»Wo stößt du sie drauf?« fragt einer.
»Auf den Schuppen doch. Wo die Leiche liegt. Einer sagt zu mir: >Bist doch blau, Junge, verschwinde.< ->Wieso denn?< frage ich. >Heutzutage picheln doch alle, bloß die Eulen nicht, und die tun's deshalb nicht, weil sie am Tag schlafen. In der Nacht haben aber die Geschäfte zu.<«
Die Freunde wiehern vor Lachen.
»Und dann?«
»Dann hab ich«, fährt der Erzähler selbstzufrieden fort, »das Schloß am Schuppen abgerissen, und alle stürzten rein. Ich hielt mich zurück. Sie konnten sich ja selber überzeugen. Und dann ging's los: >Danke, Wassili Prokofjewitsch<, >Was hätten wir ohne Sie gemacht, Wassili Prokofjewitsch. Wir schlagen Sie zur Auszeichnung vor, Wassili Prokofjewitsch<. Ohne mich würden die heut noch suchen!«
»Und wer war der Tote?«
»Oh... Ein großer Mann. Ermordet bei der Erfüllung...«
»Und meine Rosa meinte, es wäre irgend so ein Künstler gewesen. Die hätten ihn im Hof ausgezogen und erstochen. Ist ja abends auch stockfinster bei uns, schaurig.«
»Und du selbst hast nichts gesehen?«
»Abends sind seine Augen doch vom Wodka getrübt«, sagt einer lachend.
»Nichts, aber Rosa weiß es. Sie war rausgegangen, um mich zu suchen.«
»Laß uns mit deiner Rosa in Frieden. Was geben sie dir denn nun, haben sie was gesagt?«
»Einen Orden natürlich nicht. Die verteilen sie ja bloß untereinander«, antwortet der zottige Wassili geringschätzig. »Na, vielleicht 'ne Urkunde. Denn ohne mich hätten die ja nie. Und wenn noch mal so was passiert? Dann kommen sie wieder zu mir angerannt. Unser Revierinspektor Jegor Iwanowitsch, das ist so 'n Strenger, der sagt immer zu mir: >Wasja, du bist meine Stütze.<«
»Ha! Schöne Stütze!« ruft einer der am Tisch Sitzenden spöttisch.
Sie fangen an sich zu beschimpfen.
Und mir wird endlich eine kalte dünne Suppe serviert.
So entstehen Gerüchte. Insbesondere unter solchen Trunkenbolden. Und nur deshalb, weil wir, wie ich meine, keine genaue Information geben.
Während mir diese trübseligen Gedanken durch den Kopf gehen, beende ich mein Mahl, zünde mir eine Zigarette an und überlege, was weiter zu tun ist. Unbedingt muß ich heute Viktor Kuprejtschik, den Mann von Inna Borissowna, aufsuchen, der so hart mit ihrem Brüderchen umgesprungen ist. Es ist wohl das beste, wenn ich mich mit Kuprejtschik in ruhiger, häuslicher Atmosphäre unterhalte. Deshalb rufe ich ihn von der nächsten Telefonzelle aus in seiner Arbeitsstelle an (die Telefonnummer habe ich von Pascha Mestscherjakow), und wir verabreden uns.
Gegen neunzehn Uhr drehe ich die altmodische Klingel an der hohen, lederbespannten Tür in der zweiten Etage des mir jetzt schon vertrauten Hauses.
Ein grauhaariger, mittelgroßer, wohlgenährter Mann von unscheinbarem Äußeren öffnet mir. Er hat flache, sehr regelmäßige Gesichtszüge ohne besondere Kennzeichen. Das ist Kuprejtschik. Er trägt eine hübsche braune Hausjacke über einem schneeweißen Oberhemd mit aufgeknöpftem Kragen, eine elegante braune Hose und pelzgefütterte Hausschuhe.
»Bitte«, sagt er und macht eine einladende Gebärde. »Legen Sie ab.«
Wir gehen nicht in das Zimmer, wo ich mit Inna Borissowna gesprochen habe, sondern durch einen schmalen Korridor in einen anderen Raum. Offenbar ist dies das Arbeitszimmer des verstorbenen Akademiemitglieds, jetzt Kuprejtschiks Arbeitszimmer. Die Einrichtung ist nicht angetastet worden. Riesige, mit Büchern vollgestopfte Regale nehmen zwei Wände ein, vom Fußboden bis zur Decke, davor türmen sich auf zwei ungewöhnlich massiven ovalen Tischen mit geschnitzten Beinen Bücher und Zeitschriften. Die dritte Wand, an der ein großes Ledersofa steht, ist gänzlich von Bildern eingenommen. Ich komme nicht dazu, sie zu betrachten, sie hängen, unterschiedlich in der Größe, dicht an dicht, Landschaften, Porträts und Genreszenen. Allerdings gähnen Lücken in den Bilderreihen. Wahrscheinlich die Spuren des Diebstahls. Vor dem hohen Fenster mit den dichten Stores steht ein großer, mit Schnitzereien verzierter Schreibtisch.
