Valja verabschiedete sich von Gratschew und ging, tief in Gedanken versunken, in sein Zimmer hinauf.
Also, wo sollte er mit der Suche nach diesem Pest-Kolja beginnen? Dessen trügerisches Äußere und heimtückischen, brutalen Charakter kannte Valja bereits. Er wußte auch, daß Pest in solchen Dingen Erfahrung hatte. Aber wahrscheinlich war da ein noch Erfahrenerer, der ihn anleitete. Oder angeleitet hatte... Vielleicht war Gwimar Semanski Anführer und Initiator bei dem Diebstahl gewesen? Und den hatte sich Pest vom Halse geschafft, um die Beute nicht teilen zu müssen. Wenn es sich so verhielt, dann war Pest jetzt sein eigener Herr und hockte nur deshalb in Moskau, weil er Angst hatte und abwarten wollte, oder aber, um das gestohlene Gut vorteilhaft zu verhökern.
Wie komme ich an Pest heran, durch wen? überlegte Denissow, als er allein in seinem Zimmer saß. Am leichtesten läßt sich das natürlich durch Musa bewerkstelligen. Und es dürfte auch nicht so schwer sein, sie zu finden, obwohl sie jetzt mit Pest zusammen ist. Sie ist Moskauerin und hat hier ihre Bindungen. Und plötzlich hatte Valja das beunruhigende Gefühl, als habe er gestern einen Hinweis nicht beachtet, nicht zu schätzen gewußt. Was war das gewesen?
Er beschloß, sich ins Gedächtnis zurückzurufen, was er gesehen und gehört hatte.
Zunächst war er zu dem Haus gefahren, in dem Musa wohnte, in der Hausverwaltung hatte die Buchhalterin gesagt. Was hatte sie gesagt.? Ohne Liebhaber ist die nie. Der Mann, ein Ingenieur, hat sie verlassen. Nein, das war es nicht. Dann hatte Valja mit der Nachbarin gesprochen.. Sie zanken sich nicht. Hat die Nacht nicht zu Hause verbracht. Das war es auch nicht. Dann kam Musas Mutter an die Reihe, Albina Afanassjewna. Ja, ja. Ein hysterischer Anfall. Kann die Tochter nicht leiden. Trotzdem wünscht sie ihr einen reichen Mann. Diesen Pest mag sie nicht. Gwimar Semanski - das ist was anderes. Er hat Musa einen Ring geschenkt. Wird ihr ein Haus schenken. Da war noch was. Stop! Sie wollte sie suchen. Nein, da war noch ein Geschenk. Also, der Ring, das Haus. Was noch? Ach ja! Ein Fernsehapparat. Ein Farbfernseher. Er hat Geld dafür gegeben. Und?. Sie soll ihn auf Abzahlung kaufen. Und weiter? Ah, Albina Afanassjewna hat die Formalitäten erledigt. Auf Musas Namen natürlich. Und was folgt daraus? Sie benötigte dazu Musas Personalausweis und eine Bescheinigung ihrer Arbeitsstelle. Vorgestern hat Albina Afanassjewna das erledigt. Vorgestern. Musa ist inzwischen nicht mehr bei ihr gewesen. Ohne Personalausweis kann sie nicht wegfahren! Den hat die Mutter! Das war es. Jetzt hatte er es!
Valja verlor die gewohnte Selbstbeherrschung. Er sprang auf, schnappte sich Mantel und Mütze und stürzte in den Korridor. Im Laufen zog er sich an.
Wie ein Blitz war er die Treppe hinunter, spurtete den endlos langen Korridor entlang, zeigte dem jungen Diensthabenden flüchtig den Ausweis und stürmte in die Gasse hinaus. Er hatte Glück, zwei Mitarbeiter setzten sich gerade gemächlich in ein Auto.
»Freunde«, flehte Valja, »nehmt mich ein Stück in Richtung Perwomaiskaja mit, ich hab's furchtbar eilig.«
Die Mitarbeiter tauschten einen Blick, und der eine sagte: »Er übertreibt nie, ich kenne ihn.«
Der andere verbarg ein Lächeln und bestätigte: »Ich kenne ihn auch.« Und zu Denissow sagte er: »Bitte, Maestro. An welcher Stelle der Perwomaiskaja dürfen wir Sie absetzen?«
Der Wagen fuhr los und kurvte durch das Gewirr der Moskauer Straßen. Während der Fahrt unterhielten sie sich über »alles«. Die Fälle, an denen die Mitarbeiter aus Zwetkows Abteilung arbeiteten, waren immer interessant. Ehe sie sich's versahen, waren sie in der Perwomaiskaja, wo Denissow unweit des Hauses ausstieg, in dem Albina Afanassjewna wohnte, Musas Mutter.
Valja durchquerte den verschneiten Hof mit dem verödeten Spielplatz, lief den Asphaltweg am Haus entlang und wollte gerade durch die Tür schlüpfen, als er hinter sich eine fröhliche Stimme hörte. »Zu wem wollen Sie so eilig, junger Mann?«
Valja drehte sich um.
