»Da kann ich Ihnen schlecht helfen«, sagt Kuprejtschik und deutet auf die Schale. »So greifen Sie doch zu!«
»Danke.« Ich nehme eine Apfelsine und beginne sie zu schälen.
Kuprejtschik zögert eine Weile, dann fragt er: »Und weshalb meinen Sie, daß er mit dem Mord zu tun hat?«
»Wer?«
»Na dieser. Lew Ignatjewitsch.«
»Weil er sich mit Semanski gestritten hat und er einen der Mörder kennt.«
»Was sagen Sie da? Also kennen auch Sie die Mörder?«
»Gewiß.«
»Und Sie haben sie nicht festgenommen?«
Ich schmunzle. »Es ist noch zu früh, eine Pressekonferenz über diesen Fall abzuhalten.«
»Ja, ja. Entschuldigen Sie. Solche Fragen darf ich Ihnen nicht stellen, ich verstehe.«
»Und ich darf Sie Ihnen nicht beantworten.«
»Trotzdem haben Sie geantwortet«, sagt er lächelnd und gleichsam vorwurfsvoll.
»Ja, aus Charakterschwäche.« Ich lächle ebenfalls. »Aber Sie durften antworten und haben es nicht getan.«
»Das habe ich Ihnen doch schon.«
»Ja, ja.« Ich nicke. »Sie kennen ihn nicht.«
Sein Betragen mißfällt mir. Er verheimlicht mir etwas, hält mit etwas hinter dem Berge. Warum? Fürchtet er, daß diese Bekanntschaften seinem Ruf schaden? Und dazu noch der Mord. Wie kann ich es trotzdem erreichen, daß er sich mir anvertraut und alles erzählt? Letztlich liegt es in seinem Interesse, daß alles aufgeklärt wird.
»Ich will Ihnen die Situation umreißen, in der Sie sich befinden, Viktor Arsentjewitsch«, sage ich. »Meiner Ansicht nach sind Sie sich nicht völlig im klaren darüber.«
»Bitte.«
»Also. Die Situation ist natürlich wenig angenehm. Rings um Sie, genauer, rings um Ihre Wohnung kreiste eine ganze Bande. Sie beobachtete, studierte, machte einen Plan. Zunächst mußte sie sich überzeugen, daß das Spiel der Mühe wert ist, daß es in der Wohnung, um es grob zu sagen, etwas zu holen gibt. Jemand lieferte diese Information, und das Spiel begann. Aus allem ist ersichtlich, daß sich die Täter geschickt und sorgfältig vorbereiteten. Das Interesse an Ihnen, genauer, an Ihrer Wohnung...«
»Warum erwähnen Sie ständig mich?« fragt Kuprejtschik nervös. »Ich hoffe doch, daß ich persönlich für die Verbrecher uninteressant bin.«
»Das hoffe ich auch.«
»Aber Sie sind sich nicht sicher?«
»Solange die Sache nicht aufgeklärt ist, kann man sich nicht sicher sein«, antworte ich ruhig. »Ich wiederhole also: Das Interesse an Ihnen, genauer, an Ihrer Wohnung, war so groß, daß sie es sogar auf einen Mord ankommen ließen. Entweder hatten sie etwas nicht geteilt, oder sie hatten beschlossen, einen Konkurrenten zu beseitigen.«
»Das ist nun aber ein kommerzieller Terminus, der hier nicht anwendbar ist«, unterbricht er mich.
»Kommerziell? Semanski ist doch kommerziell tätig gewesen!«
»So? In welchem Sinne?«
»In direktem. Er ist früher mal Direktor einer Großhandlung gewesen.«
»Oho! Sie haben also bereits seine Biographie studiert?«
»Das gehört dazu. Aber einstweilen möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf folgendes lenken: Für Sie sind, scheint mir, in der entstandenen Situation zwei Ergebnisse wünschenswert. Erstens: Die Rückgabe der gestohlenen Sachen. Habe ich recht?«
»Selbstredend«, stimmt er zu. »Und zweitens?«
»Das zweite Ergebnis ist sozusagen mehr moralischer als materieller Natur. Sie bedauern jetzt doch sicherlich, daß Sie mit Semanski befreundet waren. Immerhin wirft das einen gewissen Schatten auf Sie, nicht wahr?«
»Natürlich bedaure ich es. Aber es wirft keinerlei Schatten auf mich. Konnte ich denn ahnen, daß er ein Gauner ist?«
»Wenn Sie es gewollt hätten, bestimmt. Sie haben doch gerade erklärt, daß er Ihnen nie von seiner Arbeit erzählte, als hätte er überhaupt keine gehabt. Ist es so?«
»Gewiß.«
»Sie hätten mühelos feststellen können, daß er keinerlei Dienstauftrag besaß, Sie in der Fabrik aufzusuchen.«
Kuprejtschik erschrickt. »Erlauben Sie.«, stammelt er. »Ich bin nicht auf die Idee gekommen. Und mit dem Diebstahl.«
»Sie haben recht«, unterbreche ich ihn. »Mit dem Diebstahl hat das nichts zu tun. Aber mit Semanskis Persönlichkeit hat das unmittelbar zu tun, das müssen Sie zugeben.«
»Unbedingt.«
»Und deshalb gereicht Ihnen solch eine Freundschaft nicht gerade zur Ehre. Und Sie bedauern, daß Sie mit ihm befreundet waren.«
»Ja«, sagt er seufzend. »Aber wer konnte das ahnen?«
»Somit besteht das zweite wünschenswerte Ergebnis für Sie darin, den Makel loszuwerden, den diese Freundschaft Ihnen aufgedrückt hat.«
»Möglicherweise.«
»Wenn Sie beide Ergebnisse erzielen wollen, Viktor Arsentjewitsch, dann ist es notwendig, daß Sie uns gegenüber völlig offen sind. Doch bisher, entschuldigen Sie, bin ich nicht überzeugt davon.«
»Sie meinen, ich verheimliche etwas?« braust er auf. »Na, hören Sie mal. Sie haben keinen Grund.«
»Genauer, Sie halten mit etwas hinter dem Berge. So kommt es mir jedenfalls vor. Sehen Sie, ich bin Ihnen gegenüber völlig offen. Mehr noch, ich möchte Ihnen helfen. Sie hingegen helfen mir überhaupt nicht.«
»Womit halte ich Ihrer Meinung nach denn hinter dem Berge?« fragt er verwirrt.
