»Über Jermakow«, wiederholt Kusmitsch fest.
Sowko hat vergessen, daß ihm der Name in seinem Wutanfall entschlüpft ist. »Nicht mal mit Jermakow« würde Musa seiner Meinung nach gehen. Und nun wirkt Kusmitschs Informiertheit niederschmetternd auf ihn. In diesem Zustand ist er, als der Begleitposten ihn abführt. Die Vernehmung ist zu Ende.
Sowko wird sich jetzt das Gehirn zermartern, in was für eine Falle er geraten ist, was wir wissen und was ihm droht.
Der Fall wird immer komplizierter, immer neue Personen tauchen auf, immer rätselhafter sind ihre Rollen, immer verwickelter ihre Beziehungen.
»Also, dann wollen wir mal auswerten, mein Lieber«, schlägt Kusmitsch vor, als wir allein sind. »Einiges ist in der Schwebe geblieben, nicht wahr?«
»Und manches Neue haben wir erfahren«, ergänze ich.
»Eben, eben.« Kusmitsch nickt. »Kurzum, gehen wir noch einmal alles durch, solange wir es frisch im Gedächtnis haben. Und einige Punkte notieren wir uns.« Er nimmt ein Blatt Papier aus der Schublade und reicht es mir. »Manches haben wir nicht ausgelotet, das müssen wir uns merken und Viktor Anatoljewitsch mitteilen. Zum Beispiel, was diesen Semanski betrifft. Da Sowko nun schon mal eingestanden hat, daß er ihn kennt, hätten wir herauskriegen müssen, was er von ihm weiß. Und dann sagte er noch, Semanski sei oft zu Kuprejtschik gegangen. Warum? Es war doch eine Zufallsbekanntschaft.«
»Eine Zufallsbekanntschaft war es nach Kuprejtschiks Worten«, betone ich. »Angeblich führte das Interesse an der Malerei die beiden zusammen.«
»Richtig. Und was noch?«
»Der geheimnisvolle Lew Ignatjewitsch! Außer dem Vor- und Vatersnamen kennen wir nun wohl auch seine Personenbeschreibung.«
»Tja«, sagt Kusmitsch nachdenklich. »Das scheint eine interessante Gestalt zu sein. Mit ihm ist Sowko zu Musa ins Restaurant zum Essen gekommen. Er wurde im Hof gesehen. Aber hier müssen wir uns ein bißchen vorbereiten, mein Lieber. Zunächst einmal erkundigen wir uns in Jushnomorsk nach ihm, ja? Schreib das als zweiten Punkt auf und telefoniere. Nimm die Spezialleitung. Vielleicht wissen sie etwas über diesen Lew Ignatjewitsch. Sicherlich stammt er auch von dort. Ja.« Befriedigt seufzt er. »Und was haben wir noch?«
»Jermakow«, sage ich, »der ist ein völlig unbeschriebenes Blatt für uns. Vielleicht erkundige ich mich auch nach ihm?«
»Probier es... Das wäre Punkt drei.« Er sieht zu, wie ich schreibe, und als ich fertig bin, fügt er hinzu: »Und zum Schluß halten wir fest, daß er den Kerl mit dem grünen Schal und diesen Kuprejtschik anscheinend überhaupt nicht kennt.«
»Ganz recht, >anscheinend<«, sage ich. »Er lügt.«
»Daß er in diesem Punkt lügt, ist ebenfalls interessant. Notiere das, sei so gut.«
»Und was haben wir bei den Fakten nicht ausgelotet?« fragt Kusmitsch. »Was meinst du? Da ist doch noch was!«
»Das betrifft den grünen Shiguli. Meiner Meinung nach hat er ihn nie gesehen«, sage ich. »Andererseits kann das nicht sein.«
»Ja«, stimmt Kusmitsch mir zu, »das ist merkwürdig. Wie wir da weiterkommen wollen, ist mir noch schleierhaft. Also schreib es einstweilen auf.« Nach einer Pause fragt er: »Was ist bei den Fakten noch unklar?«
»Den Mord gibt er zu, den Diebstahl nicht.«
»Nun, das ist vielleicht verständlich. Hier ist. Ja! Das Mordmotiv ist unklar geblieben. Bisher ist es ja nur unsere Vermutung, daß sie die Beute nicht geteilt haben. Aber wie verhält es sich wirklich? Darüber haben wir mit Sowko noch nicht gesprochen. Na los, schreib auf.«
Kusmitschs Stimme klingt ärgerlich. Das ist tatsächlich ein wichtiges Moment, und wir hätten es beinahe außer acht gelassen.
»Ja, schreib auf«, wiederholt Kusmitsch und sagt: »Jetzt, denke ich, haben wir alles. Was meinst du?«
»Scheint so.«
»Dann beweg dich!« sagt Kusmitsch und schaut auf die Uhr. »Schon vier. Wie schnell die Zeit vergeht! Und sieh mal nach, ob Valja schon da ist. Er hat noch nicht angerufen. Ich erkundige mich inzwischen im Krankenhaus, wie's unserem Pjotr heut geht.«
Ich verlasse Kusmitschs Zimmer, zünde mir eine Zigarette an und schlendere den langen Korridor zur diensthabenden Abteilung entlang. Von dort rufe ich die Kriminalmiliz in Jushnomorsk an und lasse meinen alten Freund Dawud Mamedow an den Apparat rufen. Ich habe ihm mal in Moskau sehr geholfen, und seitdem brennt er darauf, sich zu revanchieren.
