»Es ist durchaus real«, pflichte ich ihm bei. »Abgesehen von den Proportionen. Da machen Sie einen entscheidenden Fehler. Nun, aber Ihnen selbst stehen doch offensichtlich die Realisten der fünften Kategorie am nächsten?«
»Theoretisch - ja.«
»Das verstehe ich nicht, ehrlich gesagt.«
»Dabei ist hier alles völlig klar. Arbeitete ich auf diesem, Ihren Begriffen nach illegalen Gebiet, so hätte ich es wohl nicht gewagt, mich mit Ihnen zu treffen. Aber ich kenne dieses Gebiet gleichsam nur von fern, und ich erhalte ein gewisses Honorar für Dienste wie den heutigen. Ich bin Materialist, das verhehle ich nicht.«
»Der sechsten Kategorie?« frage ich lächelnd.
»Wenn Sie so wollen. Es gibt ja viele davon.«
»Welchen Dienst haben Sie übernommen, und wem wollen Sie ihn erweisen?«
»Auch Ihnen. Denn auch Sie sind ein kluger Mensch.«
»Nun gut, ich bin ganz Ohr.«
Wir zünden uns wieder Zigaretten an.
»Folgendes«, sagt Pawel Alexejewitsch eindringlich. »Der erste Vorschlag: Kämpfen Sie nicht gegen Windmühlen.«
»Wie läßt sich das, angewandt auf einen konkreten Fall, entschlüsseln?« frage ich.
»Wie das zu entschlüsseln ist? Folgendermaßen!«
Wir trinken geruhsam Kaffee, nippen ab und zu an dem Kognak, rauchen, und wer uns so sieht, glaubt, wir unterhielten uns freundschaftlich. In Wirklichkeit aber nimmt unser Gespräch einen immer gespannteren und gefährlicheren Charakter an. Und ich warte darauf, daß mein gebildeter Gesprächspartner von den theoretischen Überlegungen zu praktischen Vorschlägen übergeht. Die Sache riecht nach Angebot einer Bestechungssumme, einer großen zudem. Aber wofür, zu welchen Bedingungen? Mich interessieren die Bedingungen. Denn je größer das Bestechungsgeld, desto wichtiger und interessanter die Bedingungen. Das zum einen. Und zum anderen - ich kann vorläufig nicht feststellen, »woher der Wind weht«, wer diesen Mann geschickt hat. Swiristenko? Hat das mit dem verflossenen Fall zu tun? Es wäre sinnlos, mir jetzt dafür ein Bestechungsgeld anzubieten. Außerdem wäre es zu riskant für Swiristenko. Erfahren seine Kumpane, daß damals kein Bestechungsgeld gezahlt worden ist, daß er die Summe für sich behalten hat, dann... Dann ist es aus mit ihm. Nein, da mußte etwas anderes sein.
»Folgendermaßen ist das zu entschlüsseln«, fährt Pawel Alexejewitsch fort und lehnt sich zurück. »Unsere Planung ist so organisiert, daß immer wieder nicht ausgenutzte, nicht registrierte Reserven übrigbleiben.«
»Von wem nicht registriert?«
»Von den übergeordneten Organen natürlich. Und den Betrieben, den Besitzern dieser Reserven, dieser materiellen Überschüsse, bei denen es sich meistens um Engpaßmaterial handelt, steht es frei, sie entweder zu sparen oder sie zu verwenden. Darüber ist übrigens mehrere Male in den Zeitungen geschrieben worden, sicherlich haben Sie es gelesen?«
»Ja, ich habe es gelesen.«
»Nun gut. Und diese Überschüsse, mit denen man unterschiedlich verfahren kann, verheißen unternehmungslustigen Leuten einen schönen Gewinn und der Bevölkerung notwendige zusätzliche, gleichsam überplanmäßige Waren. Das Paradoxon besteht darin, daß weder die Pläne des Betriebes noch die des ganzen Wirtschaftszweiges leiden.«
»Auf dem Papier?«
»Die Pläne, verehrter Vitali Semjonowitsch, werden immer auf Papier gemacht.«
»Aber sie müssen eine reale materielle Grundlage haben. Die Grundlage erweist sich als Fälschung, wenn der Plan unregistrierte Überschüsse erzeugt.«
Ich fange an, mich zu ereifern. Die Unverschämtheit und das offensichtliche Glück dieser abgefeimten Leute bringt mich in Wut. Ich halte mit Mühe an mich, um nicht zuviel zu sagen. Soll er ruhig auspacken. Es ist ganz nützlich, sich das anzuhören.
