»Vorauszusehen?« frage ich. »Hatten Sie eine Vorahnung?«
»Nein. Da gab's etwas Realeres. Ich lese gern Kriminalromane. Und ich versichere Ihnen: Ich wäre ein guter Detektiv geworden. Ja, ja.«
»Wie die meisten Frauen«, sage ich lachend.
»Natürlich. Wir sind begabter. Und außerdem gute Psychologen. Sollen die Männer herumrennen und schießen.« Sie winkt geringschätzig ab.
»Was haben Sie vorausgesehen, den Diebstahl oder den Mord?«
»Eigentlich beides.«
»Haben Sie auf dem Hof etwas beobachtet?«
»Genau. Einmal setzte sich ein Mann zu mir, wie Sie jetzt, und er fragte mich über die Mieter aus. Das war natürlich ein Ablenkungsmanöver.«
»Er wußte nicht, mit wem er es zu tun hat«, sage ich lächelnd.
»Eben. Und auch über die Brjuchanows. Wann sie kommen, wann sie gehen, wer sie besucht. Und das alles wie beiläufig. Ich kannte Boris Brjuchanow schon, als er noch studierte. Ich war damals ein Schulmädchen. Die Familie wohnte bereits vor dem Krieg hier. Auch an seine Eltern erinnere ich mich.«
»Und wer war das, der Sie ausfragte?«
»Ein junger Mann wie Sie.... das heißt, nicht ganz«, verbesserte sie sich lächelnd. »Er war rotblond, hager, durchaus anständig gekleidet. Aber unsympathisch, muß ich sagen. Schlechte Manieren, wissen Sie.«
Das ist Pest gewesen, denke ich. Bestimmt.
»Also zunächst war dieser junge Mann hier«, fährt die Frau mit wachsender Begeisterung fort. »Und ein, zwei Tage später habe ich zwei nicht mehr junge, gut gekleidete Fremde beobachtet, die sich unflätig beschimpften. Dabei sahen sie, daß ich mit den Kindern in der Nähe war.«
»Weshalb beschimpften sie sich?«
»Genau kann ich es Ihnen nicht sagen. Ich habe mir ja auch keine Mühe gegeben, sie zu verstehen. Immerhin bekam ich mit, daß der eine vom anderen verlangte, nicht mehr irgendwo hinzugehen. Und er drohte ihm. Nun, und der andere weigerte sich. Aber stellen Sie sich vor, plötzlich bemerkte ich, daß diese beiden von einem dritten beobachtet wurden. Er stand dort drüben.« Sie wies auf das Tor. »Ich habe ihn genau gesehen. Doch die beiden hatten ja mit sich selbst zu tun. Es war ein junger Mann, der dem sehr ähnelte, der sich zu mir gesetzt hatte. Er war dann noch oft in unserem Hof. Und wissen Sie, was mir noch aufgefallen ist? Wir wohnen über den Brjuchanows. Einmal trete ich aus der Wohnung, um einkaufen zu gehen, da höre ich eine Etage tiefer etwas klappern. Ich beuge mich übers Geländer und sehe, wie dieser junge Mann etwas aus dem Briefkasten der Brjuchanows zieht und die Treppe hinunterläuft. Am Abend habe ich es Inna erzählt. Aber die Ärmste hatte andere Sorgen. Bedenken Sie doch, sie hat gegen den eigenen Bruder prozessieren müssen. Ein Schurke ist das - unbeschreiblich. Er hat buchstäblich den gesamten Nachlaß des Vaters verlangt. Dabei hat der nichts mehr von ihm wissen wollen und ihn aus dem Haus gejagt. Urteilen Sie selbst: Arbeiten wollte er nicht, das Medizinstudium hat er an den Nagel gehängt, hat bloß noch getrunken. Und geheiratet hat er eine Trinkerin, eine Prostituierte, wie man sagt. Geradezu eine Mißgeburt in der Familie! Inna hätte ihm alles gegeben. Nur gut, daß ihr Mann einschritt. Der ist ungeheuer energisch. Er hat diesen Oleg dermaßen zusammengestaucht, daß der sich nicht mehr herwagt.« Zum Schluß sagt meine Gesprächspartnerin, sie heißt übrigens Sofja Semjonowna: »Sie dürfen nicht glauben, daß ich mit jedem, der mir über den Weg läuft, solche Gespräche führe.« Sie lächelt fein. »Von Ihnen hatte ich nicht den Eindruck, daß Sie mir zufällig über den Weg gelaufen sind.«
»Warum nicht?«
»Weil ich einen guten Detektiv abgegeben hätte, wie ich schon sagte. Ich errate alles.«
»Und was haben Sie an mir erraten?«
»Daß wir beide Kollegen sind«, antwortet Sofja Semjonowna lachend.
