Okajomow grinst. »Da hatte er sich also mit Grobianen eingelassen. Elementar!«
»Hatten Sie in Ihrer Praxis schon solche Fälle?« frage ich.
»Eigentlich nicht.«
»Ich ja«, sage ich seufzend. »Mit Ihrem Kontingent übrigens... Hatte Semanski Familie?«
»Er wohnte mit seiner Schwester zusammen. Sie haben hier ein großes Haus. Im Sommer nehmen sie Urlauber auf. Die lassen sich keinen Verdienst entgehen.«
»Ja.« Ich nicke. »Bekannte aus Moskau logierten bei ihnen. Die Schwester eines Malers.«
»Richtig. Er interessierte sich für dessen Kleckserei«, bestätigt Okajomow.
»Nun gut«, sage ich. »Gehen wir zu den Jermakows über. Welchen von den dreien haben Sie aufs Korn genommen?«
»Die haben alle Dreck am Stecken, man braucht sie sich bloß mal näher anzusehen. Elementar!« antwortet Okajomow spöttisch und wippt mit einem Bein.
»Aber wir benötigen bloß einen.« Ich berichte, unter welchen Umständen wir auf den Namen gestoßen sind. Dawud kennt die Geschichte bereits, hört jedoch auch beim zweiten Mal aufmerksam zu, die dichten Brauen gekraust. Okajomow allerdings demonstriert mit seiner Miene spöttische Herablassung. Es ist, als sagte er: Ach, was sind Ihre Bagatellsachen schon im Vergleich zu meinen höchst wichtigen Fällen! Eine hundsgemeine dumme Manier.
Als ich mit meiner Erzählung fertig bin, bemerkt Okajomow lächelnd: »Bei einem ernsthaften Geschäftemacher könnten Ihre Klienten nur als Laufburschen fungieren, als Handlanger. Elementar!
Solche unbedeutenden Verbindungen fixieren wir mitunter gar nicht.«
»Sie denken dabei auch an die drei Jermakows?« Ich bemühe mich, seinen unangenehmen Ton zu ignorieren.
»Unter anderem.«
»Also läßt sich nicht feststellen, an welchen von ihnen Pest dachte?«
»Genau«, bestätigt Okajomow.
»Würden Sie mir eine Charakteristik der drei geben?«
»Einiges kann ich mitteilen.« Okajomow legt sich die Mappe aufs Knie, läßt das Schloß aufschnappen und nimmt zusammengeheftete Blätter heraus. Dann legt er die Mappe neben sich auf den Tisch, auf dessen Ecke er immer noch sitzt, überfliegt die Blätter und sagt: »Ja. Also der erste Jermakow. Geli Stanislawowitsch. Direktor eines Konfektionsgeschäfts, das drei Filialen hat - auf dem Markt, am Bahnhof und an der Uferstraße. Die Filiale auf dem Markt betreibt der zweite Jermakow, Wassili Prokofjewitsch. Sie sind Vettern. Elementar, nicht?«
»Möglich.«
»Was ist möglich?« fragt Okajomow.
»Daß das elementar ist«, erkläre ich.
Die Ironie meiner Worte geht ihm nicht auf.
»Nun, und der dritte Jermakow«, fährt Okajomow nach einem Blick in die Papiere fort, »ist Iwan Spiridonowitsch, Direktor des Obst- und Gemüselagers. Ebenfalls ein Gauner. Da haben wir gewichtige Signale. Somit entsteht ein Gemälde wie von Aiwasowski. Wasser weit und breit.« Okajomow legt die Blätter ordentlich in die Mappe und läßt das Metallschloß klicken.
»Und haben Sie auch Signale, die die Vettern Jermakow betreffen?« frage ich.
»Direkte Signale selbstverständlich nicht«, antwortet Okajomow ausweichend, woraus ich schließe, daß er überhaupt keine hat.
Damit endet unsere erste Besprechung, ich danke Okajomow, und er geht mit einer Miene hinaus, als hätte er uns, ohne Dank zu fordern, unermeßlich reich gemacht. Ach, ein leichtes Leben haben die Überheblichen! Weil sie von ihren Fähigkeiten derart überzeugt sind, zwingen sie mitunter auch den M enschen ihrer Umg ebu ng d iese Überzeug ung au f, und so machen sie Karriere. Da sei Gott vor, daß so einer wie Okajomow aufsteigt.
Nach dem Mittagessen gehe ich mit Dawud in die Stadt. »Zeig mir die Topographie«, sage ich zu ihm, »und nach Möglichkeit alle handelnden Personen. Einschließlich des Lahmen.«
Es herrscht feuchtes, warmes Wetter. Der Schnee ist in der Nacht weggeschmolzen, unter den Füßen haben wir Schlamm, fächerartig spritzt er unter den Rädern der Autos hervor, und die spärlichen Passanten müssen beiseite springen. Der schwere graue Himmel scheint dicht über unseren Köpfen zu hängen und die niedrigen Häuser zu Boden zu drücken. Vom Meer, das von hier aus nicht zu sehen ist, weht kalter Wind. Der Kurort hat zu dieser Jahreszeit nichts Anziehendes. Wir gehen eine der zentralen Straßen entlang. Die hellen Häuser wirken düster und unzufrieden. Hier sind zahlreiche Geschäfte, Cafes, Kioske, Imbißstuben, Modeateliers, wahrscheinlich mehr als in einer normalen Stadt. Viele Cafes und Imbißstuben sind geschlossen.
