»Wie heißt er, und was ist dir über ihn noch bekannt?«
»Er heißt Sergej Golubkin. Und er lebt allein, der Ärmste. Verwandte scheint er nicht zu haben. Er ist aus Nowosibirsk gekommen, schon mit steifem Bein und den beiden Vorstrafen. Solch ein Geschenk haben wir aus Sibirien gekriegt, verstehst du?«
»Ist er schon lange hier?«
»Vier Jahre.«
»Vielleicht hat er Angehörige in Nowosibirsk?«
»Unsere Genossen haben uns von dort mitgeteilt, daß seine Eltern tot sind. Das Häuschen hat er verkauft, als er das zweite Mal entlassen wurde. Und dann ist er hierher gezogen.«
»Weshalb hat er seine Heimatstadt verlassen?«
»Das weiß ich nicht, mein Lieber. Ich hab ihn nicht gefragt, und er hat keinem etwas anvertraut.«
»Hat er hier keine Frau, keine Freundin?«
»Offenbar nicht. Immerhin, das steife Bein...«
»Ja...« Ich überlege kurz, dann sage ich: »Na gut. Da müssen wir uns wohl noch was einfallen lassen. Befassen wir uns nun mit den anderen Objekten. Da ist zunächst Semanski. Er wurde in Moskau ermordet, wie du weißt. Was ist dir bekannt über ihn, abgesehen von seiner ehemaligen Direktorentätigkeit?«
»Ach, mein Lieber«, sagt Dawud ärgerlich. »Der ist nicht unser Objekt. Die Jungs aus der OBChSS haben mir das von dem Geschäft mitgeteilt, weiter nichts. Wir müssen sie fragen.«
»Dann ruf mal einen von ihnen her.«
Dawud nimmt den Telefonhörer ab und wählt eine Nummer. »Viktor?« fragt er. »Der Genosse aus Moskau ist hier, er möchte mit dir sprechen. Los, mein Lieber, bemüh dich her. Er ist bei mir.« Dawud legt auf und teilt zufrieden mit: »Er kommt gleich. Ein großer Spezialist.«
»Schön. Und über diesen Lew Ignatjewitsch hat sich bei euch nichts gefunden?«
»Über den haben wir hier nichts.«
»Also ist er entweder ein Moskauer, oder. ihr habt schlecht gesucht.« Als Antwort auf Dawuds entrüstete Gebärde füge ich hinzu: »Sei nicht beleidigt. Alles ist möglich. Du selbst hast ja nicht nach ihm geforscht. Aber er war gut bekannt mit Semanski. Und mit Pest auch.«
»Du wirst sehen, daß dieser Lew Ignatjewitsch ein Moskauer ist. Aufs Suchen verstehen wir uns, mein Lieber.«
Bei meinem Grinsen wird Dawud verlegen.
»Gut, wir prüfen das nach«, sage ich. »Und dieser Jermakow hat mit der Sache vielleicht gar nichts zu tun. Pest war in großer Wut, als er behauptete, Musa würde ihn, Pest, nicht mal Jermakow zuliebe verlassen. Nur dieses eine Mal fiel der Name Jermakow.«
»Wir haben drei Jermakows für dich ausgewählt«, sagt Dawud. »In der Stadt wohnen nämlich mehr als vierzig Jermakows, kannst du dir das vorstellen? Aber die anderen sind nicht im mindesten verdächtig.«
»Und diese drei sind es?«
»Versteh doch, mein Lieber, nicht mein Gebiet.«
In diesem Moment betritt, ohne angeklopft zu haben, ein kleiner dicker Mann das Zimmer. Zu dem beigefarbenen hochmodernen Anzug trägt er einen roten Schlips mit weißen Streifen. Glatt nach hinten gekämmte pechschwarze glänzende Haare, volles Gesicht, kleine Stupsnase, unter dünnen, wie gemalt wirkenden Brauen tiefliegende lebhafte Äuglein, dicke Lippen und straffe rote Wangen. Kurz und gut, gleich auf den ersten Blick mißfällt mir dieser Mann. Unterm Arm hält er eine Ledermappe mit großem Metallschloß.
»Hauptmann Okajomow, Viktor Iwanowitsch«, stellt er sich knapp vor. »Stellvertretender Leiter der OBChSS.«
Wir tauschen einen kurzen Händedruck Offenbar bin auch ich nicht nach seinem Geschmack.
»Mich interessiert zunächst Gwimar Iwanowitsch Semanski«, sage ich. »Er wurde vor zehn Tagen in Moskau ermordet. Wir hatten eine Anfrage an Sie gerichtet. Was ist über ihn bekannt?«
»Oh!« Okajomow zieht eine dünne Braue hoch. »Ermordet?«
»Von Ihren Kriminellen übrigens«, füge ich hinzu und wende mich an Dawud: »Es sind, wie du weißt, zwei Mörder. Nikolai Sowko, genannt Pest, und Ljocha, das heißt Leonid Krassikow. Sowko haben wir verhaftet, Krassikow ist ums Leben gekommen.«
»Ai, ai!« Dawud schüttelt den Kopf. »Wie das?«
Ich erzähle ihm kurz die Geschichte von Ljochas Tod. »Und nun interessiert mich Semanski«, sage ich zum Schluß, an Okajomow gewandt.
