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»Dazu ist sie gar nicht in der Lage. Von der Sache weiß sie nichts. Sie lebt wie ein wildes Tier. Für sie sind alle Menschen Feinde und Schurken. Auf den Mann schimpft sie, auf dessen Schwester, nicht einmal den toten Brjuchanow hat sie verschont. Und auf die Diebe schimpft sie, nebenbei bemerkt, auch. Buchstäblich auf alle. Kurzum, ich hab sie hinauskomplimentiert. Wie war's bei dir?«

»Er hat bestätigt, daß er die beiden kennt, daß er mit ihnen befreundet ist, daß er ihnen von der Wohnung seines Vaters erzählt hat, daß er mit ihnen im vorigen Winter in der Datsche gewesen ist, wo sie gepichelt haben. Aber mit dem Diebstahl hat er nichts zu tun. Die Hauptinformation hat offenbar Semanski geliefert.«

»Und was macht er selbst für einen Eindruck?«

»Ein keineswegs dummer, gutmütiger, schwacher Mensch. Er hat sich dem Trunk ergeben und die letzte Willenskraft verloren. Er tut mir leid.«

»Kann man ihm nicht helfen?«

»Schwer«, sage ich. »Bei der Frau...«

»Wie alt ist er?«

»Sechsundzwanzig.«

»Wie wäre, es mit einer Entziehungskur?«

»Er müßte entsprechend vorbereitet werden, damit er es selbst wünscht. Er liebt sehr die Malerei. Aber der Vater wollte unbedingt einen Mediziner aus ihm machen.«

»Tja. Man muß den Jungen kurieren und in ein neues Gleis bringen«, sagt Kusmitsch. »Fahr mal zu ihm ins Institut. Da sind doch Mediziner, die müßten das verstehen. Sprich auch im Parteibüro vor. Im Gedenken an den Vater sollen sie ihm helfen. So geht das doch nicht.«

Auf dem Tisch klingelt ein Telefon. Er nimmt den Hörer ab. »Zwetkow... Ach, du bist es. Gut, ich warte. Er ist bei mir. Schön.« Kusmitsch legt auf und teilt mit: »Denissow. Er ruft vom Bahnhof an. Er bringt Neuigkeiten. Du möchtest bitte auch auf ihn warten. Und noch etwas:    Aus Jushnomorsk ist Material eingetroffen. Befassen wir uns einstweilen damit.«

Er steht auf, geht zum Safe und nimmt eine dicke Mappe heraus. Nachdem er wieder Platz genommen und sich die Brille aufgesetzt hat, beginnt er zu blättern. »Hier«, er zieht ein paar zusammengeheftete Bogen heraus. »Die Antwort auf unsere Anfrage. Ja. Einen Lew Ignatjewitsch haben sie nicht aufgestöbert. Entweder ist das ein erfundener Name, oder der Mann ist nie in ihr Blickfeld geraten. Wahrscheinlich trifft das erste zu. Was meinst du?«

»Vielleicht haben sie schlecht gesucht«, sage ich ärgerlich.

»Auch das ist möglich«, stimmt Kusmitsch zu. »Wir schicken ihnen auf alle Fälle ein Foto von Pawel Alexejewitsch, sobald du dich mit ihm getroffen hast. Er soll dich doch heute anrufen, nicht wahr?«

»Ja. Gegen Abend.«

»Vereinbare ein Treffen mit ihm, gib der Verlockung nach.«

»Soll ich nicht feilschen?« frage ich lächelnd.

»Versuch erst mal, dich mit ihm zu treffen. Das ist die Hauptsache. Und dann. Dann laß die Frage offen. Gewinne ihn für dich, sprich mit ihm ab, wie ihr in Verbindung bleiben wollt. Und achte auf jede Anspielung, jeden falschen Zungenschlag. Laß durchblicken, daß von dir viel abhängt. Treib den Preis in die Höhe.«

»Klar, Fjodor Kusmitsch.«

»Nun unsere zweite Anfrage, Jermakow betreffend.« Er überfliegt ein anderes Blatt und tippt mit dem Finger darauf. »Da. Sie schreiben, daß sie drei passende Jermakows haben. Alle auf der OBChSS-Linie. Der eine ist Direktor eines Obst- und Gemüselagers, der zweite Jermakow, er ist Invalide; hat eine Verkaufsstelle auf dem Markt, und der dritte ist Direktor eines Konfektionsladens, eines führenden Betriebes, wie sie schreiben. Also das ist diese Dreieinigkeit. Der erste Jermakow bietet ihrer Meinung nach die besten Perspektiven für uns.«

»Perspektiven bieten sie alle«, sage ich lächelnd.

»Jedenfalls ist eine spezielle Untersuchung erforderlich. Merkst du etwas?«

»Ich merke. Wahrscheinlich soll ich hinfahren.«

»Eben, eben. Im Sommer wäre es natürlich angenehmer«, sagt Kusmitsch schmunzelnd. »Aber das läßt sich nicht immer so einrichten.«

»Auf die Weintraubenzeit bin ich nicht versessen.«

Da wird an die Tür geklopft, und Valja Denissow kommt herein.

