Da war endlich die Brücke. Der Schmerz schien nachzulassen, zu gefrieren. Petja klammerte sich an das frostklebrige Geländer und richtete sich langsam auf. Herrgott, wenn doch jemand käme, dachte er verzweifelt, als er sich auf das Geländer stützte, sich beinahe darüberlegte. Ihm wurde schwindlig, alles drehte sich vor seinen Augen, Übelkeit stieg in ihm auf. Petja unterdrückte, überwand sie. Dann hob er den verletzten Fuß, der so unerträglich schmerzte, daß er damit nicht den Boden berühren, geschweige denn stehen konnte.
Petja wußte nicht, wie lange er so auf dem Geländer hing, außerstande, sich zu bewegen. Bald schluchzte er, bald stöhnte er verhalten. Endlich vernahm er Motorengeräusch. Ein Auto näherte sich aus Richtung Friedhof. Aber Petja hatte nicht die Kraft, sich umzudrehen.
Das Auto flitzte heran und blieb stehen. Eine Tür klappte. Petja biß die Zähne zusammen und versuchte sich hochzustemmen, sich von dem Geländer zu lösen - vergebens. Um ein Haar hätte er den verletzten Fuß belastet. Entsetzt kniff er die Augen zusammen, da er schneidenden Schmerz erwartete.
»Petka!« hörte er Tolja rufen. »Was ist mit dir?«
Tolja packte ihn bei den Schultern.
Petja stöhnte laut auf und fragte mühsam: »Fährst du mich?«
»Sag mal, hast du nicht mehr alle?« antwortete Tolja ärgerlich. »Nein, ich laß dich hier. Na los, stütz dich auf mich. So. Ach, bist du ein Bär. Weiter, weiter. Fahrgäste hab ich nicht. Man hat sie dabehalten. Es geht ihnen schlechter, den Armen. So.«
Tolja, der ununterbrochen sprach, schleppte Petja behutsam zum Wagen, öffnete die Hintertür, bückte sich und hob Petja auf den Sitz. Petja ließ sich erschöpft sinken, leise stieß er Flüche aus, das half ihm, den Schmerz zu ertragen.
Tolja schlug die Tür zu, lief um den Wagen und setzte sich ans Lenkrad. »Wohin?« fragte er, ohne den Kopf zu wenden.
»Presch ab«, sagte Petja. »Ein roter Moskwitsch, hol ihn ein. Die Banditen türmen.«
Tolja brauste ab, daß die Reifen quietschten. Er begriff, daß sich der rote Moskwitsch nur vor der Ringautobahn einholen ließe, später würde er in dem Spinnennetz von Straßen und in dem Strom der Autos verschwinden.
Tolja, der das Lenkrad umklammert hielt und unablässig nach vorn starrte, schien eins zu sein mit dem Wagen. Das Gaspedal drückte er fast gänzlich durch. Einige Male hatte er den Eindruck, als komme das Auto von der Fahrbahn ab, als werde es aus der Kurve getragen, als verkrafte es die Belastung nicht. Aber der Motor brummte stark und gleichmäßig, der Wagen gehorchte feinfühlig, und Tolja empfand sogar Freude bei dieser rasenden Geschwindigkeit, die er meisterte.
Unter der Verkehrsampel bogen sie in die Hauptstraße ein.
Petja hatte sich trotz der Schmerzen aufgerichtet. Er hielt sich an der Lehne des Vordersitzes fest und blickte gespannt nach vorn. Die Straße war belebt, und vor ihnen fuhren zahlreiche Autos. Ein roter Moskwitsch war nicht zu sehen.
»Gleich sind wir an einem Posten der Autoinspektion«, sagte Tolja nervös. »Ich fürchte, die stoppen mich.«
»Gib Gas.«, krächzte Petja. »Die werden's verstehen, und falls nicht, rechtfertigen wir uns später.«
»Da!« schrie Tolja.
Vorn leuchtete ein rotes Auto auf.
Tolja beugte sich vor, gab Gas, überholte mühelos zwei oder drei Fahrzeuge, die vor dem Posten der Autoinspektion ängstlich langsamer geworden waren, wäre um ein Haar auf den Roten aufgefahren und räusperte sich verärgert. Das war ein roter Wolga, ein Dienstwagen. Tolja überholte auch ihn und jagte weiter, die anderen Kraftfahrer schockierend.
In der Ferne tauchte die Brücke auf, die über die Ringautobahn führte. Aus, vorbei. hämmerte es in Toljas Schläfen. Doch halsstarrig, als könnte er nicht mehr innehalten, überholte er. Ein Fahrer wollte ihn nicht vorbeilassen, da überfuhr Tolja die Sperrlinie und raste weiter. Wie zur Belohnung zeigte sich vorn abermals ein roter Wagen. Tolja schoß ihm wie ein Habicht nach.
