Kusmitsch betrachtete Musa so aufmerksam, als suchte er zu verstehen, wer da vor ihm saß, eine Betrügerin oder eine Betrogene. Er schüttelte den Kopf. »Solchen Unsinn soll ich glauben? Verzeihen Sie, Sie sehen sich wohl am liebsten Spionagefilme an?«
»Sie können mich nicht für dumm verkaufen«, entgegnete Musa gekränkt.
»Nicht ich bin es, der Sie für dumm verkauft«, sagte Kusmitsch und runzelte die Stirn. »Gleich zeige ich Ihnen etwas.« Er nahm den Hörer ab, wählte eine kurze Nummer und fragte: »Maria Nikolajewna, haben Sie schon das letzte Material über Sowko und seine Fotos?. Sehr schön. Bringen Sie es bitte her.«
Nachdem er den Hörer aufgelegt hatte, blickte er die bedrückte Musa an und rieb sich ärgerlich die Stoppelhaare am Hinterkopf. »Gleich werden Sie sich überzeugen, wer Ihr Freund ist! Doch vorher möchte ich wissen, wie Sie ihn kennengelernt haben.«
»Zufällig«, antwortete Musa leise. »Er kam in unser Restaurant und setzte sich an einen meiner Tische. Das war vor einem Jahr.«
»Kam er allein?«
»Nein. Mit noch einem. Bürger.«
»Haben Sie diesen Bürger später wiedergesehen?«
»Ja. Aber ich erinnere mich nicht, wann das war.«
»Versuchen Sie es. Ich kann warten.«
»Wahrscheinlich bei Koljas nächstem Besuch. Sie aßen bei uns im Restaurant Mittag.«
»Wie hieß dieser Bürger?«
»Keine Ahnung.«
»Überlegen Sie.«
Indessen kam eine nicht mehr junge, streng wirkende Frau herein und legte eine dunkle Mappe vor Kusmitsch hin. Der dankte mit einem Nicken, und die Frau ging hinaus.
»Na schön.« Kusmitsch öffnete die Mappe.
»Erkennen Sie ihn?«
Er nahm ein paar Fotos heraus und reichte sie Musa. Auf ihnen war, en face und en profil, Pest-Kolja abgebildet, offensichtlich zu verschiedenen Zeiten. Seine erloschenen Augen in dem von blonden Bartstoppeln überwucherten Gesicht erweckten kein Mitleid, solch böse, nur vorläufig gezähmte Kraft war in diesem Menschen zu erahnen.
Musa sah sich die Fotos an und fragte: »Was soll das?«
»Sagen Sie mir zunächst, wer das ist!«
»Das ist. Kolja.«
»Die Fotos wurden jedesmal vor Gerichtsverhandlungen gemacht. Zunächst wurde er wegen Schlägerei verurteilt, dann wegen Diebstahls, und schließlich wegen bewaffneten Raubs. So sieht seine wunderschöne Biographie aus! Wollen Sie die letzte Anklageschrift lesen? Hier ist sie.« Kusmitsch nahm zusammengeheftete Blätter aus der Mappe.
»Danke.« Musa winkte ab. »Ich glaube es auch so.«
»Wie Sie wünschen.« Kusmitsch zuckte die Schultern und legte die Blätter wieder in die Mappe. »Kommen wir auf meine Frage zurück. Wie hieß der Bürger? Bestimmt hat Nikolai ihn in Ihrer Gegenwart angesprochen!«
»Tja. Lew, glaube ich.«
»Schön. Wenigstens was - Lew. Und wie sah er aus?«
»Wie er aussah?« Musa strich sich über die Stirn. »Nun, mittelgroß, nicht mehr jung, grauer Schnurrbart.«
»Hat Nikolai Ihnen nicht gesagt, wer dieser Mann ist?«
»Nein. Ich durfte ihn überhaupt nichts fragen, da seine Arbeit ja geheim war, wie er sagte.«
»So, so. Und wie haben Sie Gwimar Semanski kennengelernt?«
Musa blickte Kusmitsch erschreckt an. »Und Sie? Woher wissen Sie von ihm?«
Kusmitsch seufzte. »Wir müssen manches wissen. Um solche geheimen >Majore< aufzuspüren. Also, wie haben Sie ihn kennengelernt?«
»Er kam einmal zum Essen zu uns. Mit Kolja und dem Grauen.«
»Und dann?«
»Dann kam er allein wieder.«
»Wann war das?«
»Ich erinnere mich nicht. Es ist schon lange her.«
»Was hat Semanski Ihnen erzählt? Wo wohnt er, wo arbeitet er?«
»Er ist Junggeselle. Und er wohnt im Kaukasus, in Jushnomorsk. Er hat ein Haus am Meer. Wo er arbeitet, weiß ich nicht genau.«
»Hat er Ihnen einen Heiratsantrag gemacht?«
»Ja.«
»Haben Sie abgelehnt?«.
