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Es war ein sonniger Frosttag, wie er für das winterliche Moskau jetzt so selten ist. Der endlose Passantenstrom flutete an den mächtigen Säulen des Konzertsaales vorbei, und schwarzer Matsch schmatzte unter den Füßen. Nur auf den fernen Dächern und dem Denkmal wirkte der Schnee unwahrscheinlich weiß und steril.

In dem blauen Mantel mit dem weichen Pelzkragen und der Mütze aus dem gleichen Fell sah Nina Valjas Meinung nach reizend aus. Ihr Gesicht war gerötet, die Augen wirkten dunkel vor verhaltener Erregung, und er fragte dauernd: »Ist Ihnen nicht kalt?«

»Kein bißchen«, antwortete Nina lächelnd, und mit einem Blick auf sein Kunstfasermäntelchen meinte sie: »Aber Sie frieren bestimmt.«

»Ich friere nie. Mein Mantel ist nämlich elektrisch beheizt.«

So versicherten sie einander, daß ihnen nicht kalt sei, bis Nina plötzlich rief: »Da ist ja Musa!«

Valja erkannte sie sofort. In ihrem hübschen Lammfellmantel, der großen flauschigen Mütze und den eleganten Stiefelchen trat sie zu ihnen und umarmte Nina.

»Ich bin nicht allein«, sagte Nina. »Macht euch bekannt.«

Musa musterte Valja rasch und drohte der Freundin mit dem Finger. »Oh, Nina! Ist das dein Freund? Das glaube ich dir nicht.«

»Warum nicht?« fragte Valja lächelnd. »Haben Sie keinen?«

»Ich bin nur so überrascht«, antwortete Musa lachend.

»Ich mache einen Vorschlag«, sagte Valja. »Ich habe nämlich gewisse Beziehungen zur Konzertagentur, Nina weiß das.« Er zog, um überzeugend zu wirken, ein Büchlein aus der Tasche und schwenkte es. »Und in Moskau tritt zum erstenmal das weltberühmte Negerensemble >Black Band< auf. Ich hoffe, Sie haben davon gehört?«

»Und ob!« rief Musa begeistert. »Die Leute reißen sich um die Karten. Tagelang stehen sie an.«

»Richtig«, bestätigte Valja. »Und morgen findet die erste Vorstellung statt.«

»Oh, morgen fahren wir schon weg«, teilte Musa bekümmert mit.

»Ich will Sie ja für heute einladen«, sagte Valja. »Zur Generalprobe um vier.«

»Valja!« Musa drohte ihm mit dem Finger. »Verkohlen Sie uns auch nicht? Das ist ja unwahrscheinlich! Mein Gott, die >Black Band<! Ich werde verrückt.«

»Sie lehnen also nicht ab?«

»Das fehlte noch! Und ob wir gehen.«

»Zu viert. Falls Sie einen Freund haben. Das will ich doch hoffen.«

»Nehmen wir es an.«

»Dann müssen wir uns beeilen. Wir haben ungefähr eine Stunde und fünfzehn Minuten Zeit. Warten Sie. Dort stehen Taxis. Moment!«

Valja rannte los. Die Mädchen folgten ihm.

Wenig später stiegen sie in ein Auto.

»Wohin?« Valja drehte sich um.

»Zum Belorussischen Bahnhof, und dann in die Lesnaja«, antwortete Musa. »Dort zeige ich den Weg.«

Der Wagen bog in die Gorkistraße ein, wendete am zentralen Telegrafenamt und fuhr in Richtung Belorussischer Bahnhof. Valja, der mit den Mädchen scherzte, blickte ab und zu in den Rückspiegel.

Als das Taxi, das Musas Anweisungen gefolgt war, schließlich in einer stillen Gasse unweit der LesnajaStraße anhielt, half Valja den Mädchen beim Aussteigen und sagte zu Musa: »Nina und ich warten auf Sie. Damit der Chef nicht nervös wird. Einverstanden?«

»Sie warten hier, und Nina kommt mit«, ordnete Musa an und fügte strahlend hinzu: »Sie sind einfach ein Zauberer! >Black Band<! Das glaubt mir kein Mensch!«

»Beeil dich, verehrtes Publikum!« rief Valja lachend.

Die Mädchen verschwanden im Haus.

Valja steckte die Hände in die Manteltaschen und spazierte auf dem Trottoir auf und ab. Der Taxifahrer, der auf Valjas Wunsch ein Stückchen weitergefahren war, duselte am Lenkrad. Vor dem Haus auf der anderen Straßenseite hielt ein Auto. Kurz darauf stoppte ein zweites in der Nähe. Passanten waren kaum zu sehen. Ein Lastwagen rumpelte durch die Gasse, ein Taxi flitzte vorbei. Am blaßblauen, leicht diesigen Himmel schien die Sonne, die schon kaum merklich zu wärmen begann. Valja zwang sich zu ruhigem Schritt, obwohl ihm vor Erregung ein leichter Schauer über den Rücken lief. Er warf einen Blick auf die Uhr. Höchste Zeit...

