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Während Valja und Nina sich im Korridor anzogen, sprach sie kein Wort mehr. Dann nickte sie und schloß mit schuldbewußtem Lächeln die Tür hinter ihnen.

Erst als sie im Hof waren, sagte Nina nach einem Seufzer: »Wie schrecklich! Sie quält sich ja so.«

»Und wie«, stimmte Valja zu. »So was wünscht man keinem. Aber ist Ihnen klar, was mit Ihrer Freundin geschieht?«

»Ach!« Nina winkte ärgerlich ab. »Eine neue Liebelei. Das vergeht, wie immer. Da ist mit ihr nichts anzufangen. Sie hat eben so einen unausgeglichenen Charakter. Und Sie.«, verstohlen schaute sie Valja an, »Sie interessieren sich offenbar sehr für sie?«

»Mehr für Musas Freund, um ehrlich zu sein.«

»Warum?« rief Nina erstaunt, fügte aber sogleich hinzu: »Das darf ich wohl nicht fragen?«

»Sie dürfen. Ich habe versprochen, Ihnen alles zu erklären, erinnern Sie sich? Aber erzählen Sie mir zunächst einmal, wie Sie Musa den Ausweis geben wollen.«

»Ich rufe sie an, und dann treffen wir uns.«

»Wo?«

»Irgendwo. Ins Restaurant will sie nicht kommen.«

Valja überlegte: Wenn man Musa beschattete, nachdem sie sich mit Nina getroffen hatte, dann führte sie einen sicherlich zu Pest. Der zweite Weg dorthin führte über die Telefonnummer, unter der Musa zu erreichen war. Kurzum, es war kein Problem, den Ort festzustellen, wo sich Pest, und mit ihm wahrscheinlich auch Ljocha, versteckt hielt. Und dann galt es sie festzunehmen. Das würde eine schwierige und gefährliche Operation werden. Zwei Banditen, der eine bewaffnet.

»Wann sollen Sie Musa anrufen?« fragte Valja.

Nina schaute auf die Uhr. »Jetzt ist es halb eins. Anrufen soll ich sie zwischen eins und zwei.«

»Ausgezeichnet. Fahren wir.«

»Wohin?« fragte Nina erschrocken.

»Haben Sie keine Angst«, sagte Valja. »Wir fahren zu meiner Dienststelle. Ich bitte Sie sehr. Ich muß mich mit meinen Genossen beraten. Ach ja! Es handelt sich darum, daß ich.«, er zögerte, »bei der Kriminalmiliz arbeite.«

Nina nickte lächelnd. »Das hab ich mir gleich gedacht. Schon neulich.«

»Warum?« fragte Valja.

»Weil ich die Inspektoren unserer Verwaltung kenne«, antwortete sie. »Und die stellen ganz andere Fragen.«

»Tja.«, sagte Valja ärgerlich. »Demnach bin ich nicht besonders gut gewesen. Und ich habe mit meiner Rolle keine Ehre eingelegt?«

»Doch«, entgegnete Nina. »Solche Fragen haben Sie ja nur mir gestellt. Sergej Iossifowitsch zum Beispiel ist überzeugt, daß Sie ein Inspektor sind. Ein neuer. Die wechseln häufig bei uns.«

»Soll er bei seiner Überzeugung bleiben, ja? Und die anderen auch, ich bitte Sie darum. Werden Sie sich nicht verplappern?«

»Selbstverständlich nicht.«

Plaudernd gingen sie zur Metro hinunter, fuhren ins Zentrum und stiegen dort in einen Trolleybus um. Er war fast leer, und sie konnten sich ungestört unterhalten.

»Und was sage ich im Restaurant?« besann sich Nina plötzlich, als sie die Passierscheinstelle bereits hinter sich hatten und in der hohen Eingangshalle waren.

»Halb so schlimm.« Valja lächelte. »Wir lassen uns was einfallen.«

Zum Glück war Kusmitsch in seinem Zimmer. Er wollte gerade Mittag essen gehen, als Valja klopfte.

»Komm herein«, sagte Kusmitsch. »Was gibt's?«

Valja schloß die Tür hinter sich und schilderte die entstandene Situation. »Wenn wir sie in der Wohnung verhaften, kann es Opfer geben«, schloß er. »Deshalb habe ich einen Vorschlag, Fjodor Kusmitsch. Ich begleite Nina. Sozusagen als ihr Freund.«

»Aha. Und weiter?«

»Ich stelle mich Musa vor, und wir gehen mit ihr in die Wohnung. Dort bleiben wir, trinken ein Gläschen. Im geeigneten Augenblick öffne ich die Tür, unsere Jungs kommen herein.«

»Nein.« Kusmitsch schüttelte den Kopf. »So einfach ist das nicht. Die sind mit allen Wassern gewaschen. Die lassen dich erst gar nicht in die Wohnung.«

»Je nachdem, wie ich spiele.«

»Nina muß mitspielen, vergiß das nicht«, sagte Kusmitsch. »Bist du ihrer völlig sicher? Immerhin ist sie Musas Freundin.«

»Sie ist in Ordnung, Fjodor Kusmitsch. Sie können ja selbst mit ihr sprechen.«

»Ruf sie her.«

Valja sprang auf.

