Wir besichtigen den ersten Hof, den zweiten, den dritten, schlittern über Eishöcker, fallen in Schneewehen, fluchen und wandern weiter. Wir stehen vor Schuppen, reißen an Schlössern, hier und da lösen sie sich, und Saweljew notiert sich das. Mit steifen Fingern malt er unmögliche Krakel.
Der schmächtige, mittelgroße Saweljew ist kein junger Spunt mehr, fünfzig Jahre hat er bestimmt schon auf dem Buckel. Doch seine Bewegungen sind ungestüm und energisch. Sein hohlwangiges Gesicht ist glattrasiert, die Schläfen sind grau, seine Augen tränen im Wind, es sind gute, vertrauenerweckende Augen in einem Netz von Fältchen. Die Milizuniform sitzt ihm wie angegossen. So sieht Saweljew, obwohl er kein Jüngling mehr ist und keineswegs eine Grenadiergestalt hat, doch erstaunlich forsch aus und nötigt jedermann Respekt ab. Übrigens ist es nicht besonders interessant, uns zu betrachten, während wir zwischen den Schneewehen auf den Höfen umherstapfen, und es ist auch kaum jemand da, der das tun könnte, die Kinder sind zum großen Teil noch in der Schule, und der Frost zwickt so sehr, daß die Erwachsenen, ohne sich aufzuhalten, heimlaufen.
Bisher haben wir noch in keinem Hof alle meine Anhaltspunkte bestätigt gefunden, höchstens das eine oder andere - ausgenommen das grüne Tor. Diesem Hauptmerkmal, auf das ich so große Hoffnungen gesetzt hatte, mißtraue ich immer mehr. In der Tat, wer kommt schon auf die Idee, mitten im Winter sein Tor zu streichen? Quatsch! Meine Stimmung sinkt allmählich. Vielleicht hat Ljocha gelogen?
Da ist noch ein Hof. Eng, wie alle Höfe hier. Das dreistöckige Ziegelhaus hat zwei Eingänge. Hinter dem Spielplatz mit den Pilzen, den kleinen Bänken und der Schlitterbahn stehen Schuppen. Über den Dächern der den Hof begrenzenden Häuser ragt die Kuppel der Jelochowskaja-Kirche. Wir nehmen Schuppen für Schuppen in Augenschein. Nein, da ist alles heil, die rostigen Bügel der Schlösser sind wie für die Ewigkeit eingerastet. Dies ist nicht der Hof, bestimmt nicht. Wenn »der« Hof überhaupt existiert. Wir kehren in die schmale, schneeverwehte Gasse mit der tiefen Fahrspur in der Mitte zurück. Auf dem abschüssigen Trottoir, wo es nur einen rutschigen Trampelpfad gibt, können wir nicht nebeneinander gehen. Saweljew geht vor mir. Während ich immer wieder ausgleite und mit den Armen fuchtle, um das Gleichgewicht zu halten, sage ich zu ihm: »Übersieh nichts, Jegor Iwanowitsch!«
»Keine Angst«, antwortet er mit rauher Stimme, ohne sich umzudrehen.
»Bleiben uns noch ein paar geeignete Höfe?«
»Klar. Die hast du in einer Woche noch nicht alle besichtigt. Wir beide sind aber erst drei Stunden unterwegs.«
»Mehr als drei.«
Plötzlich bleiben wir beide gleichzeitig stehen und tauschen einen Blick. Vor uns ist ein schneebekleistertes grünes Eisentor. Die Farbe scheint frisch zu sein, die metallischen Vorsprünge glänzen. Hinter dem Tor gähnt der dunkle Durchgang, weiter hinten ist der Hof zu sehen. Das durch eine Kette gesicherte Tor ist so weit geöffnet, daß sogar ein Dicker durchschlüpfen kann.
»Na, gehn wir rein?« frage ich.
Saweljew schüttelt ärgerlich den Kopf. »Hundertmal bin ich hier gewesen«, sagt er niedergeschlagen, als habe er meine Frage nicht gehört. »Vor zwei Tagen ist hier in eine Wohnung eingebrochen worden. Und das Tor ist mir gar nicht aufgefallen. Ich bin alt geworden, wahrhaftig, ich bin alt geworden.«
»Gehn wir rein?« frage ich wieder.
