Wenig später erscheint Vitja Wolkow, ein netter weißblonder Junge mit einem Universitätsabzeichen am Revers des modernen Sakkos. Er trägt ein schneeweißes Hemd und einen Schlips.
»Warum bist du so elegant?« frage ich.
»Mit Absicht«, erklärt Vitja. »Immerhin war ich in einem Institut der Akademie der Wissenschaften. Die sollen nicht denken, Kriminalisten wären unkultiviert.«
»Also schieß los«, sagt Pascha.
»Und setz dich«, fügt Kusmitsch hinzu.
Vitja setzt sich an das Tischchen, das vor Kusmitschs Schreibtisch steht. »Ich habe mich mit dem Leiter des Laboratoriums unterhalten, mit dem stellvertretenden Sekretär des Parteibüros, mit einer Laborantin und einem Professor. Sie alle kennen Oleg Brjuchanow und seine Frau sehr gut. Über Oleg gehen die Meinungen nicht auseinander. Saufbold, Faulenzer, gutmütig, willen- und prinzipienlos. Er hat alles durch die Kehle gejagt. Als Student wurde er im dritten Studienjahr gefeuert. Im Laboratorium behält man ihn nur aus Achtung vor dem Andenken seines Vaters.«
»Hast du ihn gesprochen?« frage ich.
»Zum Schluß. Er war mächtig aufgeregt.«
»Und wie ist seine Frau?« frage ich ungeduldig.
»Eine Kobra. Dort nennt sie jeder so. Mit Oleg macht sie, was sie will«, sagt Vitja. »Angeblich schlägt sie ihn sogar. Sie ist wütend auf die ganze Welt. Und überall beklagt sie sich über ihren Mann. Außerdem soll sie unwahrscheinlich habgierig sein.«
»Hast du sie gesehen?«
»Ja. Von weitem.«
»Hattest wohl Angst, dich ihr zu nähern?« frage ich lachend.
»Versuch es doch selbst!«
»Warum eigentlich nicht?« Ich blicke Kusmitsch an. »Vor Schlangen fürchte ich mich nicht. Vor Säufern auch nicht. Erlauben Sie es mir, Fjodor Kusmitsch?«
»Entscheiden Sie«, sagt Pascha. »Wir legen die beiden Fälle, den Diebstahl und den Mord, zusammen und geben sie Ihnen.«
In diesem Augenblick geht die Tür auf, und Valja Denissow schaut herein. »Gestatten Sie, Fjodor Kusmitsch?«
»Bitte«, sagt Kusmitsch.
»Du hast noch nichts über die Datsche gesagt, wo unser Pjotr war«, erinnere ich Pascha.
»Richtig!« Pascha schlägt sich an die Stirn und lächelt. »Diese Datsche muß unbedingt durchsucht werden. Wenn sie da etwas von der Beute versteckt haben, dann ist das genial.«
»Warum ist das genial?«
»Weil das Akademiemitglied Brjuchanows Datsche ist.«
»Wessen?!« frage ich verblüfft.
»Akademiemitglied Brjuchanows«, wiederholt Pascha feierlich.
»Das ist ja ein Ding«, sage ich schließlich. »Wer mag sich das ausgedacht haben?«
»Höchstwahrscheinlich Gawrilow«, antwortet Pascha.
»Die haben da Leutchen, die schlauer als dein Gawrilow sind«, entgegne ich. »Zum Beispiel Lew Ignatjewitsch oder Pest.«
»Gawrilow ist, glaube ich, von anderem Schlag«, meint Kusmitsch. »Der ist ein Meister, ein Spezialist. Bestimmt hat er den Mord an Semanski nicht gebilligt.«
»Wahrscheinlich haben sie nicht das ganze Diebesgut in der Datsche versteckt«, sage ich. »Bestenfalls haben Gawrilow und Scherschen ihren Anteil dort untergebracht.«
»Wie mögen sie auf die Datsche verfallen sein?« fragt Valja.
Ihm wird erklärt, wer Gawrilow ist und daß Schlösser für ihn kein Problem sind. Und von der Datsche hat ihnen natürlich Oleg erzählt, wer sonst? Im Rausch.
»Er kann ihnen auch von der Wohnung seines Vaters erzählt haben«, sage ich. »Von den vielen Sachen dort, von den Bildern, derentwegen er gegen seine Schwester prozessiert hat. Aber dazu hatte ihn wohl seine Frau angestiftet, nicht?«
»Ja, die Kobra«, bestätigt Vitja.
»Sie soll Trinkerin und Prostituierte sein«, sage ich.
Vitja schüttelt den Kopf. »Sie ist eine energische, entschlossene Frau. Keine schlechte Laborantin. Dünn wie eine Hopfenstange, schwarz wie Kohle, und eine Nase hat sie... wie Gogol.«
Alle lächeln.
