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»Augenblick    noch«,    antwortet    der Untersuchungsführer und wendet sich mir zu. »Untersuchen Sie seine Kleidung, Vitali. Aber aufmerksam. Ich schließe das Protokoll ab.«

Ja, er ist nicht beraubt worden. Alles ist da -Brieftasche, Portemonnaie, Uhr, allerhand Krimskrams. Ich gebe die Sachen dem Untersuchungsführer. Seinem Aussehen nach    ist der Ermordete fünfundvierzig Jahre alt, das schwarze Haar ist schon schütter, das Gesicht gebräunt, er ist gediegen gekleidet, der Mantel mit Pelzkragen, der schöne dunkle Anzug, das Oberhemd, der Schlips, die Schuhe - alles ist teuer und hochmodern. Wo wollte dieser Mann hin an dem Abend? Zu Besuch? Ins Theater? Weshalb wurde er umgebracht? Wie stets kommen uns tausend Fragen.

»Ein seltsamer Name«, sagt der Untersuchungsführer, der in den Papieren des Ermordeten blättert. »Gwimar. Haben Sie den schon mal gehört? Gwimar Iwanowitsch Semanski.«

Wirklich seltsam. Vielleicht spanisch? Indessen wird der Tote abtransportiert - zur Leichenhalle. Die Papiere bleiben beim Untersuchungsführer. Der Sachverständige und die operativen Kräfte haben den Schuppen untersucht. Ohne Erfolg. Keinerlei Spuren sind zu finden, als hätte der Wind den Ermordeten hereingeweht.

Der Untersuchungsführer verabschiedet sich von mir. Nach einem Blick auf die Uhr schlägt er vor: »Treffen wir uns um sechs bei Fjodor Kusmitsch. Dort besprechen wir alles.«

»Gut«, sage ich. »Einstweilen seh ich mich hier noch ein bißchen um.«

»Richtig«, stimmt der Untersuchungsführer zu. »Versuchen Sie festzustellen, woher er kam, aus welcher Wohnung.«

»Eben«, sage ich und nicke.

Wir sind wieder allein, Saweljew und ich.

Saweljew schaut den Weggehenden nach, bis sie in dem dunklen Torweg verschwunden sind, seufzt bekümmert, wirft die nicht zu Ende gerauchte Zigarette in den Schnee und zerdrückt sie mechanisch mit dem Absatz. Dann wendet er sich mir zu. »Soll ich dir mal was sagen?«

»Ja.«

»Am Tag nach dem Mord ist hier eingebrochen worden.« Er weist auf ein Fenster des Hauses.

»Welcher Stock?«

»Zweiter. Wieso?«

»Semanski ist an dem Abend aus dem zweiten Stock gekommen. Als sie im Hof auf ihn gewartet haben. Das hat Ljocha behauptet.«

»Deiner Meinung nach ist er aus der Wohnung gekommen, in die dann eingebrochen wurde?«

Ich zucke die Schultern. »Wer wohnt dort?«

»Ein Abteilungsleiter. Er arbeitet in einer Fabrik. Ein achtbarer Genosse. Personengebundenes Auto. Ein eigenes hat er selbstverständlich auch. Er heißt Viktor Arsentjewitsch Kuprejtschik. Seine Frau ist noch jung. Sie ist Ärztin.« Saweljew verstummt.

»Sonst niemand?« frage ich ungeduldig.

»Nein. Sie sind bloß noch zu zweit.«

»Du sagst, bloß noch. Wieviel sind es denn gewesen?«

»Vor kurzem drei. Da lebte ihr Vater noch. Es ist seine Wohnung. Er war ein berühmter Professor, Akademiemitglied. Ebenfalls Mediziner. Er hieß Brjuchanow. Hast du den Namen schon mal gehört?«

»Hab ich.«

»Sicherlich von deinem Vater?«

»Ja.«

Seit mein Vater im Krankenhaus den schwerverwundeten Igor und dann noch zwei oder drei Jungs von uns untersucht hat, wissen viele, was er ist, und obwohl ich ein bißchen stolz bin, ist mir seine Popularität andererseits doch peinlich.

»Ist klar«, sagt Saweljew, »die haben ja auf derselben Linie gearbeitet. Aber Brjuchanow war Akademiemitglied. Was der alles hinterlassen hat! Allein die unzähligen Bilder!«

»Halten wir mal fest«, sage ich. »Wann war der Diebstahl?«

»Am Einundzwanzigsten, Mittwoch. Heute ist Freitag.«

»Ja. Und der Mord passierte, Ljochas Worten zufolge, am Dienstagabend. Ob es wirklich ein und dieselbe Gruppe ist? Inwiefern hat dieser Gwimar Iwanowitsch sie gestört?«

»Da heißt es nachforschen«, sagt Saweljew und seufzt wieder.