»Klar, gehn wir rein«, sagt Jegor Iwanowitsch. »Was denn sonst? Sofort gehn wir rein. Mein Gott...«
Mühelos schieben wir uns durch den Spalt, passieren den halbdunklen Torweg und gelangen auf den Hof. Er ist, wie alle Höfe in diesem alten Stadtteil, mäßig groß und von höchst wunderlicher Gestalt. Da sind Vorsprünge, Durchgänge, Sackgassen, Schuppen und fensterlose Brandmauern. Eins der Häuser, es ist vierstöckig, weist mit seinem einzigen breiten Eingang zum Hof. Die graue Fassade ist mit Stuck verziert. Die ungewöhnlich hohen Fenster haben prächtige Fensterkreuze.
Obwohl der Hof so eng ist, hat er doch einen bescheidenen Spielplatz neben den drei oder vier schiefen Bäumen. An einem Schneehügelchen zanken sich zwei .Knirpse um einen Schlitten. Sie tragen gleiche Pelzmäntel und gleiche Schals. Auf der Bank sitzt eine in ein Tuch gemummte Frau und liest in einem Buch, ohne sich durch das Geschrei der Kinder stören zu lassen.
Langsam gehen wir über den Hof. Ich nehme das alte Haus zur Kenntnis, die nahe Kuppel der Jelochowskaja-Kirche, die wunderbar zu sehen ist, und. Aber die Schuppen müssen wir uns aus der Nähe anschauen. Es sind insgesamt vier. Nein, fünf. Sie stehen in ungleichmäßiger Reihe an der fensterlosen Ziegelwand eines Hauses, dessen Fassade dem Nachbarhof zugewandt ist. Sie sind unterschiedlich hoch und breit. Natürlich hängen an allen Schlösser, eins wirkt plump und altertümlich, es könnte von einem Kaufmannsspeicher stammen.
Wir treten heran, und ich stelle fest, daß keines Spuren von Gewaltanwendung aufweist.
»Tja.« Saweljew hebt die Schultern. »Alles paßt soweit, und nun dies - die Schlösser sind offensichtlich unversehrt.«
Seine Worte klingen nicht ärgerlich, sondern eher erleichtert. Ich verstehe ihn. Aber. Ljocha hat diesen Hof mit dem grünen Tor, der Kirche, den Schuppen nicht erfinden können. Auf keinen Fall. Davon bin ich überzeugt.
Ich trete an den äußersten Schuppen und rüttle am Schloß. Noch einmal. Ich versuche es zu drehen, zu kippen. Umsonst. Das Schloß hält. Ich packe das nächste. Das gleiche Ergebnis. Auch der dritte Schuppen ist gut gesichert. Doch der vierte.
Das plumpe Speicherschloß klickt plötzlich in meinen Händen, und der Bügel springt heraus. Sekundenlang bin ich starr vor Überraschung. Saweljew hinter mir schnauft. So ruhig wie möglich sage ich zu ihm: »Bleib hier, Jegor Iwanowitsch, halt Wache. Ich geh anrufen.«
»Bist du dir sicher?« fragt er bekümmert.
»Ja«, sage ich.
Eine halbe Stunde später wimmelt es auf dem Hof von Menschen. Die diensthabenden Einsatzgruppen unserer Kriminalmiliz, der Untersuchungsführer der Staatsanwaltschaft, die Jungs aus der Bezirksabteilung, die Zeugen. Weiter weg drängen sich Einwohner der Nachbarhäuser und die allgegenwärtigen Bengel der gesamten Umgebung, wie von einem geheimnisvollen Telegraphen zusammengetrommelt. Ihre Aufmerksamkeit gilt vor allem unserem prächtigen Fährtenhund Mars, der friedlich neben seinem Führer sitzt, die rote Zunge seitlich herausbaumeln läßt und in der Sonne blinzelt. Es ist, als begreife auch er, daß es für ihn hier nichts zu tun gibt, die Ereignisse haben sich vor drei Tagen abgespielt, und alle Spuren sind längst verloren.
Indessen öffnen wir die Schuppentür und beginnen mit Taschenlampen die Durchsuchung. Schließlich entdecke ich in einer Ecke, hinter einem Bretterhaufen, den Leichnam. Der Mann liegt unnatürlich da, beide Arme unter sich, ein Hosenbein ist hochgerutscht. Er trägt einen Wintermantel, keine Kopfbedeckung. Das Gesicht ist fleckig, die Augen sind glasig, an der marmornen adrigen Stirn kleben schwarze Haare. Der Fotograf macht die notwendigen Aufnahmen, dann wird der Mann in die Mitte des Schuppens gelegt, der Arzt beugt sich über ihn, prüft etwas, winkt hoffnungslos ab und sagt zum Untersuchungsführer: »Sie sehen selbst. Zwei Messerstiche. Sofortiger letaler Ausgang. Morgen bekommen Sie das ausführliche Gutachten. Dürfen wir ihn wegschaffen?«