»Ja.«
»Warum?«
»Warum, warum. Ich liebe ihn eben nicht.«
»Aber seine teuren Geschenke haben Sie genommen, nicht wahr?«
»Na, wenn man was geschenkt bekommt. Er hat gesagt, er wäre beleidigt, wenn ich's nicht nehme.«
»Klar«, sagte Kusmitsch. »Da kann man ja nicht anders. Nur gut, daß nicht Sie Ihre Tochter erziehen.«
»Das will ich aber, und ich werde es auch tun.« Musas Augen blitzten. »Das können Sie mir nicht verbieten.«
»Fragt sich nur, ob es uns nachher gelingt, sie umzuerziehen, damit sie versteht, was gut ist und was schlecht.«
»Keine Sorge, das werde ich ihr schon selbst beibringen.«
»Es muß aber meine Sorge sein. Damit Ihre Tochter nicht auch mal so einem Pest-Kolja in die Hände fällt.«
»Pest?« fragte Musa unsicher.
»Ja«, bestätigte Kusmitsch ruhig. »Das ist sein Gaunername. Kein besonders angenehmer Name, nicht? Pest - das ist eine gefährliche ansteckende. Krankheit. Sie, Musa Wladimirowna, standen schon mit einem Bein im Gefängnis. Weil es unmöglich ist, sich mit Pest-Kolja einzulassen und kein Verbrechen zu begehen. Er hätte Sie dazu gezwungen. Hätte er Sie nicht auch gezwungen, aus Moskau zu fliehen? Hatten Sie große Lust dazu?«
»Nein, was denken Sie!« rief Musa.
»Kolja können Sie den Laufpaß geben«, fuhr Kusmitsch kalt fort. »Doch leider ist es nicht sicher, ob nicht ein anderer Pest Sie ins fröhliche Leben hineinzieht. Jedenfalls werden wir Sie künftig im Auge behalten, berücksichtigen Sie das. Und mit uns wird's nicht sehr fröhlich werden. Und berücksichtigen Sie auch, daß Semanski ermordet worden ist.«
»Was?!« Musa preßte die Hand auf den Mund.
»Wen hat Pest-Kolja im geheimen Auftrag getötet?«
»Er sagte. irgendwas Dummes. Ich weiß nicht mehr.«
»Aha. Gut, daß Sie das wenigstens jetzt dumm finden. Und nun, Musa Wladimirowna, vergegenwärtigen Sie sich den letzten Sonntag. Was haben Sie da gemacht?«
Sie zögerte. »Ich bin zur Arbeit gefahren.«
»Und Nikolai?«
»Der ist auch weggegangen.«
»Wann haben Sie ihn wiedergesehen?«
»Am späten Abend. Als ich heimkam. Er war sehr aufgeregt. Dann sagte er mir das... von dem Auftrag.«
»Was hat er Ihnen über den Mord erzählt? Wo hat er getötet, wen, wann ist das gewesen?«
»Er sagte, er hätte vor zwei oder drei Stunden jemanden umgebracht. Genau weiß ich das nicht mehr. Und wen. Er sagte, einen Feind. Ich habe nichts gefragt. Ja! Er sagte noch, daß sie nun vielleicht ihn aufspüren und ebenfalls umbringen würden. Die Feinde.«
»Haben Sie ihm deshalb von dem Mann berichtet, der Ljocha zu der Verabredung mit Ihnen begleitet hatte?«
»Ja.«
»Den Mann haben Sie ganz schön hereingelegt. Und wie! Das Vertrauen, das er Ihnen schenkte, ist ihn teuer zu stehen gekommen.«
»Was haben sie mit ihm gemacht?« fragte Musa zaghaft.
»Sie sind hinterrücks über ihn hergefallen. Zu zweit. Doch er ist am Leben geblieben. Sonst. Na schön. Also an den Sonntag erinnern Sie sich. Waren Sie am Montag zu Hause?«
»Ja.«
»Und wann ist Nikolai weggegangen?«
»Er ist bei mir geblieben.«
»Das stimmt nicht. Überlegen Sie. Er ist morgens weggegangen.«
»Ist er nicht. Wenn ich es Ihnen sage. Er hatte Angst. Nicht mal zum Bäcker wagte er sich. Er hat nur telefoniert.«
»Das kann nicht sein.« Kusmitsch schüttelte den Kopf. »Am Morgen ist er weggegangen.«
Selbstverständlich war Pest weggegangen. Denn an dem Morgen hatte er an dem Diebstahl in der Wohnung des verstorbenen Akademiemitglieds teilgenommen und dort seinen Handschuh verloren.
»Wirklich, er ist nicht weggegangen«, wiederholte Musa.