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Kaum bin ich am Montag nach der Dienstbesprechung wieder in meinem Zimmer, wird mir Oleg Brjuchanow gemeldet.

»Madame ist auch mitgekommen«, sagt der Mitarbeiter. »Sie wollte ihren Gemahl nicht allein lassen. Fjodor Kusmitsch hat sie zu sich gebeten. Jetzt hat er seine liebe Not mit ihr.«

»Der Montag ist ein schwerer Tag«, entgegne ich seufzend. »Also her mit diesem Oleg. Ich werde Obrigkeit mimen.«

Lächelnd tritt ein schmächtiger kahlköpfiger Mann mit Brille in mein Zimmer. Seine Augen blicken erschreckt, und deshalb wirkt sein Lächeln deplaziert, Er ist schlecht und nachlässig gekleidet, sein Schlips ist verrutscht, ein Knopf an der abgetragenen Jacke hängt nur noch an einem Faden, die Hose scheint schon lange nicht gebügelt worden zu sein. Kurz und gut, der Mann sieht irgendwie ausgeblichen und jämmerlich aus. Hin und wieder kichert er seltsam.

»Meine Verehrung«, sagt er so ungezwungen wie möglich. »Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Nehmen Sie Platz, Oleg Borissowitsch«, antworte ich kühl. »Unterhalten wir uns ein wenig.«

Er sieht aus, als wäre er mindestens vierzig, doch ich weiß, daß er erst sechsundzwanzig Jahre alt ist. In der Armee hat er nicht gedient - er hat schlechte Augen, Plattfüße und irgendwas mit der Leber.

Er setzt sich seitlich auf einen Stuhl und zieht eine zerdrückte Schachtel »Belomor« hervor. Seine Hände zittern leicht. »Sie gestatten doch?« fragt er höflich. Nachdem er die Erlaubnis erhalten hat, zündet er sich gierig eine Zigarette an.

»Haben Sie Ihren Vater geliebt?« frage ich unvermittelt.

»Ich ihn ja, aber er mich nicht«, sagt Oleg und kichert. »Weshalb hätte er mich auch lieben sollen? Bin ja bloß Ausschuß geworden, ha, ha, ha!«

Seine schuppenübersäten Schultern beben vor Lachen, die Augen hinter den Brillengläsern werden feucht, doch das schmale unrasierte Gesichtchen wirkt irgendwie traurig.

»Und Ihre Schwester?« frage ich. »Wie stehen Sie zu ihr?«

»Zu Inna? Sie war immer gewaltig. Fünfmal so wuchtig wie ich. Sie hat das Gewicht abbekommen, ich die Fröhlichkeit. Sie ist der reinste Griesgram. Wie soll man solch einen Dickwanst lieben, urteilen Sie selbst! So was ist doch furchtbar. Man muß so leicht und frei leben, wie man atmet. Habe ich recht?«

»Völlig«, sage ich. »Aber weshalb haben Sie dann gegen Inna Borissowna prozessiert? Konnten Sie das Erbe Ihres Vaters nicht gütlich und gerecht teilen?«

»Du lieber Himmel!« ruft Oleg märtyrerhaft aus, und seine Augen werden wieder feucht. »Das ist doch Galja gewesen. Wie eine Bohrmaschine. Kennen Sie solche Frauen? S-s-s... Davor gibt's keine Rettung. Tag und Nacht. Ich wäre am liebsten weggelaufen. Aber wohin? Mich wieder scheiden lassen? Ich hatte es satt. Nun, da hab ich eben Inna verklagt. Meine Klageschrift trug Galja selbst zum Gericht. Die Kumpel meinten, ich hätte es richtig gemacht.«

»Welche Kumpel?«

»Du lieber Himmel, alle möglichen Freunde. Freunde hab ich wie Sand am Meer. Ich bin nämlich ein schlichter Mensch. Und ich trinke gern einen. Und es gibt viele, die gern mit mir trinken. Und wer trinkt heutzutage nicht gern? Das ist doch eine wahre Freude. Du schenkst ein, sagst etwas Gutes, Herzliches.«

»Warten Sie, Oleg.« Unwillkürlich lächle ich. »Nennen Sie mir lieber Ihre Freunde, zunächst die vertrautesten, mit denen Sie sich am meisten treffen.«

»Meine Freunde?« antwortet Oleg munter. »Die Freunde, die ich habe, sind wie Pusteblumen auf dem Feld. Sobald du pustest, sind sie weg, wahrhaftig. Ich staune selber manchmal. Aber in der Natur gibt's keine Leere. Es finden sich neue.«

»Nennen Sie wenigstens die, die noch nicht weggeflogen sind.«

»Meinetwegen!« sagt Oleg bereitwillig. »Ich weiß nur nicht, mit wem ich anfangen soll. Mit denen aus dem Haus, mit denen von der Arbeit oder mit den zufälligen?«

»Mit denen aus dem Haus«, schlage ich vor, denn ich weiß, daß Scherschen als Techniker der Wohnungsverwaltung für das Haus zuständig war, in dem Oleg wohnt. Dort arbeitete auch Gawrilow als Schlosser.

