»Hast du die Liste der gestohlenen Sachen hier?« fragt Kusmitsch.
»Ja.« Pascha holt zusammengeheftete Listen aus seiner Mappe.
»Hm«, sagt Kusmitsch. »So was trägt man nicht auf dem Rücken weg.«
»Genau«, greife ich auf und blicke Pascha an. »Wie steht's mit Autos, habt ihr da was ermittelt?«
»Ja«, antwortet Pascha. »An dem Tag wurden vor dem Haus vier Autos bemerkt.«
»Vor dem Haus - bedeutet das im Hof?« präzisiere ich.
»Nun ja.« Pascha nickt. »Alle vier haben wir gefunden und überprüft. Fehlanzeige.«
»Da ist bestimmt noch eins gewesen«, meint Valja.
»Ja«, sage ich. »Die haben doch eine Unmenge Sachen herausgeholt.«
»Ach, bestimmt erinnert sich keiner mehr an den Tag«, erklärt Petja. »Der Diebstahl war am Mittwoch. Heute ist Sonnabend. Ein freier Tag, nebenbei bemerkt. Natürlich für normale Leute.« Er seufzt demonstrativ.
»Bei Mord wird ununterbrochen ermittelt. Wir aber haben bereits drei Tage verloren«, erwidert Kusmitsch streng. »Das weißt du sehr gut, Schuchmin.«
»Ich habe ja keine Einwände, Fjodor Kusmitsch. Ich konstatiere nur.«
»Konstatiere lieber, was uns weiterbringt. Zum Beispiel das Auto, das ist ein ernstes Problem. Es muß eins dagewesen sein. Es hat bestimmt irgendwo gestanden.«
»Sogar die Zeit läßt sich bestimmen«, füge ich hinzu. »Ljocha stieg ungefähr um zwei zu Wolodja ins Taxi. Also nach dem Diebstahl, da waren die Sachen schon abtransportiert.«
»Genau«, sagt Pascha. »Auch nach dem, was wir ermittelt haben, wurde der Diebstahl in der ersten Tageshälfte verübt.«
»Kurz und gut, meine Lieben«, sagt Kusmitsch und klatscht mit der flachen Hand auf den Tisch, »wir verständigen uns mit unserer Leitung und der Staatsanwaltschaft, weil diese beiden Fälle, der Mord und der Diebstahl, allem Anschein nach zusammengelegt werden müssen. Wir werden Hand in Hand arbeiten. Mestscherjakow, du hast doch wohl nichts dagegen, oder?«
»Ich denke, so ist es richtig, Fjodor Kusmitsch.«
»Na gut. Dann gehen wir folgendermaßen vor...« Kusmitsch wendet sich an uns. »Du, Denissow, suchst weiterhin Musa. Bestimmt haben wir noch nicht sämtliche ihrer Kontakte aufgespürt. Und wenn sie jetzt auch mit diesem Kolja zusammen ist, so muß sie doch irgendwo auftauchen, allein oder mit ihm. Hast du mich verstanden?«
»Klar, Fjodor Kusmitsch. Hauptsache, sie sind noch nicht weggefahren.«
»Wohl kaum.« Kusmitsch wiegt nachdenklich den Kopf. »Das dürfte jetzt gar nicht so einfach für sie sein. Und dieser Kolja wartet lieber ab. Er weiß, daß wir überall auf ihn warten. Kolja hat Erfahrung, und er ist schlau. Das sieht man an seiner vorigen Geschichte. Deshalb mußt du Musa suchen, die steckt die Nase eher heraus. Und führt uns zu ihm. Schade, daß sie ihr Töchterchen so wenig liebt. Schade.« Ärgerlich reibt er sich die grauen Stoppelhaare im Nacken. »Also weiter. Du weißt Bescheid, Denissow. Nun du«, sagt Kusmitsch zu mir. »Mach dich gründlich mit dem Haus vertraut, mit den Mietern, und natürlich mit der Wohnung. Und vergiß den Hof nicht. Stelle fest, wer dort in letzter Zeit herumlungerte. Und denk an das Auto. Ihr Auto. Selbstverständlich ist es ein Moskauer Wagen. Demnach gehört ein Moskauer zu der Bande, der einen eigenen oder einen Dienstwagen hat. Kapiert?«
»Kapiert«, antworte ich munter.
»Im übrigen, meine Lieben, schmeckt mir an dem Diebstahl etwas nicht«, sagt Kusmitsch nachdenklich und reibt sich wieder die Stoppelhaare. »Das Ganze sieht doch aus wie ein Durchschnittsfall, nicht? Und alles scheint zusammenzupassen. Aber. da sind kleine Unstimmigkeiten. Zunächst einmal - die Zusammensetzung der Bande. Nehmen wir an, Semanski ist ihr Komplize. Wer ist dann der Grauhaarige? Und obendrein der Moskauer mit Auto. Und beseitigt haben sie diesen Semanski genau dort, wo sie am nächsten Vormittag. Tja.«
»Und zweitens?« frage ich.
