»Wann soll ich fahren, Fjodor Kusmitsch?«
»Zuerst mußt du dich mit diesem Pawel Alexejewitsch treffen, damit wir uns an ihn heften können. Dann kannst du fahren. Alles Weitere schaffen wir ohne dich.«
»Und wenn kein Treffen zustande kommt?«
»Wir werden sehen. Je nachdem. Orakeln wollen wir nicht.«
Die zweite Tageshälfte ist bereits angebrochen, darum halte ich mich in meinem Zimmer auf und warte auf Pawel Alexejewitschs Anruf. Das ist jetzt die wichtigste Aufgabe - diesen geheimnisvollen Typ auszumachen und zu ermitteln, wer er ist und mit wem er Kontakt hat.
Ich nutze die Pause, um allerlei schriftliche Arbeiten zu erledigen. Über Haustelefon kläre ich einige unaufschiebbare Fragen. Das Stadttelefon benutze ich nicht. Es wird bereits kontrolliert, und wer mich jetzt auch anruft, sein Apparat wird sofort festgestellt. Hier ist alles von operativem Interesse, selbst wenn der Anruf aus einer öffentlichen Telefonzelle kommt.
Während ich schreibe, kehren meine Gedanken immer wieder zu Ljocha zurück. Tatsächlich - wie er lebte, so ist er gestorben. Erfreuliches hatte er jedenfalls nicht zu erwarten. Er hätte sich für Beteiligung an einem Mord und für einen schweren Einbruchsdiebstahl verantworten müssen. Und wenn man berücksichtigt, daß er schon drei Vorstrafen hatte, so hätten diese Sina und seine Mutter eine halbe Ewigkeit auf ihn warten können. Und wer weiß, wie er sich dann in der Freiheit entwickelt hätte. Eine lange Haft birgt Gefahren. Wir haben das schon oft bemerkt - Familien- und positive Freundesbande zerreißen, statt dessen bilden sich negative, gefährliche Freundschaften heraus, die sich nach den langen Jahren gemeinsamer Haft als sehr beständig erweisen. Ljocha wäre sicherlich in eine Strafkolonie mit verschärften Bedingungen eingewiesen worden, und man muß viel Entschlossenheit und Seelenstärke besitzen, um dort den negativen Einflüssen zu widerstehen. Meine Gedanken werden vom Klingeln des Telefons unterbrochen.
»Vitali Semjonowitsch?« höre ich die bekannte knarrende Stimme. »Meine Verehrung. Hier spricht Pawel Alexejewitsch. Ich rufe an, wie wir es vereinbart hatten, erinnern Sie sich?«
»Selbstverständlich erinnere ich mich«, sage ich so freundlich wie möglich. »Wir müssen uns noch einmal treffen.«
»Nein, das ist nicht nötig«, entgegnet er sanft. »Vorläufig jedenfalls nicht. Ihr Einverständnis werden wir an Ihren Handlungen erkennen. Und dann werden wir unverzüglich reagieren. Da können Sie ganz beruhigt sein.«
»Hm... Da wäre noch einiges festzulegen«, sage ich zweifelnd und bemühe mich, mir meinen Ärger nicht anmerken zu lassen.
»Das einzige, was Sie, wie ich denke, festgelegt haben möchten«, entgegnet Pawel Alexejewitsch, »wird so entschieden, wie Sie es sich nicht erträumen. Aber einstweilen sehen wir nicht, daß Sie uns entgegenkommen. Berücksichtigen Sie das. Wir werden aufmerksam beobachten. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Ich bin in Eile. In ungefähr zwei Wochen rufe ich Sie wieder an.«
Kurzes Tuten ertönt im Hörer. Langsam lege ich auf. Sogleich klingelt das Telefon erneut. Mir wird gemeldet, daß der Anruf von einer Telefonzelle am zentralen Telegrafenamt kam. Das war zu erwarten gewesen. Ja, der rätselhafte Pawel Alexejewitsch ist mir entschlüpft.
Wieder keine sehr angenehme Dienstreise
Mein Flugzeug startet mittags, am Morgen gehe ich noch zur Arbeit. Ich muß mit Valja Denissow sprechen. Während ich gestern auf Pawel Alexejewitschs Anruf wartete, war er in Kuprejtschiks Fabrik. Er hat festgestellt, daß Kuprejtschik als Leiter der Versorgungsabteilung dort gut angeschrieben ist. Aber vor allem hat Valja - es muß unheimlich langweilig gewesen sein - im Betriebsschutz die Bücher durchgeblättert, in denen die Besucher eingetragen werden, die einmalige Passierscheine erhalten. Der Name Semanski taucht in ihnen nicht auf. Also hat Kuprejtschik gelogen, als er von Semanskis Besuch in der Fabrik sprach. Sie haben sich auf eine andere Weise kennengelernt. Offenbar will Kuprejtschik es mir nicht erzählen. Das ist sehr seltsam und unangenehm. Was hat er zu verbergen?
