»Tja, meine Tochter hat bald Geburtstag«, erklärt Dawud zögernd, während er mit gleichgültigem Blick die Regale hinter Jermakow mustert. »Ich hab die netten Blusen im Fenster gesehen, und da dachte ich, geh mal rein, laß sie dir zeigen und berate dich dann mit deiner Frau.«
Dawud hat mir nicht gesagt, daß er mit Jermakow bekannt ist. Jermakow kennt sogar Dawuds Vor- und Vatersnamen.
»Das sind keine Blusen zum Verschenken, verehrter Dawud Mamedowitsch«, antwortet Jermakow. »In den nächsten Tagen erhalten wir neue Ware, dann werde ich Ihnen etwas beiseite legen. Kommen Sie am Sonnabend, ich bitte Sie sehr. Mit Ihrer Gattin natürlich. Wir werden das Richtige finden. Ihre Tochter wird zufrieden sein.«
Ich betrachte Jermakow, der sich inzwischen aufgerichtet hat. Im breiten groben Gesicht lauern helle Augen, Luchsaugen. Seine Bewegungen sind hastig und eckig. Er strotzt vor Kraft. Laut welcher Bestimmung gilt so einer als Invalide? Ein Kerl wie ein Schrank, und höchstens fünfundvierzig Jahre alt. Man merkt ihm an, daß er nicht nur stark, sondern auch gewitzt ist. Jetzt ist er dienstfertig und freundlich, doch wenn ihm etwas nicht paßt, haut er bestimmt mit der Faust auf den Tisch, daß der zusammenbricht. Sicherlich ist er schnell dabei, jemand etwas heimzuzahlen. Notfalls stellt er sich aber einfältig und gutmütig, freundlich und dienstfertig. Gekleidet ist er einfach, nachlässig sogar. Der aufgeknöpfte Kragen des zerknitterten Hemdes unter dem billigen Jackett gibt einen stämmigen Hals frei. Mit einem bunten Tuch wischt er sich immer wieder den rasierten Kopf und das Gesicht. Offenbar ist ihm heiß, selbst an einem so kalten Tag. Kann Pest an ihn gedacht haben? Hätte sich Schokoladen-Musa von so einem verlocken lassen? Das ist schwer vorstellbar. Nein, nein, dieser Jermakow entfällt.
»Nun, aber vielleicht brauchen Sie auch etwas für sich oder für Ihre Gattin?« fragt Jermakow mit seiner Baßstimme, zu der der servile Ton durchaus nicht passen will. »Es wäre mir ein Vergnügen, wir sind ja sozusagen Nachbarn.«
Nachbarn sind sie also, und Jermakow ist über seine Umgebung offensichtlich im Bilde.
Langsam verlasse ich den Laden, gehe ein Stück und bleibe vor der Auslage eines kleinen Geschirrladens stehen. Wenig später gesellt sich Dawud zu mir.
»Hast du das gehört?« fragt er ärgerlich. »Wir studieren sie und sie uns. Sogar meinen Vornamen kennt er! Und drängt einem gleich seine Dienste auf. Ein schwacher Mensch läßt sich damit fangen. Nun, was sagst du?«
»Mit dem, den wir brauchen, hat der keine Ähnlichkeit.«
»Du setzt deine Hoffnungen auf den jungen Direktor?«
»Nicht unbedingt. Gehen wir erst einmal zum dritten Jermakow, ins Obst- und Gemüselager«, schlage ich vor. »Dein Okajomow meint ja, der biete die meisten Perspektiven.«
»Gern. Aber bei dem können wir nicht so einfach hereinschneien, da brauchen wir einen Vorwand. Suchen wir ihn morgen auf. Ich bereite etwas vor. Jetzt aber mache ich dich mit dem Lahmen bekannt. Das ist ganz was anderes, sage ich dir.«
»Ist es ratsam, wenn ich ihn durch dich kennenlerne? Vielleicht sollte ich allein hingehen?«
»Nein, nein. Ich habe ihm geholfen, er hilft mir. Da bin ich ganz sicher.«
»Wie hast du ihm geholfen?«