»Es ist wohl zwecklos, jetzt in die Wohnung zu gehen?« frage ich. »Sicher sind die Inhaber von der Arbeit noch nicht zurück. Was meinst du?«

»Wer weiß?«

»Gehen wir für alle Fälle mal rauf«, beschließe ich. »Es ist ja bald sechs. Er heißt also Viktor Arsentjewitsch. Und wie heißt seine Gattin?«

»Inna Borissowna." Sie hat ihren Mädchennamen behalten. Also Brjuchanowa.«

»Ein berühmter Name«, sage ich. »Da muß sie stolz drauf sein.«

Wir gehen in das dunkle Treppenhaus, und ein altertümlicher Lift hievt uns mühsam in die zweite Etage. An der lederbezogenen hohen Tür mit dem Kupferschildchen »Professor B. K. Brjuchanow« drehe ich die Klingel. Wir lauschen. Schritte nähern sich, und eine Frauenstimme fragt zaghaft: »Wer ist da? Zu wem wollen Sie?«

»Ich bin's, Inna Borissowna, Revierinspektor Saweljew«, sagt Saweljew.

Das Schloß rasselt, die Tür wird einen Spaltbreit geöffnet, aber noch ist die Sicherheitskette vorgelegt. Die Frau schaut heraus, nickt, als sie Saweljew erkennt, und löst die Kette.

»Bitte«, sagt sie. »Treten Sie ein.«

N u n kann ich sie mir anscha u en . Sie ist fü l li g u n d sehr groß, und sie wirkt älter, als sie ist. Doch das Gesicht ist schmal und rassig, irgendwie arrogant, der Mund hat fast keine Lippen, die Flügel der langen Hakennase wirken nervös, das üppige rotblonde Haar ist im Nacken nachlässig zusammengebunden.

Die Frau führt uns in ein großes Zimmer. Schwere, geschnitzte Möbel ringsum - ein Sofa, Stühle, ein Schrank, ein runder Tisch, ein Bronzelüster darüber, viele Bilder an den Wänden.

»Entschuldigen Sie, Inna Borissowna«, sagt Saweljew, als wir uns an den Tisch setzen. »Dieser Genosse, er ist von der Kriminalmiliz, möchte Ihnen ein paar Fragen stellen.«

»Bitte.« Sie schaut mich müde an.

»Kennen Sie Gwimar Iwanowitsch Semanski?« frage ich.

»Ja, selbstverständlich«, Inna Borissowna nickt. »Er besucht uns gelegentlich. Er ist ein Kollege meines Mannes. Genauer gesagt, seine Dienstreisen führen ihn in die Fabrik, wo mein Mann arbeitet.«

»Wann war er das letzte Mal bei Ihnen?«

Sie überlegt. »Ich glaube, am Dienstag. Ja, ja. Und am Tag darauf war der Diebstahl.«

»Hielt er sich lange bei Ihnen auf?«

»Ungefähr bis elf, wie immer. Zunächst tranken wir Tee. Dann gingen mein Mann und er ins Arbeitszimmer, um irgendwelche dienstlichen Sachen zu besprechen.«

»War Gwimar Iwanowitsch ruhig oder nervös?«

»Er machte einen ruhigen Eindruck. Und lustig war er. Ach, ja«, sie lächelte schwach, »er teilte uns mit, daß er heiraten wolle.«

»Sagte er, wer seine Braut ist?«

»Nein. Er sagte nur, sie habe ihn einiges gekostet.« Sie lächelt wieder.

»Hat er noch andre Bekannte in Moskau?«

»Eigentlich nicht. Ach, doch... Ich habe einen gesehen. Er stand mit Gwimar Iwanowitsch auf unserem Hof. Das ist eine Woche her. Sie standen da und stritten. Gwimar Iwanowitsch sah mich nicht.«

Ich ziehe ein paar Fotos aus der Tasche. Bevor ich die Dienststelle verließ, hatte ich die Fotos von Pest und Ljocha erhalten. Mit Hilfe der von ihnen hinterlassenen Fingerabdrücke waren ihre Akten herausgesucht worden. Nun kann ich die beiden Fotos mit einigen anderen vorzeigen, und ich frage Inna Borissowna: »Erkennen Sie hier den Mann, der sich mit Gwimar Iwanowitsch gestritten hat?«

Sie betrachtet die Bilder und schüttelt den Kopf. »Nein. Das hier sind junge Männer. Der Mann auf dem Hof war älter. Und er wirkte sehr unangenehm.«

»Wenn sich die Leute zanken, wirken sie immer sehr unangenehm«, entgegne ich. »Können Sie sein Gesicht beschreiben?«

»Ich will es versuchen. Rot, graues BürstenSchnurrbärtchen, Säcke unter den Augen, wahrscheinlich ist er nierenkrank. Gwimar Iwanowitsch und er stritten heftig. Deshalb bemerkte er mich nicht. Doch ich habe gesehen, daß ein Mann sie beobachtete. Aus dem Torweg. So ein Hagerer. Er trug eine Schirmmütze und einen grünen Schal.«