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»Setz dich, wohin du willst, mein lieber Gast«, sagte die Alte und ließ sich ächzend auf das Bett nieder. Den verschossenen Morgenrock zu schließen fiel ihr nicht ein. »Ach, du lieber Gott, keiner braucht mich, ich bin von allen verlassen.«

»Sie scheinen aber oft Besuch zu haben«, entgegnete Valja, der sich einen Stuhl frei gemacht hatte. »Sie können doch nicht allein so viel verbraucht haben.« Er deutete auf die Flaschen in der Ecke.

»Stimmt!« sagte die Alte. »Und das da hat Kolja alles stehengelassen.« Sie wies auf den Tisch. »Setz dich, ich schenk dir ein, mir tut's nicht leid, wenn's ein guter Mensch ist.«

»Danke. Aber Kolja war doch bestimmt nicht allein hier?«

»War er auch nicht. Er hatte seine Hübsche mitgebracht. Zwei Tage waren sie bei mir.«

»Und dann?«

»Gestern wurden sie festgenommen. Da war was los! Allein an Autos waren zehn Stück da. Und Männer - mindestens zwanzig, ein ganzes Regiment. Und die ballerten in alle Richtungen. Furchtbar.«

»Demnach haben sie auch auf Sie geballert?« Valja lächelte.

»Nein. Also, sie wollten zum Konzertsaal. Dieser Kolja mit den Frauen. Und ich bin hinterher, zum Lebensmittelladen an der Ecke: Kaum trete ich aus dem Haus, da geht's los. Ich wäre fast gestorben.«

Valja atmete erleichtert auf. Die Alte erinnerte sich augenscheinlich nicht an ihn, vielleicht hatte sie ihn gar nicht bemerkt.

»Wie ist Kolja überhaupt zu Ihnen gekommen?«

»Sein Freund brachte ihn mit, der Ljonja. Der hatte vorher schon eine Woche bei mir gewohnt.«

»Zum erstenmal?«

»Hmhm.«

»Und wer hat den hergebracht?«

»Wie soll ich das noch wissen? Irgend jemand.«

»Vielleicht hat er Sie auf dem Bahnhof angesprochen?«

»Ja, kann sein«, pflichtete sie bereitwillig bei. »Richtig, sie kamen auf dem Bahnhof zu mir, Ljonja und noch einer, so ein Stattlicher, Älterer. Der sagte: >Oma, könnten Sie den jungen Mann nicht für drei, vier Nächte aufnehmen? Sie werden zufrieden sein.< Und er zeigte auf Ljonja. Nun, da hab ich ihn genommen, den Ljonja.«

»Und den älteren Mann kannten Sie nicht?«

»Nein, ich hatte ihn noch nie gesehen.«

»Hat Ljonja Ihnen erzählt, woher er ist?«

»Wann hätte er das tun sollen? Ich hab ihn ja kaum zu Gesicht gekriegt. Morgens zog er los, und spätnachts kehrte er zurück. Aber dann... Ja, wann war denn das? Ach so. Am vorigen Sonntag. Da kam er auch mitten in der Nacht zurück. Oh, ich bin fast gestorben. Er war ganz außer sich. Völlig verstört sah er aus. >Oma<, sagte er, >laß uns einen trinken. Was ich gemacht hab, was ich angerichtet hab. < Na, ein Fläschchen fand sich natürlich. Wir tranken. Ich fragte ihn: >Was hast du denn gemacht, du armer Teufel?< ->Oh<, sagte er, >wir haben einen Menschen umgebracht, Oma.< Und heulte fast. >Wie konntest du das übers Herz bringen?< fragte ich, >es ist doch Gottes Geschöpf, wie du selbst. Was hat er dir getan?< - >Nichts hat er mir getan. Und die Hand hat mir gezittert. Da hat mein Kumpel das Messer genommen und. den Mann erledigt. Aber das Blut klebt auch an mir<, sagte er. Und zitterte am ganzen Leib.«

»Hat er nicht den Namen seines Kumpels genannt?« fragte Valja.

»Wozu muß ich das wissen? So 'n Mörder.«

»Und was war dann?«

»Die ganze Nacht konnte er sich nicht beruhigen. Das Gewissen plagte ihn mächtig. Das muß einen ja auch mitnehmen, einen Menschen ins Jenseits zu befördern. Gegen die menschliche Natur ist das, sage ich.« Sie bekreuzigte sich und blickte in die Ecke am Fenster, wo zwei kleine dunkle Ikonen hingen.

»Also hat er sehr gelitten«, sagte Valja.

