Auf der Straße atmete er mit voller Brust die frostklare Luft. Er lief zum Bahnhof. Wohin mag die Alte die Fahrkarte gelöst haben? fragte er sich. Vielleicht ist er noch unterwegs? Vielleicht schnappen wir ihn noch?
Auf dem Bahnhof ging Valja zur Miliz. Der zuständige Hauptmann, ein wackerer schnurrbärtiger Kerl, verstand ihn sofort und stürzte los, um Erkundigungen einzuziehen.
Das dauerte ziemlich lange, und Valja, der immer wieder auf die Uhr sah, war nahe daran, die Geduld zu verlieren, als der Hauptmann schließlich zurückkam.
»Folgendes«, sagte er energisch, »es handelt sich um den Zug Nummer hundertdreiundneunzig. Abfahrt zweiundzwanzig Uhr sechsundzwanzig Richtung -Kaliningrad. Die Fahrkarte zu sechs zehn, zweiter Klasse, wurde bis Kaliningrad gelöst. Der Zug nähert sich jetzt Vilnius. Bisher ist er pünktlich. Komm, Freund, wir rufen Vilnius an. Sie empfangen ihn dort und nehmen ihn hops.« Und als sie schon gingen, fügte er hinzu: »Du hast ja keine Ahnung, was wir da für Genossen haben! Die sind auf Draht, kannst beruhigt sein.«
»Ich bin erst dann beruhigt, wenn ich den Halunken vor mir habe«, bekannte Valja. »Informiere sie, daß es sich um einen besonders gefährlichen Verbrecher handelt. Er hat einen Mord begangen. Höchstwahrscheinlich ist er bewaffnet. Um ein Haar hätte er auch einen von uns umgebracht - Lossew.«
»Tatsächlich?«
Wenig später sprach Valja mit Vilnius. Ihm wurde mitgeteilt, daß der Zug Nummer hundertdreiundneunzig bereits am Bahnsteig stehe und in fünf Minuten abfahre. Eine operative Gruppe werde sofort zusteigen. Man werde den Verbrecher natürlich erst während der Fahrt festnehmen und könne das entweder in einer guten Stunde aus Kaisiadorys melden oder weitere vierzig Minuten später aus Kaunas. Die Gruppe sei auf die Gefährlichkeit des Verbrechers hingewiesen worden. Entsprechende Maßnahmen wurden ergriffen.
»Willst du auf die Meldung warten?«
»Na klar.«
»Dann komm mit in unser Zimmer.«
Valja wurde gastfreundlich aufgenommen. Man bewirtete ihn mit starkem aromatischem Tee und Lebkuchen, und sie tauschten die letzten Neuigkeiten aus. Valja erzählte kurz von dem Fall, mit dem er sich gerade beschäftigte. So wäre die Zeit wie im Fluge vergangen, hätte er nicht ungeduldig auf die Mitteilung aus dem Zug Moskau - Kaliningrad gewartet, der jetzt irgendwo zwischen verschneiten Feldern dahinfuhr.
Die Meldung aus Kaisiadorys verblüffte Valja. Ljocha war nicht in dem Zug. Aus den Angaben der Schaffner und der Fahrgäste ging hervor, daß ein Mann, der mit dem Gesuchten große Ähnlichkeit hatte, bereits in Orscha ausgestiegen war, obwohl er eine Fahrkarte nach Kaliningrad besaß. Überhaupt sei er sehr nervös und in Eile gewesen, hatte eine Schaffnerin erklärt.
»Wo kann er von Orscha aus hin?« fragte Valja ärgerlich.
»Wohin er will«, antwortete der Hauptmann. »Seit er in Orscha ausgestiegen ist, sind fast acht Stunden vergangen. Allein an Fernzügen sind in der Zeit... Ich sage dir gleich, wieviel dort abgefahren sind.«
Er zog ein dickes Kursbuch hervor und blätterte unwahrscheinlich schnell darin. »Aha, Orscha. Tabelle sechs. Hier. Drei Züge in Richtung Minsk. Weiter.