»Mindestens in zwei Punkten«, antworte ich. »Erstens - was Lew Ignatjewitsch betrifft. Ich habe trotz allem den Eindruck, daß Sie ihn kennen. Sie fürchten eben, mit einem zweiten Makel behaftet zu werden. Stimmt's?«
»Nein. Ich kenne ihn tatsächlich nicht.«
»Schön, Viktor Arsentjewitsch, reden wir ein andermal weiter«, schlage ich vor. »Denken Sie inzwischen nach. Es wäre wirklich das Beste, wenn Sie rückhaltlos offen wären.«
»Wie Sie wollen. Nur.«
Ich beuge mich vor und lege meine Hand auf seine, als wollte ich ihn auffordern, innezuhalten. »Denken Sie nach«, wiederhole ich. »Wir sehen uns wieder. Und dann nenne ich Ihnen den zweiten Punkt, in dem Sie nicht offen sind.«
Ich stehe auf. Das Gespräch ist beendet. Es war nicht leicht. Ich sehe, daß Kuprejtschik ermüdet ist. Ich selbst bin es auch. Obwohl ich die Zeit nutzbringend verbracht habe, entgleiten mir gewisse Einzelheiten des geführten Gesprächs.
Erst gegen Mittag kehre ich in die Dienststelle zurück. Ein Gläschen Kognak und eine Apfelsine sind keine Mahlzeit. Und als ich erfahre, daß Kusmitsch in die Kantine gegangen ist, lenke ich meine Schritte ebenfalls dorthin. Unsere Kantine ist nicht schlecht, vielleicht deshalb nicht, weil die Mitarbeiter der OBChSS die Patenschaft haben. Darum esse ich, wenn ich es ermöglichen kann, stets hier Mittag. Heute, am Sonnabend, ist wenig Betrieb. Ich setze mich zu den mir bekannten Jungs aus einer anderen Abteilung, und bei dem interessanten Gespräch bin ich, ehe ich mich's versehe, mit dem Essen fertig. Als ich schließlich hinaufgehe, ist Kusmitsch bereits in seinem Zimmer. Zunächst berichte ich ihm ausführlich von meinem Besuch bei Kuprejtschik. Kusmitsch hört schweigend zu, ohne mich zu unterbrechen. Bald dreht er die Brille in den Händen, bald ordnet er die Bleistifte auf dem Tisch.
»So«, sagt er, als ich verstummt bin. »Gar nicht schlecht, wenn du auch nicht alles geklärt hast.«
»Wenigstens sieht man, was noch geklärt werden muß.«
»Eben, eben«, sagt Kusmitsch. »Zum Beispiel Semanski. Fast ein Jahr ist er mit Kuprejtschik befreundet, und plötzlich beschließt er, die Bande auf ihn zu hetzen. Demnach hat er selbst sich erst kürzlich mit ihr eingelassen, nicht wahr? Was hat er vorher getrieben? Er hat doch schon vor ungefähr zwei Jahren die Arbeit aufgegeben. Das ist unklar. Noch unklarer ist dieser Lew Ignatjewitsch. Ein nicht mehr junger solider Mann, ein regelrechter Philosoph, und befaßt sich plötzlich mit Einbruchsdiebstählen, organisiert eine Bande? Das glaube ich nicht. Da stimmt etwas nicht. Er selbst hat sich dir als Geschäftsmann vorgestellt, als Kaufmann, und dir ein geschäftliches Angebot gemacht. Und plötzlich soll er einen Diebstahl verübt haben? So was gibt's nicht, mein Lieber.«