»Du bist ein Maler, Vitja«, sage ich. »Das war ja eben ein richtiges Porträt.«
»Also«, mischt sich Kusmitsch ein, »Gawrilow und Scherschen können wir jetzt nicht festnehmen, wir müssen sie auf frischer Tat ertappen. Aber wir dürfen sie nicht aus den Augen lassen.«
»Wir achten auf sie«, sagt Pascha und nickt.
»Das zum einen«, fährt Kusmitsch fort. »Zweitens die Datsche. Ich denke, die muß beobachtet werden. Da erscheint vielleicht noch ein anderer Besucher. Was meint ihr?«
»Da kommt nur Lew Ignatjewitsch in Frage«, antworte ich. »Natürlich nur dann, wenn er von dem Einfall der beiden weiß. Sonst keiner. Ljocha ist flüchtig, Pest haben wir. Aber ich denke, wir sollten uns die Datsche zunächst einmal selbst ansehen.«
Kusmitsch hat nichts dagegen. »Aber es darf nichts verändert werden«, sagt er und fährt fort: »Und drittens müssen wir uns mit diesem Oleg unterhalten. Über den Diebstahl in der Wohnung seines Vaters. Das ist völlig natürlich, selbst wenn wir keinen Verdacht gegen ihn haben.«
»Und mit seiner Frau auch«, füge ich hinzu. »Dem Ehepaar kann das ebenfalls nicht verdächtig erscheinen. Wie heißt sie übrigens?«
»Galina Ossipowna«, teilt Vitja mit. »Mit Nachnamen Golowanowa, nach ihrem ersten Mann.«
»Folgendes«, resümiert Kusmitsch, »die Datsche wird ab sofort beobachtet. Und morgen.«
»Morgen ist Sonntag, Fjodor Kusmitsch«, erinnere ich höflich.
»Tja, hast recht.« Ärgerlich reibt er sich die Stoppelhaare im Nacken und fährt ruhig fort: »Dann bitten wir diesen Oleg Montag früh hierher, unterhalten uns mit ihm, wie es sich gehört, und fahren mit ihm sofort zur Datsche. Unter irgendeinem Vorwand. Sofern natürlich vorher niemand dort aufgekreuzt ist.«
»Und wenn nun morgen doch jemand aufkreuzt?« frage ich.
»Dann muß er sofort festgenommen werden«, sagt Kusmitsch achselzuckend. »Ist das nicht selbstverständlich? Er wäre ja schließlich in eine fremde Datsche eingedrungen. Und ihr braust dann natürlich sofort dorthin. Deshalb muß der Diensthabende morgen jeden Augenblick wissen, wo ihr euch befindet.«
Das bezieht sich auf mich und Valja.
»Ja«, seufze ich. »Arme Skier, arme Swetka.«
»Deine Swetlana ist ein vernünftiger Mensch«, sagt Kusmitsch, »und sie kennt unsere Arbeit.«
Valja seufzt ebenfalls, sagt aber nichts. Sicherlich hat er eine Verabredung.
Damit ist unsere Beratung zu Ende, und Kusmitsch entläßt uns in die verdiente Ruhe.
Der Sonntag vergeht ohne außergewöhnliche Vorkommnisse. Tagsüber schreibt Swetka einen wissenschaftlichen Artikel über ihre Bibliotheksprobleme, zum Abendessen fahren wir zu meinen Eltern, und ich spiele Schach mit meinem Vater. Dabei führen wir immer die interessantesten Gespräche. Diesmal erzähle ich ihm von der Familie des Akademiemitglieds Brjuchanow, genauer, von dessen Kindern. Wie sich herausstellt, kannte mein Vater den alten Brjuchanow gut. »Er war ein typischer Gelehrter«, sagt er. »Zum Direktor eignete er sich nicht. Er war weich und gutmütig, den Menschen zugetan. Im Institut war er sehr beliebt. Seine Tochter Inna ähnelt ihm. Daß er einen Sohn hat, wußte ich nicht.« - »Von dem hab ich dir absichtlich erzählt«, sage ich lachend, »damit du mich mehr schätzt.« Dann essen wir Abendbrot, und meine Schwiegermutter (wenn wir zu meinen Eltern fahren, nehmen wir Anna Michailowna mit) beklagt sich bei meiner Mutter - weil sie so dick ist und ein krankes Herz hat, keucht sie dabei -, daß ich schlecht esse, schlecht schlafe und schlecht aussehe und daß Swetka schlecht auf mich aufpaßt. Meine Mutter, die Ärztin ist, versichert ihr, daß es gar nicht so schlimm stehe, und verteidigt Swetka. Mein Vater lächelt nur, und Swetka sitzt still und bescheiden da, wer sie nicht kennt, könnte meinen, sie sei immer so. Dann verabschieden wir uns bald, denn morgen müssen wir alle arbeiten.