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»Aber wie frech sie vorgehen«, sage ich ärgerlich. »Wie selbstsicher!«

»Weil irgendeinem so eine Sache mal geglückt ist«, antwortet Valja so ruhig wie immer. »Und deshalb mußt auch du, ihren Berechnungen nach, bestechlich sein.«

»Ich laß mich bestechen«, sage ich drohend. »Ich laß mich bestechen, aber hinterher kann der Schuft seine Knochen einzeln zusammensuchen. Trotzdem müssen wir mit diesem Typ anfangen, müssen wir herausfinden, um wen es sich bei Pawel Alexejewitsch handelt und welche Verbindungen er hat.« Ich wende mich an Kusmitsch: »Erlauben Sie, daß ich ein Treffen mit ihm vereinbare?«

»Ob er uns wirklich so mir nichts, dir nichts auf den Leim geht?« fragt Valja zweifelnd.

»Wenn er A gesagt hat, muß er auch B sagen«, entgegne ich. »Er ist ja darauf eingegangen, hat mir Zeit zum Überlegen gegeben.«

»Worauf er eingegangen ist, werden wir ja sehen«, sagt Kusmitsch. »Also verabrede dich mit ihm, und wir nehmen ihn dann sofort unter Beobachtung. Das wär's.« Und Valja fragt er: »Gibt's was Neues von der Eisenbahn?«

»Nichts, Fjodor Kusmitsch«, antwortet Valja. »Ich habe dort angerufen.«

»Hm. Schlecht. Wir haben uns Ljocha durch die Lappen gehen lassen. Vierundzwanzig Stunden ist es her, seit er in Orscha ausgestiegen ist. Da kann er schon weit sein.«

»Polina Tichonowna meint, ihn zieht's mächtig heim. Angeblich spürt sie es mit dem Herzen. Durchaus möglich, daß er nach Hause fährt. Zumal dort irgendeine Sina auf ihn wartet.«

»Setz dich noch mal mit Jushnomorsk in Verbindung«, sagt Kusmitsch. »Orientiere sie auf Ljocha. Falls er der Fahndung entwischt, muß er heute dort auftauchen. Und erkundige dich bei der Gelegenheit, was sie über Lew Ignatjewitsch und Jermakow in Erfahrung gebracht haben.«

»Klar.«

Ich bin schon an der Tür, als Kusmitsch mir nachruft: »Und dann such Kuprejtschik noch einmal auf. Es ist Zeit, denke ich, ihn ein bißchen zu piesacken, ihm all unsere Fragen zu stellen. Möglicherweise kennt er außer Semanski noch jemand aus der Bande. Semanski kann ihn mit jemand bekannt gemacht haben.«

»Mit wem? Mit einem Gauner wie Ljocha oder mit dem Kerl, der den grünen Schal trägt?« frage ich. »Nein, nein, Fjodor Kusmitsch.«

»Mit denen natürlich nicht. Eher mit solchen wie Lew Ignatjewitsch. Kurzum, fühl ihm auf den Zahn.«

»Mach ich, obwohl ich meine Zweifel habe. Warum sollten sie sich zu zweit die Wohnung angesehen haben? Den Tip hatte Semanski geliefert, das ist klar.« Ich bleibe an der Tür stehen und spreche mit großem Schwung. »Aber welche Rolle mag dieser Lew Ignatjewitsch spielen? Die Rollen der anderen sind klar. Semanski war Komplize, Lieferant der Tips. Pest und Ljocha führten die Sache aus, die beiden Moskauer mit den Autos transportierten die Sachen ab und sollen vielleicht Käufer finden. Aber Lew Ignatjewitsch? Ist er der Anführer?«

»Und Jermakow?« fragt Valja.

»Höchstwahrscheinlich    ein    illegaler Geschäftemacher, eine lokale Berühmtheit unter den Kriminellen«,    antworte    ich.    »Während dieser    Lew Ignatjewitsch unmittelbaren Kontakt zur Gruppe hat. Mit Pest ist er im Restaurant gewesen, auf dem Hof hat er sich mit Semanski gezankt, den Pest dann tötete.«

»Eben, eben«, sagt Kusmitsch und nickt. »Sie haben sich gezankt. Vielleicht genoß Semanski kein Vertrauen mehr. Und Lew Ignatjewitsch ging dann selbst in Kuprejtschiks Wohnung. Unter einem passenden Vorwand natürlich. Um gewissermaßen das Schlachtfeld    zu rekognoszieren und    Semanskis Angaben zu überprüfen.«

»Schon möglich, daß er bei Kuprejtschik war«, stimme ich zu.

»Na gut«, konstatiert Kusmitsch. »Ich habe das natürlich nur als Hypothese angeführt. Versuche zu klären, wie sich alles verhält. Und piesacke ihn, hab keine Angst. Sie haben ihn noch stärker gepiesackt.« Und sachlich    schließt    er:    »Also zieh    los.    Ruf Jushnomorsk    an. Und    mit    Kuprejtschik    triff    dich möglichst noch im Laufe des Tages. Am Abend will Mestscherjakow über die beiden Moskauer berichten. Er hat da wohl schon einiges ausgegraben.«

Ich nicke und verlasse das Zimmer.

