Draußen herrscht Schneegestöber. Es ist kalt. Gott sei Dank haben wir aber nicht mehr solche Kälte wie im Dezember, als die Temperatur bis auf vierzig Grad sank! Für Moskau war das geradezu eine Naturkatastrophe. Heizungsrohre platzten, hier und da übernachteten Eltern mit ihren Kindern in Schulen, es gab Störungen in der Versorgung, die Zeitungen erschienen verspätet, und wir hatten mehr als sonst zu tun, wie seltsam das auch klingen mag.
Kurzum, so ist es jetzt nicht. Wir haben leichten Frost und Schneegestöber. Es läuft sich angenehm. Die Dämmerung hat sich auf die Stadt gesenkt. An den hohen Masten erglühen die mächtigen Laternen wie violette Knospen.
Drei Minuten vor der vereinbarten Zeit nähere ich mich dem Telegrafenamt, überquere jedoch nicht die Ogarjowstraße, sondern betrachte gespannt die vielen Menschen vor dem Telegrafengebäude und auf der kleinen Terrasse zwischen den beiden altertümlichen Laternen, zu der vom Trottoir eine breite Marmortreppe hinaufführt. Kein einziges bekanntes Gesicht... Allerdings ist die Sicht nicht besonders. Mir bleibt nur, zum vereinbarten Treffpunkt zu gehen und zu warten. Das tue ich.
Wenig später tritt ein mittelgroßer älterer Mann zu mir. Er trägt einen dunklen Mantel mit Pelzkragen und eine Pelzmütze. Sein Schal ist grellrot. Auch sein Gesicht ist rot - von Wind und Kälte. Brauen und Schnurrbart sind bereift.
»Guten Tag, Vitali Semjonowitsch«, sagt er heiser.
»Guten Tag«, antworte ich zurückhaltend.
»Wollen wir uns drüben ins Cafe setzen?« fragt er mich.
»Gern«, sage ich, »hier läßt es sich schlecht reden.«
Wir gehen die Treppe hinunter, überqueren die Straße und sind gleich darauf in dem zweigeschossigen Cafe mit den großen Glasfenstern. Während wir in der Garderobe unsere Mäntel und Mützen abgeben, mustern wir uns verstohlen. Der Unbekannte scheint über fünfzig zu sein, er ist solide gekleidet und tritt sicher und energisch auf. Der Blick unter den dichten Brauen hervor ist klug und leicht ironisch.
Wir setzen uns an ein Tischchen und zünden uns Zigaretten an.
»Wie darf ich Sie anreden?« erkundige ich mich.
»Meinetwegen Iwan Iwanowitsch«, antwortet mein Gesprächspartner lachend.
»Das geht nicht«, entgegne ich.
»Warum nicht?«
»Weil wir dann nicht die gleichen Bedingungen hätten, da Sie meinen Namen wissen. Und ungleiche Bedingungen lassen kein Vertrauen aufkommen. Aber vor allem - Iwan Iwanowitsch ist allzu banal. Ich müßte jedesmal lachen, wenn ich Sie so anspreche. Und an ein ernstes Gespräch wäre nicht zu denken. Was meinen Sie dazu?«
Mein Gesprächspartner schmunzelt. Dabei gleitet der gestutzte graue Schnurrbart hoch und entblößt feuchte, regelmäßige, geradezu perlmuttene Zähne -sicherlich falsche.
»Es ist angenehm, sich mit Ihnen zu unterhalten«, sagt er. »Aber es sei, wie Sie es wünschen. Ich heiße Pawel Alexejewitsch.«
»Das klingt schon besser«, erwidere ich. »Jedenfalls kommt es der Wahrheit näher.«
»Es ist die absolute Wahrheit. Was wollen wir trinken?«
Die Serviererin tritt heran. Wie könnte man dem Mädchen beibringen, wenigstens professionell zu lächeln? Nachdem wir bestellt haben, erörtern wir dieses Problem, bis uns die griesgrämige Serviererin den Kaffee und den Kognak bringt.
»Auf eine vergnügliche Bekanntschaft«, sagt Pawel Alexejewitsch und hebt sein Glas.
»Auf eine nützliche Bekanntschaft«, präzisiere ich.
Ach, wie gern würde ich jetzt gebratenes Fleisch essen, aber ich darf nicht gegen die Etikette verstoßen.