Das Gespräch dauerte noch nicht lange, doch Valja merkte schon, daß Nina Kusmitsch gefiel. Er schien ihr zu vertrauen und die Überzeugung gewonnen zu haben, daß Nina sie nicht hereinlegen, Valja nicht verraten würde. Aber das war zu wenig. Kusmitsch sollte entscheiden, ob das Mädchen imstande war, Valja zu »sekundieren«, ihm in der gefährlichen Situation zu helfen, die sich nach dem Treffen mit Musa unweigerlich ergab. Im tiefsten Innern war Valja nicht überzeugt davon. Eben deshalb wollte er, daß Kusmitsch selbst die Entscheidung fällte. Denn allzuviel stand auf dem Spiel.

Kusmitsch drehte die Brille in den Händen und sagte schließlich eindringlich: »Folgendes, Nina: Sie können uns sehr helfen. Und wenn ich sage >uns<, dann meine ich >allen<. Denn es ist nicht unser Privatvergnügen, und es geschieht auch nicht um unserer eigenen Sicherheit willen, wenn wir Verbrecher fangen. Darin besteht eben unser wenig angenehmer, aber, ich meine, nützlicher Dienst. Und wir vertrauen uns nicht jedem an. Das verstehen Sie doch?«

»Vollkommen«, antwortete Nina leise.

Nach kurzem Schweigen fragte Kusmitsch unvermutet: »Könnten Sie Musa, wenn Sie sich mit ihr treffen, irgendwohin einladen?«

»Ich weiß nicht, wohin.«

»Aber ich weiß es!« rief Valja. »Ich lade Sie beide ein. Und Musa wird dann Kolja hinzitieren. Dafür verbürge ich mich.«

»Und wohin wollen Sie uns einladen?« fragte Nina lächelnd.

Valja merkte, daß ihr Lächeln auch Kusmitsch gefiel.

In Wirklichkeit gefiel Kusmitsch etwas anderes. Er stellte fest, daß sich das Mädchen beruhigt hatte und sich schon auf das Verhalten einstimmte, das von ihr erwartet wurde. Ja, Nina schien für die Rolle geeignet zu sein, die sie ihr anvertrauen wollten.

»Also, wohin laden Sie uns ein?« wiederholte Nina, als wollte sie Valja necken.

»Das erfahren Sie noch«, antwortete er. »Sie dürfen aber nicht ablehnen.«

»Er ist Ihr neuer Freund«, erklärte Kusmitsch ohne eine Spur von Spott. »Sie hatten noch keine Gelegenheit, ihn Musa vorzustellen. Und er, verstehen Sie, macht Ihnen mächtig den Hof. Er gefällt Ihnen, vergessen Sie das nicht.«

»Das vergesse ich nicht«, sagte Nina lachend.

Sie war überhaupt nicht schüchtern, sondern lebhaft und fröhlich, und das war Valja sehr angenehm.

»Ich werde ihr mit dem größten Vergnügen den Hof machen«, sagte er.

Kusmitsch runzelte die Brauen und versetzte: »Das Vergnügen wirst du nachher haben. Einstweilen rate ich dir, die Hauptsache im Auge zu behalten. Tust du das nicht, kann es dich teuer zu stehen kommen.«

Dann telefonierte Nina mit Musa, und sie vereinbarten, sich am Majakowski-Platz zu treffen, am Metroeingang.

Als sie Kusmitschs Zimmer bereits verlassen hatten, sagte Valja plötzlich schuldbewußt: »Oh, Ninotschka, entschuldigen Sie, ich muß Kusmitsch noch etwas fragen. Ich bin gleich wieder da.«

Er lief zurück. Kusmitsch erwartete ihn. »Also«, sagte er. »Die Gruppe folgt euch. In Autos. Deine Aufgabe besteht darin, nicht in die Wohnung zu gehen, sondern die Banditen herauszulocken. Oder, schlimmstenfalls, mit Pest zusammen herauszukommen. Hast du mich verstanden?«

»Ja, Fjodor Kusmitsch. Wenn ich ihn neben mir habe...«

»Ihr handelt dann je nach den Umständen. Aber das Signal gibst du.«

Zum Majakowski-Platz wurden sie mit einem Auto gebracht. Dann überquerten Nina und Valja, sich angeregt unterhaltend, den Platz, kamen am Majakowskidenkmal vorbei und näherten sich dem Metroeingang.