Kuprejtschik führt mich zu dem Sofa, rückt ein Tischchen heran, bittet mich, ihn eine Sekunde zu entschuldigen, und verschwindet. Er ist tatsächlich nach einer Sekunde wieder da - mit einem Tablett, auf dem eine Kaffeekanne, Tassen, eine Zuckerdose, eine Schale mit Gebäck und ein Kännchen mit Milch stehen.
»Na wissen Sie«, sage ich lächelnd, »wenn Sie jeden Mitarbeiter der Miliz mit Kaffee bewirten wollen...«
»Das habe ich nicht vor«, entgegnet er ruhig, sachlich sogar. »Aber die erste Bekanntschaft muß doch irgendwie gewürdigt werden.«
Auf dem Weg hierher habe ich mir alles ins Gedächtnis zurückgerufen, was Petja mir über ihn erzählt hat - er hat versucht, mit Ljolja, der jungen Nachbarin von Gwimar Semanski, anzubändeln, der ihn ihr vorstellte; ein Verzeichnis ebendieser Bilder hat er der Schwester des Malers Kontschewski gezeigt und sich als Kenner ausgegeben.
»Was kann ich für Sie tun?« fragt Kuprejtschik, während er gelassen Kaffee einschenkt.
»Haben Sie in bezug auf den Diebstahl einen Verdacht? Die Diebe haben sich ja nicht zufällig Ihre Wohnung ausgesucht.«
»Da mögen Sie recht haben. Aber einen Verdacht.« Nachdenklich trinkt er einen Schluck Kaffee und schüttelt den Kopf.
»Wir haben den Verdacht, daß der Diebstahl von Zugereisten begangen worden ist«, fahre ich fort und greife ebenfalls nach der Tasse. »Kommen Leute von auswärts zu Ihnen?«
»Hin und wieder«, antwortet er zurückhaltend. »Kennen Sie einen gewissen Gwimar Iwanowitsch Semanski?«
Ich spüre, wie mein Gesprächspartner aufmerkt, obwohl sein Gesichtsausdruck ruhig und müde bleibt und seine Hand, die die Kaffeetasse hält, kein bißchen zittert. Doch die Brauen haben kaum merklich gezuckt, und die Augen haben sich für einen Moment verengt.
»Ja.« Er stellt die Tasse auf das Tischchen, zündet sich eine Zigarette an und zieht den Kristallaschenbecher zu sich heran.
»Wer ist er, von wo kommt er?« frage ich.
»Entschuldigen Sie, in welchem Zusammenhang interessieren Sie sich für ihn, wenn es kein Geheimnis ist?« Zum erstenmal stellt er eine Frage.
»Im Zusammenhang mit seinem Tod«, sage ich.
»Was?«
Er springt wie von der Tarantel gestochen auf und läßt beinahe die Zigarette fallen. »Er ist gestorben?«
»Er wurde ermordet«, antworte ich kurz. »Das kann nicht sein«, stammelt Kuprejtschik, ohne den entsetzten Blick von mir zu wenden. »Weshalb. Weshalb, mein Gott?«
Er machte den Eindruck eines ruhigen Menschen -und nun. Ob Semanski ein naher Freund von ihm gewesen ist? Aber dann wüßte er bereits von dessen Tod, oder er hätte Semanski gesucht. Denn seit dem Mord sind schon fünf Tage verstrichen.
Da beruhigt er sich plötzlich, als lese er meine Gedanken, und nimmt sich zusammen. Sein Gesicht hat wieder den ruhigen, müden Ausdruck, nur die Röte verrät seine Erregung.
»Wer hat das Verbrechen begangen?« fragt er.
»Nach dem fahnden wir noch.«
»Also beschäftigen Sie sich nicht mit dem Diebstahl, sondern mit dem Mord?« Zum erstenmal gebraucht er dieses schlimme Wort. »Oder gibt es einen Zusammenhang zwischen beiden Fällen?«
»Das wissen wir noch nicht.«
»Mit dem Diebstahl haben sich bisher doch andere Genossen beschäftigt«, bemerkt Kuprejtschik, »deshalb dachte ich. Sicherlich sind Sie aus einer anderen Abteilung? Nach dem Mord haben die Genossen mich nicht gefragt.«
Sieh mal einer an, wie gut du schalten kannst! Doch ich lasse seine Frage unbeantwortet und frage meinerseits: »So, jetzt wissen Sie, in welchem Zusammenhang ich mich für Gwimar Semanski interessiere. Erzählen Sie mir also, wer er ist, woher er ist und weshalb er nach Moskau kam!«