»Zweitens: Ljocha hat dir von seinen Geschichten nicht ganz exakt berichtet. Als ihr in der Wohnung auf Pest gewartet habt. Erinnerst du dich? Es gibt Leute, sagt er, die scheffeln das Geld, aber wo sie es herhaben, da lassen sie mich und dich nicht hin. Uns speisen sie mit Kopeken ab. Probier mal, dich an sie ranzumachen.«
»Ja, ja«, bestätige ich. »Ich erinnere mich. Er sagte noch, so wie Pest und ich den da, so erledigen sie jeden, der sich an sie heranmacht. Sie!«
»Ja.« Kusmitsch nickt. »Nach einem gewöhnlichen Einbruchsdiebstahl sieht das doch eigentlich nicht aus, selbst wenn es der größte wäre.«
»Trotzdem - Pest und Ljocha haben ihn verübt«, behaupte ich. »Und der ermordete Gwimar Semanski ist in der Wohnung gewesen.«
»Alles richtig«, seufzt Kusmitsch. »Alles richtig. Deshalb müssen wir uns mit dem Diebstahl befassen.«
»Fjodor Kusmitsch«, fragt Valja, »hat Jushnomorsk unsere Anfrage beantwortet?«
»Bisher noch nicht. Wir mahnen heute.«
»Vielleicht wissen sie auch etwas über Semanski?« fährt Valja fort. »Man sollte sich nach ihm erkundigen.«
»Ein guter Gedanke«, sagt Kusmitsch. »Also rührt euch inzwischen, meine Lieben. Heut abend erwarten euch hier vielleicht schon Neuigkeiten. Kann sein, daß ihr selbst ebenfalls etwas erreicht. Das ist noch wichtiger.«
Wir gehen in den Korridor und zünden uns wie auf Kommando Zigaretten an. In Kusmitschs Zimmer rauchen wir nach wie vor keine einzige. Das hat zur Folge, daß er sich viel seltener eine ansteckt.
In meinem Zimmer teilen Petja und ich uns die Arbeit. Ich übernehme die Inhaber der beraubten Wohnung, den Hof und das, was sich dort zugetragen hat. Petja trifft sich mit den vier Autofahrern, um festzustellen, ob nicht einer von ihnen einen fünften Wagen auf dem Hof gesehen hat und sagen kann, wer in ihm saß, was mit ihm gebracht oder abtransportiert wurde und was das überhaupt für ein Auto war. In Paschas Liste sind vier Autos aufgeführt, durchweg Wolgas, alles Dienstfahrzeuge, genauer, drei, das vierte war ein Taxi. Keiner der vier Fahrer hat mit dem Diebstahl etwas zu tun, die Jungs aus Paschas Gruppe sind da absolut sicher. Deshalb kann man mit ihnen offen sprechen und mit ihrer Hilfe rechnen. Das versicherte uns Pascha, und im großen und ganzen stimmte das.
Petja Schuchmin machte sich auf, um den erhaltenen Auftrag auszuführen.
Der erste Fahrer, Wladimir Pawlowitsch Chramow, den Petja zu Hause antraf, weil er Überstunden abbummeln durfte, war ein nicht mehr junger düsterer Mann in häuslich salopper Kleidung - alte Hose, Pantoffeln... Als er erfuhr, daß Petja von der Miliz war, verfinsterte er sich noch mehr und forderte ihn widerstrebend auf, abzulegen und ins Zimmer zu treten. Dort lagen eine Brille und eine entfaltete Zeitung auf dem sauberen Tisch. In der kleinen Wohnung war sonst niemand.
Chramow hörte Petja an, kratzte sich hinterm Ohr und sagte poltrig: »Ich hab die Halunken da nicht gezählt. Ich war dienstlich dort.«
»In was für Diensten?« fragte Petja, bestrebt, Chramow zum Sprechen zu bringen.
»Ich sollte Professor Valeri Alexejewitsch Tomilin zu einer Konferenz abholen, zu einem Vortrag. Das steht alles im Fahrauftrag, Sie können es nachprüfen, wenn Sie wollen.«
»Das wollen wir nicht«, antwortete Petja. »Wir wollen etwas anderes wissen: Haben Sie dort, auf dem Hof, lange auf den Professor gewartet?«
»Zwanzig Minuten bis eine halbe Stunde.«
»Wen haben Sie in der Zeit gesehen, wer ist vorbeigegangen?«
»Alle möglichen Leute. Wie soll man sich das merken?«
»Haben Sie sich wenigstens einen gemerkt?« fragte Petja hartnäckig.
»Keinen einzigen. Es ist nicht meine Gewohnheit, einem was anzuhängen. Nachher kann ich dafür geradestehen. Dann schleppen Sie mich in den Gerichtssaal, ich weiß Bescheid.«
»Ich bitte Sie! Weshalb sollte ich Sie in den Gerichtssaal schleppen?« flehte Petja. »Ich möchte doch nur einen Anhaltspunkt finden. Denn gerade zu der Zeit wurden vier, vielleicht auch fünf Koffer mit gestohlenem Gut herausgetragen. Und ganz bestimmt sind sie in einem Auto verstaut worden.«