Er lächelt herablassend. »Dieses Objekt ist komplizierter als Ihr Ljocha. Auf unserem Gebiet muß man schon seinen Verstand anstrengen. Denn.«
Er ist ungeheuer zufrieden mit sich und schickt sich augenscheinlich an, uns eine erbauliche Lektion zu halten.
»Strengen Sie bitte Ihren Verstand in bezug auf Semanski an«, sage ich sarkastisch.
»Semanski, zum Beispiel«, greift Okajomow auf, ohne im mindesten auf meinen Ton zu reagieren. »Diesen Vogel hätten wir seinerzeit beinahe im Netz gehabt. Im letzten Moment entwischte er uns. Aber mir entwischt man nicht so leicht, müssen Sie wissen. Er tauchte unter, und das rettete ihn. Seine Stelle im Geschäft nahm ein neuer Mann ein. Schprinz mit Namen, Georgi Iwanowitsch, auf den passe ich erst einmal auf«, erklärt Okajomow vielsagend. »Über kurz oder lang habe ich ihn.«
»Womit hat Semanski in seinem Geschäft gehandelt?« frage ich.
»Nicht mit großen Dingen«, antwortet Okajomow geringschätzig. »Mit ganz uninteressanten Waren. Mit Kitteln, zum Beispiel, Kombinationen, Flauschdecken für Wohnheime und Gummistiefeln. Keinerlei Mangelware. Und alles geht bargeldlos an Betriebe.«
»Wie manipulieren sie denn da?«
»Elementar. Warenlose Operationen. Nehmen wir mal an, Schprinz steht mit einer Fabrik nichtalkoholischer Getränke in Kontakt. Dort ist ein gewisser Wlachow Leiter der Versorgungsabteilung. Sie haben also eine Abmachung getroffen. Wlachow übergibt dem Geschäft eine Vollmacht, die ihn zum Erwerb von Waren für die Fabrik berechtigt, zum Beispiel von Wäsche und Decken. Natürlich stellt er sich diese Vollmacht selbst aus, die notwendigen Unterschriften fälscht er. Dann bestätigt er auf den Frachtbriefen den angeblichen Empfang dieser Waren durch seine Unterschrift. Das Geschäft richtet ganz offiziell eine Zahlungsforderung an die Staatsbank, und die Fabrik überweist ihm das Geld im Verrechnungsverkehr. So wird die unterschlagene Ware bezahlt. Völlig elementar!«
»So eine Unverschämtheit!« sage ich. »Und damit hat sich Semanski befaßt?«
»Selbstverständlich. Damit befassen sich alle.« Okajomow lächelt schlau.
Ich denke an Kuprejtschik. Er ist Leiter einer Versorgungsabteilung. Sollte auch er sich mit solchen Manipulationen beschäftigen?
»Wissen Sie, was Semanski trieb, nachdem er aus dem Geschäft ausgeschieden war?« frage ich.
»Er ist uns nicht mehr unter die Augen gekommen.« Okajomow zuckt die Schultern, schnipst mit einem seltsamen Feuerzeug und zündet sich eine Zigarette an. Dann erklärt er herablassend: »Er hat sich die Taschen vollgestopft und ist untergetaucht. Um die Nerven zu kurieren. Elementar.«
»Wie konnte er sich die Taschen vollstopfen, wenn er sich bloß mit Kleinkram abgegeben hat?«
»Man muß es eben verstehen«, bemerkt Okajomow nebelhaft.
Weiter hat er nichts zu sagen. Von irgendwelchen anderen Geschäften Semanskis weiß er offenbar nichts. Aber solche Geschäfte muß er gemacht haben, weshalb wäre er sonst nach Moskau gekommen?
»Also ist er aus Ihrem Gesichtskreis verschwunden und bei uns aufgetaucht«, sage ich lächelnd. »Hat einen Tip gegeben, die Wohnung eines verstorbenen Akademiemitgliedes betreffend. Und sie wurde ausgeplündert. Ziemlich qualifiziert. Bilder, Antiquitäten.«
»Und weshalb wurde er umgebracht?« fragt Okajomow in demselben herablassenden Ton. »Sind Sie darüber informiert?« Er läßt sich auf einer Ecke des Tisches nieder, an dem Dawud sitzt, und raucht, den kleinen Finger elegant abgespreizt, seine lange Zigarette.
»Wahrscheinlich hatten sie irgend etwas nicht geteilt«, antworte ich.