»Sehr verlockend«, sage ich lächelnd. »Aber erklären Sie zunächst, was das bedeutet: beschäftigen Sie sich nur mit Ihrer unmittelbaren Aufgabe<. Womit könnte ich mich denn noch beschäftigen?«
»Sie untersuchen den Mord an einem gewissen Gwimar Iwanowitsch Semanski, nicht wahr?«
»Nun ja, und außerdem einen Diebstahl, einen Einbruchsdiebstahl.«
»Ach ja. Richtig. Und das ist Ihre direkte Aufgabe. Hängen der Mord und der Diebstahl eigentlich zusammen?«
»Vielleicht.«
»Ja, ja. Ich habe kein Recht, Ihnen solche Fragen zu stellen, ich verstehe. Also untersuchen Sie all dies. Aber. nichts weiter, dringen Sie nicht in einen fremden Garten ein, selbst wenn Sie plötzlich. wenn Ihnen etwas schwant. Drücken wir es mal so aus. Einverstanden?«
»Was nennen Sie fremden Garten<?«
»Den Tätigkeitsbereich der OBChSS«, sagt Pawel Alexejewitsch fest, und sein rotes Gesicht mit den Säckchen unter den Augen und dem grauen Schnurrbart verhärtet sich gleichsam.
»Was könnte mich in diesen Garten führen?«
»Nun, solche Fragen dürfen Sie nicht stellen.« Pawel Alexejewitsch schüttelt vorwurfsvoll den Kopf. »Vielleicht finden Sie plötzlich etwas heraus, vielleicht nicht, vielleicht ist da überhaupt nichts. Und dann ist die Belohnung einfach ein gefundener Schatz. Also wie ist es, ist Ihnen dieser Vorschlag im Prinzip recht?«
»Im Prinzip selbstverständlich nicht«, sage ich nachdenklich. »Aber ich möchte mir das durch den Kopf gehen lassen. Anrufen kann ich Sie wohl nicht?«
»Natürlich nicht. Ich rufe Sie an. Wann?«
»Morgen ist Sonnabend. Rufen Sie am Montag abend an.«
»Sehr schön. Aber man hat mich gebeten, Ihnen folgendes auszurichten. Berücksichtigen Sie, daß mir persönlich das nicht gefällt. Aber ich bin verpflichtet, es Ihnen mitzuteilen.«
»Schon gut, ich höre.«
»Folgendes: Wenn Sie den Vorschlag mißachten und trotzdem in den fremden Garten eindringen, dann ist das ein großes Risiko für Sie. In die Sache sind wichtige Leute verwickelt, und es steht zu viel auf dem Spiel.«
»Klar...«, sage ich.
»Das wäre dann wohl alles«, sagt Pawel Alexejewitsch zum Schluß. »Bis Montag.«
Mißerfolge
Valja Denissow fuhr am Vormittag in jene Gasse, gleich nach der Dienstbesprechung bei Kusmitsch. Seine Aufgabe war nicht einfach. Er sollte nicht nur feststellen, in welcher Wohnung sich Pest mit seiner Musa versteckt gehalten hatte, sondern auch, wer ihnen dort Obdach gewährt hatte und warum. Gab es von der Wohnung »Zugänge« zu Mitgliedern der Bande? Gingen von ihr überhaupt Fäden aus? Wenn ja - wohin, zu wem, durch wen?
Die mit reinem nächtlichem Schnee bedeckte Gasse war wie am Vortag leer, trist und diesmal gleichsam von Spannung erfüllt. Besonders stark empfand Valja diese Spannung vor dem Haus Nummer sieben, einem unansehnlichen zweistöckigen Haus vom Anfang des Jahrhunderts, mit bröckelndem Putz, schmalen Fenstern und beschneiten kleinen Balkons, die verschnörkelte Eisengitter hatten.
Valja kannte die Nummer der Wohnung, zu der er wollte. Nina hatte sie ihm mitgeteilt. Sie versicherte, daß es in der zweiten Etage außer zwei hohen Türen eine dritte, niedrige gab, wohl mit der Nummer neun, die sich für Musa und sie aufgetan hatte.
In dem dunklen Flur stieg Valja die Treppe mit dem wackligen Geländer zur zweiten Etage hinauf. Auf jedem Absatz empfingen ihn andere Gerüche - mal roch es nach gebratenem Fisch, mal nach Desinfektion, und ganz oben penetrant nach Katzen. Hier fand Valja tatsächlich die niedrige Tür mit der Nummer neun. Auf der Treppe war ihm keine Menschenseele begegnet. Er drehte sich um und lief hinunter auf die öde verschneite Gasse. Die Hausverwaltung zu finden war nicht schwierig. Zehn Minuten später unterhielt sich Valja schon mit einer ältlichen, krankhaft dicken Buchhalterin. Sie nahm die Brille ab, und ihr blasses, gedunsenes Gesicht wirkte derart müde, daß es Valja peinlich war, sie mit seinen Fragen zu behelligen. Doch im Laufe des Gesprächs schien Leben in die Frau zu kommen, und in ihren Augen glomm Neugierde auf.