Dawud deutet auf die andere Straßenseite, und ich bemerke ein großes Aushängeschild mit der Aufschrift »Konfektion«. Die Schaufenster darunter sind geschmackvoll dekoriert. Das Warenangebot in dem Geschäft scheint nicht schlecht zu sein.
»Gehn wir rein?« fragt Dawud.
Wir überqueren die Straße.
Der Laden ist geräumig und fast leer. Die wenigen Käufer verlieren sich zwischen den Verkaufstischen. Die sympathischen jungen Verkäuferinnen in eleganten dunkelgrauen Kleidern mit roten Manschetten und Gürteln sind keineswegs mit eigenen Angelegenheiten und Plaudereien beschäftigt, sondern lächeln Dawud und mich an und scheinen geradezu davon zu träumen, uns zu bedienen. Eine erstaunlich ungewohnte und angenehme Empfind ung. Ein mustergültiges Geschäft, alles, was recht ist.
Wir schauen uns die Anzüge an. Nachdem wir unsere Ansichten über einige Modelle ausgetauscht haben, schlend ern wir in die Abteilung für Oberhemden, Wäsche und »Zubehör«.
»Was meinst du«, frage ich Dawud leise, »würden wir den Direktor erkennen, wenn er hier plötzlich hereinkäme?«
Dawud zuckt die Schultern.
Indessen ist hinter einem Ladentisch ein fülliger grauhaariger Mann mit rotem Gesicht und buschigem Schnurrbart erschienen, eine stattliche, repräsentative Gestalt. Streng spricht er mit einer Verkäuferin.
»Sie haben aber einen bärbeißigen Direktor!« sage ich zu der Verkäuferin, die neben uns steht.
Sie schüttelt den Kopf. »Das ist nicht der Direktor, sondern sein Stellvertreter. Unser Direktor ist jung und höflich.«
»Das ist ein bißchen wenig für einen Direktor -höflich zu sein.«
»Oh, wo denken Sie hin! Er hat außerdem Unternehmungsgeist und Erfahrung. Er hat ein Institut in Moskau absolviert. Und unser Geschäft ist das beste in der Stadt.«
Doch wir bekommen diesen bemerkenswerten Direktor nicht zu Gesicht. Selbstverständlich ist er jung, kein älterer Mann heißt Geli.
Dawud und ich verlassen den Laden, wandern eine Zeitlang durch Straßen und enge Gassen und erreichen schließlich einen großen leeren Platz. Weit hinten sehe ich einen langen Zaun mit einem weit offenen hohen Tor, über dem ein großes Schild befestigt ist: »Kolchosmarkt«. Am Tor wird etwas verkauft. Abseits stehen ein paar PKW und LKW, schlammbespritzt, daneben zwei oder drei Fuhrwerke mit traurigen Pferden.
Wir gehen durch das Tor und geraten zwischen lange Reihen von Verkaufsständen mit Holzüberdachungen. Zu dieser späten Stunde sind nur wenig Verkäufer und Käufer da. Obendrein ist der Winter nicht die rechte Zeit für ein schwunghaftes Marktleben. Auf einem bescheidenen Aushängeschild lese ich: »Konfektion« und in kleinerer Schrift darunter »Filiale von Nr. 17«. In dem kleinen Schaufenster steht eine Puppe mit zerknautschtem Anzug, Hut und buntem Schlips, am unnatürlich gebogenen Arm hängt sogar ein Spazierstock, Schuhe hat sie nicht an, demonstriert werden nur Strümpfe. Zu Füßen der Puppe liegen Männerhemden, Frauenblusen und allerlei Trikotagen.
In dem winzigen Laden drängen sich Käufer. Man kann also hineingehen, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Zuerst trete ich ein, dann folgt Dawud.
Und da bemerke ich, daß der hinter dem Ladentisch stehende kräftig gebaute schnurrbärtige Mann mit dem glattrasierten Kopf dem eintretenden Dawud einen fragenden, beunruhigten Blick zuwirft. Das ist zweifellos Jermakow. Ein recht stattlicher Invalide! Offensichtlich kennt er Dawud. Und deshalb mische ich mich, als hätte ich nichts mit ihm zu tun, unter die Käufer. Dawud wird seiner Überraschung sofort Herr, tritt zu Jermakow und gibt ihm die Hand. Jermakow ist einen Kopf größer als er und dreimal breiter. Sein kahler runder Kopf mit den abstehenden Ohren neigt sich vor Dawud über den Ladentisch. Sein Gesicht sehe ich nicht, ich sehe nur den rosafarbenen glänzenden Hinterkopf. Jermakow spricht mit lauter Baßstimme. »Unsere Verehrung, Dawud Mamedowitsch«, sagt er servil. »Ich freue mich, freue mich von Herzen, daß Sie hereingeschaut haben. Womit kann ich dienen?«