Neben der Haustür hatte Albina Afanassjewna hinter einem Mauervorsprung Schutz vor dem Wind gesucht. Sie trug einen hübschen Pelzmantel und hatte sich ein weißes, weiches Tuch umgebunden. Ihre schwarzen Augen blitzten jugendlich in dem geröteten Gesicht. Neben ihr stand ein Kinderwagen.
»Zu Ihnen«, sagte er.
»Sehr schön. Da können Sie mir gleich helfen.«
Valja half ihr gern, den Wagen in den ersten Stock zu tragen, das kleine Mädchen musterte ihn, und er zwinkerte ihr zu.
Während Albina Afanassjewna im Zimmer das Enkeltöchterchen versorgte, legte er im Korridor, ihrer Einladung folgend, Mantel und Mütze ab und ging in die Küche. Valja hatte immer noch nicht entschieden, ob er weiter die Rolle eines Freundes von Pest-Kolja spielen oder mit dieser Frau offen sprechen sollte. Er hätte gern offen mit ihr gesprochen. Obwohl es riskant war...
Draußen klingelte es.
»Ah, das ist Ninotschka!« rief Albina Afanassjewna, lief in den Korridor und öffnete die Wohnungstür. Lebhaft begrüßte sie den Ankömmling.
»Kommen Sie herein, Ninotschka«, sagte Albina Afanassjewna. »Bitte in die Küche. Dort wartet ein junger Mann auf mich. Ich komme sofort, ich mache nur Nataschka fertig.«
Valja überlegte indessen fieberhaft, was er tun sollte. Nina durfte einstweilen nicht wissen, daß er Mitarbeiter der Kriminalmiliz war, wie es überhaupt niemand aus dem Restaurant wissen durfte. Aber in Albina Afanassjewnas Gegenwart konnte er sich nun nicht mehr als Inspektor der Restaurantverwaltung ausgeben und in Ninas nicht als Pest-Koljas Freund.
Nina kam in die Küche und blieb überrascht stehen. »Sie?«
»Ja, ich«, bestätigte Valja und fügte ernst hinzu: »Bitte, Nina, wundern Sie sich über nichts. Ich werde Ihnen später alles erklären. Sagen Sie mir zunächst, weshalb Sie hergekommen sind!«
»Musa hat mich gebeten, ihren Ausweis zu holen.«
»Ach! Obwohl. Ich hab's mir gedacht. Also lassen Sie ihn sich geben, und dann gehen wir gemeinsam weg. Einverstanden?«
»Selbstverständlich.« Nina hatte sich von ihrer Überraschung noch nicht erholt.
Aber da erschien endlich Albina Afanassjewna. Sie hatte wieder die bunte Jacke und die hübsche Hose an, die ihre schlanke Figur zur Geltung brachte.
»Na, habt ihr euch bekannt gemacht?« fragte sie.
»Ja«, sagte Valja und fügte hinzu: »Ich bin nur gekommen, um zu hören, ob Sie schon etwas über Ihre Tochter erfahren haben.«
»Da ist nichts zu erfahren«, antwortete Albina Afanassjewna jähzornig. »Die Mutter und das eigene Kind sind ihr völlig egal. Da, sehen Sie?« Sie wies auf Nina. »Die Freundin muß den Ausweis abholen. Das ist der Dank für alles! Für meine Tränen, meine Qualen!«
Sie begann sich wieder zu erregen, zu ereifern und in Hysterie zu steigern - wie letztes Mal. Aber da sagte Valja streng: »Gehen Sie, Albina Afanassjewna holen Sie den Ausweis. Gehen Sie.«
Es war, als erwache Albina Afanassjewna, und eilig antwortete sie: »Ja, ja. Gleich. Wo ist er denn, um Himmels willen.« Sie lief ins Zimmer.
Nina und Valja standen niedergeschlagen in der Küche. Als Valja gerade das Schweigen brechen wollte, erschien Albina Afanassjewna mit dem Ausweis, reichte ihn Nina und sagte: »Da, Ninotschka. Geben Sie ihn ihr. Soll sie ihr Glück suchen, soll sie jemanden richtig lieben. Nataschka und ich werden irgendwie allein fertig werden.« Tränen traten ihr in die Augen.
»Was reden Sie da, Albina Afanassjewna«, rief Nina. »Sie kommt ja zurück. Sie kommt bald zurück, Sie werden sehen. Und sie liebt Sie, und sie liebt auch Natascha.«
»Ich weiß nicht, wen sie liebt, und ich will es auch gar nicht wissen!« schrie Albina Afanassjewna und ballte die Fäuste. »Richten Sie ihr das aus, der Schlampe! Oh!« Sie preßte die Hände an die Wangen und blickte Valja flehend an. »Verzeihen Sie.«