»Vor einem Jahr wollten ihn vier Kerle umbringen. Weswegen, weiß ich nicht. Ich frage ihn nicht. Und er sagt es nicht. Spät am Abend überfielen sie ihn auf der Uferstraße. Tagelang hatten sie auf ihn gelauert. Das hat mir der Lahme selber erzählt. >Ein alter Kumpel wollte mit mir abrechnen<, erklärte er. Nun, die Uferstraße war leer, verstehst du. Winter, Wind, Dunkelheit. Kurz und gut, er blickte dem Tod ins Auge. Zufällig war ich zur Stelle. Ich hatte Kopfschmerzen nach der Arbeit und machte einen Abstecher zur Uferstraße. Auch mich verletzten sie mit dem Messer. Trotzdem - ich hab ihm das Leben gerettet, und sie haben sich in der Dunkelheit davongemacht, die Hunde. Verraten hat er keinen. Aber er erinnert sich genau.«
»Ist er dein Helfer geworden?«
»Nein. Ich ziehe ihn in meine Sachen nicht hinein, verstehst du. Der Bursche hat allerhand durchgemacht im Leben. Er braucht Ruhe. Wenn ich mal in der Nähe bin, gehe ich zu ihm. >Tag, Serjosha<, sage ich. >Was macht die Gesundheit?< - >Alles bestens<, antwortet er und klopft mit dem Hämmerchen. - >Gibt's Klagen?< frage ich. - >Ich huste nicht mehr<, sagt er und lächelt. Er hat so ein trauriges Lächeln, weißt du.«
»Und hat er gefährliche Verbindungen?«
»Er selbst ist nicht mehr gefährlich, dafür verbürge ich mich.«
»Wofür hat er die Vorstrafen?«
»Schlägereien. Paragraph zweihundertsechs. Aber wie und warum das alles war - ist mir unbekannt, ich habe ihn nicht gefragt und will es einstweilen auch nicht tun.«
Plaudernd erreichen wir die Uferstraße. Endlich sehe ich das Meer, das grimmige Wintermeer, das ich vorher nur einmal kurz als grauen Streifen von weitem wahrgenommen habe, als wir zum Markt gingen. Den Strand ersetzt eine schmale Kette grüner nasser Steine, so daß sich selbst bei mäßiger Brandung, wie jetzt, zottige Wellenkämme über der granitenen Brüstung der Uferstraße aufbäumen und salzige Gischt bis zu den Häusern fliegt.
Die. Uferstraße ist von nicht sehr hohen weißen Gebäuden gesäumt. In den Erdgeschossen befinden sich Geschäfte, Cafes und Restaurants. Immer wieder bemerke ich an den Türen Täfelchen mit der Aufschrift »Geschlossen«. Diese Restaurants und Cafes sind wahrscheinlich nur im Sommer geöffnet. Die wenigen Passanten beeilen sich und kneifen vor den Gischtspritzern die Augen zusammen.
Dann stehen wir vor einer kleinen Schuhmacherwerkstatt. Offenbar ist sie in einem Torweg eingerichtet. Der Bogen ist mit Brettern verkleidet, nur eine schmale Tür und ein Fensterchen sind ausgespart, in dem ein paar Herren- und Damenschuhe ausgestellt sind. Wir sind am Ziel.
Dawud öffnet die Tür, und wir treten in einen engen Raum. Eine Holzbarriere teilt ihn in zwei Teile. Hinter der Barriere sitzt auf einem niedrigen Schemel der Meister. In dem düsteren Raum erkenne ich nur mit Mühe die hagere gebeugte Gestalt mit dem unnatürlich weggespreizten Bein. Auf einer Kiste neben ihm ist Werkzeug bereitgelegt, ringsherum liegen Stiefel und Schuhe, Lederreste, stehen irgendwelche Büchsen und Schachteln. Scharfer Geruch nach Leder, Lack, Leim und Tabak schlägt mir in die Nase. Eine Lampe mit kegelförmigem Blechschirm hängt in Augenhöhe des Meisters.
Als wir uns mit den Ellenbogen auf die Barriere stützen, hebt der Schuster den Kopf. Er hat ein unrasiertes schmales blasses Gesicht mit dunklen Ringen unter den Augen, die verwegen und klug, aber ohne List oder gar Heimtücke blicken.
»Guten Tag, Serjosha«, sagt Dawud und reicht ihm über die Barriere die Hand.
Der Lahme wischt sich erst die Hand an der Schürze ab, ehe er Dawuds ergreift. »Guten Tag, Dawud.« In seiner Stimme schwingt Wärme.
»Gibt's Klagen?« fragt Dawud.
»Ich huste nicht«, antwortet der Lahme schmunzelnd.
Das ist offenbar ihr Begrüßungsritual geworden.