»Sehen Sie, ich bin Romantiker, und Sie sind Materialist«, scherzt Pawel Alexejewitsch, während er mit dem Löffelchen im Kaffee rührt. »Mir ist das Vergnügen wichtig, Ihnen der Nutzen.«
»Es ist einfach so, daß Sie sich verstellen, während ich das nicht tue«, entgegne ich. »Sie haben mich aus Berechnung herbestellt, ich bin aus Neugierde gekommen, und das ist beinahe Romantik.«
»Sie sind nicht aus bloßer Neugierde gekommen«, sagt Pawel Alexejewitsch schmunzelnd. »Sie sind gekommen, weil Sie mit einer Beute rechnen. Und Sie haben sich nicht geirrt, das kann ich Ihnen versichern. Und da Sie mich nicht kennen und niemals kennenlernen werden, denn ich werde nie in die Sphäre Ihrer Tätigkeit geraten, will ich offen zu Ihnen sein. Übrigens gibt es noch einen Grund dafür. Erinnern Sie sich an einen Mann mit dem Spitznamen Zigeuner?«
»Natürlich.«
Zigeuner spielte in einem komplizierten Fall eine Rolle. Ich selbst hatte ihn verhaftet. Allerdings mußten wir ihn bald darauf freilassen, weil wir seine Schuld nicht beweisen konnten.
»Nun, ich kenne Zigeuner ebenfalls«, sagt Pawel Alexejewitsch nachdenklich. »Alias Boris Viktorowitsch Swiristenko. Er hat mir von Ihnen erzählt.«
»Was hat er Ihnen denn erzählt?« frage ich interessiert und trinke einen Schluck Kaffee.
»Erstens: Daß Sie ein kluger Mensch sind. Zweitens: Daß Sie sehr feinfühlig sind, was heutzutage viel wert ist.«
Allmählich begreife ich. Wahrscheinlich hat Swiristenko jemandem gesagt, er verdanke mir seine Freilassung. Ich würde gern wissen, wozu er diese Lüge brauchte.
»Und was ergibt sich Ihrer Meinung nach aus seinen Mitteilungen?« frage ich stirnrunzelnd.
»Um Himmels willen«, freundschaftlich berührt er meinen Arm, »fassen Sie es nicht als Taktlosigkeit auf, daß ich Swiristenko erwähne. Er hat sich nur den besten Freunden anvertraut. Die hatten ja, verzeihen Sie, das ganze Sümmchen für ihn gesammelt. Aber das bleibt unter uns. Ich habe also ein wichtiges Anliegen an Sie. Doch die Hauptsache ist, daß Sie mir gefallen.« Pawel Alexejewitsch lächelt und tätschelt wieder meinen Arm.
Ach, dieser Swiristenko ist ein ganz Ausgekochter! Um wieviel mag er seine Kollegen geschröpft haben?
»Und weshalb gefalle ich Ihnen?« frage ich.
»Weil Sie tatsächlich ein kluger Mensch sind. Ich bin überzeugt davon. Klugheit ist das allerwichtigste, wichtiger sogar als Ehrlichkeit. Und deshalb wende ich mich vor allem an Ihre Klugheit. Jeder will auf seine Art leben. Der eine einfach, wie es gerade kommt. Das sind hohle, schlaffe, schwache Menschen. Die anderen - im Dienst an der Gesellschaft, wobei sie für sich persönlich auf alles oder doch auf vieles verzichten. Von dieser Sorte gibt es heute wenig. Das sind Romantiker, Idealisten, beschränkte und kurzsichtige Menschen. Die dritten, und das ist die große Mehrheit, sind Materialisten, energische, praktische, unsentimentale Leute. Sie begreifen, daß die materiellen Güter heutzutage das wichtigste sind, daß es sich nur um ihretwillen lohnt, zu arbeiten, sich anzustrengen. Aber sie arbeiten nicht für die Enkel und die Urenkel, sondern für sich, damit es nicht nach hundert Jahren besser wird, sondern heute, und nicht unbedingt für alle, sondern für sie selbst. Natürlich ist das Egoismus, aber vernünftiger Egoismus, würde ich sagen. Der Egoismus eines Menschen, der alles versteht und alles sieht.«
Ich höre ihm interessiert, aber angewidert zu. Er entwickelt da eine gefährliche, schurkische Philosophie. Und er beruft sich nicht nur auf einen Präzedenzfall, sondern versucht die theoretische Basis zu liefern.
Mein scheinbar wohlmeinendes Schweigen inspiriert Pawel Alexejewitsch sichtlich, und überzeugt fährt er fort: »Die Menschen dieser letzten Kategorie sind sehr verschieden in bezug auf Vorbildung, Ansprüche und Möglichkeiten. Der eine züchtet zum Beispiel Frühgurken oder Tomaten in seinem Garten und verkauft sie als erster auf dem Markt, der andere repariert die Elektrogeräte der Nachbarn, der dritte ist ein Demagoge und Ehrgeizling, er macht Karriere, kommandiert herum und fährt ins Ausland, der vierte betrügt die Käufer beim Abwiegen und Vertauschen der Warensorte, der fünfte studiert unsere Planung und unser Versorgungssystem und sucht dort Möglichkeiten zur Bereicherung. Wie gefällt Ihnen dieses Schema der Gesellschaft?«