»Na endlich!« sagt Kusmitsch ungeduldig und nimmt die Brille ab. »Erzähle, was ist los?«

»Etwas sehr Betrübliches«, sagt Valja ernst. »Ljocha ist tot.«

»Was?!« rufe ich aus. »Tot?«

»Der Schurke wußte, daß er sich schnellstens aus dem Staub machen mußte. Deshalb verließ er in Orscha den Zug. Per Anhalter fuhr er dann bis Mogiljow, das sind ungefähr achtzig Kilometer. Und erst dort ist er wieder in einen Zug gestiegen. Richtung Kiew. Anscheinend zog es ihn doch heim. Und im Zug, er saß im ersten Wagen, kam seine Ganovennatur wieder zum Durchbruch. In der Nacht, schon in Tschernigow, schnappte er sich einen fremden Koffer und türmte. Jemand bemerkte das und stürzte ihm nach. Ja, und auf dem Bahnhofsvorplatz geriet er unter den einzigen Lastwagen, der um diese Stunde dort vorbeifuhr.«

»Hatte er irgendwelche Papiere bei sich?« fragt Kusmitsch.

»Nein. Aber die Kennzeichen stimmen haargenau überein. Ich habe mit einem Genossen in Tschernigow gesprochen. Er ist im Leichenschauhaus gewesen.«

»Ja«, sage ich und hole tief Luft. »Ljocha ist also gestorben. Noch bevor er menschlich gelebt hat. Schade.«

»Wie er gelebt hat, so ist er auch verreckt«, sagt Valja angewidert. »Aber besser er als von seiner Hand ein anderer.«

»Ein anderer ist ja schon von seiner Hand umgekommen.«

»Eben. Wenn er auch geweint hat, aber eine gewisse Schwelle hatte er schon überschritten«, fährt Valja in feindseligem Ton fort. »Es hätte ihm nichts mehr ausgemacht, ein zweites Mal zu töten. Nach diesem Mord war er noch gefährlicher geworden.«

»Überlege mal«, füge ich hinzu. »In so einer Situation riskiert er einen Diebstahl. Da muß er doch völlig den Verstand verloren haben! Hatte er kein Geld mehr bei sich?«

»Was hatte er überhaupt bei sich, hast du dich erkundigt?« fragt Kusmitsch.

»Belangloses Zeug«, Valja winkt ab. »Irgendwelche Schlüssel, ein Taschenmesser, einen Kamm, ein Taschentuch, ein Portemonnaie mit drei Rubeln und etwas Kleingeld.«

»Das kann nicht sein!« erkläre ich entschieden. »Er hat Geld gehabt. Mir selbst hat er dreihundert Rubel gezeigt. Die    hat man ihm bestimmt im Leichenschauhaus abgenommen.«

Valja zuckt die Schultern. »Wer weiß.« Und spöttisch fügt er hinzu: »Zwei mit Kartoffeln gefüllte Pasteten hatte er noch bei sich. Die hatte er in Mogiljow am Büfett gekauft.«

»Keine Notizen, keine Briefe?« fragt Kusmitsch.

»Nichts.«

»Sie sollen uns das Protokoll schicken. Und seine sämtlichen Sachen. Teile das Tschernigow mit«, sagt Kusmitsch zu Valja. »Wir werden hier alles selbst untersuchen. Und ein Foto sollen sie auch schicken...« Er seufzt. »Dumm ist er gestorben, häßlich.«

»Seine Mutter wartet auf ihn und irgendeine Sina«, füge ich hinzu. »Und außerdem kann ich nicht vergessen, daß seine Hand trotz allem gezittert hat, als er mir von hinten einen Schlag versetzte. Nun kann er Pest in keinem Punkt überführen. Pest wird alles auf ihn schieben, sobald er erfährt, daß Ljocha nicht mehr lebt. Pest hat Glück.«

»Die beiden Moskauer werden ihn überführen«, sagt Valja und wendet sich an Kusmitsch: »Wann werden wir sie festnehmen, Fjodor Kusmitsch?«

»Sie werden bestimmt zur Datsche fahren«, antwortet der zerstreut, offenbar denkt er an etwas anderes, »wo wir auf sie warten. Sollen sie herausholen, was sie dort versteckt haben.«

»Wir wollen sie auf frischer Tat ertappen?« präzisiert Valja.

»Genau«, erwidert Kusmitsch ungeduldig und sagt zu mir: »Wenn du in Jushnomorsk bist, besuch seine Mutter und seine Schwester. Vielleicht läßt sich dort der eine oder andere blicken, der uns interessiert. Und außerdem mußt du feststellen, welche Verbindungen er dort hatte. Denn seine Verbindungen sind in den meisten Fällen auch Sowkos Verbindungen. Halt also die Ohren steif, Fehler können wir uns nicht leisten. Nun, vor deiner Abreise reden wir noch darüber.«