Da klappte wie auf sein Kommando die Haustür, Nina, Musa und ein hochgewachsener rotblonder Bursche in heller Lammfelljacke und Pelzmütze kamen heraus. Valja erkannte ihn sofort. Pest!

Lächelnd ging Valja ihnen entgegen. Lässig gab ihm der Bursche die Hand. »Ich bin Niko...«

Er konnte den Satz nicht beenden. Er glitt aus, flog über Valja hinweg, der sich gebückt hatte, und plumpste aufs Trottoir. Im selben Augenblick saß Valja auf ihm und drehte ihm den rechten Arm mit solcher Kraft nach hinten, daß Pest aufschrie und die Nase in den Schnee stieß.

Von den parkenden Autos kamen Männer gelaufen.

Erneut begebe ich mich zu dem unglückseligen Hof. Über die Ereignisse, die sich dort abgespielt haben, werden Petja Schuchmin und ich heute von zwei Seiten Angaben sammeln. Er - bei den Kraftfahrern, die mit ihren Wagen dort gewesen sind, und ich bei den Mietern.

Ich schlendere die stille, mir bereits bekannte Gasse entlang. Fußgänger sind kaum unterwegs, Autos auch nicht. Es ist mühselig, auf dem vereisten, unebenen Trottoir zu gehen. Vor dem grünen Tor bleibe ich stehen und betrachte es. Tatsächlich - wer mag auf die Idee gekommen sein, es um diese Jahreszeit zu streichen? Sicherlich wollte die Hausverwaltung das Geld verbuttern, das ihr noch zur Verfügung stand. Die frische Farbe ist schon zur Hälfte abgeblättert, das Tor mit Eis und gefrorenen Schneeklumpen bedeckt. Ich zwänge mich durch den Spalt und passiere den dunklen Torweg. Auf dem Spielplatz sind wieder die beiden Knirpse in den warmen gelben Kombinationen. Mit kleinen Schaufeln buddeln sie schnaufend im Schnee. Auf der Bank sitzt, in ein Tuch gemummelt, die Oma und liest in einem dicken Buch. Die zweite Bank ist leer. Sonst ist niemand auf dem Hof.

Ich trete zu der Frau, grüße und setze mich zu ihr. Durch die starken Gläser ihrer Brille wirft sie mir einen gleichgültigen Blick zu. Sie hat ein müdes, nicht mehr junges, intelligentes Gesicht.

»Sind das Ihre Enkel?« frage ich und deute auf die Kinder.

Die Frau blickt erneut auf und sagt seufzend: »Ja.«

»Nette Kinder. Da brauchen Sie wirklich nicht zu seufzen.«

»O doch! Ihretwegen habe ich meine Arbeit aufgegeben. Meine Tochter hat mich darum gebeten. Deshalb sind sie so nett«, schließt sie nicht ohne Stolz.

»Das berühmte Großmutterproblem«, sage ich. »Die Soziologen studieren ja jetzt alles. Und auf diesem Gebiet haben sie kürzlich eine Entdeckung gemacht. Ich hab's gelesen. Demnach sind an der Erziehung der Enkel zweimal mehr Großmütter beteiligt, die eine halbe Stunde bis zu ihnen fahren müssen, als solche, die eine Stunde zu fahren haben. Jetzt schreibt bestimmt schon jemand eine Dissertation zu diesem Thema.«

Lächelnd mustert mich die Frau. »Ich wohne bei diesen Schlingeln.«

»Also wohnt die Schwiegermutter mit in der Familie«, sage ich dozierend. »Darüber haben die Soziologen ebenfalls Untersuchungen angestellt. Und sie haben herausgefunden, daß junge Ehen häufiger von den Müttern der Ehemänner als von den berüchtigten    Müttern    der    Ehefrauen auseinandergebracht werden.«

»Du lieber Himmel! Sind Sie etwa Soziologe?«

»Beinahe«, antworte ich. »Ich studiere ebenfalls die verschiedensten Lebenssituationen, wissen Sie. Aber auf etwas anderer Linie. Haben Sie von dem Diebstahl in dem Haus dort gehört?« Ich weise auf das Haus, wo sich die Wohnung des verstorbenen Akademiemitglieds befindet.

»Wie sollte ich nicht! Und zwei Tage darauf wurde hier ein Ermordeter gefunden. Schrecklich. Man hat ja Angst, mit den Kindern ins Freie zu gehen.«

»Sicherlich gehen Sie jeden Tag um dieselbe Zeit hinaus?«

»Selbstverständlich. Zweimal. Am Vormittag und am Nachmittag, wie jetzt. Und ich sage Ihnen, das war ja beinah vorauszusehen.«