»Ja, in gewissem Sinne entsteht ein. fehlerhafter Plan«, sagt Pawel Alexejewitsch mit ironischem Lächeln. »Aber mit diesem Plan sind alle zufrieden, und alle bestätigen ihn. Das ist das zweite Paradoxon der genannten Situation.«
»Zufrieden aus Unkenntnis der Möglichkeiten und der von irgend jemand verschleierten Reserven, aus einem gewissen nicht aufgedeckten Betrug heraus?«
»Das hat keinerlei Bedeutung, aus welchem Grund sie zufrieden sind«, entgegnet Pawel Alexejewitsch geringschätzig und schlürft Kaffee. »Im Gegenteil, die Bevölkerung erhält, wie ich schon sagte, zusätzliche Waren aus Fonds, die sonst in den Betrieben sinnlos aufgehäuft werden würden.«
»Fonds, die der Planung absichtlich entzogen werden?«
»Wenn Sie so wollen, ja. Die Wirtschaftler sind ein vorsorgliches Völkchen und haben Angst vor Mißgeschicken. Die von ihnen für den schwarzen Tag angehäuften Überschüsse findet ohnehin niemand und wird sie auch nicht suchen, das ist es doch. Es sind dies die natürlichen Unkosten der gigantischen Gesamtplanung. Wenn es auch legitim ist, ihre Verwendung zu bestrafen, so ist es doch ungerecht, meine ich.«
»Eine sehr strittige Behauptung«, spotte ich.
Pawel Alexejewitsch schlägt überzeugt mit der Hand auf das Tischchen. »Ja, ja. Doch vor allem - es ist sinnlos. Man bestraft einen, aber von dieser Möglichkeit erfährt ein Dutzend unternehmungslustiger Leute. Es entsteht eine Lücke, und für die finden sich nicht wenig Interessenten, das versichere ich Ihnen.«
»Und wenn wir diese Ritze zustopfen?«
»Dann wird eine andere entdeckt. Arbeitslos sind Sie noch nie gewesen, scheint mir, und werden es auch nie sein.«
»Der Streit ist nutzlos«, sage ich. »Offensichtlich werden wir einander nicht überzeugen. Ich schlage vor, vom Allgemeinen zum Besonderen überzugehen. Sie haben sich doch nicht um einer theoretischen Diskussion willen mit mir getroffen. Ich verstehe überhaupt nicht, wozu Sie diese Diskussion brauchen.«
»Zur Selbstbestätigung«, sagt Pawel Alexejewitsch lachend. »Sie sollen einen denkenden Menschen vor sich sehen, keinen gewinnsüchtigen Praktiker. Nun, und natürlich habe ich gehofft, Sie in manchem zu überzeugen.«
»Betrachten Sie diese Etappe als zurückgelegt«, sage ich entschlossen. »Entschuldigen Sie, wenn ich mich drastisch ausdrücke, aber Sie wollen doch offensichtlich, daß ich mich eines Dienstvergehens schuldig mache, während Sie Ihrerseits zu einer gewissen materiellen Kompensation bereit sind. So ist es doch, wenn ich mich nicht irre?«
»Nicht ganz. Ich will Ihnen begreiflich machen, daß der Kampf gegen Erscheinungen solcher Art wie der Kampf gegen Windmühlen sinnlos ist.«
»Es kann Ihnen doch gleichgültig sein, ob ich das begreife oder nicht, denn mit solchen Erscheinungen, oder genauer - Verbrechen, befasse ich mich nicht, das...«
»Ich weiß«, unterbricht mich Pawel Alexejewitsch. »Sie wollen sagen, daß das Sache der OBChSS ist, während Sie bei der Kriminalmiliz arbeiten, nicht wahr?«
»Eben.«
»Aber in diesem Falle ist Ihre Arbeit für uns von Bedeutung. Weil wir wollen, daß Sie sich nur mit Ihrer unmittelbaren Aufgabe beschäftigen. Nur damit. Und schlagen Sie das große Geld nicht aus. Das wäre sehr dumm. Wie Sie sehen, wird von Ihnen keinerlei dienstliches Vergehen verlangt. Arbeiten Sie auf Ihrer Linie, und fertig. Das Geld wird Ihnen so übermittelt, daß niemand Sie dafür belangen kann.«