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»Na gut«, sagte Valja müde. »Ich muß jetzt gehn.«

Im Korridor zog er sich langsam an. Albina Afanassjewna blieb in der Küche. Er rief ihr »Auf Wiedersehen«, zu und verließ die Wohnung. Erst jetzt spürte er, wie müde er war. Doch er mußte unverzüglich ins Restaurant fahren und mit Nina sprechen. Hoffentlich war dieser verflixten Musa nichts zugestoßen.

Valja ging zur Metro, fuhr lange in dem polternden halbleeren Wagen, stieg dann aus und ließ sich von der Rolltreppe nach oben befördern. Auf der Straße rannte er zur Trolleybus-Haltestelle und stellte sich zu den wenigen Wartenden. Er hätte etwas essen müssen, und es hätte auch nicht geschadet, ein wenig auszuruhen. Aber er war von fieberhafter Ungeduld erfaßt. Zunächst war es ihm nur darum zu tun, irgendwelche Angaben über Musa zu erhalten. Und seine Gedanken waren klar und sachlich. Doch als er sich dem Restaurant näherte, empfand er freudige Erregung.

Er sprang aus dem Trolleybus, überquerte an der Ampel hastig die Straße und befand sich endlich vor dem Restaurant. Sollte er hineingehen und zunächst etwas essen? Später.

Der Direktor war nicht anwesend, aber Valja war hier schon bekannt, und er machte es sich im Direktorzimmer bequem, bevor er Nina zu sich bat.

Sie erschien sofort, und nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, sagte sie: »Wie gut, daß Sie gekommen sind.«

»Ist Ihnen etwas passiert?« fragte Valja.

»Nein, nein, mit mir ist alles in Ordnung«, antwortete Nina halb entschuldigend, halb beruhigend. »Aber ich brauche Ihren Rat. Denn ich verstehe gar nichts mehr.« Nina, die an der anderen Seite des Tisches saß, senkte den Blick und versuchte ihrer Verwirrung Herr zu werden.

»Was ist los?« fragte Valja eindringlich.

»Erinnern Sie sich? Ich habe Ihnen von meiner Freundin Musa erzählt.«

»Nun ja, ja, natürlich.«

»Also«, fuhr Nina aufgeregt fort, »Musa ist heute nicht zur Arbeit gekommen, und vor einer Stunde hat sie mich angerufen.«

»Sie?« rief Valja unwillkürlich.

»Ja, mich«, antwortete Nina und schaute ihn erstaunt an. »Und wissen Sie, was sie sagte? >Auf Wiedersehen, Ninotschka<, sagte sie, und dann weinte sie. Können Sie sich das vorstellen?«

»Das war alles?«

»Nein. Sie sagte noch, daß sie nicht mehr zur Arbeit kommt. Daß sie wegfährt. Ganz und gar. Wohin, wisse sie selbst nicht.«

»Wisse sie selbst nicht?«

»Kolja bringt sie irgendwohin. Flüsternd sagte sie, wahrscheinlich war er in der Nähe, er drohe, sie umzubringen, wenn sie nicht mit ihm fahre. >Er liebt mich schrecklich<, sagte sie.«

»Tja«, entgegnete Valja verblüfft. »Demnach war sie vor einer Stunde noch in Moskau?«

»Selbstverständlich«, bestätigte Nina und blickte Valja unruhig an. »Was soll ich machen, was meinen Sie? Ich spüre, daß sie nur aus Angst mit ihm fährt. Vielleicht sollte man die Miliz einschalten?«

»Woher rief sie an, hat sie Ihnen das gesagt?«

»Nein.«

»Will sie denn keine Sachen mitnehmen?«

»Ich habe ihr ja auch geraten:    >Nimm doch wenigstens etwas mit. Das übrige schicke ich dir nach.< Da fing sie wieder an zu weinen und sagte:

>Kolja erlaubt es nicht. Vielleicht später.< Die beiden sind doch einfach nicht normal!«

»Wissen Sie, warum Kolja so überstürzt abreist?«

»Keine Ahnung. Und wie kann er es wagen...«

»Ninotschka, einen Augenblick.« Valja ergriff den Telefonhörer. Er durfte keine Zeit verlieren, obwohl Ninas Anwesenheit das bevorstehende Gespräch erschwerte. Aber er konnte sie ja nicht einfach hinausschicken.

Hastig wählte Valja eine Nummer. »Hier Denissow. Ist Fjodor Kusmitsch in seinem Zimmer? Aha.« Rasch drückte er die Gabel herunter und wählte erneut. »Fjodor Kusmitsch? Hier Denissow. Ich rufe aus dem Restaurant an. Mir gegenüber sitzt die Freundin der Kellnerin Lesnowa. Ja, ja. Sie sagt, die Lesnowa habe ihr vor einer Stunde telefonisch mitgeteilt, daß sie kündige und Moskau verlasse. Ein gewisser Kolja, verstehen Sie, bringt sie weg und erlaubt ihr nicht mal, ein paar Sachen mitzunehmen. Es ist nichts bekannt. Ja, vor einer Stunde waren sie noch in Moskau. Das ist eine empörende Disziplinlosigkeit. Nein, der Direktor weiß es noch nicht. Natürlich, das muß er selbst entscheiden. Ich möchte Sie nur informieren, da mich die Verwaltung nun mal hergeschickt hat.« Valja schwafelte noch eine Weile allerlei »Dienstliches« und legte den Hörer schließlich erleichtert auf. Streng blickte er Nina an.

