Sowko mustert Kusmitsch so gespannt, als wolle er erraten, was die Frage bedeutet. Woran denkt er? Warum ist er plötzlich dermaßen gespannt?
Offenbar spürt auch Kusmitsch Sowkos Zustand, und er sagt geheimnisvolclass="underline" »Er ist da allen ziemlich auf den Wecker gefallen, dieser Bursche.«
»Wo?« fragt Sowko übertrieben lässig.
»In dem Hof«, antwortet Kusmitsch.
Sowko schweigt.
»Sind Sie in der Datsche gewesen?« fragt Kusmitsch.
Sowko zögert, schließlich preßt er hervor: »Nein.«
»Natürlich nicht«, spotte ich, »so ein kleiner Köter hat nicht zu wissen, wo was liegt. Er hat nur den zu beißen, den man ihm zeigte und in den Wind zu kläffen.«
Sowko dreht sich brüsk um. Sein schmales Gesicht wird hochrot und verzerrt sich, die Augen sind voller Wut. Er kann sich kaum beherrschen. »Du... Du schweig lieber«, sagt er. »Es wird sich noch herausstellen, wer hier der Köter ist.«
»Nur weiter so«, hetze ich ihn auf. »Demnach haben sie dich nicht auf die Datsche gelassen. Und den grünen Shiguli hast du bestimmt auch nie auf dem Hof gesehen.«
»Was für einen Shiguli?« fragt Sowko gereizt. »Du kannst mich nicht für dumm verkaufen. Einen Dreck werde ich dir sagen, schreib dir das hinter die Ohren.«
Merkwürdig, ich habe das Gefühl, daß er von dem Shiguli tatsächlich nichts weiß.
»Berücksichtigen Sie«, sagt Kusmitsch zu Sowko, »daß wir Musa einstweilen freigelassen haben.«
»Selbst wenn Sie es wollten, Sie haben kein Recht, sie einzusperren«, entgegnet Sowko grinsend. »Bei der können Sie nirgends einhaken.«
»Ja, Sie sind nicht mehr dazu gekommen, die Lesnowa in Ihre Machenschaften hineinzuziehen, das ist uns bekannt. Stimmt es, daß Sie beabsichtigten, sie zu heiraten?«
»Das geht Sie nichts an.«
»Sie irren sich«, sagt Kusmitsch geduldig. »Ich habe Ihnen bereits erklärt: Alles, was Sie betrifft, betrifft jetzt leider auch uns. Aber der Musa machen Sie bloß das Leben kaputt. Wohin wollten Sie sie eigentlich bringen? Zu sich nach Hause, wo Ihre Frau und Ihre kleine Tochter auf Sie warten?«
»Dorthin, wo Sie sie nie gefunden hätten«, antwortet Sowko frech. »Da wäre alles Schnüffeln umsonst gewesen. Solche Frauen verläßt man nicht.«
»Na klar!« stichele ich. »Sie liest die Zukunft in den Augen und ist bis zum Tod die Deine, nicht? Du hast ja auch versprochen, sie umzubringen, wenn sie dir über ist, damit sie kein anderer kriegt!«
Sowko schnellt erneut herum, bereit, sich auf mich zu stürzen, seine Augen werden seltsam fahl. Er ballt die Fäuste und schreit: »Laß die Finger von ihr! Sonst mach ich dich kalt! Das ist meine Musa, kapiert? Meine! Mit Gwimar ist sie nicht mitgegangen, seine Millionen waren ihr schnuppe, und mit dir geht sie erst recht nicht. Mit keinem geht sie. Nicht mal mit Jermakow. Kapiert? Mit keinem. Aber mir folgt sie bis ans Ende der Welt. Ich brauche bloß zu zwinkern!«
»Damit du sie dort umbringst?« spotte ich.
»Ah!« Sowko ist wie ein Tiger mit einem Satz bei mir. Da ich nicht mehr aufspringen kann, wehre ich ihn mit den Füßen ab.
Er fällt hin und brüllt wie am Spieß. Natürlich simuliert er. Ich habe ihn ja nur mit einem Viertel meiner Kraft geschubst.
Ich bleibe auf dem Sofa sitzen. Kusmitsch dreht ungerührt die Brille in den Händen. Sowko verstummt allmählich, erhebt sich aber nicht, sondern beobachtet uns.
»Na, stehen Sie schon auf, Sowko«, sagt Kusmitsch.
Sowko rührt sich nicht, er hat ein Bein angezogen und das Gesicht mit den Armen verdeckt. Ich sehe nur ein Auge, und in dem ist wölfische Tücke.
»Er möchte sich ausruhen«, sage ich spöttisch, »und die Gedanken sammeln, um noch so was herauszuhauen.«
Sowko verändert seine Lage, wahrscheinlich ist ihm das Bein eingeschlafen. Schließlich erhebt er sich langsam, setzt sich, ohne einen von uns anzusehen, an den Tisch und zieht automatisch die Hose an den Knien hoch.