Dies war der Moskwitsch. Petja war überzeugt davon, obwohl er die Nummer des Wagens, der ihn an der Brücke angefahren hatte, nicht kannte.
»Du hast doch ein Funkgerät«, sagte Petja, als sie auf der Brücke waren. »Übermittle.. dem Dispatcher.«
Tolja verringerte die Geschwindigkeit, schaltete das Funkgerät ein und nahm den Hörer.
»Knospe!« rief er, »Knospe!« Und als sich der Dispatcher meldete, wiederholte er, was Petja ihm sagte. »Bei mir ist der Inspektor der Kriminalmiliz Schuchmin. Wir verfolgen ein Fahrzeug. Setzen Sie sich mit dem Diensthabenden der Stadt in Verbindung.
Er soll Streifenwagen zuschalten. Ich gebe unsere Marschroute durch. Alles verstanden? Empfang.«
Aus dem Lautsprecher schallte eine aufgeregte Frauenstimme. »Ich habe Sie verstanden. Ich setze mich mit dem Diensthabenden in Verbindung. Augenblick.« Ihre Stimme verschwand und ertönte gleich darauf von neuem: »Erledigt. Geben Sie Ihre Marschroute. Empfang.«
»Wir verfolgen einen roten Moskwitsch, Nummer.«
Tolja beugte sich über das Lenkrad und gab Gas, überholte den vor ihm fahrenden Wolga, hängte sich an den roten Moskwitsch und nannte dessen Nummer. Dann nannte er die Straße, durch die er fuhr, die Straße, in die er einbog, den Platz, die nächste Straße.
Nach einer Weile merkte Tolja, daß alle Verkehrsregler ihm die Möglichkeit gaben, dem roten Moskwitsch zu folgen. Plötzlich wurden sie von einem dunklen Wolga überholt. Sofort blinkte das »Ruflämpchen« an Toljas Funkgerät. Er knipste den Schalter und sagte: »Empfang.«
»Stellen Sie die Verfolgung ein«, sagte die Dispatcherin, und ihre Stimme klang erleichtert. »Sie wurden abgelöst. Fahren Sie mit Schuchmin zu dessen Dienststelle. Herzlichen Dank. Prachtkerle!«
Tolja lächelte, warf rasch einen Blick nach hinten und sah, daß Petja sich ermattet zurückgelehnt hatte.
Nach der Konferenz bei Kusmitsch begab sich Valja Denissow zu seinem Freund, dem Untersuchungsführer Gratschew, der damit beauftragt war, den Diebstahl bei dem verstorbenen Akademiemitglied Brjuchanow zu klären. Nachdem Valja ihm den Mord an Gwimar Semanski und die Neuigkeiten über den Diebstahl mitgeteilt hatte, die es allem Anschein nach erlaubten, beide Fälle zusammenzulegen, fragte er: »Wenn ich diesen Schurken Pest nun trotz allem finde, darf ich ihn dann sofort festnehmen oder nicht? Gibt mir der Staatsanwalt einen Haftbefehl?«
»Welche Frage! Selbstverständlich«, antwortete Gratschew erstaunt. »Ihn belasten: Erstens, der
Überfall auf Lossew, zweitens, der Handschuh in der Wohnung, drittens, der Mord an Semanski. Allerdings haben wir für den letzten Punkt keine Beweise. Wir stützen uns da nur auf Ljochas Worte. Den gedenkst du nicht festzunehmen?«
»Laß die Witze«, sagte Valja streng.
»Schon gut, du langweiliger Mensch«, entgegnete Gratschew lachend. »Hab keine Bedenken wegen des Haftbefehls. Finde diesen Pest und verhafte ihn.«
»Ich habe aber doch Bedenken. Zu dem Überfall auf Lossew haben wir nur die Aussage von Lossew selbst. Weiter. Den Handschuh hat ebenfalls nur Lossew bei Pest gesehen. Vielleicht hat Pest ihn inzwischen schon weggeworfen, was soll er mit dem einen? Und für den Diebstahl haben wir, ebensowenig wie für den Mord, wie du selbst sagst, auch keine Beweise. Was ergibt das?«
»Das ergibt einiges«, erwiderte Gratschew. »Einverstanden, jeder Fakt für sich allein genommen würde für eine Verhaftung nicht ausreichen. Aber alle zusammen. Und dann mußt du Pests Persönlichkeit berücksichtigen. Er hat drei Vorstrafen, nicht wahr? Jeden Augenblick kann er untertauchen. Genauer gesagt - er ist bereits untergetaucht. Nein, du brauchst keine Bedenken zu haben«, schloß er ernst. »Nimm ihn fest, wenn du ihn erwischst.«