»Das Ganze ist eine Unverschämtheit!« sagte er. »Mein Vorgesetzter wird die Miliz verständigen. Sieh an, diese Musa! Aber Sergej Iossifowitsch äußerte sich ja ziemlich abfällig über sie. Also war er durchaus objektiv.«

»Über ihn kann man sich auch abfällig äußern«, erwiderte Nina gekränkt.

»Reden kann man selbstverständlich viel, aber hier liegen ja nun Fakten vor«, sagte Valja. »Ach, übrigens, hat Musa Ihnen von einem gewissen Gwimar Iwanowitsch erzählt?«

»Ja.«

»Und was hat sie erzählt, falls es kein Geheimnis ist?«

»Daß er sie heiraten will. Daß er sehr reich ist. Er hat ihr einen Ring geschenkt und einen Farbfernseher. Sie ist verrückt nach Sachen, etwas anderes interessiert das Dummchen ja nicht.«

»Trotzdem fährt sie mit Kolja. Also ist es ihr nicht um Reichtum zu tun.«

»Oh, ja, natürlich! Aber ich habe Ihnen doch erklärt - sie hat Angst vor ihm, deshalb fährt sie mit.«

»Vielleicht liebt sie ihn?«

»Nein, sie hat Angst. Das habe ich aus ihrer Stimme gehört.«

»Wer ist denn eigentlich dieser Gwimar Iwanowitsch, wo arbeitet er, wissen Sie das?«

»Er kommt, glaube ich, ebenso wie Kolja dienstlich nach Moskau. In irgendeine Fabrik. Kolja hat gedroht, auch ihn umzubringen. Er ist wie von Sinnen vor Liebe. Da übertreibt Musa kein bißchen.«

»Gut und schön«, sagte Valja. »Aber da muß noch etwas sein. Nun, mich betrifft das ja nicht. Es ist nur ziemlich merkwürdig.«

Er fürchtete, Nina könne ihn fragen, woher er von Gwimar Iwanowitsch wisse, den er so unvorsichtig erwähnt hatte. Dann wüßte er keine Antwort, denn über Gwimar Iwanowitsch hatte ihn eben erst Kusmitsch informiert, für alle Fälle, zur Orientierung. Zum Glück war das Mädchen angesichts des Schicksals ihrer Freundin so aufgeregt, daß die Frage des Verwaltungsinspektors sie nicht stutzig machte. Hoffentlich erinnerte sie sich später nicht daran.

Kurz darauf verabschiedete sich Valja von Nina und verließ überstürzt das Restaurant. Gegessen hatte er nun doch nichts. Erst auf der Straße fiel ihm ein, daß er mit Nina kein neues Treffen vereinbart hatte. Aber schon wurde er von anderen Gedanken in Anspruch genommen - unruhigen, fieberhaften, unaufschiebbaren Gedanken. Was war mit Musa geschehen? Wohin wollte dieser Pest sie bringen? Und welche Rolle spielte bei alldem der geheimnisvolle Gwimar Iwanowitsch?

Nach der Dienstbesprechung bei Kusmitsch gehe ich in mein Zimmer und rufe Jegor Iwanowitsch Saweljew an, den Revierinspektor, meinen guten Bekannten, der den mich interessierenden Bezirk wie seine fünf Finger kennt. Und wir verabreden uns.

Ich überbringe Saweljew eine wenig angenehme Neuigkeit - in seinem Revier ist allem Anschein nach ein Mord verübt worden. Da er nichts davon weiß, ist es doppelt unangenehm für ihn.

Ich habe die erste Zigarette noch nicht zu Ende geraucht, da drängt Saweljew schon zum Aufbruch. Wir verlassen sein warmes Dienstzimmer und machen, vom wütenden eiskalten Wind durchgepustet, die »Runde« über die verschneiten Höfe und durch die Gassen seines unübersichtlichen Reviers. Dabei teile ich ihm die Anhaltspunkte mit, über die ich verfüge: In dem gesuchten Hof befindet sich eine Reihe von Schuppen, an einem von ihnen ist das Schloß beschädigt, das Hoftor ist vor kurzem grün angestrichen worden, vom Hof aus ist die Jelochowskaja-Kirche zu sehen. Und das Wohnhaus, das vom Hof zu betreten ist, hat mindestens zwei Etagen, denn Ljochas Worten zufolge kam der Mann, dem Pest und er auflauerten, aus der zweiten Etage in den Hof.