Im Unterschied zu Petja Schuchmin, der die Menschen mit seiner Lustigkeit und Treuherzigkeit gewann, trat Valja ernst, aufmerksam und ausgesucht höflich auf. Und seine Feinfühligkeit und Höflichkeit zogen die Menschen mitunter mehr an als Petjas Witze und Kumpelhaftigkeit. Auch diese Frau faßte Vertrauen zu Valja.
»... im zweiten Stock des Hauses sind ebenfalls drei Wohnungen«, berichtete die Frau indessen, und an ihrem gespannten, neugierigen Blick erkannte Valja, daß sie immer noch nicht erraten hatte, was er eigentlich wollte. »Zwei sind kommunale Mehrzimmerwohnungen, genau wie unten, Nummer neun ist von der Nachbarwohnung abgeteilt worden. Sie besteht nur aus Zimmer und Küche, und natürlich ist auch eine Toilette vorhanden. Doch ein Badezimmer hat sie nicht, nur ein Waschbecken in der Küche. In dieser Wohnung hat unser Schlosser gewohnt, er ist schon vor zehn Jahren gestorben. Aber seine Frau wohnt noch dort. Die Kinder sind ausgeflogen, haben die Mutter vergessen, und sie ist ständig betrunken. Mal schläft sie, mal singt sie.«
»Woher nimmt sie das Geld zum Trinken?« fragte Valja schmunzelnd. »Die Rente reicht dafür doch bestimmt nicht.«
»Ihre Gäste bringen was zu trinken mit. Sie sammelt sie auf dem Bahnhof auf, zum Übernachten. Der Bahnhof ist ja nicht weit von hier.«
»Das ist doch verboten.«
»Selbstverständlich. Aber was will man mit ihr machen? Sie verbringt ihren Lebensabend und stört niemanden. Und für manche Leute ist sie oft die letzte Rettung. Versuchen Sie mal, ein Hotelzimmer zu bekommen!«
Valja hätte ihr gern erzählt, wen die betrunkene alte Polina Tichonowna diesmal beherbergt hatte, doch er fragte nur: »Beschweren sich die Nachbarn nicht?«
»Sie haben Mitleid«, antwortete die Frau seufzend, »und bringen ihr auch Essen. Und das, obwohl sie zwei erwachsene Kinder hat!«
»Die müßten gerichtlich belangt werden.«
»Das haben ihr die Nachbarn auch geraten. Aber sie will es nicht. Sie ist eben sehr gekränkt«, sagte die Frau. »So ist das nun, da zieht man Kinder auf, gönnt sich nichts, gibt das Letzte, und man weiß nicht, wie sie es einem danken. Die Familie in der vierten Wohnung, zum Beispiel.«
Auf ganz natürliche Weise führte die Unterhaltung von der Wohnung, die Valja interessierte, fort. Und erst als er sicher war, daß die beredte Buchhalterin alle Hoffnung verloren hatte, den Grund seines Besuches zu begreifen, verabschiedete er sich. Er kehrte zu dem ihm bereits bekannten Haus zurück, stieg in den zweiten Stock hinauf und klingelte an der niedrigen Tür. Niemand öffnete ihm. Da klingelte er noch einmal, lang und fordernd, und schließlich sagte er sich, die Alte, die gestern ihre Quartiergäste verloren hatte, sei sicherlich auf der Jagd nach neuen und werde nicht so bald wiederkommen, und dann vielleicht nicht allein. Valja wollte gerade gehen, als sich in der Wohnung etwas rührte. Das Schloß klirrte, die Tür wurde einen Spaltbreit geöffnet, und ein runzliges, schnurrbärtiges Greisinnengesicht mit tränenden Augen zeigte sich. Unter dem dunklen Kopftuch lugten graue Haarzotteln hervor.
»Zu wem willst du?« fragte die Alte mit knarrender Baßstimme.
»Zu Ihnen, Polina Tichonowna«, antwortete Valja höflich. »Darf ich eintreten?«
Die Alte musterte Valja mißtrauisch und wackelte mit dem Kopf. »Ich glaube, ich kenne dich gar nicht.«
»Ich bin zum erstenmal hier.«
»Aha. Hast du 'n Fläschchen mitgebracht?«
»Nein. Ich muß mit Ihnen sprechen.«
»Ach nein, ein Redseliger!« knurrte die Alte und öffnete weit die Tür. »Na, komm rein!«
Vom Treppenhaus gelangte man sofort in die unordentliche kleine Küche. Dahinter war das Zimmer, und Valja ging, ohne zu fragen, hinein. Schwerer, abgestandener Geruch schlug ihm entgegen. Valja sah ein ungemachtes breites Bett, einen mit schmutzigem Geschirr und Flaschen vollgestellten Tisch, Stühle, auf denen irgendwelche Lumpen lagen, und in der Ecke neben dem schiefen Schrank eine Batterie staubiger Flaschen.