Kuprejtschik raucht nachdenklich, trinkt gemächlich Kaffee und sagt schließlich: »Eigentlich kenne ich ihn kaum. Er sagte, er sei auf Dienstreise hier. Er arbeitet in Kiew, ich glaube, im Ministerium für Textilmaschinenbau. Kennengelernt haben wir uns zufällig, in der Wohnung eines Malers. Ich interessiere mich nämlich für Malerei, wissen Sie. Das alles hier«, er deutet auf die über mir hängenden Gemälde, »hat allerdings mein Schwiegervater hinterlassen. Aber einiges habe ich hinzugefügt. Wäre dieser Diebstahl nicht gewesen. Die Halunken haben ja die besten Stücke weggeschleppt!«
»Demnach verstehen die Diebe etwas von Malerei«, bemerke ich.
»Genau. So sind die Gauner heute.«
»Und Semanski verstand auch etwas von Malerei?«
Kuprejtschik wirft mir einen raschen Blick zu. »Das habe ich mir noch gar nicht vor Augen geführt. Aber es ist ein Gedanke! Ja, er ist bei mir gewesen, und er verstand etwas von Malerei, ich habe ihm die wertvollsten Bilder gezeigt, und er war ein Zugereister. Paßt denn wirklich alles zusammen?«
»Keineswegs«, sage ich lächelnd. »Warum verdächtigen Sie ihn so rasch?«
»Ich? Ich denke gar nicht daran!« Er zuckt gleichgültig die Schultern. »Sie selbst haben nach ihm gefragt. Und Sie sagten, Sie hätten Zugereiste in Verdacht. Er war ein Zugereister. Aber wer hat ihn getötet, und weshalb?«
»Wir werden es herausbekommen«, versichere ich. »Alles kommt mal ans Licht.«
»Schrecklich.« Er fröstelt. »Irgendwo in der Nähe geht der Tod um. Brrr. Ich hoffe nur, daß Sie diese Halsabschneider finden.«
»Wenn Sie uns helfen.«
»Das liegt in meinem Interesse. Aber wie kann ich helfen?«
»Einstweilen sollen Sie mir alles sagen, was Sie über Semanski wissen.«
»Ich habe Ihnen alles gesagt.«
»Ich denke, noch nicht alles«, erwidere ich lächelnd.
»Dann erklären Sie mir, was Sie interessiert«, antwortet er und zündet sich eine neue Zigarette an.
»Alles!«
»Da muß ich überlegen. Geben Sie mir für alle Fälle Ihre Telefonnummer.«
Er notiert sich meinen Namen und meine Nummer, und das Gespräch geht weiter.
»Erinnern Sie sich vielleicht«, frage ich, »ob Sie in der letzten Zeit noch anderen Besuch von auswärts hatten?«
»Außer ihm ist niemand bei mir gewesen«, antwortet Kuprejtschik und blickt mich müde an.
»Kannte auch Ihre Frau Semanski?«
»Flüchtig. Sie hat ihm einmal Tee angeboten.«
»Hat er Ihnen von seiner Familie erzählt?«
»Nein. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er eine hatte.«
»Aber seine Kiewer Adresse hat er Ihnen dagelassen?«
»Stellen Sie sich vor, nein.« Er breitet die Arme aus, dann schenkt er uns wieder Kaffee ein.
»Wo sind Sie mit ihm gewesen, abgesehen von der Schwester des Malers Kontschewski?«
»Das kann ich auf Anhieb nicht sagen. Ich will versuchen, mich zu erinnern.«
Ein schwieriges Gespräch. Der rote Faden windet sich merkwürdig, verschwindet plötzlich und kommt wieder zum Vorschein, strafft sich und erschlafft. Bei solch komplizierten Gesprächen muß man auf jede Betonung achten, auf jeden Blick und versuchen, die verborgenen Gedanken des Menschen, der einem gegenübersitzt, zu erfassen, jede Anspielung und jeden falschen Zungenschlag.
Schließlich sind wir beide müde, und im beiderseitigen Einverständnis vertagen wir das Gespräch und vereinbaren einen neuen Termin.
»Dienstlich hatten Sie mit Semanski nicht zu tun?« frage ich noch beiläufig.
»Nein, was denken Sie!« antwortet Kuprejtschik und lächelt herablassend.
Ich verabschiede mich.
