»Ja, ich erinnere mich«, sagt Kusmitsch, der aufmerksam zugehört hat.
»Schon während seines vorigen Besuchs in Moskau hat Semanski ihn dieser Ljolja vorgestellt. Und bei der Gelegenheit bezeichnete er Kuprejtschik als seinen Freund. Also waren sie schon lange und gut miteinander bekannt. Doch mir gegenüber versuchte er heute diese Beziehung als kurz und flüchtig darzustellen. Übrigens habe ich ihn nicht gefragt, wann sie sich kennenlernten. Ich habe nur seine Einstellung erkundet, überführen wollte ich ihn nicht.«
»Richtig«, sagt Kusmitsch. »Rein menschlich kann man ihn ja verstehen. Ein Mann wurde ermordet, das ist eine dunkle Geschichte. Der Diebstahl scheint damit zusammenzuhängen. Aus dem allen hält man sich am besten heraus. Diese Möglichkeit darfst du nicht außer acht lassen. Sei nicht von vornherein auf Anklage eingestellt, das ist gefährlich. Einstweilen ist Kuprejtschik das Opfer eines Verbrechens, vergiß das nicht.«
»Ich vergesse es nicht, Fjodor Kusmitsch«, antworte ich. »Aber trotzdem ist hier manches, was einen stutzig macht, nicht wahr?«
»Sicher. Und das Gespräch mit ihm muß fortgesetzt werden.«
»Er ist selbst dafür. Er hat sich meine Telefonnummer notiert.«
»Sehr schön. Und was hast du noch?«
»Eine Frau hat Pest auf dem Foto erkannt.«
»Aha«, sagt Kusmitsch gespannt.
»Er setzte sich zu ihr, als sie mit ihren Enkelkindern zum Spielen auf dem Hof war«, fahre ich fort. »Er erkundigte sich nach den Mietern, und beiläufig auch nach Kuprejtschiks Wohnung. Wer die Inhaber sind, wann sie weggehen, wann sie wiederkommen. Kurzum, normale Vorbereitung eines Diebstahls.«
»All das mußten sie doch von Semanski wissen«, sagt Valja.
»Der war vielleicht doch nicht so genau informiert«, entgegne ich.
»Du sagst, sie hat Pest erkannt?« fragt Kusmitsch.
»Ja. Und das ist eine weitere Bestätigung dafür, daß er an dem Diebstahl beteiligt war. Von dem Handschuh ganz zu schweigen. Wurde eigentlich der zweite bei ihm gefunden?« frage ich Valja.
»Ja«, antwortet der. »Und den grünen Shiguli hat die Frau nicht im Hof gesehen?«
»Nein«, sage ich. »Er hat doch auf der Straße gestanden, ist dem Taxifahrer, wie heißt er doch, dort aufgefallen.«
»Awerkin«, wirft Valja ein. »Also sind sie nicht mal am Tag des Diebstahls auf den Hof gefahren?«
»Sieht so aus.«
»Trotzdem meine ich, daß sie an dem Vormittag auf dem Hof gewesen sind«, sagt Valja, »wenn auch nur für einen Moment. Vier oder sogar fünf Koffer bis in die Gasse zu schleppen wäre ein überflüssiges Risiko gewesen.«
»Vermutlich«, sagt Kusmitsch. »Demnach müßte jemand den Wagen im Hof gesehen haben!«
»Der Diebstahl konnte ausgeführt werden«, sage ich, »entweder zwischen halb neun, wenn Kuprejtschik und seine Frau das Haus verlassen, und halb zehn, wenn die Frau mit den Enkeln zum Spielen herauskommt, oder zwischen halb zwölf, wenn sie heimgehen, und halb eins, weil Ljocha ungefähr um zwei in das Taxi am Belorussischen Bahnhof stieg.«
»Die Sachen haben sie in die Datsche gebracht«, bemerkt Valja. »Die Fahrt hin und zurück dauert anderthalb Stunden. Also dürfen wir die zweite Zeitspanne nicht so groß bemessen - es kann höchstens zwischen halb zwölf und zwölf passiert sein. Dann hätte es Ljocha geschafft, ungefähr um zwei am Belorussischen Bahnhof zu sein.«
»Es ist überhaupt merkwürdig, warum er unbedingt auf dem Belorussischen Bahnhof essen wollte«, füge ich hinzu. »Auf der Rückfahrt von der Datsche sind sie doch am Kiewer Bahnhof vorbeigekommen! Außerdem müßte er in dem Zeitraum nicht nur zum Belorussischen Bahnhof gelangt, sondern auch dort im Restaurant gewesen, vor Schreck hinausgelaufen sein und ein Taxi gefunden haben. Nein, die zweite Zeitspanne entfällt.« Und ich folgere: »Der Diebstahl hat zwischen halb neun und halb zehn stattgefunden.«