Sechs Züge nach Moskau. Tabelle einundzwanzig. Wo ist hier Orscha? Da. Aus Leningrad nach Gomel und Priluki. Drei Züge. Und in umgekehrter Richtung, ebenfalls über Gomel. Zwei. Insgesamt wieviel? Vierzehn Züge sind in diesen acht Stunden dort abgefahren. In alle Richtungen.«
»Und die müssen alle kontrolliert werden. Unverzüglich«, erklärte Valja. »Was ist das schon -vierzehn Züge! Wir müssen bloß wissen, wo sie sich gerade befinden. Umsteigen wird er nicht mehr. Er fühlt sich jetzt sicher.«
»Und warum bist du überzeugt, daß er mit einem Zug weiterfährt?« erkundigte sich der Hauptmann. »Vielleicht hat er sich in einen Bus gesetzt oder sich von einem Lastwagen mitnehmen lassen! Nach dem Kerl müssen wir jetzt überall fahnden, mein Freund. So ist nun mal unser Beruf.«
»Wir haben ja gewußt, worauf wir uns einlassen«, erwiderte Valja schmunzelnd. »Los, kurbeln wir. Womit fangen wir an?«
»Verfassen wir zunächst einmal den Steckbrief: Gesucht wird im Zusammenhang mit einem Mord und einem Einbruchsdiebstahl ein besonders gefährlicher Verbrecher, sein Ausweis ist ausgestellt auf den Namen Leonid Wassiljewitsch Krassikow. Richtig?« Der Hauptmann schaute Valja an, und als der nickte, fuhr er fort: »Kennzeichen. Los, diktiere.«
Als der Text fertig war, hüstelte er zufrieden und sagte: »Ich lasse das jetzt von meinen Vorgesetzten absegnen, und dann geb ich's an unseren Eisenbahntelegrafen. In einer Stunde haben wir ein Netz ausgeworfen, daß du bloß staunst. Da schlüpft kein Hase durch. Schließlich suchen wir nicht irgendwen, sondern einen Mörder.«
Als Valja den Bahnhof verließ, war es schon stockdunkel. Es hatte keinen Sinn mehr, in die Dienststelle zurückzukehren, und so fuhr er heim.
Eine komplizierte Maschinerie war in Gang gesetzt worden, und nur ein Zufall konnte Ljocha noch retten.
Am Morgen, gleich nach der Dienstbesprechung, beratschlage ich mit Kusmitsch. Natürlich ist auch Valja Denissow dabei.
Nach meinem ausführlichen Bericht über das gestrige Treffen im Cafe erkundigt sich Kusmitsch: »Und wieviel Abfindung hat er dir angeboten, damit du ihnen nichts tust?«
»Zahlen hat er nicht genannt«, antworte ich und füge scherzhaft hinzu: »Aber ich koste eine Menge, das kann ich Ihnen versichern. Zwei Jahresgehälter müssen sie schon hinblättern, oder drei.«
»Na, na, bilde dir nur nicht zuviel ein!« erwidert Kusmitsch lachend. »Trotzdem hast du eine interessante Begegnung gehabt. Eine sehr interessante. Ein seltsamer Philosoph hat sich da gefunden!«
»Da sie nervös geworden sind, machen sie Fehler«, sage ich, »und führen uns selbst zum Ziel.«
»Siehst du es schon?« fragt Kusmitsch.
»Vorläufig nicht.«
»Und in welcher Richtung wir graben sollen, ist vorläufig auch unklar. Ich denke, meine Lieben, wir müssen weiter so vorgehen wie bisher. Dieser Weg hat sie unruhig gemacht. Also ist er richtig. Den Mord haben wir aufgedeckt. Das Motiv allerdings.«
»Sie haben etwas nicht unter sich geteilt«, sage ich.
»Ja, aber dein Stelldichein führt von dem Diebstahl weg«, entgegnet Kusmitsch kopfschüttelnd. »Der Diebstahl stört irgendwie, irritiert.«
»Die Beweise fehlen. Aber die Logik..«, wende ich ein.
»Warum hüllst du dich in Schweigen?« Kusmitsch blickt Valja an.
Der hebt die Schultern und sagt: »Ich denke: Woher haben sie Lossews Telefonnummer, woher kennen sie seinen Vor- und Vatersnamen?«
»Meine Telefonnummer habe ich Kuprejtschik gegeben«, antworte ich. »Aber daß er diesen Typ zu mir geschickt hätte. Das entfällt. Freilich hatte das, was er über den toten Semanski sagte, ein paar kleine Unstimmigkeiten, aber mit dem Diebstahl in seiner eigenen Wohnung und mit dem Mord an Semanski hat er nichts zu tun. Ihr hättet ihn mal sehen sollen, als ich ihm den Mord mitteilte. Überhaupt müssen wir hier einen anderen Weg einschlagen, scheint mir. Sobald wir festgestellt haben, wer dieser Pawel Alexejewitsch ist, ist alles gelaufen. Aber es ist nicht so einfach, das herauszubekommen. Er ruft mich am Montag an, dann treffen wir uns und. Alles Weitere ist Sache der Technik.«
»Meinst du, er ist sich darüber nicht im klaren?« fragt Kusmitsch. »Halt ihn nicht für dümmer als dich selbst. Überleg lieber, wer dich in dieser Sache noch kennt.«
»In dieser Sache? Nur der Hof und Kuprejtschiks Haus, seine Frau und er selbst.«
»Ja, bislang ist das alles schleierhaft, meine Lieben«, sagt Kusmitsch und nickt, als wäre er zufrieden. »Ehe wir es uns versehen, haben wir es mit einer großen OBChSS-Kundschaft zu tun. Und selbstverständlich studieren wir sie dabei, und sie uns. Dumm sind die auch nicht.«