In der operativen Abteilung werde ich sofort mit Jushnomorsk verbunden. Der Zeitunterschied beträgt nur eine Stunde, und in Jushnomorsk wird auch gerade mit Hochdruck gearbeitet. Der Diensthabende der Stadtabteilung von Jushnomorsk nimmt meine Mitteilung, daß Ljocha möglicherweise dort erscheinen wird, entgegen und verspricht, alles zu tun, um ihn festzunehmen.

»Er wird im Zusammenhang mit einem Mord und einem großen Einbruchsdiebstahl gesucht«, betone ich und warne: »Vergessen Sie nicht: Er ist bewaffnet und äußerst gereizt.«

»Ja, ja«, sagt der Diensthabende ungeduldig. »Wird alles gemacht, Genosse Lossew.«

Sein Ton mißfällt mir, aber mir bleibt nichts anderes übrig, als ihm Erfolg zu wünschen. Mein Freund Mamedow ist nicht anwesend. Ich bitte ihm auszurichten, mir das, was er bereits in Erfahrung gebracht hat, durchzugeben. Damit verabschiede ich mich von dem Diensthabenden.

Aus meinem Zimmer rufe ich Kuprejtschik an. Natürlich ist er zu Hause. Es ist elf Uhr, und seine Stimme klingt so, als trinke er gerade seinen Morgenkaffee und sehe die Zeitungen durch. Ach, haben die Leute ein Leben, hol's der Teufel!

Kuprejtschik ist außerordentlich liebenswürdig, und wir verabreden, daß ich in einer Stunde bei ihm sein werde.

Selbstverständlich hätte ich ihn, obwohl Sonnabend ist, zu mir bestellen können. Aber das wäre nicht ratsam gewesen. Kuprejtschik hätte sich über die Störung geärgert und nur den einen Gedanken gehabt, möglichst rasch wegzukommen. Und ein geruhsames Gespräch, in dessen Verlauf er versucht hätte, sich an alles zu erinnern und mir maximal zu helfen, wäre ausgeschlossen gewesen. Aber gerade solch ein Gespräch brauche ich. Und deshalb will ich zu ihm gehen, trotz des scheußlichen Wetters. Wie aus Säcken fällt nasser schwerer Schnee, die Feuchtigkeit dringt einem bis in die Knochen, und unter den Sohlen hat man eisige Pfützen.

Genau eine Stunde später gehe ich über den unglückseligen Hof zur Haustür und steige in den zweiten Stock hinauf.

Kuprejtschik öffnet mir selbst. Er hat wieder die braune Hausjacke an, ein schneeweißes Hemd darunter, diesmal allerdings salopp ohne Schlips, der Kragen ist nicht zugeknöpft. Kuprejtschik ist frisch, munter und höflich. Im Arbeitszimmer versinke ich gleichsam in dem Bücherchaos, das wohl doch eine stabile Ordnung hat. Mir scheint, in den letzten zwei Tagen ist kein Buch in den riesigen Regalen, keine Zeitschrift auf den ovalen Tischen angerührt worden.

Auf dem polierten Tischchen, an dem wir letztes Mal Kaffee tranken, stehen heute eine Schale mit Apfelsinen und Äpfeln sowie zwei Tellerchen mit Obstmessern.

»Gegen so ein ekelhaftes Wetter gibt's nur ein Mittel«, sagt Kuprejtschik.

Er bringt eine Flasche Kognak und zwei Gläser, und als ich abwehrend die Hände hebe, fügt er hinzu: »Ich weiß. Sie sind im Dienst. Aber selbst Kommissar Maigret lehnte bei schlechtem Wetter ein Gläschen nicht ab.«

»Angesichts dieses klassischen Beispiels muß ich mich geschlagen geben«, antworte ich.

Wir stoßen an und trinken. Danach zünden wir uns gemächlich jeder eine Zigarette an.

»Sie versprachen mir, sich alles ins Gedächtnis zurückzurufen, was Semanski betrifft«, sage ich. »Ist Ihnen das gelungen?«

»An einiges erinnere ich mich, es ist aber ziemlich bedeutungslos. Deshalb habe ich Sie nicht angerufen«, antwortet Kuprejtschik.

»Und was ist das?«

»Erstens ist mir eingefallen, wie wir uns kennenlernten. Er suchte mich im Betrieb auf. Sagte, er hätte dienstlich bei uns zu tun. In Sachen seines Ministeriums für Textilmaschinenbau. Wir kamen ins Gespräch, redeten über alles mögliche. Er war ein geselliger Mensch, und er interessierte sich, das erwähnte ich schon, für Malerei. Dafür interessiere ich mich auch. Ein Wort gab das andere, und wir kamen auf dieses Thema zu sprechen. Als er erfuhr, daß ich Bilder besitze, war er Feuer und Flamme. Er war mir sehr sympathisch. Seitdem sahen wir uns, wenn er nach Moskau kam. Er machte mich mit dem Maler Kontschewski und dessen Schwester bekannt.«