Somit scheint einer der hauptsächlichen zweifelhaften Punkte unseres letzten Gesprächs eine Erklärung erhalten zu haben.
»Kann es sein, daß er die Diebe auf Ihre Wohnung hingewiesen hat?« frage ich. »Voriges Mal, glaube ich, hatten Sie diesen Gedanken.«
»Ja, ja!« ruft Kuprejtschik und nickt erfreut. »Stellen Sie sich vor, den Gedanken habe ich auch jetzt.«
Merkwürdig, warum freut er sich?
»Mit wem verhandelte Semanski bei Ihnen in der Fabrik, und aus welchem Anlaß?« frage ich.
»Das weiß ich nicht mehr. Vielleicht war er beim Chefingenieur, vielleicht drehte es sich um neue Technik. Ich möchte nichts Falsches sagen, denn es ist ja schon lange her. Später kam er dann in irgendwelchen anderen Angelegenheiten nach Moskau und nicht mehr zu uns. Doch er rief mich stets an und besuchte mich. Er war ein angenehmer Gesprächspartner, und er liebte die Malerei. Ich möchte nicht schlecht von ihm denken.« Er seufzt. »Entsetzlich, was mit ihm passiert ist. Wo wurde er überfallen?«
»Bei Ihnen auf dem Hof.«
»O Gott! Direkt auf dem Hof?«
»Ja.«
»Haben Sie den Täter?«
»Bisher nicht. Und da ist noch der Diebstahl bei Ihnen.«
»Ja. Ein Alptraum.«
Ich sehe, daß Kuprejtschik erregt ist.
»Und hatten Sie nie einen Verdacht gegen ihn?«
»Einen Verdacht?« Er trinkt nervös einen Schluck Kognak und reibt sich nachdenklich das Kinn. »Einen Verdacht hatte ich eigentlich nicht, aber... Seltsamerweise hat er nie über seine Arbeit gesprochen. Als hätte er gar keine. Über seine Familie auch nicht. Ach ja! Letztes Mal teilte er plötzlich mit, daß er heiraten werde. Er lud meine Frau und mich sogar zur Hochzeit ein. Wir waren sehr überrascht.«
»Hat er gesagt, wer die Braut ist?«
»Nein. Auch nicht, wann und wo die Hochzeit stattfindet.«
»Wo hat er in Moskau logiert?«
»In der Wohnung seines Freundes, des Malers Kontschewski. Ich bin einmal bei ihm gewesen.« Kuprejtschik lächelt, als sei ihm etwas Angenehmes eingefallen. Richtig, dort lernte er ja die sympathische Nachbarin Ljolja kennen! Oder ist er zufrieden, weil er einen weiteren unklaren Punkt unserer vorigen Unterhaltung geklärt hat? Genauer, er hat seinen Fehler korrigiert. Den zweiten, nebenbei bemerkt.
»Lernten Sie durch Semanski noch jemand kennen?«
»Hm. Ich glaube, nein.«
»Überlegen Sie, es ist sehr wichtig.«
Kuprejtschik zerschneidet einen Apfel, schält ein Stückchen und kaut nachdenklich. Schließlich teilt er mit: »Nun, er hat mich einmal einer Nachbarin vorgestellt, einer netten jungen Person.«
»Heißt sie Ljolja?«
»Ja. Kennen Sie sie auch?«
»Rein dienstlich«, entgegne ich lächelnd. »Und mit wem hat er Sie noch bekannt gemacht?«
»Ich kann mich wirklich an keinen weiter erinnern.«
»Vielleicht mit irgendwelchen Zugereisten, Landsleuten von ihm, zum Beispiel.«
»Nein. Ich erinnere mich nicht.« Er schüttelt den grauen Kopf und schält das nächste Stückchen. Dann besinnt er sich und schiebt mir die Schale mit dem Obst zu. »Bitte. Sie nehmen ja nichts. Bitte.«
Ich danke und füge nachdenklich hinzu: »Semanski ist mit einem Landsmann nach Moskau gekommen. Sie haben sich bei Ihnen auf dem Hof gezankt.«
Kuprejtschik hält im Schälen inne und schaut mich argwöhnisch an. »Sie haben sich gezankt?«
»Ja, und zwar heftig.«
»Das geht mich nichts an«, sagt er scharf.
»Da haben Sie recht.«
Mich wundert seine plötzliche Gereiztheit. Nun, verstärken wir dieses Moment und prüfen wir die Reaktion.
»Kennen Sie zufällig einen gewissen Lew Ignatjewitsch?« frage ich.