»Du kommst also her?« fragt er freudig. »Das ist gut! Komm unbedingt. Wenn auch Winter ist und Schnee liegt, ja, davon haben wir viel in diesem Jahr! Komm trotzdem. Wir erledigen alles.«
»Danke«, antworte ich. »Zunächst aber kümmere dich schnellstens um diese beiden. Unauffällig, Dawud. Hast du mich verstanden?«
»Aber ja, natürlich hab ich dich verständen.«
Auf dem Weg in mein Zimmer stelle ich fest, daß Valja noch nicht zurück ist. Er hat einen wichtigen Auftrag, und auch ich warte ungeduldig auf ihn.
In meinem Zimmer setze ich mich müde in den Sessel und schaue wieder auf die Uhr. Halb fünf.
Obwohl ich heute eigentlich nichts Besonderes getan habe, bin ich hundemüde. Und ich habe doch noch so viele Dinge zu erledigen. Seltsamerweise werden es nicht weniger. Im Gegenteil sogar. Als hätte ich eine sagenhafte Hydra vor mir. Erledigst du eine Sache, erscheinen an ihrer Stelle gleich zwei heue. Da bist du machtlos. Übrigens müßte ich etwas essen, und unwillkürlich blicke ich abermals auf die Uhr.
Das Stadttelefon klingelt. Ich nehme den Hörer ab. »Hier Lossew.«
»Guten Tag, Vitali Semjonowitsch«, sagt eine mir unbekannte knarrende Männerstimme. Sie klingt sicher und solide. »Sie kennen mich nicht. Aber ich kann Ihnen nützlich sein. Am Telefon läßt sich natürlich nicht alles sagen.«
»Ich verstehe«, antworte ich. Der Anruf überrascht mich nicht. Bei unserer Arbeit ereignet sich so was öfters. »Kommen Sie her, dann reden wir.«
»Nein. Ich würde mich mit Ihnen lieber in der Stadt treffen«, sagt der Unbekannte.
»Wo da?« frage ich.
»Vielleicht im Zentrum. In der Gorkistraße. Vor dem zentralen Telegrafenamt.«
»Wann?«
»In einer Stunde, wenn es Ihnen recht ist. Jetzt ist es halb fünf.«
»Ja, halb fünf«, bestätige ich nach einem Blick auf die Uhr. »Einverstanden. In einer Stunde. „Wie erkennen wir uns?«
»Ich kenne Sie und komme auf Sie zu, wenn in Ihrer Nähe alles ruhig ist.«
»Seien Sie unbesorgt«, sage ich lachend. Sieh mal einer an! Welch vorsichtiger Herr. Mir mißfällt nur, daß er mich kennt, während ich im dunklen tappe.
In Gedanken gehe ich alle abgeschlossenen und nicht abgeschlossenen Fälle durch, die der Grund für dieses Treffen sein könnten, und gelange zu dem Schluß, daß es Dutzende von Gründen dafür geben könnte. Herumzurätseln ist sinnlos, am einfachsten ist es, abzuwarten. Vielleicht kommt inzwischen Valja zurück.
Ich wähle seine Nummer, vergebens. Ärgerlich werfe ich den Hörer auf, ergreife ihn erneut und wähle eine andere Nummer. Aha. Kusmitsch ist auch weg. Ob er mit dem Krankenhaus telefoniert hat? Das kann ich ebensogut. Ich rufe das Krankenhaus an, und als sich eine melodische Mädchenstimme meldet, frage ich: »Sind Sie's, Lena?«
»Ja. Mit wem spreche ich?«
»Oh, da habe ich ja Glück«, sage ich erfreut. »Hier ist Lossew, der entsetzlich lange Lackaffe von der Kriminalmiliz. Vielleicht erinnern Sie sich noch an mich?«
Lena lacht. »Warum reden Sie so abfällig über sich? Sie sind doch ein Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle. Bestimmt wollen Sie sich nach Schuchmin erkundigen?«
Wir plaudern eine Weile, und Lena gibt mir Informationen über Petja, wie sie ein Mädchen von der Auskunftszentrale gewöhnlich nicht hat. Mir ist klar, daß sie selbst bei unserem Freund war. Außerdem ist sie gern bereit, ihm einen Gruß von mir und allerlei nebulöse Worte auszurichten, denen Petja entnehmen kann, daß sich der Fall normal entwickelt und sogar schon einige Erfolge zu verzeichnen sind. Nach dem Gespräch blicke ich auf die Uhr. Ich muß mich auf den Weg machen. Zum Telegrafenamt gehe ich am besten zu Fuß, dann habe ich noch ein paar Minuten, um mir den Ort der Begegnung von weitem anzusehen.