Der Weg führt ins Ungewisse
Kusmitsch verhörte Musa sofort nach Pests Verhaftung. Er war in der Sache ja völlig auf dem laufenden. Zur selben Zeit befand ich mich bei Kuprejtschik, ohne von den wichtigen Ereignissen zu wissen, die sich an diesem Tag zugetragen hatten. Ich hätte Musa ohnehin nicht zu vernehmen brauchen. Da sie mich hintergangen und verraten hatte, bestanden Beziehungen eigener Art zwischen uns. Valja Denissows Beziehungen zu ihr waren nicht minder kompliziert, obwohl nicht sie ihn, sondern er sie hintergangen, wenn auch nicht verraten hatte. Eher hatte er sie gerettet, und zwar vor Pest, und sie gehindert, Moskau zu verlassen, was sie selbst nicht wollte.
Trotzdem hätte sie möglicherweise nicht mit ihm gesprochen. Kusmitsch aber war Musa völlig fremd. Außerdem mußte man mit ihr sehr behutsam reden, denn sie sollte anschließend auf freien Fuß gesetzt werden. Wer weiß, zu wem sie dann lief, um über das Vorgefallene zu berichten. Sie hatte ja kein Vertrauen. Deshalb konnte jedes unbedachte Wort, das sie aufschnappte, zu Unannehmlichkeiten und Schlimmerem führen.
Musa wurde gebeten, im Korridor vor Zwetkows Zimmer zu warten. Sie befand sich immer noch in einem Schockzustand. Im Auto (selbstverständlich wurde sie getrennt von Pest transportiert) war sie in Tränen zerflossen, aber die Jungs hatten nichts getan, um sie zu trösten. Solch gleichgültiges Verhalten von Männern ihr gegenüber war sie nicht gewohnt, die Tränen versiegten, und während sie sich die Augen mit dem zerknüllten Taschentüchlein betupfte, erkundigte sie sich, was eigentlich vorgefallen sei und wohin man sie bringe. Sie erhielt den kurzen Bescheid, daß man sie zur Miliz bringe, wo sie alles erfahren werde.
»Dazu haben Sie kein Recht!« rief Musa. »Dafür werden Sie sich verantworten! Und für Kolja auch, Sie werden schon sehen!«
Im Korridor vor Zwetkows Zimmer faßte sie einen Mitarbeiter beim Ärmel und fragte ängstlich: »Wird man mich freilassen? Vergessen Sie nicht, daß ich ein kleines Kind habe, das allein zu Hause ist.«
»Ihre Mutter wird bestimmt nach ihm sehen«, antwortete der Mitarbeiter spöttisch. »Das scheint ja nichts Neues für sie zu sein.«
»Was geht es Sie an, wer nach meinem Kind sieht?« schrie sie.
Als sie wenig später in Kusmitschs Zimmer gebeten wurde, verhielt sie sich schüchtern und kleinlaut.
Kusmitschs Äußeres, sein grauer Kopf und der ruhige, feste Blick ließen es nicht geraten erscheinen, zu zetern und in Hysterie zu verfallen.
»Setzen Sie sich, Musa Wladimirowna, wir wollen uns unterhalten«, sagte Kusmitsch und wies auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.
Musa ließ sich gehorsam nieder, jedoch nur auf den Stuhlrand. Mit Mühe beherrschte sie sich, unbewußt knüllte sie das tränennasse Tüchlein.
»Mir scheint, Sie haben nicht ganz begriffen, was geschehen ist, stimmt's?« fragte Kusmitsch, sogar eine Spur teilnahmsvoll.
Musa nickte wortlos, da sie erneut in Tränen auszubrechen fürchtete.
»Nun, dann will ich es Ihnen erklären«, sagte Kusmitsch. »Vor Ihren Augen wurde ein gefährlicher Verbrecher dingfest gemacht, der schon drei Haftstrafen verbüßt hat, ein gewisser Nikolai Iwanowitsch Sowko. Diesmal wurde er wegen Verdachts des Mordes und des Diebstahls festgenommen. Und so einer ist Ihr Freund, Musa Wladimirowna.«
»Hier liegt ein Mißverständnis vor!« erwiderte Musa und blickte Kusmitsch zum erstenmal an. »Er ist geheimer Mitarbeiter, Major.«
»Was?!« rief Kusmitsch verwundert. »Geheimer Mitarbeiter, Major, was reden Sie da?«
»Ja, ja, er hat es mir selbst erzählt. Er kommt nur dienstlich nach Moskau«, fuhr Musa eifrig fort. »Und getötet hat er... Er hatte den Auftrag dazu. Man hatte ihm eine Pistole gegeben.«
»Das hat er Ihnen erzählt?« fragte Kusmitsch ärgerlich.
»Ja. Und ich hab ihm mein Wort gegeben, es nicht auszuplaudern. Aber jetzt. muß ich es ja wohl.«