»Nicht, daß ich wüßte«, sagt er gereizt. »Wer soll das sein? Auch ein Zugereister?«
»Ja.«
»Woran erkennen Sie die Zugereisten eigentlich?«
»Manchmal an bloßen Kleinigkeiten.«
»Und diesen. Lew. Lew Ignatjewitsch, so heißt er doch?«
Er gibt sich den Anschein, als habe er sich den Namen nicht gleich gemerkt.
»Ebenfalls an Kleinigkeiten«, sage ich in rätselhaftem Ton.
»Natürlich supergeheime Methoden, nicht wahr?« Kuprejtschik versucht ironisch zu sein.
»Nur zum Teil«, antworte ich so ruhig, als bemerkte ich seine Ironie nicht. »Also an Lew Ignatjewitsch erinnern Sie sich nicht? Komisch.«
»Wieso komisch?«
»Mir scheint, Sie kennen ihn.«
»Und mir scheint, Sie kennen ihn nicht«, versetzt er aufgebracht, besinnt sich aber und sagt: »Natürlich kann ich das nicht beurteilen, Sie aber auch nicht. Ach, ist ja alles Blödsinn!« Ärgerlich zieht er aus der vor ihm liegenden Packung eine Zigarette.
Komisch ist es trotzdem. Warum will er, nachdem er die Bekanntschaft mit Semanski zugegeben hat, nicht eingestehen, daß er auch Lew Ignatjewitsch kennt?
Oder ist es mir nur so vorgekommen, als kenne er ihn? Denn dieser Lew Ignatjewitsch. Er stritt sich mit Semanski so heftig, daß die beiden sowohl der in der Nähe sitzenden Sofja Semjonowna als auch der über den Hof gehenden Inna Borissowna auffielen. Beide beschrieben diesen Lew Ignatjewitsch. Die Merkmale. Ich habe sie im Kopf. Doch jetzt stelle ich mir wohl zum erstenmal den lebendigen Menschen danach vor, einen stämmigen, mittelgroßen älteren Mann mit grauem Haar, gestutztem Schnurrbart und Säcken unter den Augen. Und plötzlich wird mir heiß. Wäre es möglich, daß ich mich gestern abend mit ihm getroffen habe? Ja, ja, es sieht ganz so aus. Aber dann. Um wenigstens einen Augenblick Zeit zum Überlegen zu haben, nehme auch ich mir eine Zigarette, knipse mit dem Feuerzeug und rauche an. Lew Ignatjewitsch kennt meine Telefonnummer, meinen Vor- und Vatersnamen. Ob Kuprejtschik ihn mit alldem versorgt hat? Nein, das hat er sich vielleicht auf anderem Wege beschafft. Er hat ja auch Swiristenko ausfindig gemacht. Etwas anderes ist unverständlich. Weshalb ließ sich der gar nicht dumme Lew Ignatjewitsch zu einem so frechen und riskanten Schritt hinreißen? Weshalb? Denn der Wohnungsdiebstahl, in den er verwickelt ist, und der Mord an Semanski haben nichts mit dem zu tun, wovor er mich gewarnt hat. Dies ist ja »mein Garten«, und auf den soll ich meine Arbeit beschränken, wie er mir riet. Hetzte er mich absichtlich auf seine Spur, um mich von der anderen abzulenken? Bestimmt wurde er von jemand zu mir geschickt. Von wem? Warum?
Ich schiebe alle diese Fragen von mir. Zunächst muß ich wissen, ob mein Gesprächspartner mit Lew Ignatjewitsch bekannt ist oder nicht.
»Völlig richtig«, stimme ich zu. »Das ist alles Blödsinn. Sie sind überhaupt nicht verpflichtet, ihn zu kennen, ebensowenig wie ich es bin. Obwohl ich ihn tatsächlich kenne. Kurz vor dem Diebstahl hat er sich bei Ihnen auf dem Hof mit Semanski gezankt.«
»Das ist also der Landsmann, den Sie erwähnten?«
»Ja. Sie sind im Hof gesehen worden. Und man hat sich ihr Äußeres gemerkt.«
»Und Ihnen davon erzählt?«
»Selbstverständlich. Und da dachte ich: Wenn Semanski bei Ihnen gewesen ist, kann auch.«
»Er ist nicht bei mir gewesen«, unterbricht mich Kuprejtschik entschieden.
»Nun, wenn nicht, dann nicht. Aber mit dem Diebstahl hat dieser Mann offenbar zu tun. Und mit dem Mord möglicherweise auch.«