»Meinetwegen«, wiederholt Oleg und gestikuliert heftig. »Das sind meine besten Freunde. Aber mit wem anfangen, um keinen zu beleidigen, das ist das Problem.«

»Fangen Sie doch mit Stepan an!«

»Mit Stepan?« ruft Oleg erfreut. »Der ist nicht mehr da. Wenn sie mich jetzt mal einladen, dann geht's hoch her. Doch das ist selten. Ich meine, lieber oft und nicht so üppig, aber sie machen's umgekehrt.«

»Wer ist das - sie?«

»Stepan Scherschen und Iwan Gawrilow, wissen Sie das nicht? Er hat bei uns im Haus als Schlosser gearbeitet. Ein gutherziger Mensch. Und ein vorzüglicher Meister.« Oleg klatscht in die Hände. »Ein richtiger Könner. Einen Wasserhahn oder einen Spüler auswechseln - das sind kleine Fische für ihn. Der würde einen Floh beschlagen! Ein Künstler ist er, kein Tagelöhner, in dem steckt ein göttlicher Funke.«

»Haben Sie sich mit ihm beraten, ob Sie prozessieren sollen?«

»Wozu? Ich hab's bloß erzählt. Was Inna bliebe und was ich bekäme, wenn es gerecht zuginge. Ich habe ihnen Bild für Bild beschrieben«, sagt Oleg. »Und stellen Sie sich vor, sie haben mir aufmerksam zugehört. Die Menschen haben eben doch einen Hang zum Schönen.«

»Sie erinnern sich an alle Bilder Ihres Vaters?«

»Selbstverständlich. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich die Wände mit den Bildern, und ich kann sagen, wo welches hängt im Arbeitszimmer und im Eßzimmer. Und mein Herz freut sich.« Oleg seufzt. »Ich liebe die Bilder sehr, das muß ich Ihnen gestehen. Seit meiner Kindheit liebe ich sie. Solange ich zurückdenken kann. Hätte mir mein Vater erlaubt, diese Richtung einzuschlagen, dann wäre vielleicht etwas aus mir geworden. Aber er war dagegen. Medizin, sagte er, und basta. Aber die Medizin kann mir gestohlen bleiben. Ich wagte allerdings nicht, mich gegen den Vater aufzulehnen.«

»Und warum sind Sie mit diesen Freunden zur Datsche Ihres Vaters gefahren?« frage ich.

»Wie lange ist das schon her!« sagt Oleg unbekümmert und rückt zum wiederholten Male die rutschende Brille zurecht. »Das war vor einem Jahr. Im Winter wohnt ja niemand dort. Nun, wir saßen da ein, zwei Stunden. Tranken in der frischen Luft, unterhielten uns freundschaftlich.«

Ja, dieser jämmerliche Alkoholiker kann der Bande als zusätzliche Informationsquelle gedient haben. Und er selbst hat es nicht gemerkt.

»Wann haben Sie Inna zum letztenmal gesehen?«

»Bei der Gerichtsverhandlung. Offen gestanden, ich schäme mich. Die Gerichtsverhandlung werde ich Galja nie verzeihen.« Tränen treten ihm in die Augen. »Die Schande, die sie über mich gebracht hat.« Oleg seufzt und starrt bekümmert ins Leere, zusammengesunken und die Hände auf Greisenart über den Knien gefaltet.

Er tut mir leid. Und mit diesem Gefühl entlasse ich ihn, nachdem ich seinen Passierschein unterschrieben habe.

Ich rufe Kusmitsch an.

»Komm her«, sagt er kurz.

»Ist das Dämchen noch bei Ihnen?«

»Die hab ich rausgejagt.«

»Das gibt's doch nicht!« entfährt es mir unwillkürlich.

Ich weiß, wie galant Kusmitsch Frauen gegenüber ist, sogar solchen, die ein schändliches Verbrechen begangen haben und vor Wut unflätig schimpfen. Er bleibt immer korrekt, und er hat auch uns gelehrt, in jeder Frau vor allem die Frau zu sehen, die Achtung und Schutz verdient. Oft wirkt das so, daß sich die Frauen unserem Verhalten anpassen.

»Ich hab sie natürlich nicht direkt rausgejagt«, antwortet er finster. »Dieses Wort drückt mehr den Wunsch als die Tat aus.«

»Hat sie etwas Interessantes mitgeteilt?« frage ich, als ich bei Kusmitsch sitze.