»Na wissen Sie«, sage ich, »vor Ihnen muß man ja den Hut ziehen.«
»Ziehen Sie ihn, aber erkälten Sie sich nicht!«
Ich nehme die Mütze ab und verbeuge mich, und die beiden Knirpse starren mich offenen Mundes an.
»Da mein Inkognito nun gelüftet ist«, sage ich, »darf ich Ihnen, von Spezialist zu Spezialist, eine Frage stellen. Schauen Sie«, ich ziehe Fotos aus der Tasche, unter denen sich die von Ljocha und Pest befinden, »haben Sie einen von diesen Männern hier auf dem Hof gesehen?«
Sofja Semjonowna nimmt die Fotos und betrachtet eins nach dem anderen. Unsicher sagt sie: »Dieser hier, glaube ich, hat sich mit mir unterhalten, wenn ich mich nicht irre.« Sie zeigt auf das Foto von Pest-Kolja.
Also doch er, bekräftige ich in Gedanken.
Schließlich verabschiede ich mich von Sofja Semjonowna. Wir sind durchaus zufrieden miteinander.
Ich winke den Knirpsen zu. Der eine hebt lächelnd die Hand, der andere schaut mich mit ängstlicher Neugier an.
Ich gehe durch das Tor auf die Gasse und schaue auf die Uhr. Oho! Allerhand Zeit habe ich mit Sofja Semjonowna verplaudert. Aber unsere Unterhaltung ist aufschlußreich gewesen. Nur ein Punkt ist unklar geblieben. Das fünfte Auto. Sofja Semjonowna hat im Hof nur die bemerkt, die schon bei uns auf der Liste stehen. Doch es ist ein fünftes Auto dagewesen. Möglicherweise fuhr es nicht in den Hof, sondern wartete in der Gasse. Unserer Schätzung nach konnten die gestohlenen Sachen in vier oder fünf Koffern untergebracht werden. Sofja Semjonowna hat niemanden Koffer schleppen sehen, als sie mit ihren Enkeln im Hof war.
Übrigens läßt sich jetzt ziemlich genau die Zeit sagen, wann der Diebstahl verübt wurde. Sofja Semjonowna hält sich mit den Enkeln vormittags von halb zehn bis halb zwölf im Hof auf. Inna Borissowna und ihr Gatte gehen um halb neun zur Arbeit. Ljocha ist bereits nach dem Diebstahl zu Wolodja ins Taxi gestiegen, ungefähr um vierzehn Uhr, nachdem er vorher die gestohlenen Sachen zur Datsche gebracht hatte. Folglich ist der Diebstahl entweder zwischen halb neun und halb zehn verübt worden, oder zwischen halb zwölf und halb eins, wenn man berücksichtigt, daß Ljocha Zeit brauchte, um die Sachen wegzuschaffen und am Belorussischen Bahnhof zu erscheinen.
Und dennoch - das fünfte Fahrzeug. Es läßt mir keine Ruhe. Wer konnte es sehen, wenn es nicht im Hof, sondern in der Gasse parkte?
Ich bleibe stehen und halte aufmerksam Umschau. Die Gasse ist leer. Die spärlichen Passanten zählen nicht, ebensowenig die vorbeifahrenden Autos. Aber so ist das jetzt, um die Mittagszeit. Morgen werde ich um halb neun hier sein, wer weiß, was ich dann zu sehen bekomme.
Mit diesen Gedanken biege ich aus der Gasse in die geräuschvolle bogenförmig verlaufende Straße mit den alten Häusern und den zahllosen kleinen Läden, Werkstätten und Ateliers ein. Nach wenigen Schritten stoße ich auf eine Imbißstube mit dem majestätischen Namen »Pamir«. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen und trete ein, zumal ich tüchtig durchgefroren bin und es höchste Zeit ist, Mittag zu essen.
Die Imbißstube ist dicht besetzt, es ist laut und rauchig dort, aber warm. Mit Mühe finde ich einen freien Platz. Eine gleichgültige dicke Frau mit schmuddliger Schürze legt mir die lädierte Speisekarte hin. »Suchen Sie sich was aus?« fragt sie und will schon wieder gehen.
Ich tippe mit dem Finger auf das erstbeste Gericht.
»Haben wir nicht mehr.«
»Dann bringen Sie mir, was Sie haben.«
»Das hätten Sie gleich sagen sollen.«
Sie verschwindet, und ich bin zu langem, ödem Warten verurteilt.
Am Nachbartisch sitzen eng beieinander sechs oder sieben Männer, rauchen wie die Schlote und reden wild durcheinander. Vor ihnen stehen Biergläser, unter dem Tisch sehe ich Flaschen. Sie haben sie nicht sehr sorgfältig versteckt.
»Ich sag: >Leute, ihr sucht an der falschen Stelle.< Und stoße sie fast mit der Nase drauf.« Ein unrasierter, zottiger, etwa vierzigjähriger Mann in zerknitterter Jacke und offenstehendem Hemd erringt endlich die Aufmerksamkeit der anderen.