»Na gut«, sagt Kusmitsch zufrieden, »wenn Sie einverstanden sind, fahren wir in unserer Unterhaltung fort.«
Sowko blickt Kusmitsch argwöhnisch an und grinst. »Meinetwegen.«
»Wenden wir uns nun den Fakten zu«, sagt Kusmitsch.
»Ich möchte nur noch erinnern, daß Sie uns über die Hälfte der genannten Leute noch nichts erzählt haben.«
»Es ist ja noch nicht aller Tage Abend«, versucht Sowko zu scherzen.
»Da haben Sie recht«, entgegnet Kusmitsch ruhig. »Zweifellos werden wir Sie gelegentlich nach ihnen fragen. Die Fakten also. Da wäre zunächst der Mord an Semanski. Sie werden doch nicht leugnen, daß Sie daran beteiligt waren?«
»Keineswegs«, sagt Sowko befriedigt. »Ich war daran beteiligt, das stimmt.«
»Das sagt auch Krassikow«, bemerkt Kusmitsch. »Er hat noch den Schuppen erwähnt. Weshalb kehrten Sie eigentlich auf den Hof zurück?«
»Ljocha wollte ihn in den Schuppen bringen.«
»Ljocha? Hat es Zweck, in diesem Punkt zu faseln, Sowko?«
»Ljocha«, beharrt er.
»Wälz nur alles auf ihn«, sage ich, »er kann dir ja einstweilen nicht antworten. Aber mir hat er erzählt, daß du ihm befohlen hast, mit dir zurückzugehen.«
»Er lügt.«
»Wir werden bald wissen, wer hier lügt, sei ganz beruhigt.«
»Vielleicht ist es keiner von Ihnen beiden gewesen?« fragt Kusmitsch. »Vielleicht hat es Lew Ignatjewitsch befohlen? Überlegen Sie.«
»Er war nicht dabei«, sagt Sowko fest.
»Er kann doch vorher befohlen haben, die Leiche zu verstecken. Er ist am Tag im Hof gewesen und hat die Schuppen gesehen.«
»Woher wissen Sie, daß er dort gewesen ist?«
»Woher...« Kusmitsch lächelt. »Solche Fragen wollen wir vorläufig lassen.«
Sowko ist offensichtlich müde von der Anstrengung, von der Notwendigkeit, ständig auf der Hut zu sein, ständig etwas zu erfinden oder zu verheimlichen. Er würde jetzt gern gemütlich plauschen und herauszufinden versuchen, was wir wissen. Ihm schwirrt der Kopf von unseren vielfältigen und überraschenden Fragen.
»Habe ich recht mit dem, was ich über Lew Ignatjewitsch gesagt habe?« fragt Kusmitsch. »Sie hatten doch versprochen, Dinge, die offenkundig sind, nicht abzustreiten.«
»Mit so was gibt der sich nicht ab«, antwortet Sowko.
»Schön«, sagt Kusmitsch. »Wenn nicht, dann nicht. Natürlich entzieht es sich Ihrer Kenntnis, wo er sich jetzt befindet?«
»Klar.« Sowko grinst unverschämt.
»Schade. Aber überlegen Sie's sich. Vielleicht bestätigt er, daß Sie den Mord nicht begangen haben. Ihre Worte allein genügen da nicht, Sie verstehen. Auf Krassikow dürfen Sie nicht allzusehr bauen, der muß zusehen, sich selbst zu retten. Übrigens, aus welcher Etage kam Semanski an dem Abend in den Hof?«
»Weiß der Teufel.«
»Krassikow sagt, aus der zweiten.«
»Aha. Mag sein.«
»Wer wohnt dort?«
»Irgendein wichtiger Mann. Gwimar Iwanowitsch ist immer zu dem gegangen.«
»Wie heißt dieser Mann?«
»Keine Ahnung.«
»Du hast seine Wohnung ausgeplündert«, sage ich spöttisch, »da müßtest du doch wenigstens wissen, wen du beraubst.«
»Geh zum.« Sowko braust auf. »Ich weiß von keinen! Diebstahl, klar?«
Den Mord gibt er zu, den Einbruchsdiebstahl nicht. Höchst amüsant. Übrigens, den Mord hofft er von sich abzuschütteln, bei dem Diebstahl gelänge ihm das nicht.
»Na schön«, sagt Kusmitsch. »Das können Sie sich auch hoch überlegen. Aber beachten Sie, daß wir für Ihre Beteiligung an dem Diebstahl direkte Beweise haben. Sie leugnen also etwas, was offenkundig ist. Übrigens«, fügt Kusmitsch hinzu, »wir müssen uns noch über Jermakow unterhalten.«
»Was?!« fragt Sowko verblüfft und starrt Kusmitsch mit seinen hellen leeren Augen an.