»Und wie«, bestätigte Polina Tichonowna. »>Aus<, sagte er. >Mit mir ist's zu Ende. Wenn sie mich nicht einlochen, dann bringen mich die Gedanken um. Ich werde meine Mutter und meine Schwester nie wiedersehen, und Sina auch nicht.<«

»Welche Sina?«

»Wer soll das wissen? Sicherlich seine Frau oder seine Braut.«

»Und am anderen Tag, am Montag?«

»Am Montag? Da schlief er bis Mittag, und dann sagte er.«

»Da schlief er?«

»Ja, er schlief. Die Nacht hatte er sich doch um die Ohren geschlagen. Dann stand er auf und sagte: >Ich geh essen. Wo kann ich das hier in der Nähe?< - >Na auf dem Bahnhof<, sagte ich. >Da ist ein Restaurant.< Und er ging. Aber vorher sagte er noch: >Oh, ich hab Angst, Oma.< In der Nacht kam er nicht heim. Ich dachte schon - aus und vorbei. Doch am nächsten Tag, gegen Abend, tanzte er mit Kolja und der Hübschen an.«

»Und wo ist Ljonja jetzt?«

»Nach Hause gefahren.«

»Wie das?«

»Ganz einfach. Als Kolja und seine Hübsche festgenommen worden waren, kam Ljonja. Das war schon am Abend.«

Und da sagte sich Valja, daß es ein großer Fehler von ihnen gewesen war, die Wohnung nicht überwachen zu lassen. Natürlich wußten sie nicht, daß sich Ljocha dort versteckt hielt, sie waren sogar überzeugt, daß er nicht dort sein würde, wo sich Pest und Musa aufhielten. Und trotzdem war das ihr Fehler, genauer gesagt, sein, Valjas, Fehler, denn er hatte die Operation geleitet. Und nun war Ljocha verschwunden. Das mußte er Kusmitsch melden.

»Er kam also«, setzte die Alte ihre Erzählung fort. »Na, und ich erzählte ihm das von seinem Freund. Da fing er an zu flattern. >Rette mich, Oma<, sagte er. >Was soll ich denn tun?< fragte ich. >Kauf mir eine Fahrkarte, egal wohin, wenn es nur weit weg ist<, sagte er. >Vielleicht in deine Heimatstadt?< fragte ich. >Egal<, antwortete er, >Hauptsache, ich kann sofort losfahren.< Na, und dann hab ich ihm eine Fahrkarte gekauft. In derselben Nacht ist er abgefahren, der Sünder.«

»Nach wohin haben Sie die Fahrkarte gekauft?«

»Das weiß ich nicht mehr. Für sechs Rubel zehn. Zweite Klasse.«

»Haben Sie sie auf dem Belorussischen Bahnhof gekauft?«

»Wo denn sonst? Das ist doch unser Bahnhof.«

»Um wieviel Uhr fuhr der Zug ab?«

»So um elf.«

»Also, Oma, hoffentlich gabeln Sie nicht wieder einen Mörder auf, wenn Sie sich Quartiergäste holen«, sagte Valja ärgerlich. »Da ist es schon besser, sich von seinen Kindern unterstützen zu lassen. Das rate ich Ihnen.« Er stand auf.

Die Alte, die immer noch auf dem Bett saß, blickte ihn mit ihren trüben Augen an und fragte mit plötzlicher Feindseligkeit: »Wer bist du eigentlich, Freundchen?«

»Ich hoffte Ljonja bei Ihnen zu treffen«, antwortete Valja unbestimmt. »Ich sollte ihm einen Gruß ausrichten.«

»Bist wohl aus seiner Heimat?«

»So ähnlich.«

»Er fährt dorthin, denk an meine Worte! Weil sein Herz an seiner Mutter hängt.«

»Was hat der schon für 'n Herz!« Valja winkte ab.

»Ein ganz gewöhnliches«, sagte die Alte streng. »Wie wir beide es auch haben. Bei allen Menschen sehnt es sich nach Wärme, und es bricht einem, sobald man Schlechtes tut. Christus lehrt, daß es keine Feinde gibt auf der Welt. Wenn ich also etwas liebe, und er liebt was anderes, dann sind wir einander nicht feind.«

»Und wenn ich einem anderen etwas wegnehme?« fragte Valja.

»Um so schlimmer für dich. Dem anderen raubst du einen Gegenstand, aber dir raubst du die Ruhe. Und es ist um deine Seele geschehen. Am Tag mag es ja noch gehen, aber in der Nacht.... Die Gedanken, die dir da kommen...«

»Ach, Oma, so ein Gewissen müßte jeder haben«, sagte Valja. »Na, leben Sie wohl, einstweilen. Und denken Sie an meinen Rat.«