl schon kurzes, gleichgültiges Tuten ertönte.
Als das Kind zu weinen begann, schleuderte Albina Afanassjewna den Hörer mit solcher Wucht weg, daß Valja ihn beinahe nicht hätte auffangen können, und rannte jammernd ins Zimmer.
»Du meine arme, verlassene Waise! Von allen verlassene Waise! O Gott, dieses verfluchte Leben.«
Gleich darauf kam sie mit dem Kind auf dem Arm in den Korridor zurück. Ihre geschminkten Lippen zitterten, die erweiterten Augen blickten verstört. »Komm!« kreischte sie wie eine Wahnsinnige. »Wir gehen sie suchen! Unsere Natter! Unsere Schlampe!«
Das Kind wand sich schreiend in ihren Armen.
»Beruhigen Sie sich doch. Albina Afanassjewna! Bitte!« sagte Valja erschüttert.
»O diese Natter! Wo ist sie? Wo?« kreischte Albina Afanassjewna, während sie im Korridor und im Zimmer irgendwelche Sachen suchte.
Und da brüllte Valja plötzlich mit einer Stimme, die ihm nicht zu gehören schien: »Ruhe!«
Albina Afanassjewna verstummte sofort, blickte ihn erschreckt an und glitt an der Wand zu Boden, wobei sie das still gewordene Kind an sich preßte. Der Anfall war vorüber.
Valja nahm ihr das Kind ab, legte es ins Bettchen und deckte es zu, dann half er Albina Afanassjewna auf und führte sie in die Küche. Sie sank schluchzend und murmelnd auf einen Stuhl. Nach ein paar Minuten kam sie zu sich und blickte Valja mit wachen Sinnen an.
»Haben Sie das oft?« fragte er hart.
»Wenn ich mit meiner Kraft am Ende bin. Ich hasse sie. Sie hat mir mein Leben zerstört. Und dem Kind zerstört sie's auch.« Albina Afanassjewna wies auf das Zimmer, wo die Kleine schlief, und wiederholte mit zusammengebissenen Zähnen: »Ich hasse sie.«
»Aber sie ist Ihre Tochter«, bemerkte Valja feindselig.
»Verflucht soll sie sein! Sie ist nicht meine Tochter, sondern eine Schlange!«
»Sie haben sie erzogen! Wahrscheinlich haben Sie ihr ein Beispiel gegeben.«
»Was? Wenn das Luder kommt, dann.«
»Genug!« fuhr Valja dazwischen. »Überlegen Sie lieber, wo und bei wem sie und Kolja jetzt sein können. Überlegen Sie«, befahl er. »Wir müssen sie finden.«
Albina Afanassjewna preßte gekränkt die Lippen zusammen, dann strich sie sich müde das Haar aus der Stirn, rieb sich die Wangen, als wasche sie etwas ab, und sagte nachdenklich: »Nina hat nicht angerufen. Vielleicht weiß sie, wo Musa ist. Für mich ist es, offen gestanden, ein Rätsel.« Und mit erneut ausbrechender Wut fügte sie hinzu: »Ich will es auch nicht wissen. Und ich will sie nicht sehen. Soll sie der Teufel holen!«