In diesem Zusammenhang erhebt sich erneut die Frage, inwieweit der verehrte Kuprejtschik überhaupt glaubwürdig ist. Das ist übrigens schon der zweite Grund, der mich an seiner Aufrichtigkeit zweifeln läßt. Der erste besteht darin, daß ich ihm nach wie vor nicht glaube, wenn er behauptet, den mir bisher unbekannten Lew Ignatjewitsch und dessen Doppelgänger Pawel Alexejewitsch nicht zu kennen.
All das geht mir durch den Kopf, während ich in der riesigen Wartehalle des Flugplatzes Wnukowo auf und ab gehe. Rings um mich sind wie üblich Trubel und nie verstummendes Stimmengesumm, das plötzlich von fernem Flugzeugmotorengebrüll oder von der knisternden Stimme des Ansagers überdeckt wird, der den Start oder die Landung von Flugzeugen ankündigt.
Schließlich fordert er die Passagiere meiner Linie zum Einsteigen auf. Mit einiger Verspätung allerdings. Mein Kollege von der hiesigen Milizabteilung, der es für seine Pflicht hält, mich von Zeit zu Zeit aufzusuchen, erklärt die Verspätung damit, daß die Maschine bereits verspätet gelandet sei. Na und? Gibt's denn keine Reserveflugzeuge für solche Fälle? In der Schar der Passagiere gehe ich über die schneebedeckten Platten zu der in der Nähe stehenden Maschine. Dann finde ich in dem Gedränge meinen Platz an einem Bullauge. Ich lege den Mantel ab, verstaue meine Reisetasche im Gepäcknetz, lasse mich mit einem Packen frischer Zeitungen in den weichen Sessel sinken und ziehe die Anschnallgurte unter mir hervor.
Wir fliegen zwei bis drei Stunden über einer geschlossenen Wolkendecke, zum Schluß in der undurchdringlichen Finsternis des früh hereingebrochenen Winterabends. Zeitweise holpert die Maschine heftig, ein paarmal sackt sie in Luftlöcher, und mir wird übel. Kurzum, wir erfahren alle Reize eines Fluges im Winter. Ich fürchte sogar, daß uns unser Flugplatz nicht annimmt und zur Landung an einen anderen Ort schickt. Wie oft habe ich das erlebt, zumal im Winter, wenn das Wetter unbeständig und tückisch ist.
Doch wir bekommen Landeerlaubnis. Und schon werde ich von Dawud Mamedow umarmt. Er ist klein, hager und lebhaft. Die zottigen Brauen im schmalen, braunen Gesicht lassen ihn streng erscheinen. Aber seine Augen strahlen vor Freude. Auf dem Platz vor dem Flughafengebäude wartet ein Auto auf uns. Windig, feucht und matschig ist es hier, vom schwarzen sternenlosen Himmel fallen große nasse Schneeflocken. Ringsum ist nichts zu sehen.
Der Wagen schleicht nur. Dawud erzählt gestikulierend allerhand lustige Geschichten, die sich in der Stadt zugetragen haben. Auf diese Weise vergeht die Zeit schnell.
Im Hotel ist ein Zimmer für mich reserviert, zu meiner Überraschung erwarten uns dort drei Jungs von der Kriminalmiliz am gedeckten Tisch. Kurzum, der Rest des Abends verläuft fröhlich und angenehm.
Am Morgen gehe ich zu Dawud in die Dienststelle. Ernst und konzentriert informiert er mich über die Lage der Dinge.
Was Ljocha und Pest betrifft, so hat Dawud außer den Verwandten ein paar ihrer Verbindungen ausfindig gemacht, darunter eine zu einem jungen Mann, der Lahmer genannt wird. Dieser Lahme ist zweimal vorbestraft, durch irgendeine Verletzung hat er ein steifes Bein, und er arbeitet nun als Flickschuster in der Uferstraße. Der Lahme kennt in der Stadt all und jeden und erfreut sich nicht geringer Autorität. Übrigens hat er, Dawuds Worten zufolge, auch Feinde genug. Er ist ein kluger, verständiger, vorurteilsfreier Bursche.