»All das, meine Lieben«, sagt Kusmitsch seufzend, »müssen wir Pest erzählen. Seine Vernehmung ist jetzt die Hauptsache. Morgen früh befassen Viktor Anatoljewitsch und ich uns mit ihm. Du bist davon suspendiert«, wendet sich Kusmitsch an Valja. »Dein Gesicht würde ihm die Laune verderben. Aber du, Lossew...« Kusmitsch sieht mich nachdenklich an. »Du könntest vielleicht.«
»Es wäre gut, wenn ich dabei wäre, Fjodor Kusmitsch«, sage ich. »Mein Anblick wird ihn erschrecken. Wie ein Gespenst. Wie der Schatten von Hamlets Vater.«
»Na schön«, antwortet Kusmitsch lachend. »Sei dabei«, und er schaut auf die Uhr. »Jetzt müssen wir aber los, meine Lieben, sonst lassen sie uns dort nicht mehr rein.«
Er holt eine große Tüte Apfelsinen aus dem Schreibtisch, und wir fahren alle zu Petja ins Krankenhaus.
Am Morgen bittet mich Kusmitsch zu sich und sagt: »Viktor Anatoljewitsch kann nicht kommen, wir haben eben telefoniert. Er schlägt vor, Pest zunächst einmal ohne ihn zu vernehmen. Aufschieben können wir es nicht. Knobeln wir also einen Plan aus, eine Taktik. Das ist eine wichtige und keineswegs einfache Vernehmung.«
Vor uns auf dem Tisch liegt eine dicke Mappe mit dem Material, das sich in dieser Sache bereits angesammelt hat. Kusmitsch schiebt sie mir zu und sagt: »Rufen wir uns zunächst einmal ins Gedächtnis, was wir über Pest wissen. Stöber da mal ein bißchen.«
Ich blättere in den Papieren und zähle auf: »Name: Nikolai Iwanowitsch Sowko. Adresse. Unter der ist er allerdings selten anzutreffen. Da wohnen seine Mutter, seine Frau und seine Tochter. Die Mutter liebt und verteidigt ihn. Die Frau liebt ihn offenbar nicht mehr und hat die Scheidung eingereicht. Die Tochter. Nun, die liebt er offensichtlich nicht, ebensowenig wie die Frau. Sonst würde er sich um sie kümmern, sich mal zu Hause zeigen. Ob die Tochter ihn liebt, wissen wir nicht, vielleicht tut sie es. Aber höchstwahrscheinlich nicht. Das ist ein Gefühl, das auf Gegenseitigkeit beruht, scheint mir.«
»Richtig«, sagt Kusmitsch und nickt. »Ausnahmen bestätigen die Regel. Du glaubst also, die Mutter liebt ihn?«
»Ich weiß nicht recht«, antworte ich zögernd. »Eine Mutter liebt auch, wenn ihr Gefühl nicht erwidert wird.«
»So ist es. Mit einem Wort, über seinen Wohnort wissen wir wenig. Im Interesse der Sache müssen wir aber Bescheid wissen. Nicht nur über die Verhältnisse in seiner Familie, sondern über alle seine Verbindungen, auch die zu Ganoven. Du wirst also mal dorthin fahren müssen. Einstweilen geht es bei der Vernehmung Sowkos mehr um Aufklärung als um Überführung. Na, macht nichts. Also weiter im Text. Kommen wir jetzt zu seinen Moskauer Kontakten.«
»Da schaut's lustiger aus«, sage ich. »Wir kennen fast alle. Es sind Ljocha, der tote Semanski, dieser Graue, mit dem sich Semanski auf dem Hof gezankt hat, dann die beiden aus dem roten Moskwitsch, deren Namen wir heute erfahren.«
»Der Graue heißt offenbar Lew, der Nachname ist bisher unbekannt«, fügt Kusmitsch nachdenklich hinzu.
»Vorläufig ist klar«, fahre ich fort, »daß es sich bei den beiden um Moskauer handelt. Der Besitzer des roten Moskwitsch ist höchstwahrscheinlich der Bursche mit dem grünen Schal, am Tag des Diebstahls lief er aus dem Tor zum Shiguli, also saß am Lenkrad der andere. Das wären Pests, das heißt Sowkos, Verbindungen.«